Rheinmetall Chef: Hausfrauen an die Lötkolben!
Arroganz gegen Realität: Rheinmetall-Chef verspottet ukrainische Drohnen und verkennt damit den Wandel des Kriegs.
B ei ukrainischen Drohnen handle es sich um ein Legospiel und bei den beiden großen Drohnenproduzenten Fire Point und Skyfall um „ukrainische Hausfrauen“. „Sie haben 3D-Drucker in der Küche und produzieren Teile für Drohnen, das ist keine Innovation.“ Diese respektlosen Aussagen des Rheinmetall-CEOs Armin Papperger, die er gegenüber Simon Shuster vom Magazin The Atlantic tätigte, ließen den Journalisten verblüfft zurück. Er hatte sich erhofft, etwas darüber zu erfahren, wie die deutsche Rüstungsindustrie mit den neuesten Entwicklungen an der Front mithalten möchte.
Die Worte des Rheinmetall-CEOs sind nicht nur arrogant, sie zeugen davon, dass er offenbar die Drohnenrevolution der vergangenen Jahre verschlafen hat. Kein anderer Partner verfügt derzeit über so viel Wissen in moderner Kriegsführung wie die Ukraine. Gemeinsame Übungen mit ukrainischen Soldaten haben veranschaulicht, wie stark moderne Drohnen den Gefechtsverlauf beeinflussen können– etwa bei der Übung „Hedgehog 2025“, als ukrainische Spezialisten zeigten, dass westliche Truppen ungenügend auf die aktuellen Kriegsbedingungen vorbereitet sind.
Die Ukraine verfügt seit dem verstärkten Einsatz von Drohnen durch Russland – des Bautyps, der nun auch vom Iran im Nahen Osten eingesetzt wird – über umfangreiche Erfahrung in deren kostengünstiger Abwehr, etwa durch kleine raketenförmige Drohnen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Den Himmel über der sogenannten Kill Zone, die sich über Kilometer auf beiden Seiten der Nulllinie erstreckt, dominieren kleine Kurzstreckendrohnen. Eine Front im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr, denn auch zehn Kilometer von der Nulllinie entfernt kann man leicht zum Ziel dieser Killerdrohnen werden.
Billige Drohnen können Panzer zerstören
Sie sind nicht nur unkompliziert zu fertigen – es handelt sich im Grunde um gepimpte Hobbyfluggeräte, die mit einem Sprengsatz ausgestattet werden -, sondern sind auch extrem billig. Eine 300 Euro teure Drohne kann so millionenteure Militärtechnik zerstören – auch Panzer von Rheinmetall.
In der Ukraine gibt es neben zahlreichen kleinen und großen Drohnenunternehmen unzählige Initiativen, bei denen Freiwillige auf Spendenbasis Drohnen fertigen und an die Front schicken – wer nicht selbst werkelt, spendet Geld für die Bauteile. Der Drohnenbau ist zu einem gesellschaftlichen Massenphänomen geworden, an dem sich übrigens auch Menschen im Ausland beteiligen.
Am vergangenen Wochenende habe ich die Freiwilligen von der Prager Initiative Solidrones besucht, die nicht etwa Hausfrauen sind, sondern nach ihrem Day Job noch Drohnen löten, testen und in die Ukraine verschicken.
Wie zu erwarten, kamen die Worte des deutschen Rüstungs-CEOs in der Ukraine überhaupt nicht gut an. Selenskyjs strategischer Berater Alexander Kamyshin schrieb auf X: „Ich besuche jährlich über 200 Rüstungsfabriken. Oft sehe ich dort ukrainische Frauen, die Seite an Seite mit Männern arbeiten und ihnen in nichts nachstehen. Sie sind wunderbare Hausfrauen, müssen aber dennoch hart in den Rüstungsfabriken arbeiten.“
Der CEO lenkt ein
Nun versucht sich der deutsche CEO nach seiner Blamage wohl in Schadensbegrenzung. Rheinmetall antwortete auf den Post Kamyshins, man habe den größten Respekt vor den enormen Anstrengungen des ukrainischen Volkes bei seiner Verteidigung gegen den russischen Angriff. „Es spricht besonders für die Ukraine, dass sie selbst mit begrenzten Mitteln äußerst effektiv kämpft. Die Innovationskraft und der Kampfgeist des ukrainischen Volkes sind für uns eine Inspiration.“ Setzt hier wirklich ein Umdenken ein? Man will es doch sehr hoffen.
Wenn wir hier in Deutschland nämlich weiter stur Panzer bauen und auf die „ukrainischen Hausfrauen“ herabblicken, während Russland und seine Partner Iran und Nordkorea unter realen Kampfbedingungen ihre Drohnentechnologie perfektionieren, sind wir verloren. In dem Sinne: An die Lötkolben!
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!