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In einem verlassenen Haus in Tlajomulco suchen die Guerreros Buscadores nach Vermissten Foto: Henry Romero/reuters

Fußball-WM in MexikoUnd die Fans singen neben verscharrten Leichen

Im Juni kommt die WM nach Guadalajara. Während die Vorbereitungen laufen, wird rund ums Stadion nach verschleppten Kindern und Geschwistern gesucht.

Aus Guadalajara

Anne Demmer

N ur eine halbe Stunde dauert es. Eine halbe Stunde, in der sie immer wieder mit Spitzhacke und Spaten den Boden bearbeiten, während aus dem Nachbarhaus Cumbia-Musik dröhnt. Dann stoßen sie auf graue Nike-Turnschuhe, Größe 37. Beim vorsichtigen Buddeln mit den Händen kommen eine Goldkette mit dem Anhänger eines Heiligen sowie schwarze Socken zum Vorschein. Dinge, die vermutlich einem 13-Jährigen gehört haben, bevor er in einem verlassenen Haus im mexikanischen Tlajomulco starb. Von dem Jungen sind nur Knochenfragmente und das Gebiss zurückgeblieben.

Es sind Mitglieder der Guerreros Buscadores – der Suchenden Krieger –, die hier graben: Angehörige Verschwundener aus dem Bundesstaat Jalisco, die regelmäßig ausrücken, mit Spaten, Handschuhen und anonymen Hinweisen aus dem Netz. Erst zwei Wochen zuvor sei vor genau diesem Haus ein 30-Jähriger erschossen worden, erzählt ein Nachbar leise. Zwei Kerzen erinnern an ihn. Im Wohnkomplex gegenüber soll ein Drogenumschlagplatz sein. Im Treppenhaus drücken sich drei Jugendliche herum und beäugen die Gruppe immer wieder argwöhnisch. Der Nachbar zieht sich schnell zurück, will sich nicht weiter äußern.

Tlajomulco ist ein schnell gewachsener Bezirk am südlichen Rand der Millionenstadt Guadalajara. Wegen ihrer zehntausenden leeren Wohnungen trägt die Gegend den Spitznamen „Tschernobyl“. Sie steht exemplarisch für die Fehlentwicklungen der Region: halbfertige Straßen, Müllberge und abgelegene Orte, an denen kriminelle Gruppen ihre Spuren zu verwischen versuchen.

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Lupita Gutiérrez Avilo und vier weitere Mitglieder der Guerreros Buscadores bilden einen Halbkreis um die Überreste des Jugendlichen, fassen sich an den Händen und beten. Danach tritt sie schweigend hinaus, lehnt regungslos an der Wand. Die 54-Jährige sucht ihren eigenen Sohn: José Manuel. „Seit vier Jahren, einem Monat und vier Tagen“, sagt sie. Auf ihr weißes T-Shirt ist sein Foto gedruckt. „Sie haben ihn einfach mitgenommen.“

Damals sei er 28 Jahre alt gewesen. Er habe an einer Versammlung von Motorradtaxifahrern teilgenommen, wie es heißt. Warum, wisse sie nicht, er habe damit eigentlich nichts zu tun gehabt. Anfangs habe Gutiérrez Avilo kaum geschlafen. Es sei die Gemeinschaft der anderen, die sie weitermachen lässt. In ihrer eigenen Straße vermissten viele einen Angehörigen, wie sie erzählt. Gesprochen werde darüber kaum. Und manche sagen, ihr Sohn sei selbst in kriminelle Geschäfte verstrickt gewesen. Lupita Gutiérrez Avilo sagt nichts dazu. Sie geht graben.

„Te extrañamos“ – wir vermissen dich

Immer häufiger suchen die Guerreros Buscadores auch in bewohnten Häusern – in Wohnzimmern, in Badezimmern, in Höfen –, und immer häufiger werden sie auch fündig. Anonyme Hinweise erhalten sie über Tiktok und andere soziale Netzwerke. So auch im Fall des Jugendlichen in Tlajomulco: Bei ihm handelt es sich möglicherweise um einen 13-jährigen Jungen, der seit zwei Jahren vermisst wird. Hinweise auf den Verbleib von Gutiérrez Avilos Sohn, ein Lebenszeichen, habe es seit seinem Verschwinden nicht gegeben.

Nur wenige Tage später sind die Guerreros Buscadores in Sichtweite des Estadio Akron unterwegs – jenes Stadions, das in rund zwei Monaten ein Schauplatz der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer sein wird. Vier Spiele werden hier ausgetragen. Aus der Ferne sieht das Estadio Akron aus wie ein weißes Ufo. Um auf das waldige Gelände dahinter zu gelangen, muss die Gruppe an einem Sicherheitskontrollpunkt des Stadions vorbei. Zunächst passieren sie ihn einfach, doch dann kommen Mitarbeiter und fordern sie auf, das Gelände zu verlassen. Für die Gruppe ist das keine Anweisung, sondern eine Provokation. Sie setzen ihren Weg unbeirrt fort. Aufgehalten werden sie nicht.

„Statt dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, finden oft wir die Beweise“, sagt Indira Navarro, die Gründerin der Guerreros Buscadores. Vor einigen Monaten hatten Sicherheitskräfte in der unmittelbaren Nähe Männer aus einem verlassenen Haus befreit. Obwohl die Staatsanwaltschaft den Ort auf Indizien für eventuelle Verbrechen untersuchte, liegen dort noch immer dicke gusseiserne Handschellen achtlos in einer Ecke, neben einem zerschlissenen Sofa. Mitglieder einer kriminellen Gruppe hatten dort mindestens fünf junge Männer festgehalten, wie lokale Medien berichten.

Im Vorfeld der WM hat Mexikos Regierung die Zahl der Vermissten deutlich nach unten korrigiert. Fälle, zu denen es Spuren, weitere Hinweise oder unvollständige Daten gibt, gelten nicht mehr als verschwunden

Anderen Suchkollektiven zufolge wurden in der Region rund um das Stadion in den letzten Jahren 456 Tüten mit menschlichen Überresten gefunden. „Jetzt kommt die WM, und sie wollen die Funde der geheimen Massengräber rund um das Stadion herunterspielen – dabei sind wir hier nicht einmal einen Kilometer davon entfernt“, ärgert sich Indira Navarro und rammt dabei die Spitzhacke immer wieder mit voller Wucht in den Boden.

In der Innenstadt von Guadalajara stecken an diesem Tag die Autos wie üblich im Stau. An der Glorieta de La Minerva, einem bekannten Kreisverkehr, steht seit einigen Wochen ein riesiger Fußball. Fassaden werden frisch gestrichen, Plätze neu begrünt. Doch dort, wo WM-Werbung prangt, hängen auch andere Plakate: Vermisstenfotos. Tausende. „Te extrañamos“ – wir vermissen dich. „Nos haces falta“ – du fehlst uns.

Das Estadio Akron in Guadalajara. Vier Spiele der Fußball-WM werden hier ausgetragen Foto: Henry Romero/reuters

Die Regierung hat die Zahlen nach unten korrigiert

Vor einem dieser Vermisstenfotos, das an einer Mauer klebt, steht Anabel Rodríguez. Auf dem Bild ist ein junger Mann mit Vollbart zu sehen. Er lacht. Luis Eduardo Campo Sosa, 36 Jahre alt, seit einem Jahr vermisst – ein Freund ihres Bruders, sagt Rodríguez. Ihr eigener Bruder sei schon seit rund zehn Jahren verschwunden. Anabel Rodríguez ist 35, lebt in Zapopan, in einem Stadtteil, in dem eine Untergruppe des Drogenkartells Jálisco Nueva Generación das Sagen hat. Sie heißt eigentlich anders. Ihren richtigen Namen möchte sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

Ihr Bruder hatte sich dem Kartell angeschlossen, arbeitete als „Sicario“, als Auftragskiller, sagt sie. Wenn er nachts oft völlig aufgedreht von Einsätzen zurückkam, hat sie ihm ein Glas Milch und etwas Brot hingestellt. Mehr wollte er nicht, erinnert sie sich. Auf ihrem Handy hat sie Fotos gespeichert. Eines zeigt ihren Bruder in olivgrüner Uniform, mit einem Aufnäher, darauf vier Buchstaben: CJNG – Cartel Jálisco Nueva Generación.

Wenn sie von ihm erzählt, beginnt sie zu weinen. Sie lehnt ihren schweren Körper nach vorne, sie wirkt, als hätte sie ihr ganzes Unglück aufgegessen. Sie waren sich sehr nah, sagt sie, die alleinerziehende Mutter hingegen kaum präsent. Dank ihm seien sie immer versorgt gewesen. Sie stockt, als sie das erzählt. Sie hat sich zwei Suchkollektiven angeschlossen. Nicht, weil sie glaubt, dass ihr Bruder noch lebt, sondern weil sie etwas gutmachen will. Sie sucht nach den Söhnen anderer Mütter.

Viele Angehörige ärgern sich, dass sie ihre Suchplakate nicht mehr überall aufhängen dürfen. In einigen öffentlichen Bereichen haben die Behörden Einschränkungen erlassen – offiziell, um den öffentlichen Raum „geordnet“ zu halten. Lupita Gutiérrez Avilo glaubt das nicht. „Anstatt, dass die Regierung uns hilft und schützt, wenn wir Plakate aufhängen, lassen sie sie übermalen. Die Mauern sollen sauber sein, damit niemand einen schlechten Eindruck bekommt“, sagt sie. Die Verschwundenen sollen weniger sichtbar sein.

Gerade jetzt, im Vorfeld der WM. Die Regierung hat die Zahl der offiziell Vermissten deutlich nach unten korrigiert. Fälle, zu denen es Spuren gibt, weitere Hinweise oder unvollständige Daten, gelten nicht mehr als verschwunden. Und die Vereinten Nationen warnen, die Maßnahmen der mexikanischen Regierung zur Vermisstensuche reichten ohnehin nicht aus. Ein UN-Bericht stellte jüngst fest, dass das Verschwinden von Personen in Mexiko mit stillschweigender Duldung des Staates geschieht. Die UN hoben außerdem hervor, dass eine systemische Verflechtung zwischen den Sicherheitskräften – auf allen Ebenen, von der Kommunalverwaltung bis zur Bundesregierung – und kriminellen Gruppen besteht.

Guadalajara soll sich der Welt als sicher präsentieren

Auf einer Mauer in Tlajomulco klebt noch ein Vermisstenplakat, nicht übermalt, aber verwittert, die Ecken zerfetzt, das Gesicht kaum noch zu erkennen. Auf dem Spielplatz daneben, auf den die Sonne schutzlos herabbrennt, hängt eine Gruppe Jugendlicher an der verrosteten Rutsche herum. Der Fund des mutmaßlich 13-jährigen hat sich auch zu ihnen herumgesprochen. „Manchmal ist es hier echt gefährlich“, sagt Carlos, ein schlaksiger 16-Jähriger in zerschlissenen Jeans. „Wenn komische Leute auftauchen, verschwinden wir lieber schnell.“ Sie hätten selbst gesehen, wie SUVs gehalten haben und Jungs in ihrem Alter mitgenommen wurden. Menschen verschwinden – die Leute haben sich offenbar daran gewöhnt.

Nur wenige Monate vor dem Anstoß der Weltmeisterschaft eskalierte die Gewalt in der Gastgeberstadt Guadalajara, die Bilder gingen um die Welt. Am 22. Februar wurde „El Mencho“ – Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, der mächtige Anführer des Kartells Jálisco Nueva Generación – bei einem Militäreinsatz im Bundesstaat Jalisco gefasst und schwer verletzt. Er starb auf dem Weg in die Hauptstadt. Die Reaktion des Kartells war unmittelbar und demonstrierte dessen Macht: Straßenblockaden, brennende Fahrzeuge, in 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten. Guadalajara, die Stadt, die sonst bis in den späten Abend im Stau versinkt, war wie leergefegt. Fifa-Präsident Gianni Infantino meldete sich wenige Tagen danach von einer Reise zu Wort: „Wie überall passieren Dinge. Die Weltmeisterschaft wird ein unglaubliches Fest sein.“

Lupita Gutiérrez Avilo stand an diesem Tag mit den Guerreros Buscadores auf einem Parkplatz – ihrem üblichen Sammelpunkt, sie wollten zu einer Suche aufbrechen. Dann sahen sie auf ihren Handys die Bilder der brennenden Fahrzeuge. Eine Mitstreiterin geriet in Panik, sie selbst sei ruhig geblieben, erzählt sie später über Whatsapp. Busse seien keine mehr gefahren. Ihre Tochter habe sie abgeholt, über eine menschenleere Schnellstraße zurück nach Hause. In der Nacht sei ein Laden um die Ecke angezündet worden. Am nächsten Tag hätten sich lange Schlangen vor einer Tortilla-Bäckerei gebildet, Hamsterkäufe. Sie habe versucht abzuschalten, eine Beruhigungstablette genommen und zwei Tage kaum das Haus verlassen. In der Therapie hat Gutiérrez Avilo Techniken gelernt, um mit Angstzuständen klarzukommen, die sie hat, seit ihr Sohn verschwunden ist. Die hätten ihr auch in diesen Tagen geholfen, erzählt sie. Andere Angehörige von Verschwundenen würden genau in solchen Momenten alle Bilder in den Medien scannen, um zu sehen, ob ihre Söhne, Töchter darauf zu erkennen sind. Denn wenn sie rekrutiert wurden, könnten sie gerade dann, genau auf diesen Bildern zu sehen sein. Lupita Gutiérrez Avilo meidet das, sagt sie.

Anabel Rodríguez hat es am Tag der Gewalteskalation nicht mehr nach Hause geschafft. Ihr Sohn war zu dem Zeitpunkt bei seinem Großvater, aber ihre 12-jährige Tochter war allein daheim, sie selbst flüchtete in die Wohnung ihrer Schwester, sagt sie. „In der Nacht haben wir die Sirenen der Krankenwagen gehört und Schüsse – ansonsten war es gespenstisch still. Die ganze Stadt war paralysiert.“ Menschen seien mitgenommen worden. Wie viele verschwunden sind? „Diese Zahlen hat die Regierung nicht bekanntgegeben“, sagt Rodríguez verärgert. Draußen hätten Männer gerufen: „Puro Cártel Jalisco, puro cártel de cuatro letras“ – nur das Kartell Jalisco, das Kartell mit den vier Buchstaben –, habe ihre Tochter später berichtet. Auch als die Stadt wieder zur Normalität zurückgekehrt war, schickte Rodríguez ihre Kinder zunächst nicht in die Schule.

Wenige Wochen später reist die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum nach Guadalajara und stellt gemeinsam mit Sicherheitsminister García Harfuch den „Plan Kukulkán“ vor: Rund 99.000 Einsatzkräfte sollen die Fußball-Weltmeisterschaft absichern. Sicherheitszonen, Drohnen, Militär – Guadalajara soll sich der Welt als sichere Gastgeberstadt präsentieren.

Laut UN sind die mexikanischen Sicherheitsbehörden von der Kommunalverwaltung bis zur Bundesregierung mit den Kartellen verflochten Foto: Henry Romero/reuters

Das Drogengeschäft werde gut laufen

Diese Maßnahmen werden Rodríguez’ Viertel nicht erreichen. In bestimmten Teilen von Zapopan gelten andere Regeln. Auf der Straße steht ein Späher, der für das Kartell alles im Blick behält. Sie grüßt ihn im Vorbeigehen. Vor einem provisorischen Zelt aus einer grauen Plastikplane stehen die Leute Schlange, dort werden Drogen in gezuckerter Herzform angeboten, ganz ungehindert. „Solange wir uns an die Regeln der kriminellen Gruppen halten, passiert nichts. Auf sie ist oft mehr Verlass als auf die Polizei“, sagt Anabel Rodríguez nüchtern.

David Mora, Mexiko-Experte der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group, erklärt unmittelbar nach der Gewalteskalation gegenüber einem kanadischen Sender: Die Weltmeisterschaft und der Zustrom von Touristen seien „gewissermaßen ein Glücksfall“ für die organisierte Kriminalität. Das Geschäft werde gut laufen, weil die Waren und Dienstleistungen der Kartelle genau das seien, wonach Touristen häufig suchten. Sie würden die Nachfrage nach Drogen und Sexarbeit steigern. Großveranstaltungen eigneten sich zudem zur Geldwäsche über Cateringfirmen, Shuttledienste oder Sicherheitsunternehmen, deren Geldflüsse kaum kontrolliert werden. Vielleicht wird gerade dieses Eigeninteresse der Kartelle für Ruhe sorgen – zumindest, solange die Welt hinschaut.

Im Schatten des Estadio Akron trainiert Iván täglich. Er ist 11 Jahre alt, ein schmaler Junge im Fußballtrikot. Iván hat bereits ein Ticket für die WM, bezahlt von seinem Vater. 10.000 Pesos habe es gekostet, etwa so viel wie der mexikanische Monatsmindestlohn. Ganz oben werde er sitzen, wenn im Sommer die Welt nach Guadalajara kommt, erzählt Iván. Er strahlt stolz durch den Zaun, der ihn von der Straße trennt. Der Platz, auf dem er trainiert, gehört zu einer privaten Sportschule. Hier spielen Kinder, deren Eltern sich die Gebühren leisten können. Er finde es gut, dass Straßen erneuert werden und mehr Polizei im Einsatz sei, sagt Iván. Er lebt mit seiner Familie in einer Wohnanlage mit Wachschutz.

Lupita Gutiérrez Avilo kann sich kein Ticket leisten. Regelmäßig kehrt sie nach Tlajomulco zurück. Zuletzt folgte ihr Suchkollektiv einem weiteren anonymen Hinweis. Die Angaben waren so konkret, dass sie in einem verlassenen Haus die Leichenteile eines Uber-Fahrers fanden, der seit 2022 vermisst wurde.

„Wir müssen laut bleiben“

Während Gutiérrez Avilo und die Guerreros Buscadores weitersuchen, findet Ende März im Estadio Akron ein Qualifkationsspiel um einen der letzten Plätze bei der WM statt: Jamaika gegen Neukaledonien. Knapp 40.000 Menschen im Stadion, Fahnen, grölende Fans. Draußen ist die Sicherheitspräsenz unübersehbar: Polizei, Militär, Kontrollen. Mannschaftsbusse unter Eskorte, überwachte Zufahrten – ein durchorganisierter Probelauf und Vorgeschmack auf die Weltmeisterschaft.

Viele Dinge bedeuten Lupita Gutiérrez Avilo nichts mehr. Ihr Leben, sagt sie, laufe im Flugmodus. Manchmal frage sie sich, wozu das alles gut sei. Dann geht sie wieder graben. Das Verschwinden ihres Sohnes hat sie angezeigt – Fortschritte gibt es nicht. Damit ist sie nicht allein: Laut offiziellen Zahlen werden rund 90 Prozent der Straftaten in Mexiko nicht aufgeklärt. Seit mehr als vier Jahren hat Gutiérrez Avilo nur vier Termine bei der Staatsanwaltschaft gehabt. Statt neuer Erkenntnisse wird sie dort gefragt, ob sie selbst neue Hinweise habe. Für die Behörden, glaubt sie, ist der Fall ihres Sohnes nur eine weitere lästige Akte.

Der Fund der Überreste des Jugendlichen in Tlajomulco lasse Gutiérrez Avilo nicht los, sagt sie. Die Nike-Turnschuhe erinnerten sie an ihre Enkelin – gleiche Größe. Sie hat die feinen Handknochen freigelegt, noch bevor die Staatsanwaltschaft und die Forensiker kamen. Die Weltmeisterschaft, sagt auch sie, sei in gewisser Weise eine Chance. „Aber wir müssen laut bleiben. Die Menschen sollen wissen: Jalisco ist ein riesiges Massengrab, hunderte Familien sind zerbrochen und in unseren Häusern bleiben viele Stühle leer.“

Die Sicherheitskräfte werden die Spiele bewachen. Die Kartelle verdienen mit. Und die Guerreros Buscadores graben weiter.

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