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Mögliche Gespräche im Iran-KriegDer Briefträger aus Islamabad

Pakistan spielt eine zentrale Rolle bei potenziellen Gesprächen zwischen Washington und Teheran. Zunächst agiert es aber als Überbringer von Forderungen.

Vor dem Außenministerium in Islamabad: Warten auf die Diplomaten, die Verhandlungen einleiten sollen Foto: Akhtar Soomro/reuters

Pakistans Außenminister und Vizepremier Ishaq Dar frohlockte am späten Samstagabend auf dem Kurznachrichtendienst X: Teheran habe zugestimmt, 20 Schiffen unter pakistanischer Flagge die Passage der Straße von Hormus zu gestatten, genauer gesagt zwei Schiffen pro Tag. Dar sprach von einem bedeutenden Schritt in Richtung Frieden im Rahmen von Islamabads Versuchen zur Deeskalation der Spannungen im Nahen Osten. Irans Schritt gilt als vertrauensbildende Maßnahme für mögliche Gespräche mit den USA.

Teheran hatte nach US-Angaben vom Donnerstag zuvor schon insgesamt zehn Öltankern die Durchfahrt erlaubt, darunter auch Schiffen unter pakistanischer Flagge. Laut Reuters sei bisher aber unklar, wie viele davon wirklich die Fahrt gemacht hätten. So hätten zwei chinesische Containerschiffe die Fahrt abgebrochen.

Pakistan hat gute Beziehungen sowohl zu den USA als auch zu Iran und den Golfstaaten, ist aber trotz der Nähe zum Golf keine Konfliktpartei. Deshalb kommen derzeit frühere Vermittler wie Oman oder Katar nicht in Betracht. „Dialog, Diplomatie und solche vertrauensbildenden Maßnahmen sind der einzige Weg nach vorn“, schrieb Außenminister Dar auf X. Ob die vereinbarten 20 Schiffe genuin pakistanisch sein müssen oder auch Schiffe anderer Nationen mit pakistanischen Flaggen passieren können, blieb offen.

Beratungen starten in Islamabad

Dars Ankündigung ging ein mehr als einstündiges Telefonat von Pakistans Regierungschef Shehbaz Sharif mit Irans Präsident Massud Peseschkian voraus. Dabei hätten Dar und Armeechef, Feldmarschall Asim Munir, Peseschkian über Bemühungen informiert, die USA, die Golfstaaten und andere islamisch geprägte Länder einzubinden, um Voraussetzungen für Friedensgespräche zu schaffen, hieß es in einer Mitteilung. So wollten sich am Sonntag in Pakistans Hauptstadt Islamabad die Außenminister der Türkei, Saudi-Arabiens und Ägyptens mit Dar zu zweitägigen Beratungen treffen und dabei auch mit Sharif sprechen.

Die New York Times zählte bereits mindestens 20 Staaten, mit deren Vertretern Sharif, Munir und Dar zuvor bereits telefoniert hatten, darunter fast alle Golfstaaten und die Türkei bis hin zur EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas. Militärchef Munir, der als Pakistans mächtigster Politiker gilt, telefonierte schon vor einer Woche mit US-Präsident Donald Trump.

Trump nennt ihn seinen „Lieblingsfeldmarshall“ und hatte ihn schon letzten Sommer im Weißen Haus empfangen. Pakistan hatte den US-Präsidenten für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Islamabad stützte Trumps Behauptung, dass er im Kaschmir-Konflikt persönlich einen Waffenstillstand zwischen Indien und Pakistan vermittelt habe. Indiens Regierung bestreitet dies vehement.

Der planlos wirkende Trump sucht jetzt angesichts des unerwartet erfolgreichen iranischen Widerstands nach einem gesichtswahrenden Ausweg aus dem Krieg, weil ihm sonst nur die riskante Eskalation mit Bodentruppen bleibt. Zweimal hat er schon ein Ultimatum verlängert und bereits vor Tagen großspurig von Verhandlungen mit ungenannten Vertretern Teherans gesprochen. Die Gespräche stünden angeblich kurz vor einem erfolgreichen Deal. Teheran dagegen dementierte direkte wie indirekte Gespräche und spottete, die USA verhandelten offenbar mit sich selbst.

Pakistan übermittelt Botschaften

Doch am Donnerstag bestätigte Pakistans Dar auf X: „In der Tat finden indirekte Gespräche zwischen den USA und dem Iran statt, wobei Pakistan Botschaften übermittelt.“ Weitere Spekulationen über „Friedensgespräche“ seien „unnötig“. Pakistan habe einen US-Plan mit 15 Forderungen an Vertreter Teherans übergeben. Darin wird laut US-Medienberichten das Ende von Irans Atomprogramm gefordert.

Inzwischen soll Teheran den US-Plan zurückgewiesen und mit einem eigenen Fünfpunkteplan geantwortet haben. Und Pakistan soll sich bei den USA für den Schutz von Irans Außenminister Abbas Araghtschi und Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf eingesetzt haben, weil man diese als Verhandlungspartner benötige.

Nach Beginn der US-Angriffe auf den Iran und der Tötung von dessen geistlichem Führers Ajatollah Ali Chamenei gab es in Pakistan große Proteste. Dabei starben in der Hafenstadt Karachi mindestens zwölf Menschen. Pakistan hat eine 900 Kilometer lange Grenze mit Iran und zählt rund 40 Millionen Schiiten, der nach Iran zweitgrößten schiitischen Bevölkerung der Welt. Chamenei war ein wichtiger Führer auch für Schiiten in Pakistan, die immer wieder von Extremisten der sunnitischen Mehrheit angegriffen werden.

Pakistans Energie abhängig von Golfstaaten

Pakistan hat besonders enge Beziehungen zu Saudi-Arabien, mit dem es 2025 sogar ein Verteidigungsabkommen schloss. Riad hat Islamabad finanziell schon oft aus der Patsche geholfen. Pakistan hat aber keine diplomatischen Beziehungen zu Israel, ist aber Mitglied in Trumps Friedensrat, der umstrittenen diplomatischen Initiative zum Wiederaufbau des Nahen Ostens in Konkurrenz zu den Vereinten Nationen.

Das Gros seines Energiebedarfs deckt Pakistan aus den Golfstaaten, weshalb es jetzt Energiesparmaßnahmen verkündet hat. Am Golf arbeiten rund fünf Millionen pakistanische Migranten, auf deren Überweisungen das krisengeplagte Land angewiesen ist. Zwar beschossen sich auch Iran und Pakistan im Januar 2024 nach grenzüberschreitendem Terrorismus gegenseitig mit Raketen. Doch kommt Islamabad der Iran-Krieg ungelegen. Denn sein Militär bombardiert derzeit in Afghanistan angebliche Stellungen vom dortigen Taliban-Regime geduldeter anti-pakistanischer Extremisten.

Und an Pakistans Ostgrenze einschließlich des geteilten Kaschmirs sitzt der mächtige Erzfeind Indien. Der blickt jetzt argwöhnisch auf Pakistans Aufwertung durch dessen diplomatische Initiative. Indien hat sich selbst mit dem Besuch von Premierminister Narendra Modi wenige Tage vor Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe als möglicher neutraler Vermittler aus dem Spiel genommen.

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