Kampf gegen Fast Fashion: Hersteller sollen für Altkleidersammlung zahlen
Die Container quellen über mit Massen an Textilmüll. Umweltminister Schneider will Modeunternehmen zur Verantwortung ziehen. Doch reichen die Pläne?
Jetzt also wieder Skinny-Jeans, das Hosenbein ganz eng. Waren nicht gerade noch die lässig geschnitten Baggy-Jeans angesagt? Oder muss es die Barrel-Jeans sein, mit der fassartigen O-Form, an den Oberschenkeln weit, am Knöchel wieder schmaler? Sie kommen nicht mehr mit? Kein Wunder. Der Modezirkus dreht sich schnell, kaum in, ist eine Form schon wieder out. Raus aus dem Schrank, ab in den Müll. Bisher werden nur wenige Textilien wieder verwendet, kaum etwas wird recycelt. Das soll sich ändern.
SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider knöpft sich die Modefabrikanten vor. Sie sollen verpflichtet werden, sich um das Sammeln von ausrangierten Klamotten und anderen Textilien wie Bettwäsche, Handtüchern, Hüten oder Schuhen zu kümmern, zudem um deren Sortierung und Recycling – und dieses auch zu finanzieren. Anders gesagt: Sie sollen Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen.
Das Problem in Zahlen: Bisher landet jedes Jahr Kleidung in der Menge von 200 gefüllten Fußballstadien im Müll – 120 Millionen Tonnen. Das haben Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgerechnet. Sie urteilten, das sei nicht nur ein „gewaltiges Umweltproblem, sondern auch eine verpasste Chance für die Bekleidungsindustrie“. Denn der weltweite Materialwert dieser Abfälle liege bei geschätzten 150 Milliarden US-Dollar – jedes Jahr. Da müsse sich etwas drehen.
Das sieht nun auch die Bundesregierung so, aber nicht nur sie. Die EU-Mitglieder haben im Herbst 2025 eine entsprechende Richtlinie zur „erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien“ verabschiedet. Sie trifft alle Unternehmen, die Textilien erstmals auf den europäischen Markt bringen. Darunter fallen damit auch asiatische Shoppingportale wie Temu oder Shein, die ihre im Internet angebotenen spottbilligen Kleidungsstücke aus China nach Brüssel, Wien, Warschau oder eben Hamburg, Dresden, München schicken.
12 Kilo Bekleidungsmüll im Jahr pro EU-Bürger
Deutschland und alle anderen Länder in der EU müssen diese Richtlinie umsetzen. Bisher kommen in der EU auf eine Person in einem Jahr 12 Kilo Müll an Bekleidung und Schuhen. Umweltminister Schneider hat dazu jetzt ein siebenseitiges Eckpunktepapier veröffentlicht, ein konkreter Gesetzesentwurf soll später folgen. Altkleider zu sammeln, ist in Deutschland nichts Neues, ein System längst aufgebaut. Im Frühjahr den Kleiderschrank ausmisten? Warum nicht die Sachen in einen Container stopfen.
Lange Zeit lief das auch rund. Es kamen mehr gut erhaltene Hosen oder T-Shirts zusammen als etwa das Rote Kreuz brauchte. Die guten Stücke wurden aussortiert und als Secondhandkleidung verkauft, etwa nach Osteuropa. Das lohnte sich für gemeinnützige Organisationen und auch für kommerzielle Unternehmen. Doch heute quellen Container über mit ausrangierten Klamotten, die oft für nichts mehr taugen. Bei der sich schnell drehenden Mode, der Fast-Fashion, halten die Nähte weniger lang, reißen Stoffe schneller. Die Qualität ist zu schlecht für Secondhand. Sammelstellen sind am Limit, sie bauen Container ab – nicht auf.
Diese laut Eckpunktepapier „Verwerfungen auf dem deutschen Alttextilmarkt“ sollen aufgefangen werden, in dem die Textilfirmen das System zum Sammeln, Sortieren und Recyceln künftig mitfinanzieren. Sie müssen sich dazu an einer sogenannten Organisation für Herstellerverantwortung beteiligen, das können gemeinnützige Einrichtungen sein wie das Rote Kreuz oder auch kommunale und gewerbliche Entsorger.
Jede Organisation soll eine Sammelquote von 70 Prozent erreichen, gemessen an der Menge, die die angeschlossenen Hersteller im Vorjahr auf den Markt gebracht haben. Bei der Verwertung ist eine Quote von 95 und beim Recycling inklusive Wiederverwendung eine von 85 Prozent vorgesehen. Dabei soll gelten: Je mehr Textilien ein Hersteller auf den Markt bringt und je minderwertiger die Ware ist, umso höher der Betrag. Heißt: Es soll für Produzenten teurer werden, wenn der Fummel kaum gekauft schon auseinanderfällt. Hersteller sollen damit finanzielle Anreize bekommen, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit beim Design ihrer Produkte mitzudenken und weniger Fast Fashion zu produzieren.
Umweltexpertin übt Kritik
Wird sich der Stil der Mode damit ändern – weg von schnelllebigen Trends hin zu Jeans, wenn auch nicht fürs Leben, doch für ein paar Jahre? „Wer es damit ernst meint“, sagt Anna Hanisch, Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Umweltverband Nabu, „muss klare Kriterien für die Umweltfreundlichkeit und die entsprechende Staffelung der Gebühren vorgeben.“ Das sei aber nicht vorgesehen, stattdessen solle das eine Entscheidung der Organisationen der Herstellerverantwortung selbst bleiben, welche Preise sie festlegen.
Die Folgen seien bekannt, meint Hanisch: „Die Industrie muss sich ja auch schon lange um ihre Plastikverpackungen kümmern, wenn die nicht mehr gebraucht werden“ – den Müll im Gelben Sack. Die Vorgaben seien ähnlich wie jene, die für die Textilwirtschaft kommen sollten. Hanisch: „Am Ende entscheiden sich die Hersteller immer für das billigste Angebot mit den geringsten Aufschlägen, für Ex-und-Hopp.“
Hanisch wird nicht die einzige sein, die nun eine Stellungnahme schreibt. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sprach bereits von einem „unkalkulierbaren Milliardenrisiko“. Das Gesetz muss bis zum 17. Juni 2027 in Kraft treten. Wer weiß, was für eine Jeansform dann trendet.
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