Indiens Arbeitsmigranten unter Druck: „Manche überdenken ihre langfristigen Pläne“
Millionen indischer Arbeitskräfte harren trotz Krieg weiter in den Golfstaaten aus. In ihrer Heimat wird unterdessen Kochgas knapp und Essen teuer.
Zu Beginn des Irankriegs sind indische Studierende, Tourist:innen und Geschäftsleute aus den Golfstaaten in ihre Heimat zurückgekehrt. Seither wächst die Unsicherheit: Sind Orte wie Dubai noch sicher für Familien und auch aus finanzieller Perspektive? Lange galten die Golfstaaten als Stabilitätsanker für wohlhabende Inder:innen. Die Investitionen in dortige Immobilien boomten, auch als Absicherung. Der Bollywood-Star Shah Rukh Khan warb für Dubais Tourismus.
Knapp 10 Millionen Inder:innen arbeiten in den Staaten des Golfkooperationsrats, davon allein über 4 Millionen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Aus der Golfregion überwiesen sie im letzten Jahr 40 Milliarden US-Dollar nach Indien, das sind etwa 38 Prozent aller Überweisungen indischer Arbeitskräfte im Ausland.
Doch hat der Irankrieg schon zu Rückkehrbewegungen geführt: Mehr als 52.000 Personen kamen seit Kriegsbeginn aus den Golfstaaten zurück, teilte das indische Außenministerium mit. Die meisten Arbeitsmigrant:innen aber bleiben trotz angespannter Lage. Für die meisten ist das dortige Einkommen existenziell, andere haben sich dort längst ein Leben aufgebaut.
Unter ihnen ist Leena, eine Angestellte in ihren Dreißigern. Früher arbeitete sie im Versicherungssektor in Indien, heute erzielt sie als Angestellte in Dubais Ölindustrie ein höheres Einkommen. Nach einer kurzen Zeit im Homeoffice geht sie dort längst wieder zur Arbeit ins Büro.
„Die meisten kommen ins Büro“
Die Lage normalisiere sich, sagt sie der taz. Zwar sei es nicht verpflichtend, „aber die meisten kommen ins Büro“. „Ich weiß nicht, ob schon viele zurückgekehrt sind, doch Dubai managt die Situation sehr gut.“ Die Sorgen richten sich eher auf die Zukunft: Arbeitsplatzsicherheit, wirtschaftliche Perspektiven, Stabilität. „Manche überdenken ihre langfristigen Pläne“, sagt Leena.
Verkehr, Infrastruktur, Dienstleistungen liefen, als wäre der Konflikt fern. Unternehmen hätten ihre Büros rasch wieder geöffnet und setzten auf flexible Arbeitsmodelle. Gleichzeitig gibt es Brüche: Einige Firmen schlossen, in anderen wurden Gehälter gekürzt. Besonders betroffen sei der Öl- und Gassektor: Angriffe auf Häfen und Freihandelszonen hätten Lieferketten gestört und auch Finanzzentren seien unter Druck geraten.
Auch Rupesh aus Westindien ist in Dubai geblieben. Der Techniker, Anfang 40, lebt seit vier Jahren dort. „Ich arbeite wie gewohnt“, sagt er. Entlassungen habe er nicht beobachtet. „Im Moment habe ich keine Pläne, nach Indien zurückzukehren.“ Dubai erscheine ihm stabiler als die Heimat, wo sich die Lage an anderer Front zuspitze.
So höre er aus Indien von der Knappheit von Kochgas. Vor allem ärmere Haushalte ohne Zugang zu subventionierten Gasflaschen leiden unter hohen Preise. Gas wurde zum Luxus. Einige Imbisse und kleine Restaurants mussten schließen oder haben ihr Angebot reduziert, da sich die Preise verdreifacht bis vervierfacht haben, sagt ein Teeverkäufer in Mumbai der taz, der nun elektrisch statt mit Gas kocht. Auch warme Mahlzeiten in Schulen sind zum Teil betroffen.
90 Prozent von Indiens Gasimporten kommen vom Golf
Rund 90 Prozent der indischen Flüssiggasimporte passieren normalerweise die Straße von Hormus, wo jetzt die Tanker feststecken. Indien versucht deshalb, mehr Gas lokal zu produzieren, auch weichen Haushalte auf Kohle oder Kerosin aus.
Die Krise verschiebt Migrationsbewegungen innerhalb Indiens. Arbeitsmigrant:innen verlassen Städte wie Mumbai oder Surat, wo die Lebenshaltungskosten ohne günstige Mahlzeiten durch kleine Essenslieferservices, denen es an Kochgas fehlt, oder ohne eigene Gasflaschen, um selbst zu kochen, unerschwinglich wird.
Per Zug und Bus ziehen Arbeiter:innen jetzt ihre ohnehin geplante saisonale Rückkehr aufs Land vor – in der Hoffnung auf dortige Unterstützung. Im ländlichen Indien, wo auch mit Holz oder Dung statt Gas gekocht wird, ist das Leben günstiger als in der Stadt, wo die Menschen jetzt stundenlang auf Gas warten.
Doch es gibt auch Warnungen im Ausland: In Katar rief Indiens Botschaft die Fischer nach der teilweisen Wiederaufnahme des Seeverkehrs dazu auf, Sicherheitsvorschriften strikt einzuhalten. Auch hat der Konflikt schon Tote unter den Migrant:innen gefordert: Mindestens acht indische Staatsbürger sollen bislang ums Leben gekommen sein, zuletzt bei einem Angriff auf eine Energieanlage in Kuwait.
Indien hat im Gegensatz zu den Nachbarländern Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka noch keinen Mangel an Benzin und Diesel. Doch sorgen sich auch diese Länder über sinkende Rücküberweisungen. Seit Jahrzehnten ist der Nahe Osten für Bangladesch wie Pakistan mit jeweils 5 Millionen Arbeitsmigrant:innen dort wichtig für die eigene Wirtschaft.
Pakistan hat schon zahlreiche Energiesparmaßnahmen eingeführt und etwa Universitäten auf Onlineunterricht umgestellt. Islamabad versucht zudem, im Konflikt zwischen den USA und Iran zu vermitteln.
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