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Colonia DignidadRolle rückwärts

Bernd Pickert

Kommentar von

Bernd Pickert

Chiles Präsident stoppt den Gedenkstättenbau des ehemaligen Sektenortes. Das reiht sich in einen revisionistischen Trend ein.

Villa Baviera: Erinnerungsstein an die ehemalige Siedlung Colonia Dignidad. Der Bau einer Gedenkstätte wurde gestoppt Foto: Pablo Sanhueza/reuters

D ie ehemalige Colonia Dignidad steht wie kaum ein anderer Ort auf der Welt für die systematische Verletzung von Menschenrechten, für sexualisierte Gewalt an Kindern, psychische und körperliche Misshandlungen, Folter und Mord. Über Jahrzehnte wurden dort Menschen gequält, viele der Be­woh­ne­r*in­nen waren erst Opfer und wurden dann selbst zu Tä­te­r*in­nen gemacht. In der Zeit der Pinochet-Diktatur wurde das vom deutschen Kinderschänder Paul Schäfer gegründete Anwesen zur geheimen Folter- und Ermordungsstätte des Geheimdienstes.

Weder juristisch noch politisch ist die Geschichte der Sektensiedlung vollständig aufgearbeitet. Ein wichtiger Schritt war im vergangenen Jahr von der damaligen chilenischen Regierung gegangen worden: Sie verabschiedete den Plan, die 117 Hektar zu enteignen und dort eine Gedenkstätte für die Opfer zu errichten. Jetzt hat der Pinochet-Verehrer José Kast das Präsidentenamt übernommen und prompt macht seine Regierung die Entscheidung rückgängig – mit dem fadenscheinigen Verweis auf Geldmangel.

Doch das ist offensichtlich vorgeschoben: Die Kast-Regierung reiht sich ein im globalen Kampf der gar nicht mal so neuen Rechten um die Geschichte und ihre Deutung. Donald Trump tilgt in den USA die Themen Sklaverei und Rassismus aus den Geschichtsbüchern und Museen. Argentiniens Präsident Javier Milei relativiert die Verbrechen der dortigen Militärdiktatur. In Deutschland will die AfD den „Schuldkult“ beenden.

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Überall sind es die Opfer oder ihre Nachfahren gewesen, die sich Orte und Öffentlichkeit erkämpfen mussten, damit ihre Geschichte anerkannt wurde. Wie eine Barriere, man könnte sagen, wie eine Brandmauer, standen die Menschen, die Orte und die erzählten Erinnerungen vor einer Neuauflage der alten verbrecherischen Ideen. Diese Erinnerungskultur zu bewahren oder überhaupt erst zu etablieren, ist keine Investition in die Vergangenheit, sondern in eine demokratische Zukunft. Und das wird niemals mit, sondern nur gegen die neue extreme Rechte zu machen sein.

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Bernd Pickert
Auslandsredakteur
Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org
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