Gentests von Embryos: Der Albtraum vom perfekten Baby
US-amerikanische Start-ups werben damit, Embryos mit Genanalysen zu scannen. Eltern sollen sich so für das beste Kind entscheiden können. Wollen wir das?
W er im November am Broadway die Stufen hinab zur New Yorker U-Bahn stieg, konnte sich den Blicken der Babys kaum entziehen. Schon auf dem Plakat über der Treppe stützt sich ein kleiner brauner Körper im weißen Strampler auf die Arme; der Mund im Erstaunen halb geöffnet, als verstünde er bereits die Versprechung über seinem Kopf: „Have your best baby“, steht da, „Bekommen Sie Ihr bestes Baby“.
Das US-amerikanische Start-up Nucleus Genomics hatte New York mit seiner Botschaft tapeziert: Treppenstufen, Laternenmasten und digitale Anzeigetafeln mit süßen Fotos von Kindern, die aus allen Regionen der Welt kommen könnten. „IQ ist zu 50 Prozent genetisch“, steht da, die Körpergröße zu 80 Prozent. Warum also, fordert die Kampagne, sollten Sie nicht mehr für Ihr Kind wollen? Haben Sie ein größeres. Ein schlaueres. Ein gesünderes.
In New Yorks U-Bahn-Stationen sind die dystopischen Vorboten einer schönen neuen Welt ins reale Leben geschwappt. Einer Welt, in der Eltern für ihre Kinder mehr festlegen können als die Wandfarbe ihrer Zimmer, den Krippenplatz und die Marke der Breigläschen. In dieser Welt würde nicht länger der Zufall bestimmen, welcher Mensch zur Welt kommt und ob dieser mit einer Erbkrankheit leben muss.
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Wenn es nur danach ginge, was wissenschaftlich möglich ist, könnten Eltern auch in Deutschland heute schon vor der Geburt viele Informationen über ihr Kind erfahren. Aber es gibt Grenzen dessen, wie viel sie wissen dürfen und was sie mit diesem Wissen machen können. Grenzen, die aus guten Gründen eng gezogen wurden in einem Land, in dem es noch keine hundert Jahre her ist, dass Menschen mit Behinderung ermordet wurden.
Eltern können hierzulande deswegen nicht einfach so im Labor erzeugte Embryonen genetisch untersuchen, auch nicht nach Krankheiten, die auf jeden Fall zu einer Fehlgeburt führen. Technisch ist das seit über 30 Jahren möglich. Nur wenn aufgrund der elterlichen Veranlagung bereits ein hohes Risiko für eine schwerwiegende Erbkrankheit besteht, dürfen Embryonen darauf getestet werden. Was als schwerwiegend gilt, bestimmen Ethikkommissionen in jedem Fall einzeln. Einfacher geht das in Spanien oder in Großbritannien und nahezu unreguliert in den USA, wo Eltern sogar ihr künftiges Kind bei der künstlichen Befruchtung nach Geschlecht wählen können.
Kinder der Superlative werden in Laboren gezeugt
Aber einige Forschende und Start-ups, unterstützt von Technolibertären des Silicon Valleys, wollen mehr. Sie wollen die ethischen und technischen Grenzen neu setzen. Und damit womöglich auch unser Verständnis davon, was den Menschen ausmacht, neu bestimmen. Die Kinder der Superlative werden in Laboren gezeugt. So könnten werdende Eltern zunächst eine Auswahl an Embryonen herstellen lassen und sie nach ihren Eigenschaften screenen. Fehlerhafte Gene könnten ausgemerzt werden, vielleicht eines Tages sogar Genvarianten weitergegeben werden, die in der Familie gar nicht vorkommen. Sozusagen Supergene, die vor Krankheiten schützen sollen.
Rafal Smigrodzki und seine Frau Thuy waren wohl unter den Ersten, die mit ihrer Familienplanung in eine der neuen Technologien investierten. Über die Entscheidung habe der Neurologe nicht lange nachdenken müssen, sagte er 2022 dem Magazin Wired. Ein Genscreen käme ihm nur wie der nächste logische Schritt vor, um seinem Kind ein langes, gesundes Leben zu ermöglichen. Also habe das Paar 2019 die Firma Genomic Prediction kontaktiert, die damals als eine der ersten solche Tests anbot.
Damit, hieß es, könnten sie das eigene Kind nach dem größten Gesundheitspotenzial wählen, sodass es im Erwachsenenalter nicht an Herzkrankheiten, Diabetes oder Krebs leiden müsse. Dafür würde jeder Embryo einen Score bekommen, der sein jeweiliges Krankheitsrisiko im Vergleich mit den anderen Embryonen und mit der Gesamtbevölkerung ermittelt. Aurea gewann diesen Wettstreit, als sie quasi noch nicht existierte. Sie war nicht mehr als ein unförmiger Embryo, wenige Tage alt, Hunderte Zellen groß. 2020 kam sie in Los Angeles zur Welt, ohne schwere Erbkrankheiten und mit der Bürde, in etwas die Erste zu sein. Das erste Baby, das auf Grundlage eines solchen Screens geboren wurde.
Rafal Smigrodzki, Vater
Solche Methoden könnten die Welt besser machen, glaubt ihr Vater Rafal Smigrodzki. „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle Menschen vollkommen gesund sind“, sagt er am Ende eines Videobeitrags. „In der alle Menschen gleich intelligent und sehr klug sind. In der alle Menschen vernünftig und nett sind. Wäre das eine schlechte Welt? Wäre es falsch, Technologie einzusetzen, um dorthin zu gelangen?“
Seit 2019 kamen mehrere weitere Anbieter solcher Tests hinzu, der Großteil in den USA, unterstützt von Milliardären wie Paypal-Gründer Peter Thiel, Elon Musk und Coinbase-CEO Brian Armstrong. Sie verkaufen die Idee von Prävention und Fürsorge. Prognosen gehen davon aus, dass der Markt bis 2034 auf 1,7 Billionen US-Dollar wachsen wird. Paare aus diversen Ländern sollen dieses Angebot nutzen, das in ihren Heimatländern nicht erlaubt ist. Auch ein deutsches Paar, berichtet die Zeit, habe Embryonen durch ein solches Verfahren ausgewählt.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um gesündere Kinder. Neuere Anbieter, wie eben Nucleus Genomics in ihrer New Yorker Werbekampagne, versprechen auch, den erwarteten IQ vorherzusagen oder die Körpergröße. Noor Siddiqui ist Gründerin des Genscreening-Start-ups Orchid und proklamiert eine Zukunft, die die Art verändere, wie Menschen Kinder bekommen. „Sex ist zum Vergnügen da und Embryoscreening für Babys“, sagt die 31-jährige Firmenchefin in einem Video auf X. „Es wird verrückt sein, nicht zu screenen.“ Ein lukratives Geschäft. Bei Orchid zahlt man dafür pro Embryo 2.500 Dollar.
Wer diese Welt betritt, verspürt so was wie Größenwahn. Erkrankungen sollen nicht therapiert werden, sondern gar nicht erst entstehen. Manche von ihnen träumen von einer Welt ganz ohne Krankheiten und wollen den Tod besiegen. Andere verstehen sich als Vertreter*innen des Transhumanismus. Sie wollen einen neuen Menschen schaffen, die Evolution technisch anschieben. Dafür sind sie auch bereit, noch weiter zu gehen und den genetischen Code des Menschen umzuschreiben.
Gestützt von Techmilliardären wie Sam Altman, dem CEO des KI-Riesen OpenAI, haben sich vergangenes Jahr gleich drei Start-ups an ein bisher tabuisierte Thema herangewagt: Embryonen auch vor ihrer Geburt genetisch zu verändern. Bisher geht es dabei um Forschung, noch nicht um ein Angebot an Eltern.
Grundsätzlich hat viel von dem, was die Firmen versprechen, mehr mit Marketing zu tun als mit wissenschaftlicher Realität. In der Vorstellung der Start-ups müssen wir nur genug über den Körper und dessen Biologie verstehen, um den Menschen zu verbessern. Wenn nachvollziehbar wird, welches Zusammenspiel von Genen Krebs befördert oder verhindert, wie Stoffwechsel, psychische Erkrankungen oder sogar komplexe Eigenschaften von Intelligenz bis Empathie angelegt sind, dann könnte man all das von Grund auf beeinflussen.
Aber das Leben ist nicht vorhersagbar – auch nicht durch eine Auswahl perfekter Gene. Was die Eltern bisher bei den Screenings verkauft bekommen, muss man sich vorstellen wie den Einkauf in einer Spielzeugabteilung, bei der jede Babypuppe mit einer Packungsbeilage an Wahrscheinlichkeiten daherkommt. Dass diese so zutreffen werden, dafür gibt es keine Garantie.
Was die Gene wirklich verraten und was nicht
„Ich sehe viele Eltern, die glauben, dass der genetische Code mehr Informationen über ihre Kinder liefert, als er tatsächlich vorhersagen kann“, sagt Anneke Lucassen, Professorin für genetische Medizin an der Universität Oxford. „Ich mache mir Sorgen, dass Menschen zu viel in die Genetik investieren, um irgendetwas vorherzusagen.“
Während manche Krankheiten wie Sichelzellanämie oder Chorea Huntington konkret durch Mutationen in einem Gen ausgelöst werden, entstehen die meisten Krankheiten und Eigenschaften durch das komplexe Zusammenspiel vieler Genvarianten zusammen mit Umweltbedingungen und dem eigenen Verhalten. Das gilt etwa für psychische Erkrankungen, Herzprobleme, Adipositas oder Alzheimer. Und erst recht gilt es für so komplexe Eigenschaften wie Intelligenz.
Schon darüber, wie man Intelligenz definieren oder messen kann, tobt wissenschaftlicher Streit. Die Genetik hat zwar einen Einfluss auf Intelligenz; wie viel aber, ist völlig unklar. Denn so viele andere Faktoren beeinflussen Intelligenz, von der Luftverschmutzung im Stadtviertel über die Ernährung bis zum Zugang zu frühkindlichen Lernangeboten. Sie in Studien voneinander zu trennen, ist kaum möglich.
Woher kommen dann aber die Daten, mit denen die Unternehmen Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten und Intelligenz vorhersagen wollen? Grundlagen bieten sogenannte genomweite Assoziationsstudien. Um die Bedeutung von genetischer Veranlagung zu verstehen, suchten Forschende in Biobanken nach DNA-Varianten und statistischen Häufungen. Werden Träger*innen dieser Genvariante besonders alt? Wurden bei überproportional vielen von ihnen Depressionen diagnostiziert? So entstand ein Katalog an Wahrscheinlichkeiten. Die polygenetischen Tests beruhen primär auf zwei großen Biobanken, eine in Großbritannien und die andere in den USA. Beide erfassen zu großen Teilen weiße Menschen westeuropäischer Abstammung.
Diese Ergebnisse aber auf die Embryonenwahl anzuwenden, „wäre bestenfalls verfrüht“, schreibt die Europäische Gesellschaft für Humangenetik 2021 in einer Studie. Eigentlich nutzen Forschende sie, um Krankheitsmechanismen besser zu verstehen. Bisher zeige keine klinische Studie die Wirksamkeit vorhersagender Tests, wie ihn die Firmen anbieten, kritisieren Forscher*innen.
Aber auch ohne wissenschaftlich bewiesene Wirkung stärken die Genscreening-Start-ups mit ihrer Werbung eine Erzählung. Die, dass es gute und schlechte Gene gibt. Solche, die gefördert, und solche, die vermieden oder ausgemerzt werden sollten. Und das ist die Logik von Eugenik.
Cathy Tie, Gründerin
Auf keinen Fall wollen sich die Gründer*innen in die Nähe dieses Begriffs stellen. Sie sprechen lieber von „Superbabys“, von „genetischer Optimierung“. Zu sehr ist Eugenik mit großen Menschheitsverbrechen verknüpft, mit der Aktion T4, dem Holocaust und Jahren der globalen Zwangssterilisierung. Entscheidend sei, dass Techniken nicht von autoritären Regierungen zur Diskriminierung genutzt würden. Sich auszusuchen, ob Eltern lieber einen Jungen oder ein Mädchen, ein blau- oder braunäugiges Kind haben wollten – das sei doch ihre freie Wahl.
So frei ist die Wahl in einer Leistungsgesellschaft allerdings nicht. Bereits die Anbieter geben durch ihre Vorschläge eine Richtung vor. Intelligenter ist offenbar wertvoller als weniger intelligent, größer wertvoller als kleiner. Es ist verständlich, dass Eltern ihren Kindern Vorteile verschaffen wollen, um erfolgreich zu sein. Deswegen schicken sie sie ja auch, wenn möglich, auf gute Schulen. Manche geben ihrem Kind einen deutsch klingenden Namen in der Hoffnung, dass es weniger Rassismus erfahren wird. Oder sie sagen ihren Söhnen, dass sie aufhören sollten zu weinen, weil das nicht dem Männerbild entspreche, mit dem man gesellschaftlich Erfolg habe. Alle diese nachvollziehbaren persönlichen Entscheidungen manifestieren gesellschaftliche Unterschiede – umso stärker, je geringer das soziale Netz ausgeprägt ist.
So ist nur wahrscheinlich, dass Eltern, wenn sie könnten, ihren Kindern auch genetisch einen Vorteil verschaffen wollten. Solch ein Test „scheint das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten; es kostet pro Jahr weniger als eine Privatschule“, sagte ein Paar im Dezember anonym dem Guardian. Aber was, wenn die Entscheidung von Eltern sich nicht auf die Augenfarbe beschränkt, wenn sie die Wahl zwischen hellerer oder dunklerer Haut betrifft? Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass Menschen, die soziale Gruppenunterschiede mit Genetik oder Biologie erklären, grundsätzlich stärker zu rassistischen Einstellungen neigen. Zu Zuschreibungen wie denen, dass bestimmte Gruppen mehr oder weniger intelligent sind, mehr oder weniger leistungsbereit.
Wenn Gene schuld sind, muss die Politik nichts ändern
Wie wir uns gegenseitig menschliches Verhalten erklären, hat politische Auswirkungen. Erklären wir Probleme in der Schule mit gesellschaftlichen Umständen, liegt die Forderung nahe, etwas an den Umständen zu ändern. Erklären wir sie mit einem genetischen „So sind sie halt“, kann gesellschaftlich leichter begründet werden, warum manche Menschen in besseren und andere in schlechteren Jobs arbeiten.
Die Möglichkeit, dass Menschen entscheiden, wer auf die Welt kommt und wer nicht, klingt bedrohlich. Aber eigentlich tun wir das längst. Überall auf der Welt fehlen Mädchen. Bestärkt durch die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik, das biologische Geschlecht sicherer und früher in der Schwangerschaft zu ermitteln, wurden viele von ihnen über Jahrzehnte nie geboren. In Dänemark etwa entscheiden sich bei einem positiven Trisomie-21-Testergebnis 95 Prozent im Laufe der Schwangerschaft für einen Abbruch. Auch in Deutschland wird der Bluttest auf Trisomien in der Schwangerschaft von der Krankenkasse bezahlt.
Diese Möglichkeit kann man als Zeichen einer ableistischen Gesellschaft sehen oder als Selbstbestimmung. Aber wenn es erlaubt ist, durch Tests während der Schwangerschaft die Gene des Fötus auf schwere Behinderungen zu untersuchen und dann im Zweifel die Schwangerschaft abzubrechen – ist es dann logisch, dass solche Tests bei Embryonen vor dem Einsetzen verboten sind?
Sind Tests legitim, wenn sie Fehlgeburten vermeiden?
Neben der Trisomie 21, dem Downsyndrom, gibt es noch die Trisomie 13 und die Trisomie 18. Dass diese Varianten weniger bekannt sind, liegt daran, dass die allermeisten Babys mit diesem Chromosomensatz schon im Mutterleib und sonst oft kurz nach der Geburt sterben.
Fehlgeburten bedeuten körperliche und emotionale Risiken für die schwangere Person. Ist es nicht legitim, das nicht zu wollen? Und falls das legitim ist, wo ist die Grenze?
Träger*innen eines mutierten BRCA-Gens werden mit viel größerer Wahrscheinlichkeit irgendwann in ihrem Leben an Krebs erkranken. Für die betreffenden Frauen liegt das Risiko, bis zum 80. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken, bei etwa 70 Prozent, fast sechsmal höher als das der Allgemeinbevölkerung. Für Männer steigt das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Wer solche Fälle mehrfach in der Familie hatte, vielleicht sogar ein Elternteil daran verloren hat, möchte dieses Risiko möglicherweise nicht an die Kinder weitergeben. Das Gen zu haben, bedeutet noch keine Diagnose, nur eine Wahrscheinlichkeit. Trotzdem kann es nachvollziehbar sein, sich für einen Embryo ohne diese Variante zu entscheiden.
Und wenn es sicher möglich ist, mit der Genschere CRISPR/Cas einen kranken Embryo im Labor so zu verändern, dass er gesund ist – ist dass dann nur ein Tabubruch oder auch eine Chance? Es gebe nicht das Recht auf eine angeborene Krankheit, sagte der Medizinrechtler Jochen Taupitz schon vor zehn Jahren beim Ethikrat.
Der Ethikrat und seine Arbeit in Deutschland sind ein Beispiel dafür, dass wir schon seit langer Zeit nicht alles tun, was wir technisch könnten. Der Technodeterminismus des Silicon Valleys tut so, als würden Technologien den Lauf der Gesellschaft vorgeben. Einmal erschaffen, seien sie nicht zu stoppen. Aber gerade die Reproduktionsmedizin zeigt, dass das nicht stimmt. Nachdem 1978 das erste Baby nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt kam, sind überall auf der Welt unterschiedliche Gesetze zum Umgang mit Embryonen und künstlicher Befruchtung entstanden. Längst nicht alles, was geht, ist überall erlaubt.
Schon 2018 schuf der chinesische Forscher He Jiankui drei gentechnisch veränderte Babys. Geheim, im Alleingang. Sein Fall löste eine Empörungswelle aus, das Verfahren war zu dem Zeitpunkt hochgefährlich, He Jiankui ging für drei Jahre ins Gefängnis. Seitdem hält der globale Konsens in der Forschung, keine menschlichen Embryonen gentechnisch zu verändern.
Bis jetzt, wo gleich drei Start-ups verkündet haben, wieder zu dem Thema zu forschen. Sie wollen herausfinden, ob es einen sicheren Weg gibt, Gene in Embryonen umzuschreiben. Eine der Ideen: Menschen könnten „Supergene“ zu Beginn der Schwangerschaft eingeschrieben werden. So nennen sich die Genvarianten, die den Ruf haben, Menschen vor Krankheiten zu schützen. Etwa vor Alzheimer. Dazu forscht aktuell auch ein alter Bekannter: He Jiankui. Nachdem er sich für kurze Zeit reumütig zeigte, ist er wieder zurück. Schon jetzt sieht er sich als den Helden im Laborkittel, der die Menschheit vor Krankheit bewahrt. In 50 Jahren, hofft er, werde er nicht mehr als Doktor Frankenstein betrachtet, sondern als „Chinas Darwin“.
Viele Eugeniker halten es gerne mit Darwins Survival of the Fittest: Die, die am besten an die eigene Lebensraumnische angepasst sind, überleben; sie sind die Treiber der Evolution.
Oft wird das ins Soziale übertragen. Wer sich an gesellschaftliche Gegebenheiten anpassen kann, wer die Eigenschaften hat, die als wertvoll gelten, kommt weiter und wird im Zweifel länger leben. Aber die Darwinisten vergessen, was den Menschen besonders macht: Statt sich anzupassen, kann der Mensch sehr wohl die Nische, in der er lebt, umgestalten. Hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit sein dürfen.
Leid zu verringern, sollte durchaus das Ziel einer jeden vernünftigen Gesellschaft sein. Der Weg dahin aber kann nicht beinhalten, Menschen, die leiden, schlicht aus ihr zu entfernen. Denn was erstrebenswert ist, wo Krankheit anfängt und wo Gesundheit aufhört, das sind keine neutralen Maße der Natur. Es sind Entscheidungen von Menschen. Geprägt von sozialen Vorstellungen, die sich ändern können.
Die Technologie sei definitiv sehr mächtig, sagt die Gründerin
Die 30-jährige kanadische Unternehmerin Cathy Tie ist die Gründerin eines der neuen Unternehmen zur gentechnischen Veränderung von Embryonen. Sie hat bereits mehrere Biotechfirmen gestartet, eine davon bietet Gentests für Erwachsene an. Unter anderem ist sie Partnerin eines Projekts, das laut eigener Aussage an der Erschaffung von Einhörnern arbeitet, in dem Pferdeembryos Gene für Hörner bekommen. Cathy Tie war für kurze Zeit mit He Jiankui in einer Beziehung, die aber schnell endete, nachdem sie nicht nach China einreisen und er nicht ausreisen durfte.
Nun will sie Embryonen gentechnisch verändern. Die Technologie sei definitiv sehr mächtig, sagte Tie dem Magazin Wired, das hätten „Manipulation des Atomkerns und Manipulation des Zellkerns“ gemein. Sie hat ihre Firma Manhattan Genomics genannt, abgeleitet vom Geheimprogramm der US-Regierung im Zweiten Weltkrieg, das zur ersten Atombombe führte.
„Es ist das Manhattan-Projekt unserer Generation“, sagt Cathy Tie. Auch bei der Atombombe wollten Forscher die Welt besser machen, dann kostete ihre Erfindung Hunderttausende Menschen das Leben. Anschließend einigte man sich auf das Ziel, die Technik möglichst nie wieder zu benutzen.
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