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Debatte um Social-Media-VerboteDifferenzierung ist gut. Aber das Zeug bleibt gefährlich

Im Prinzip finden fast alle, dass Social Media schädlich ist. Nur wie lässt sich dagegen sinnvoll vorgehen? Klar ist, Lösungen braucht es schnell.

Immer mehr Jugendliche kleben in Deutschland im Schnitt fast 7 Stunden täglich vor Bildschirmen Foto: Louisa Gouliamaki/reuters

W ie gut, dass wir in der taz regelmäßig Schulklassen zu Besuch haben. Das gibt immer Gelegenheit für einen kleinen Wirklichkeits-Check. Frage also an die 15- und 16-Jährigen des Berliner Politikkurses, der im Konferenzraum zu Gast ist: Sind Social Media gefährlich? Alle Arme gehen hoch, nur einer davon mit etwas Zögern. Anschlussfrage: Soll man sie verbieten? Die meisten Arme bleiben unten, flatternde Hände deuten Ratlosigkeit an.

Damit sind die Kids ziemlich genau auf dem Debattenstand der Koalition: Im Prinzip finden fast alle, dass Social Media schädlich sind. Nur was zu unternehmen ist, steht halt noch dahin. Ein Blick nach Australien hilft dabei noch nicht viel: Die Berichte über die ersten drei Monate des Social-Media-Verbots für unter 16-Jährige waren gemischt, Tendenz negativ.

Zu früh für haltbare Ergebnisse, hieß es im März. Unzählige Schilderungen von 13- oder 14-Jährigen darüber, wie pipileicht die Umgehung der Sperren war – Jungs runzelten die Augenbrauen, Mädchen schminkten sich, um vor der Handykamera alt genug zu erscheinen. Daneben aber auch: Millionen gesperrter Konten, Berichte über Teens, die sich kollektiv verabredeten, von Snapchat (verboten) zu Whatsapp (nicht verboten) zu wechseln.

Die australische Regierung hat es immerhin geschafft, die Debatte als eine gesamtgesellschaftliche zu führen – mit Akzent auf Kümmern und Sorgen, auf Ernstnehmen der Kinder, auf Gemeinsam-schlauer-Werden. Es half, dass Rupert Murdochs Schmierpresse mitmachte. In Australien wie hierzulande fordern ExpertInnen: Verbietet nicht den Kindern den Zugriff auf Social Media, sondern den Social Media den Zugriff auf die Kinder. Die Plattformen müssten gezwungen werden, weniger seelenzerstörenden Stoff auszuspielen, weniger süchtig zu machen.

Die bloße Anwesenheit von Smartphones schmälert die Gedächtnisleistung

Zur Erinnerung: Ein Viertel der Teens wies schon pathologisches Nutzungsverhalten auf, bevor jetzt die KI-Chatbots dazukamen. Der Facebook-Konzern Meta stoppte 2020 eine interne Studie, die bezeugte, dass nur eine Woche ohne Facebook und Instagram Depressionen, Angst, Einsamkeit lindern konnte. Dass die bloße Anwesenheit von Smartphones Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung schmälert, ist seit bald zehn Jahren belegt.

Eine ganz frische Studie der Forscher Matthias Quent und Christian Stein zeigt, dass es eine „robuste Verbindung“ zwischen Social-Media-Nutzung junger Leute und rechtsextremer Orientierung gibt. Dabei ist die Wirkung etwa auf Tiktok nicht so stark wie auf Telegram. Differenzierung tut natürlich immer not, sowieso. Und alle haben recht, die sagen, dass Kinder auch unter anderen Dingen leiden, etwa Klimawandel und Schulsystem. Nur sollte all dies eben nicht davon ablenken, dass soziale Medien ein Riesenproblem sind.

Bis zum Sommer berät die Expertenkommission der Bundesregierung nun, was zu passieren hat. Derzeit kursieren Rechtsfragen: Kann Deutschland überhaupt handeln, wenn die EU schon eine Regel hat? Tatsächlich enthält der Digital Services Act schon einiges zum Kinder- und Jugendschutz – mit dem deutlichen Schönheitsfehler, dass bisher keine Umsetzung zu bemerken war.

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Die umlaufende Erklärung dafür lautet: Die EU werde halt von Donald Trump erpresst. Er wolle die Zölle weiter erhöhen, wenn jemand Hand an die Plattformen seiner Tech-Bros lege. Insofern weiß ich auch nicht, wie ernst die jüngsten Aktivitäten der EU-Kommission zu nehmen sind: Sie hat gerade ein Prüfverfahren gegen Snapchat angekündigt – zu viel Drogenwerbung und Cybergrooming.

Mögen die Kommissionen also schneller prüfen, als die Depressionsraten unter Jugendlichen ansteigen und ihre Aufmerksamkeitsspanne schrumpft.

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Ulrike Winkelmann
Chefredakteurin
Chefredakteurin der taz seit Sommer 2020 - zusammen mit Barbara Junge und inzwischen auch Katrin Gottschalk. Vorher: Von 2014 bis 2020 beim Deutschlandfunk in Köln als Politikredakteurin in der Abteilung "Hintergrund". Davor von 1999 bis 2014 in der taz als Chefin vom Dienst, Sozialredakteurin, Parlamentskorrespondentin, Inlandsressortleiterin. Zwischendurch (2010/2011) auch ein Jahr Politikchefin bei der Wochenzeitung „der Freitag“.
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3 Kommentare

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  • Früher waren Comics schädlich, oder das Fernsehen. Dann das Computerverhalten der jungen Leute. 17-hundert-ungrad gab es sogar Autoren, die Bücher für schädlich für die Jugend hielten...

  • Zunächst wäre endlich nötig, den Begriff "social media" zu differenzieren. Denn er akzeptiert und beschönigt das, was BigTech darunter versteht und in die Welt gesetzt hat, gigantische Datensammelmaschinen und Aufmerksamkeitsökonomie. Dass es social media gibt, die nicht nach den Prioritäten antidemokratischer IT-Soziopathen gebaut sind, gerät dabei regelmäßig aus dem Blick. Vor allem Jüngere halten social media (das der Konzerne) mittlerweile für das Internet.

    "Die EU werde halt von Donald Trump erpresst. Er wolle die Zölle weiter erhöhen, wenn jemand Hand an die Plattformen seiner Tech-Bros lege"

    Trump wird von BigTech unterstützt, BigTech ist ein enormer Wirtschaftsfaktor der USA. Wer BigTech angeht, geht Trump an, bzw das, wofür Trump/Musk/Thiel/Zuckerberg/Ellison/Altman usw stehen. Die wüsten Beleidigungen, die Musk an EU-Kommissar Thierry Breton veröffentlichte, geben einen Eindruck.

  • Diese Plattformen verdienen alle ihr Geld durch Überwachungskapitalismus. Ein Begriff den die US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff geprägt hat. Sobald man dieses Geschäftsmodell verbietet - und das ginge mit der DSGVO heute schon. Verschwinden Plattformen, welche auf Teufel komm raus die Aufmerksamkeit der Nutzer binden wollen. Denn das ist das Grundübel aller dieser Plattformen.