Rolle der Frauen in Russland: Gratulation von Putin
Putin hat den Internationalen Frauentag für einen heuchlerischen Auftritt genutzt. Dabei sind russische Frauen von echter Gleichberechtigung weit entfernt.
D er 8. März ist in Russland einer der beliebtesten Feiertage – ein Tag, an dem Frauen Blumen und Geschenke überreicht werden. Von seinem ursprünglichen kämpferischen Inhalt ist jedoch nichts geblieben.
Doch wenn man die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachtet, zeigt sich: Es war ein Jahrhundert der Frauen. Denn sie trugen eine ungeheure Last – sie hielten ihre Familien am Leben, schützten ihre Kinder vor Hunger und Elend. Frauen bewahrten die Erinnerung an Kriege, Terror und Leid und gaben sie an die nächsten Generationen weiter, weil so viele Männer gefallen, erschossen oder im GULAG umgekommen waren.
Im Kontext des 8. März ist es auch eine Geschichte nicht erfüllter Hoffnungen – vor allem der Hoffnung auf echte Gleichberechtigung. Frauen spielten bereits vor 1917 eine aktive Rolle in der demokratischen Bewegung Russlands und kämpften für gleiche Rechte.
Die Oktoberrevolution brachte zunächst Befreiung: Wahlrecht, neue Ehegesetze, politische Teilhabe. Doch Armut, Analphabetismus, traditionelle Rollenbilder und die zunehmende Kontrolle durch die Partei führten dazu, dass wirkliche Gleichheit eine Illusion blieb. Die unabhängige Frauenbewegung wurde zerstört, viele ihrer Vertreterinnen wurden verfolgt.
Voll in die Arbeitswelt eingebunden
Frauen trugen die Hauptlast des Familienalltags und waren zugleich voll in die Arbeitswelt eingebunden. Infolge der Zwangskollektivierung wurden Millionen Frauen aus ihrem dörflichen Leben gerissen und in die Industrie gedrängt – was oft schwere körperliche Arbeit bedeutete.
Hart traf der stalinistische Terror auch die Frauen; viele wurden Opfer von Repressionen. Dann kam der Krieg, und Russland wurde im 20. Jahrhundert zu einem „Witwenland“ – Generationen von Kindern wuchsen ohne Väter auf.
Nach 1991 standen viele Frauen erneut vor großen Herausforderungen. Die wirtschaftliche Krise traf zahlreiche Familien hart. Oft waren es die Frauen, die sich schneller anpassten und neue Wege fanden. Gleichzeitig entstanden aber neue Formen der Ausbeutung von Frauen sowie ein Rückgriff auf traditionelle Rollenbilder.
In der Putin-Ära zeigte sich der autoritäre Trend auch darin, dass nationalistische und fundamentalistische Kräfte sich zunehmend gegen Frauen richteten. Noch vor dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine wurde immer deutlicher, dass die russische Gesellschaft von Gewalt durchdrungen ist.
Häufigkeit von häuslicher Gewalt
Diese Gewalt zeigte sich auf unterschiedliche Weise: Demonstrantinnen wurden geschlagen, an den Haaren gezerrt und getreten und Misshandlungen ausgesetzt. Eine der häufigsten Formen von Gewalt in Russland ist die häusliche Gewalt. Sie wurde jedoch entkriminalisiert, also aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.
Die inhaftierten Frauen werden unter harten Bedingungen festgehalten, sie sind häufig sexistischem Missbrauch durch Sicherheitskräfte und der Androhung sexualisierter Gewalt ausgesetzt.
Wir haben zudem gesehen, wie sich diese Gewalt während der russischen Besetzung ukrainischer Städte in besonders grausamer Weise manifestierte. Ukrainische Frauen, die in russische Gefangenschaft geraten sind, werden unter äußerst schweren Bedingungen festgehalten
Und dennoch: Auch heute sind es wieder Frauen, die besonders mutig auftreten – Frauen, die protestieren, sich engagieren und Risiken eingehen, trotz Repression, trotz Gewalt, trotz drohender Haft. In den letzten Jahren ist die Zahl der weiblichen politischen Gefangenen stark gestiegen.
Umso heuchlerischer klingen Putins Worte in seiner Rede zum 8. März, in der er routinemäßige Aussagen über die Rolle der Frauen machte und insbesondere jene Frauen würdigte, die an der sogenannten militärischen Spezialoperation teilnehmen.
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