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Deutsch-dänisches Roman-DebütDie Gegenwart ist ein Archiv

Marie-Louise Monrad Møllers neuer Roman „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ erzählt eindrucksvoll nüchtern vom Sterben im Norden. Und vom Erinnern.

Die Menschen suchen ihren Rat. Sie bitten die Pastorin, die die Erzählerin des Romans nur mit Du anspricht, um Unterstützung bei Eheproblemen, Krankheit, im Todesfall, laden sie zu ihren Geburtstagen ein. Sie erzählen ihr einfach von ihren Nöten und Sorgen. Die Pastorin ist für alle da. Fährt sie durch den Ort voller Klinkerbauten, winken ihr die Dorf­be­woh­ne­r:in­nen zu, fahren zur Seite, halten an.

Marie-Louise Monrad Møller baut zu Beginn ihres Romandebüts „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ eine überlebensgroße Figur ihrer Mutter auf. Eine Frau, die sich um die Kranken sorgt, trauernden Familien Trost spendet, zuhört. Sie steht niemals still, nimmt selten Urlaub. Kurz nachdem sie in den Ruhestand geht, erhält sie die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Die namenlose Ich-Erzählerin ist die älteste Tochter der Pastorin, Anfang dreißig, aufgewachsen als Teil der dänischen Minderheit in Südschleswig. Sie lebt fürs Studium in der Schweiz und fährt in die alte Heimat, um mit ihrer Schwester und dem Vater für die Mutter da zu sein.

Das Buch

Marie-Louise Monrad Møller: „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“, Berlin, Kanon Verlag, 288 S., 23 Euro, auch als e-book erhältlich

Die Geschichte umfasst knapp ein Jahr, in dem die Krankheit ihren Lauf nimmt. Der Krebs ist dabei immer präsent, Thema des Buches ist aber die vielschichtige Trauer der Erzählerin sowie die komplizierte Familiengeschichte und -dynamik, die sich nach und nach entfaltet.

Erinnerung zerstört die Perfektion

Das Buch wechselt zwischen der Gegenwart der Krankheit und Episoden aus der Vergangenheit der Erzählerin ab. Immer wieder lösen Ereignisse – das Ankommen zu Hause, ein Duft, der Blick auf die Förde – kleine Erinnerungen an Kindheit und Jugend aus. Diese verzerren das zu Beginn gezeichnete Bild der perfekten, immer Heels tragenden Pastorin.

Eine Mutter, die bisweilen überfordert ist, ausrastet, sich einschließt. Die vergisst, ihre Kinder abzuholen, oder sie zu früh bringt. Die ihre Tochter als Nutte beschimpft, weil diese sich schminkt. Die Erzählerin kämpft mit dieser Spannung, genauso, wie es die Autorin Monrad Møller im echten Leben tat.

Das Buch ist eine fiktionalisierte Version dieses Lebens. Monrad Møller fehlten in jener Zeit Erzählungen, die all die Widersprüchlichkeiten des Trauerns aufzeigten, vor allem in einer Situation, wo die Betrauerte noch am Leben ist.

Sie versucht die Feinheiten solch einer Situation einzufangen: „Die minimalen Schwankungen und Veränderungen, die ich an dir und an mir und an meinem Vater und meiner Schwester bemerke, lassen sich schwer in Worte fassen. Es sind Schwankungen, die Stoff für Romane böten“.

Mit Landschaft verwoben

Die Erinnerungen und die feinen Beziehungskonstellationen der Gegenwart verweben sich mit der Landschaft, die die Erzählerin so gut kennt. Früher wollte sie nur weg von dort, jetzt findet sie nicht so recht einen Ort: in der Schweiz, in Nürnberg bei Partner Felix, in Leipzig, wo sie früher studiert hat?

Immer wieder zieht es sie zu ihrer Mutter, verbringt sie viel Zeit mit ihr und für sie. Ihr Leben steht still, ihre Romanprojekte ebenfalls – wie kann sie in solch einer Situation ans Schreiben denken?

Und doch ist das Schreiben ständiger Begleiter. Sie sammelt die Erinnerungen und die Zeit der Krankheit, ganz als ob sie das Erlebte für sich und die Mutter archivieren wollte. Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart, ist eine Erkenntnis der Erzählerin: die Mutter lebt noch, genieß den Moment, denk nicht nach vorne oder zurück – allerdings kann sie nicht vom Sammeln lassen.

Erzählen bedeutet Erinnern. Und Erinnern bedeutet über sich und andere zu reflektieren, sich in Beziehung zu setzen. Gegen Ende des Buches gehen Tochter und Mutter spazieren und die Erzählerin findet „sich in einer vorweggenommenen Erinnerung“ wieder und will „zugleich den Moment festhalten“.

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Diese Spannung von Erinnerung und Gegenwart zeichnet auch das Buch als Ganzes aus. Hieraus entwickelt die Autorin ein beeindruckend feinfühliges Porträt der trauernden Erzählerin und ihrer Beziehung nicht nur zu ihrer Mutter, sondern auch zu sich selbst und dem Ort, wo sie aufgewachsen ist.

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