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Umbau des Programms „Demokratie leben!“Die Familienministerin zerlegt das Fundament der Demokratie

Meron Mendel

Gastkommentar von

Meron Mendel

Priens Schritt erinnert an die Trump-Regierung: eine Exekutive, die ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen ihre Macht durchsetzt und Misstrauen sät.

Vom Familienministerium zu Grabe getragen Foto: Kay Nietfeld/dpa

S tellen Sie sich vor, es herrscht Wohnungsnot, Sie sind Ar­chi­tek­t*in und bekommen den Auftrag, ein Haus zu bauen. Nach einem intensiven Bewerbungsverfahren gehen Sie motiviert an die Sache, suchen in Zeiten des Fachkräftemangels geeignete Mitarbeiter*innen, stellen Teams mit diversen Expertisen zusammen. Alle nehmen ihre Arbeit auf, kalkulieren, entwerfen, mischen Beton. Die ersten Monate verlaufen vielversprechend, das Fundament ist gegossen, der Rohbau fertig.

Doch dann wird das gesamte Projekt plötzlich vom Auftraggeber gestoppt. Dass die Abrissbirne schon auf dem Gelände steht, erfahren Sie aus der Presse. Bis Jahresende dürfen Sie die Baustelle räumen. Es heißt, man müsste noch einmal ausschreiben. Es heißt, Wohnungen würden zwar immer noch gebraucht, nur mit dem begonnenen Haus dürften Sie sich nicht noch einmal bewerben. Aber Sie seien herzlich eingeladen, erneut am Verfahren teilzunehmen – es stehe Ihnen frei, sich für den Bau einer Brücke zu bewerben.

Was absurd klingt, ist Realität: Wie unser Architekt fühlen sich derzeit rund 200 Demokratieprojekte in ganz Deutschland. Die Pläne von Bundesfamilienministerin Karin Prien, das Programm „Demokratie leben!“ komplett umzustrukturieren und in weiten Teilen zu streichen, haben mich schockiert.

Meron Mendel

Der Deutsch-Israeli ist Pädagoge, Historiker und Publizist. Seit 2010 ist er Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt und Kassel.

Das Vorhaben schockiert mich als Leiter einer Einrichtung, die seit mehr als 30 Jahren Fachexpertise in der politischen Bildung gesammelt hat und die nun zwei erfolgreiche Projekte stoppen muss, die ausgerechnet in dem Bereich liegen, den Karin Prien stärken will: Antisemitismusprävention und Stärkung der Demokratie im Netz.

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Die Pläne schockieren mich aber auch als Demokraten, weil wir eine Exekutive erleben, die ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen ihre Macht durchsetzt, Misstrauen sät und die engagierte Zivilgesellschaft zum Feindbild erklärt. Das erinnert mich an eine Mentalität, wie wir sie aktuell eher aus den USA kennen. Hier fräst sich Loriots Steinlaus längst durch die Demokratie. Aber so weit wird es hierzulande doch niemand kommen lassen, denkt sich der Architekt.

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17 Kommentare

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  • Bei Frau Merkel hieß es - sie, als Physikerin "bedenkt alles vom Ende her". Und die Söder`sche Potenzierung: alles hat ein Ende - nur die Wurst...



    Das ist so eine Sache mit dem Ende der Union. Frau Merkel ließ Dauerumfragen aufsetzen und entsprechend den Empfindlichkeiten wurde etwas getan (und zwar in Mengen): Nichts. Man wollte die Bürger nicht durch Tätigkeit verschrecken. Dann sitzen die Plaudertaschen bei Lanz und berichten voll Stolz, was alles (und zu Recht) nicht getan wurde. Mehr vom Falschen, mehr Zurück, mehr Verschleiß, mehr Attentismus.



    Die Rückabwicklung der Ampel auf jedem Gebiet. Mit Inbrunst und Unverstand.



    Anstatt einen Verkehrsminister im Amt zu belassen (der "im Thema" war) wird das Bahn-Chaos neu aufgesetzt, - eine Gesundheitsreform zurückgerollt, ausgesetzt, verhindert - und gesellschaftliche Veränderung in die muggeligen Zeiten unionesken Rigorismus versetzt. Keine Demokratie wagen!



    Frau Prien fährt da im Geleitzug ihrer Unionisten, die zerschlissen wirken, abgehalftert, fremdgesteuert, stoned.



    Mit all dem, was diesen Leuten nicht passt – haben sie geschafft eine Gesellschaft zu ihren Gunsten zu formen…

  • Dort wird nichts zerlegt. Das Program läuft weiter. Wie unter der Vorgängerregierung schon werden die Projekte evaluiert, erfolgreiche weitergeführt, nicht erfolgreiche eingestampft nd neue Projekte angeschoben.

    Die aktuellen Projekte bis zum Stankt Nimmerleinstag festszuschreiben hat mit Demokratie nichts zu tun. Dadurch werden nur auch Fehler festgeschrieben.

    Bezeichnend am Artikel ist deshalb auch, dass kein Projekt genannt wird, das offensichtlich nicht fragwürdig. Stattdessen werden Vergleiche zum Hausbau bemüht.

    Der Vergleich zur Trump-Regierung ist zudem perfide. Dort werden solche Programme nicht qualitätskontrolliert, sondern stumpf nur eingestampft.

  • Demokratie lebt von Abwechslung und auch vom Recht einer gewählten Regierung, Schwerpunkte so zu setzen, wie es sich die demokratische Mehrheit wünscht. Das ist nach Regierungswechseln vollkommen normal und üblich. Wenn Linke an die Macht kommen, machen sie es ganz genau so. Die Aufregung ist überzogen. Es gibt auf dieser Welt kaum eine Demokratie, die stabiler dasteht als die in Deutschland. Die Macht ist durch den Föderalismus gut verteilt. Die Justiz ist unabhängig. Der Wähler kann auf Bundesebene jederzeit (mindestens alle 4 Jahre) die Karten neu mischen, wenn er es denn wünscht.

    Mein Fazit: Hier jammern schlechte (Wahl-)Verlierer auf ganz hohem Niveau.

  • Also, ganz klar. Die Auszahlung an Steuermitteln an nicht staatliche Organisationen, und damit zur „Erfüllung“ nicht staatlicher Pflichtaufgaben, ist m. E. eine Untreuestraftat gegenüber dem Steuerzahler. Ich zahle jedenfalls meine Steuern nicht für private „Bauvorhaben“.

  • Wenn ich es richtig verstanden habe, will Frau Prien das Programm weder absetzen noch kürzen, sondern mit anderen Schwerpunkten fortsetzen. Das muss man nicht gut finden, und es ist verständlich, dass Einrichtungen, die von den Veränderungen betroffen sind, Kritik üben. Aber das Programm in der jetzigen Form (und damit die eigenen Projekte) zum Fundament der Demokratie und damit für sakrosant zu erklären, geht zu weit. Zu viel Drama, zu viel Hybris.

  • Nüchtern betrachtet sind Nichtregierungsorganisationen deren Existenz von Zuwendungen der Regierung abhängen keine wirklichen Nichtregierungsorganisationen sondern Regierungsorganisationen im Vorfeld der Regierung. Neue Regierungen haben hier nunmal andere Prioritäten. Seht es sportlich und greift zu den altmodischen Methoden der Finanzierung über Mitgliedsbeiträge oder das Einwerben von Spenden- und Sponsorengeldern. Ist zugegebenermaßen nicht einfach, was man bei den aktuellen Schwierigkeiten von Attac sieht, die auch unter der Ampel keine signifikante Unterstützung mehr erfuhren.

  • Sehr geehrter Herr Mendel,



    ich freue über Ihren optimistischen und humoristischen Ende des Kommentars. Es wird Zeit mal wider Biedermann und die Brandstifter zu lesen, denn Frau Prien ist genau die, die meinte, dass Sie auswandert, wenn die AFD an die Macht komme! Sie und ihresgleichen in der Regierung schaffen gerade die Voraussetzungen dafür.

  • Als Architekt darf ich sagen, dass die Situation keinesfalls selten ist; auch öffentliche Bauherren machen so was.



    Warum sollte es in anderen Bereichen anders sein, wenn das Projekt eben nicht finanziert wird?



    Aber die Überschrift?



    Wenn staatsfinanzierte NGOs und deren Projekte das Fundament unserer Demokratie wären, hätte ich echt Angst um diese. Was wäre das für eine Demokratie?



    Da herrscht eine echte Selbstüberschätzung in den Kreisen.

    • @Herbarius Zunichten:

      Da kann ich nur beipflichten.

  • Danke Herr Mendel - für Ihren Kommentar und Ihre langjährige Arbeit.



    Ich teile die Empörung und protestiere gegen die antidemokratische Regierung, die nur ausgrenzt und stigmatisiert.



    Wie Prien schon im taz-Interview sagte: „Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel“.



    Dass dabei nun Projekte der Antisemitismusprävention gestoppt werden ist so zynisch wie die Abschiebung von zwei Syrern kürzlich, die bereits einen Ausbildungvertrag haben und nichts anderes tun als sich entwickeln und einer Arbeit nachgehen.

  • Da Merz einen konsequenten Neoliberalismus-Kurs fährt, scheint die Demokratie immer mehr im Weg zu stehen.

    "Die Konsequenz aus dieser Demokratieskepsis sei „nicht unbedingt, dass man Demokratie abschaffen will, aber doch, den möglicherweise schädlichen Einfluss von demokratischen Institutionen auf wirtschafts- und finanzpolitische Entscheidungen sehr stark einzugrenzen.“ Sei es durch den Vorrang von Expertenmeinungen vor Mehrheitsentscheiden oder durch die Begrenzung der staatlichen Finanzierungsmöglichkeiten."

    Das beste Vorbild ist hier natürlich Trump. Allerdings ist der schon viel viel weiter.

  • Wenn "das Fundament der Demokratie" in Förderprojekten gründet, die die Menschen kontinuierlich von der Radikalisierung abhalten müssen, und nicht von in der Breite der Gesellschaft verwurzelten Werten und Wünschen muss man doch ohnehin annehmen, dass die Unterstützung dieser Regierungsform ebenso stark bröckelt wie die Brandmauer.

  • Konservative und Rechte tun genau das was sie schon immer umtreibt: Statt Demokratie zu leben, beginnen sie sie zu zerstören. Und in Deutschland hat das "Ausrichten" der Gesellschaft eine geradezu gruselige Tradition. Aber - und das muss man leider ebenfalls sagen: Es liegt an den vielen Wählern, denen Demokratie scheißegal ist.

  • Will man den Sumpf austrocknen, lässt man nicht die Frösche darüber abstimmen.

    • @Offebacher:

      Das ist richtig. Wer den "Sumpf der Demokratie" austrocknen will, wird sicher nicht engagierte demokratische Institutionen um Erlaubnis fragen oder sie gar demokratisch beteiligen. Da wird autoritär und rücksichtslos durchgezogen. Die Frage ist nur, wer diesen Sumpf warum so gnadenlos austrocknen will.

  • Das ist unzweifelhaft eine Vorbereitung der csdU / AgD Koalition in Bund und Land. Es sind die gleichen Ziele beider Parteien: Schwächung der Demokratie - denn das bedeutet Macht auch für Andersdenkende - das kann eine rechtslastige Einstellung nicht dulden.

    • @Perkele:

      Liebe Kommentaren, es wird übersehen, das auch der CDU sehr nahestehende Gruppen betroffen sind z.B. die Konrad-Adenauer Stiftung. Das doppelt bestehende Strukturen wie hier FfM und KS nicht unbedingt bestehen müssen sollte klar sein. Zumal ich als Kasselaner zum ersten Mal in diesem Text gelesen habe, das dies in Kassel existiert! Was auch noch gerade für die Wirksamkeit spricht, da ich in diesem Segment seit 25 Jahren in Kassel tätig bin.



      Die Idee, Projekte zu hinterfragen und zu schauen, wo das Geld effizient eingesetzt werden kann ist an und für sich nicht schlecht sowie in der Industrie absolut üblich.