Demo für gestrandeten Wal: „Eure Ignoranz tötet“
Demonstranten haben am Hafen von Poel eine Menschenkette gebildet und werfen den Verantwortlichen „Versagen“ vor. Experten gehen davon aus, dass er dort stirbt.
dpa/taz | Im Hafen von Kirchdorf auf der Insel Poel demonstrieren Tierschützer für mehr Einsatz bei der Rettung des Wals, wie die „Ostsee Zeitung“ berichtet. Die Demo ist für 11 bis 16 Uhr angemeldet. Rund 50 Menschen haben eine Menschenkette gebildet. Einige halten Plakate hoch. Auf diesen steht unter anderem:„Eure Ignoranz tötet“ und „Unterlassene Hilfeleistung ist kein Versehen. Es ist eine Entscheidung“.
Am Mittwoch wurde unter dem Titel „Die letzte Chance den Buckelwal Hope zu retten! – Wir brauchen Robert Marc Lehmann & sein Team jetzt beim Wal!“ zur Demo aufgerufen. Initiator soll die Gruppe „Save the Ocean“ sein, die sich eigenen Angaben zufolge „für alles einsetzt, was die Ozeane betrifft“. Auf ihrer Facebook-Seite rief sie zu der Demo auf der Ostseeinsel auf. „Wir sind heute hier in Wismar, weil ein Buckelwal unsere Hilfe braucht. „Hope“ kämpft ums Überleben – doch statt Rettung droht Stillstand. Zeit spielt gegen ihn. Jeder Moment zählt.“, schreibt die Gruppe auf Facebook.
Nicht alle unterstützen jedoch die Aktion. Unter anderem kritisierte der Poeler Feuerwehrchef Bodo Köpnick das Vorgehen. Der „Ostsee Zeitung“ sagte er: „Der Wal ist ein Wildtier, die wollen ihre Ruhe.“
Zehntausende unterschreiben Petition für Meeresbiologen
Der öffentliche Druck auf die Verantworlichen der Walrettung wächst. Mehr als 41.000 Menschen unterschrieben eine Petition mit dem Ziel, den Meeresbiologen Robert Marc Lehmann wieder in die Walrettung einzubeziehen. Der YouTuber und Forschungstaucher war teilweise durch Eigeninitiative an der Rettung des Wals beteiligt, bis er von Verantworlichen ausgeschlossen wurde. Grund war laut Lehmann, dass ihm Selbstdarstellung vorgeworfen worden sei. Seit der Strandung des Wals am 23. März lieferte er in Kurzvideos auf Instagram Informationen zum Thema Walrettung und kritisierte das bisherige Vorgehen.
Die Petition fordert, Lehmann und seinem Team eine Einsatzgenehmigung zu erteilen und sie auszurüsten.
Rettungsversuche am Mittwoch eingestellt
Der vor Wismar in der Ostsee festliegende Buckelwal hat sich auch in der Nacht nicht von der Stelle bewegt. Der Meeressäuger lag am Morgen an unveränderter Position in der Kirchseebucht. „Er ist noch da“, sagte ein Sprecher der Wasserschutzpolizei am Morgen. Die Hoffnungen, dass er sich doch aus eigenem Antrieb befreit und den Weg ins tiefere Wasser findet, haben sich nicht erfüllt.
Ob das Tier noch lebt, konnte der Sprecher zunächst nicht sagen. „Die Bootsbesatzung heute Nacht war nicht nah genug dran, um zu sehen, ob er noch atmet oder nicht.“ Auf den Livebildern aus der Bucht waren gegen 6.30 Uhr aber noch regelmäßig kleine Wasserfontänen zu erkennen. Es ist das vierte Mal, dass sich der Wal in den vergangenen Wochen an der Ostseeküste festschwamm.
Die Rettungsversuche waren am Mittwoch eingestellt worden. Der wissenschaftliche Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Burkard Baschek, hatte gesagt: „Wir gehen fest davon aus, dass das Tier dort verstirbt.“ Auch Mecklenburg-Vorpommers Umweltminister Till Backhaus (SPD) betonte, das Tier solle an seinem jetzigen Liegeplatz in Ruhe gelassen werden. „Wir haben alles unternommen, um ihm seine Chance zu geben. Das ist eine einzigartige Tragödie. Die hat er sich aber so ausgesucht.“
Das Tier ist deutlich geschwächt. Rund um den Wal wurde eine Sperrzone von 500 Metern eingerichtet, die laut Backhaus streng kontrolliert wird. Auch Drohnenflüge seien untersagt. Etwaige Verstöße würden als Ordnungswidrigkeit geahndet.
Anders als in den Tagen zuvor werden auch keine Versuche mehr unternommen, den Wal zum Losschwimmen zu bewegen. „Wir müssten ihn so massiv animieren, was aussichtslos wäre, weil er die Kraft nicht mehr hat. Und die Erfolgschancen sind so gering, dass wir das als reine Tierquälerei empfinden würden“, so Baschek.
Wal irrt seit einem Monat umher
Bereits seit Anfang März war der Meeressäuger nach Angaben der Behörden immer wieder an der Ostseeküste aufgetaucht, zunächst im Hafen von Wismar. In der Nacht zum 23. März strandete er auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein. Letztlich gelang es dem Tier, das flache Wasser zu verlassen, nachdem Helfer eine Rinne ausgehoben hatten. Danach nahm er aber nicht Kurs aufs offene Meer und Richtung Norden, sondern schwamm wieder Richtung Wismar.
Toter Wal käme nach Stralsund
Sollte das eintreten, was Wissenschaftler, Umweltschützer und Politik nun erwarten und befürchten, würde der Kadaver des Wals nach Stralsund zum Deutschen Meeresmuseum gebracht werden, das als Forschungseinrichtung auch eine Spezialabteilung für Meeressäuger unterhält. Dabei würde es laut Backhaus aber ausdrücklich nicht darum gehen, ein Skelett für das Museum zu bekommen, sondern allein darum, den Wal nach seinem Tod zu untersuchen und die Todesursache zu bestimmen.
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