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EU-Staaten und Geschäfte mit RusslandIrisches Aluminium für Russlands Krieg

Der Aluminiumbetrieb Aughinish Alumina steht nicht unter Sanktionen. Einer Untersuchung zufolge gehen Exporte an die russische Rüstungsindustrie.

Aughinish Alumina am irischen Fluss Shannon gehört zum russischen Konzern Rusal Foto: Alamy/mauritius images
Ralf Sotscheck

Aus Dublin

Ralf Sotscheck

Aughinish Alumina ist die größte Aluminiumraffinerie in Europa, sie liegt im Südwesten Irlands an der Mündung des Shannon. Das Unternehmen wurde von dem Oligarchen Oleg Deripaska gegründet und gehört dem russischen Aluminiumriesen Rusal.

Aughinish Alumina ist bisher von internationalen Sanktionen verschont geblieben. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben sich irische Politiker erfolgreich dafür eingesetzt, dass das Werk, einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region, nicht auf der internationalen Sanktionsliste landet.

Eine Untersuchung der Irish Times in Zusammenarbeit mit dem Organised Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) hat nun jedoch ergeben, dass das Material aus Irland an ein in Moskau ansässiges Handelsunternehmen verkauft wird, das die russische Rüstungsindustrie mit Aluminium beliefert.

Die Enthüllung hat in der irischen Regierung große Besorgnis ausgelöst. Man nehme die Ergebnisse „sehr ernst“, sagte ein Regierungssprecher. Zwei Ministerien sollen die Ergebnisse der Untersuchung prüfen. Die Regierung werde „weiterhin eng mit unseren EU-Partnern zusammenarbeiten, um eine maximale Wirkung der Sanktionen zu erzielen und Russland unter Druck zu setzen, seinen illegalen Krieg zu beenden.“

Sorgen in Belgien

Der belgische Außenminister Maxime Prévot bezeichnete die Ergebnisse als „äußerst beunruhigend“ und erklärte, Belgien werde fordern, dass Lücken im Sanktionsregime geschlossen werden. „Wir können nicht einerseits die Ukraine mit Milliarden Euro unterstützen und andererseits zulassen, dass europäische Rohstoffe die russische Rüstungsindustrie versorgen“, sagte er zur Brüsseler Zeitung De Tijd, einem Mitglied der OCCRP.

Oleksandr Oleksandrovych Merezhko, der den Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten im ukrainischen Parlament leitet, sagte seinen Amtskollegen in Dublin am Dienstag, dass die Lieferung von Aluminiumoxid nach Russland „völlig inakzeptabel“ sei: „Deshalb hoffen wir, dass Sie dies berücksichtigen und alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um das zu verhindern.“

Die Rusal-Anlage in Aughinish verfügt über einen eigenen Hafen, über den der An- und Abtransport von Materialien abgewickelt wird. Zweimal täglich legen hier Schiffe an, die Bauxit aus Minen in Guinea und Brasilien bei Aughinish Alumina anliefern und fertiges Aluminiumoxid – den Rohstoff für Aluminium – zu Häfen in ganz Europa exportieren.

In dem Werk sind 400 Festangestellte und 500 Leiharbeiter beschäftigt. Weitere 1.000 Arbeitsplätze entfallen auf Unternehmen, die das Werk direkt unterstützen. Dass Aughinish Alumina bisher keine Sanktionen der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten zu befürchten hatte, liegt auch an seiner strategischen Bedeutung, denn das Werk beliefert die EU mit bis zu 30 Prozent des für die Flugzeug- und Automobilherstellung benötigten Aluminiumoxids. Doch dieser Rohstoff hat eben noch andere Verwendungszwecke.

Anstieg der Importe

Zwischen 2020 und 2024 stiegen die russischen Importe von irischem Aluminiumoxid von 394.430 Tonnen auf 826.584 Tonnen. Ein Großteil davon geht an russische Schmelzwerke in Sibirien, vor allem zum Rusal-Hüttenwerk in Krasnojarsk, einer der größten Aluminiumproduktionsstätten der Welt. Ein großer Teil des Aluminiums aus Krasnojarsk geht an den in Moskau ansässigen Metallhändler Aluminium Sales Company (ASK), der eng mit der russischen Rüstungsindustrie verbunden ist.

Die Untersuchung der Irish Times identifizierte 107 Rüstungsunternehmen als Kunden von ASK, von denen 40 EU-Sanktionen unterliegen. Laut Andriy Yusov, einem Beamten im ukrainischen Verteidigungsministerium, sind 18 dieser Kunden für die Herstellung von Waffen verantwortlich, die direkt bei tödlichen Angriffen auf die Ukraine eingesetzt werden.

Die meisten EU-Staaten haben ihre Exporte nach Russland seit Kriegsbeginn drastisch reduziert. Irland ist eine von drei Ausnahmen. Die Exporte aller irischen Waren nach Russland stiegen laut Zahlen von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, von 539 Millionen Euro im Jahr 2021 auf einen Rekordwert von 836 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Irische Regierungen haben sich bei den USA und der EU dafür eingesetzt, Aughinish von den Maßnahmen auszunehmen, die nach den Angriffen im Jahr 2014 und der Invasion im Jahr 2022 gegen Russland verhängt wurden. Nach intensiver Lobbyarbeit erklärten sich die US-Behörden bereit, die Sanktionen gegen Rusal aufzuheben, sofern der Gründer Oleg Deripaska seinen Anteil an dem Unternehmen auf unter 50 Prozent reduzierte. Aughinish konnte den Betrieb fortsetzen, und Deripaska blieb der größte Einzelaktionär.

Abgekühltes Verhältnis

Inzwischen scheint das Verhältnis zwischen ihm und dem Kreml etwas abgekühlt. Nachdem er den Krieg als Tragödie für Russland und die Ukraine bezeichnet hatte, ließ ein russisches Gericht einen Teil von Deripaskas Besitztümern beschlagnahmen. Der Kreml forderte ihn auf, seine Kritik am Krieg zu mäßigen.

Irische Politiker hatten stets betont, dass Aughinish nicht die Kriegsmaschinerie Moskaus versorge. Bislang war man damit erfolgreich. Das irische Werk hat zudem finanzielle Unterstützung vom Staat und von der EU erhalten. Aus Unternehmensunterlagen geht hervor, dass zwischen 2013 und 2023 staatliche Zuschüsse in Höhe von 5,79 Millionen Euro geflossen sind.

Ein Grund dafür ist, dass europäische Industrien, darunter Rüstungsunternehmen wie Airbus, ebenso wie Russland auf Aluminiumoxid aus Aughinish angewiesen sind. Das ukrainische Militär setzt zahlreiche Airbus-Flugzeuge ein, was bedeutet, dass das irische Werk Teil einer Lieferkette ist, die beide Seiten des Krieges versorgt. Für die politischen Entscheidungsträger der EU stellt sich die Frage, ob Maßnahmen gegen Rusal Europa mehr schaden würden als Russland.

Top-Manager festgenommen

Auch in Schweden sorgt das Unternehmen Rusal für Schlagzeilen. Das von dem Unternehmen kontrollierte Aluminiumwerk Kubal in der Hafenstadt Sundsvall in der Provinz Västernorrland bekam am Donnerstag Besuch von Polizeibeamten. Zwei Top-Manager wurden festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, gegen Sanktionen verstoßen zu haben. Derartige Verstöße können mit Geld- bis hin zu Haftstrafen geahndet werden.

Der stellvertretende Geschäftsführer von Kubal, Jonas Eriksson, bestätigte die Ermittlungen. Das Unternehmen, so Eriksson, kooperiere mit den Behörden und stelle alle notwendigen Informationen zur Verfügung. Laut der zuständigen Staatsanwältin Sara Nilsson handele es sich um Verdachtsfälle von Straftaten, die die Sicherheit Schwedens und Europas gefährden könnten.

Die oppositionelle Zentrumspartei hatte bereits 2024 die Verstaatlichung des Kubaler Aluminiumwerks gefordert. Der internationale Pressedienst von Rusal erklärte, man hoffe auf eine „ausgewogene und vernünftige Vorgehensweise der EU-Behörden“.

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