Deutsche Visapolitik: „Jede behördliche Verzögerung kann Hoffnung zerstören“
Seit fast einem Jahr bearbeitet die Deutsche Botschaft in Teheran deutlich weniger Visumsanträge. Die Leidtragenden in Iran hoffen dennoch weiter.
Es sollte ihre große Chance werden: „Ich würde führende Professoren kennenlernen, meine Chancen auf eine Zulassung an Spitzenuniversitäten verbessern und vielleicht sogar finanzielle Unterstützung erhalten“, schrieb Leila Rahimi (Name zum Schutz der Person v. d. Redaktion geändert) der taz im Februar per Mail. Als die iranische Wissenschaftlerin vor fast einem Jahr die Einladung erhielt, am 35. Deutschen Orientalistentag an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg einen Vortrag zu halten, habe sie ihre Vorfreude kaum zurückhalten können.
Doch mit dieser Nachricht begann für Rahimi eine bürokratische Odyssee: Wegen des Zwölftagekriegs zwischen Israel und Iran im Juni vergangenen Jahres schloss die Deutsche Botschaft in Teheran ihre Türen. Jeden Tag habe sie dem externen Visa-Dienstleister geschrieben, sich irgendwann per Mail direkt an die Botschaft gewandt und einige Tage später dann tatsächlich Antwort erhalten: „Das Auswärtige Amt arbeitet mit Hochdruck daran, Visumantragstellungen durch iranische Staatsangehörige wieder zu ermöglichen“, so die Mitteilung der Behörde, die der Redaktion vorliegt.
Alle Versuche blieben ohne Erfolg: Rahimi erhielt kein Visum für die Einreise nach Deutschland, und die Konferenz in Bayern musste Mitte September ohne sie stattfinden. „Wenn ich woanders geboren worden wäre, in einem Land, in dem dauerhafter Frieden herrscht, wie anders wäre mein Leben dann wohl verlaufen?“, beschreibt sie ihren Frust. Warum man nicht zumindest eine alternative Botschaft einrichten konnte, habe die junge Frau schlicht nicht verstehen können.
Wiederaufnahme der Verfahren nicht absehbar
Immer noch sei die Deutsche Botschaft in Teheran „aufgrund der aktuellen Entwicklungen temporär geschlossen“, antwortet das Auswärtige Amt am 17. März dieses Jahres auf eine schriftliche Frage der Grünen im Bundestag. Wann die Visastelle beziehungsweise der externe Dienstleister, der die Verfahren abwickelt, ihren Betrieb wieder aufnehmen können, sei gegenwärtig nicht absehbar, heißt es weiter in der Antwort, die der taz vorliegt. Derzeit prüfe die Bundesregierung noch, „ob eine Visumannahme von Antragsstellenden aus Iran in gewissen Fällen an deutschen Auslandsvertretungen in den Nachbarstaaten erfolgen kann“.
Leila Rahimi, iranische Wissenschaftlerin
Für den Grünen-Abgeordneten Boris Mijatović greift das deutlich zu kurz: „Es reicht nicht, lediglich zu prüfen, ob Visaanträge in Nachbarstaaten angenommen werden können. Für die Menschen hinter den bürokratischen Verfahren zählt angesichts des aktuellen Krieges jeder Tag“, sagte er der taz.
Natürlich sei die Sicherheitslage auch für das Botschaftspersonal durchaus ernst, sie rechtfertige aber keinesfalls, dass Iraner*innen Monate auf die Bearbeitung ihrer Anträge warten müssen. Mijatović fordert die Bundesregierung deshalb dringend dazu auf, „unverzüglich temporäre Visastellen in sicheren Nachbarländern einzurichten, um die Menschen gezielt zu unterstützen“.
Merklicher Rückgang der erteilten Visa
Im Jahr 2026 seien bislang rund 1.600 Visa durch die Botschaft in Teheran an iranische Staatsbürger*innen erteilt worden, bestätigt das Auswärtige Amt auf Nachfrage. Aus einer Statistik der Behörde geht zudem hervor, dass im Vorjahr rund 17.000 Visa-Anträge von Iraner*innen bearbeitet wurden. Über 10.000 dieser Verfahren stammten allerdings aus der Zeit vor dem Angriff Israels auf Iran im Juni 2025 – die Zahl der bearbeiten Anträge ging ab diesem Zeitpunkt also merklich zurück.
Von den derzeit rund 162.000 in Deutschland lebenden iranischen Staatsangehörigen kamen 12.200 im Kontext der Erwerbsmigration, weitere 11.100 im Kontext der Bildungsmigration ins Land. Dies geht aus einem Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Im Vergleich zu anderen Zuwanderungsgruppen zeichne die Iraner:innen ein hohes Bildungsniveau aus, im deutschen Arbeitsmarkt seien sie „sehr gut integriert“, so die Auswertung des IW. „Familien, Studierende und Fachkräfte brauchen verlässliche Wege, um nach Deutschland zu kommen“, fordert Grünen-Abgeordneter Boris Mijatović.
Auch Narges Hosseini (Name ebenfalls v. d. Redaktion geändert) wollte der taz über ihre Erfahrungen mit der Botschaft berichten. An der Universität Teheran absolvierte sie ihren Masterabschluss, inzwischen arbeitet sie in der iranischen Hauptstadt als freie Journalistin. „Aufgrund der aktuellen Spannungen zwischen Iran und den USA kann es kurzfristig zu Einschränkungen der Internet- oder Telefonverbindung kommen“, schrieb sie der Redaktion kurz vor dem am 1. März geplanten Telefonat.
Ihre Nachrichten verfasste Hosseini auf Deutsch, die Sprache habe sie gelernt, um sich auf eine Zukunft in Deutschland vorzubereiten. Seit dem Angriff der USA und Israels auf Iran am 28. Februar erreichen sie die Kontaktversuche der taz nicht mehr. Auch das geplante Telefonat konnte nicht stattfinden.
In ihrer Mail findet Leila Rahimi Worte für das tragische Ausmaß der Situation: „Jede verschlossene Tür, jede unbeantwortete Nachricht, jede behördliche Verzögerung kann ein Leben zum Stillstand bringen und die Hoffnung zerstören. Und manchmal ist der Preis dafür nicht nur ein Traum, sondern das Leben selbst.“
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