Zusammenstöße in Syrien: „Terror, Angst und Panik“
In Syrien eskaliert ein Streit zwischen zwei Männern – wieder einmal entlang konfessioneller Linien. Bekommt die Regierung in Damaskus das Problem in den Griff?
Christen in Syrien feiern Ostern ohne Straßenumzüge, Jugendprozessionen oder Fahnen auf den Plätzen. Die wichtigsten Kirchenbehörden und Patriarchate in Damaskus und den Küstenprovinzen sagten öffentliche Feiern ab. Die syrisch-katholische Erzdiözese Damaskus betont den „Schutz der Gläubigen“. Grund sind bewaffnete Auseinandersetzungen in der mehrheitlich christlichen Stadt Al-Suqaylabiyah, nahe der Großstadt Hama.
Dort gab es am Freitag Berichten zufolge einen Streit zwischen zwei Männern. Ein Mann soll eine Frau belästigt haben, der andere ging dazwischen. Das eskalierte: Eine Gruppe bewaffneter Männer aus dem Nachbarort Qalaa al-Madiq kam nach Al-Suqaylabiyah, verwüstete Geschäfte und beschädigte Privateigentum. Videos in den sozialen Medien zeigen junge Männer, wie sie Scheiben eines Kiosks eintreten und den Laden verwüsten. Fotos zeigen Autos mit eingeschlagenen Frontscheiben, verbrannte Sitzgarnituren einer Wohnung, Einschusslöcher in einer Wand neben einem Kruzifix.
„Wir erlebten Terror, Angst und Panik“, sagte Liyan Dweir der Nachrichtenagentur AP. Sein Bekleidungsgeschäft wurde beschossen und schwer beschädigt. Seine Kinder seien während des stundenlangen Angriffs verängstigt gewesen. „Es ist ungerecht, dass es wegen eines Streits zu Zusammenstößen zwischen zwei Städten kam.“
Der innere Frieden in Syrien ist gefährdet
In den sozialen Medien wurden verschiedene Narrative geteilt: Die bewaffneten Männer seien mit den Truppen der syrischen Übergangsregierung verbandelt; Sicherheitsbeamte, die der Regierung in Damaskus unterstellt sind, seien anwesend gewesen und hätten nichts getan.
Mehrheitlich wird jedoch berichtet, dass Polizei und Armee des Staats die Ausschreitungen beendet hätten. Der Vorfall zeigt: Selbst private Konflikte können schnell zu einer größeren bewaffneten Auseinandersetzung eskalieren, die entlang konfessioneller Linien ausgetragen werden und bei der alte Rechnungen beglichen werden.
Louis Skaf, Gemeindepfarrer von Al-Suqaylabiyah
Der innere Frieden in Syrien ist gefährdet – durch bewaffnete Gruppierungen, alte Elemente des gestürzten Assad-Regimes, ausländische islamistische Kämpfer sowie Teile der neuen Armee unter Ahmad al-Scharaas Übergangsregierung.
Der Interimspräsident gehörte selbst einst radikal islamistischen Gruppen an. Unter seiner Führung hatte eine Gruppe an Milizen Machthaber Baschar al-Assad im Dezember 2024 gestürzt. Al-Scharaa gilt heute als moderat – doch kann die Hardliner in seinen Reihen und in den Behörden nur schwer eindämmen.
In Al-Suqaylabiya lag einst ein Stützpunkt Assads
Die beiden Städte, zwischen denen der Konflikt jüngst entbrannte, stehen exemplarisch für die komplexe Lage in Syrien. Das mehrheitlich sunnitische Qalaat al-Madiq liegt auf einem Hügel in der Al-Ghab-Ebene im Umland von Hama. Acht Kilometer entfernt liegt Al-Suqaylabiyah. Unter Assad trennten sie auf der Straße sechs Regime-Checkpoints und der Krieg. Die Assad-Armee machte Al-Suqaylabiyah zu ihrem Stützpunkt, von dem aus sie von Oppositionskräften kontrollierte Dörfer angriff. Dort lag auch eine Basis der russischen Armee. Al-Madiq wurde regelmäßig von Al-Suqaylabiyah aus bombardiert. Qalaat al-Madiq wurde von Rebellengruppen gehalten, die schließlich die 54-jährige Herrschaft der Familie Assad stürzten.
Nun sind die Assad-Checkpoints in Syrien durch Kontrollpunkte der neuen Staatstruppen ersetzt. Doch manche alten Konfliktlinien bleiben.
Am Samstag protestierten Bewohnende von Suqaylabiyah, forderten Schutz von der Zentralregierung und das Gewaltmonopol des Staates, offizielle Institutionen sollten „unregulierter Waffen“ kontrollieren.
Streitkräfte treffen Bischöfe
Der Kommandeur der Sicherheitskräfte in Hama, Mulhim Schantout, erklärte, dass diese sich mit Bischöfen und Würdenträgern aus der Region getroffen hätten. Inhaftierte, denen keine direkte Beteiligung an dem Vorfall nachgewiesen werden konnte, seien freigelassen worden, „um die soziale Stabilität zu stärken“. Der Hauptverantwortliche befinde sich weiterhin in Haft, so Brigadegeneral Schantout. Die zuständigen Behörden führten die Ermittlungen gemäß den geltenden Gesetzen fort.
Nach dem Vorfall trafen sich religiöse Autoritäten der Region, um Einigkeit zu demonstrieren. „Wir wollen eine Nation aufbauen, nicht sie durch Zwietracht und Sektierertum zerstören“, sagte der Gemeindepfarrer von Suqaylabiyah, Louis Skaf. „So Gott will, werden wir alle den Zustand erreichen, in dem wir als Bürger in Syrien leben.“
Was bleibt, ist Angst
Der Vorfall, bei dem niemand getötet wurde, zeigt eine besorgniserregende Dynamik in Syrien: Auf einen Streit folgen Überreaktionen. Falschmeldungen werden verbreitet. Sektiererische Narrative werden genutzt, auch um die neue Regierung zu diskreditieren.
Was bleibt ist die reale Angst der Bevölkerung – nicht nur, aber gerade unter religiösen Minderheiten.
Vielen sind auch die Massaker an der Küste im März 2025 und in Suweida im Juli 2025 noch im Gedächtnis. Zur Gewalt in Suweida veröffentlichte jüngst eine unabhängige UN-Kommission einen Bericht. Er dokumentiert drei Angriffswellen: Die erste begingen Regierungstruppen in Begleitung von Stammeskämpfern gegen drusische Zivilisten in Suweida. Ihnen werden weitreichende Verstöße vorgeworfen – darunter Mord, Folter, willkürliche Inhaftierungen und Plünderungen. Die zweite Welle begann nach israelischen Luftschlägen, da griffen bewaffnete drusische Gruppen beduinische Zivilisten an – und verübten ihrerseits Mord, Folter, willkürliche Inhaftierungen, Zwangsvertreibungen und Plünderungen. In der dritten Welle griffen Stammeskämpfer aus ganz Syrien als Vergeltungsmaßnahme drusische Zivilisten an.
Wird es der Übergangsregierung gelingen, dauerhaft politische Lösungen für interne Spannungen zu finden – und zwar ohne Gewalt? Der Konflikt in Al-Suqaylabiyah zeigt erneut: Es gibt noch viel zu tun.
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