Urteil gegen Vergewaltiger in Frankreich: Steiler Absturz eines umstrittenen Idols
In Paris ist der Schweizer Islamexperte Tariq Ramadan wegen drei Vergewaltigungen zu 18 Jahren Haft verurteilt worden. Er galt einmal als Intellektueller.
Der 63-jährige Tariq Ramadan war am 2. März nicht zu seinem Prozess vor dem Pariser Kriminalgericht erschienen. Nach dreiwöchigen Verhandlungen ist er in Abwesenheit zu 18 Jahren Haft verurteilt worden. Die Justiz ordnet zudem an, dass der in Genf geborene Islamologe das französische Territorium (nach der Haftverbüßung) nicht mehr betreten darf.
Ramadan, der zuvor schon in der Schweiz wegen einer Vergewaltigung verurteilt worden ist, war in Frankreich wegen drei Vergewaltigungsfällen angeklagt. Dass eines seiner Opfer eine behinderte Frau war, wurde vom Gericht als besonders gravierend eingestuft. Seine Opfer, die er unter dem Vorwand eines persönlichen Gesprächs in ein Hotelzimmer gelockt hatte, beschrieben vor Gericht eine außerordentliche Brutalität bei seinem Vorgehen.
Laut seinen Anwälten war Ramadan aus Gesundheitsgründen nicht in der Lage, am Prozess hinter verschlossenen Türen teilzunehmen. Er leidet seit Jahren an Multipler Sklerose. Ein von der Pariser Gerichtspräsidentin verlangtes medizinisches Gutachten ergab jedoch, dass der Angeklagte keinerlei Anzeichen eines Schubs aufweise und darum zum Prozess anreisen und an den Verhandlungen teilnehmen könne.
Aus diesem Grund wies das Gericht seinen Wunsch, dass die Verhandlungen auf später verschoben werden, zurück. Zuletzt machte die Verteidigung zur Rechtfertigung seiner Absenz geltend, Ramadan sei gegenwärtig in der Psychiatrie.
Ein Vorbild auf der Suche nach Identität
Das Gericht, das den Strafanträgen der Staatsanwaltschaft folgte, hat Haftbefehl gegen ihn erlassen und dem Verurteilten auch untersagt, Kontakt zu den Klägerinnen aufzunehmen. Denn die erste Frau, die es 2017 gewagt hatte, Klage gegen den berühmten Theologen einzureichen, war in der Folge von Ramadans Anhängern diffamiert worden, sie hatte Morddrohungen erhalten. Damals war er noch sehr einflussreich.
Tariq Ramadan war in der Schweiz und Frankreich ein Idol junger Generationen der Immigrationsfamilien, die in ihren muslimischen Wurzeln eine verlorene Identität suchten. Der charismatische Redner und schlagfertige Gast in Fernsehsendungen beeindruckte auch Intellektuelle, die in Frankreich einen Dialog mit Vertretern eines mit der weltlichen Republik kompatiblen Islams eröffnen wollten. Ramadan war namentlich für Publikationen zu diesem Thema Gesprächspartner des früheren Chefs der Zeitung Le Monde, Edwy Plenel, oder des bekannten Soziologen Edgar Morin. Er galt als Vertreter einer religiösen Entkolonialisierung aus der Sicht der südlichen Hemisphäre.
Ramadan war Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft
Nachdem im Kontext der #MeToo-Bewegung die ersten Klagen wegen sexueller Aggression und Vergewaltigung bekannt wurden, mussten sich Ramadans Bewunderer fragen, ob sie nicht von Beginn an getäuscht wurden. Denn so modern, wie sich der Genfer „Islamologe“ geben wollte, war er bei näherer Beobachtung wohl nie. Das wurde bereits 2003 bei einer Debatte über die vom Koran als Strafe für Ehebruch vorgesehene Steinigung deutlich. Ramadan wich einer Distanzierung und einer Kritik der orthodoxen Auslegung aus und wünschte sich lediglich ein „Moratorium“.
Auch bei seinen Auftritten bei den jährlichen Meetings der sehr konservativen Union des Organisations Islamiques de France (UOIF) war er weit weniger offen für eine neuzeitliche Interpretation der Lehren des Propheten Mohammed. Seine Gegner und Kritiker waren weniger überrascht, als sein Image mit dem Skandal der Vergewaltigungsklagen wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Die als Islamkritikerin bekannte Journalistin Caroline Fourest hatte schon früh gewarnt, Ramadan habe zwei Gesichter und (je nach Publikum) zwei gegensätzliche Ansichten.
Tariq Ramadan ist der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft in Ägypten, Hassan al-Banna. Dessen Sekretär heiratete al-Bannas Tochter Wafa und kam – von Nasser zur Flucht gezwungen – nach Europa, um dessen Werk fortzusetzen. Tariq Ramadan hat immer versichert, er sei kein Mitglied der Bruderschaft, doch wirklich losgesagt hat er sich auch nicht. Sein älterer Bruder Hani machte aus seiner ideologischen Nähe zu dieser politisch-religiösen Bewegung nie ein Geheimnis.
Ramadan war nie ein Imam im eigentlichen Sinn, er bezeichnete sich selbst als Philosophie- und Literaturprofessor. Als Islamspezialist wirkte er aber bis der Skandal seiner Vergewaltigungen im Jahr 2017 publik wurde als Dozent an der Universität Oxford.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert