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Bosnien qualifiziert sich für Fußball-WM„I am from Bosnia, coming to America“

Doris Akrap

Kommentar von

Doris Akrap

Bosnien und Herzegowina ist in Ekstase. Das Land feiert die Fußball-WM-Qualifikation, als hätte es das Turnier schon gewonnen – und behält dabei seinen großen Humor.

In den Straßen von Sarajevo nach der Qualifikation Bosniens für die Fußballweltmeisterschaft Foto: Samir Jordamovic/anadolu/imago

G anz Bosnien und Herzegowina weint. Weint, weint und weint. So viele Tränen wie Dienstagnacht hat es zuletzt gegeben, als der große bosnische Schlagersänger Halid Bešlić letztes Jahr starb, der der Stadt Sarajevo die schönsten und traurigsten Lieder beschert hat. Hunderte sangen Dienstagnacht seinen zur inoffiziellen Landeshymne gewordenen Hit „Ljiljani“ im Stadion der Industriestadt Zenica.

Doch dieses Mal waren es Freudentränen. Autokorsos, Fahnen, Bengalos, Tausende in den Straßen des Landes – ganz Bosnien feiert seine Nationalmannschaft und den Einzug in die WM, als hätten sie diese schon gewonnen. Letzteres ist absolut unwahrscheinlich, unwahrscheinlich aber war auch der Ausgang dieses Qualifikationsspiels Dienstagabend gegen Italien. ITALIEN. Der vierfache Weltmeister.

Klar, Bosnier können Fußball spielen. Manche sagen sogar, der Straßenfußball sei möglicherweise nicht in Italien, sondern in den staubigen Gassen Bosniens erfunden worden. Trotzdem ist Bosnien und Herzegowina in der Fußballwelt ein Nobody. Niemand hatte wirklich an einen Triumph gegen Italien geglaubt, dieses winzige Land, über das in der Welt immer nur dann geredet wird, wenn es um den Krieg der 1990er Jahre, um Kriegsverbrechen, um Srebrenica, um Genozid geht.

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Bosnien völlig überwältigt

Seit Dienstagnacht weint das Land Tränen der Überwältigung. Für dieses Land war das Spiel so magisch wie die 20 Minuten während der WM 2014, als Deutschland gegen Brasilien 5 Tore schoss. Wie viel Bedeutung das hat, lässt sich auch daran ablesen, dass selbst in kroatischen Kneipen mit dem kleinen Nachbarn gefeiert wurde, die man notorisch für diebisch, dumm und unterentwickelt hält. Und sogar Novak Ðoković, der aus dem immer noch die Integrität Bosniens bedrohenden Serbien stammende Tennisspieler, saß auf der Tribüne in Zenica und feierte das bosnische Team.

Auch wenn Italien einen WM-Fluch hat und nun zum dritten Mal hintereinander die WM verpasst, auch wenn das Spiel gegen Bosnien erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, auch wenn das Spiel in dem wackligen Winzstadion der Industrieruine Zenica stattfand, auch wenn Italien ab der 41. Minute wegen einer roten Karte den Rest des Spiels mit einem Mann weniger spielte, auch wenn der Gigant Gianluigi Donnarumma das italienische Tor bewachte, auch wenn es für Bosnien und Herzegowina die zweite WM-Teilnahme nach 2014 ist: Bosnien ist völlig überwältigt.

Als hätten sie all das Elend, all die Folgen aus dem blutigen Krieg endgültig beendet. Es ist ein Sieg für ein Land, das 30 Jahre nach dem Krieg nicht viel hat, worüber es sich freuen kann, außer seinem großen Talent Humor. Der bosnische Witz ist legendär, vor allem deswegen, weil sein Herz darin besteht, das eigene kleine Land und die eigenen kleinen Leute zum Zentrum des Witzes zu machen.

Weinen Sie mit!

Wem es dafür an Belegen fehlt, der schaue sich die Videos aus Zenica und Sarajevo von Dienstagnacht an. In Zenica hatten Fans ein riesiges Transparent dabei, auf dem stand: „I am from Bosnia, take me to America.“ Es ist natürlich eine Anspielung auf die WM, die dieses Jahr in den USA stattfindet. Aber es ist ein Zitat: Es ist Titel und Refrain eines Liedes der bosnischen Funpunk/Dub-Band Dubioza Kolektiv (Dubioses Kollektiv), die in Zenica das Lied auch performte. In den Straßen Sarajevos wurde es noch um 3 Uhr in der Früh gesungen, als die Spieler des Nationalteams in der Hauptstadt eintrafen. Allerdings leicht umgedichtet: „I am from Bosnia, coming to America“.

Das Lied ist eine Satire auf all die Bosnier, die in die USA auswandern, weil sie dort die schreckliche Geschichte hinter sich lassen, ganz von vorne anfangen wollen, auf ein besseres Leben hoffen, was natürlich nicht eintritt.

Niemand kann die tragische Geschichte vergessen. Aber gerade deswegen, weil die Tragik dieses kleinen Landes so groß ist, ist auch die tränenreiche Freudenfeier in diesen Tagen so groß. Es sind übrigens europäische Tränen. Weinen Sie mit!

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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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6 Kommentare

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  • Das Schöne an Fußball ist u.a., dass nur mit Bällen geschossen wird.



    Italien hatte vorher die Chance, sein Ticket zu sichern, und nutzte sie nicht.

  • Bob Marley hätte sich vermutlich auch gefreut. Aber hat Brasilien im Jahre 2014 beim Match gegen Deutschland zwei Selbsttore geschossen? Oder hatten sind Sie, werte Doris Akrap damals schon beim Halbzeitpfiff Tränen in den Augen? Ich weine mit Ihnen.



    www.youtube.com/watch?v=Bu2KvmZg_Z4

    • @Mondschaf26:

      20 Minuten schrieb sie, nicht ganzes Spiel.



      Ok, es waren 18 Minuten.

      • @Janix:

        Danke. Ist mir dann auch aufgefallen. Habe ich wohl 20 Minuten verpennt. 🥲

  • "ITALIEN. Der amtierende Europameister."



    Amtierender Europameister im Fußball der Herren ist Spanien, oder habe ich die EM 2024 nur geträumt?

  • Dann fährt Bosnien voller Freude in ein derzeit kriegsführendes Land, das (zum wiederholten Mal) völkerrechtswidrig ein anderes Land überfallen hat, eine ganze Region zu einem Kampfplatz macht und die Weltwirtschaft - darunter auch die bosnische - ins Chaos stürzt. Na prima.



    Die Argumente Faschismus und Korruption braucht's da gar nicht mehr.