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Reportage von der ZapfsäuleKeiner sagt hier Tankeschön

Wie kommt der geplante Spritrabatt bei Autofahrenden an? Ein Nachmittag an der informellen Tankstelle der Bundesregierung.

Eine Kundin tankt an der inoffiziellen Tankstelle der Bundesregierung Foto: Steve Braun

Vor dem Reichstagsgebäude sitzen zwei Fahrer auf einer Parkbank und genießen die Frühlingssonne. Daneben parken die schwarzen Limousinen. Heute Morgen, erzählt der eine, hat er einen CDU-Abgeordneten zur Arbeit gefahren. Natürlich ging es um den Tankrabatt. „Dit wird verpuffen, hat er mir jesacht“, sagt der Fahrer, und zwei Monate, das reiche doch niemals, so der Abgeordnete. Dann kämen die Sommerferien, dann könne man die Preise doch nicht wieder erhöhen.

Die Fahrer des Bundestags müssten die hohen Benzinpreise nicht interessieren, sie zahlen mit Tankkarte. Trotzdem tanken sie immer vor 12 Uhr, vor der möglichen täglichen Preiserhöhung also. „Alles für den Steuerzahler“, sagen sie und lachen. Und die Abgeordneten? „Die müssen nicht tanken, die haben ja uns“, sagt einer der Fahrer. „Die haben ihre BahnCard, die haben fürstliche Diäten. Die schweben auf ’nem janz anderen Level.“

Am liebsten, erzählen die Männer, fahren sie aber ohnehin die Elektroautos der Fahrzeugflotte. „So leise“, schwärmt der eine. „Der zieht einfach“, sagt der andere. Bis 2030 soll die gesamte Flotte des Bundestags elektrifiziert werden. Die Fahrer glauben nicht daran.

Es ist Mittwoch, zwei Tage nachdem die Bundesregierung angekündigt hat, die Mineralölsteuer demnächst um 17 Cent zu senken. Es gibt viel Kritik an der Maßnahme. Aber wie kommt sie bei den Autofahrern an?

Man fühlt sich abgezockt

Die Fahrer der Abgeordneten tanken einen guten Kilometer von den Bundestagsgebäuden entfernt an einer Aral-Tankstelle in Berlin-Moabit. Hier bekommen sie auch die „Bundestagswäsche“, erzählt die Tankwartin mit den knallrot gefärbten Haaren. Wer die Tankkarte mit dem Bundesadler benutze, bekomme 1 Euro Rabatt auf die Autowäsche. Ihren Namen will sie nicht verraten. Aber sie erzählt, dass an der Tankstelle von Krise nichts zu spüren sei. Auch die teuren Süßigkeiten gingen weg wie nichts.

Treibt man sich ein paar Stunden an dieser informellen Tankstelle der Bundesregierung herum, erfährt man einiges über die Seelenlage des deutschen Autofahrers.

Das ernüchternde Ergebnis für die Bundesregierung: Selbst an der Tankstelle kommt der Tankrabatt nicht gut an. Weil man sich hier immer abgezockt fühlt, egal, was ist.

Alili findet: Deutschland muss an sich denken

Alili Safi ist 52 Jahre alt, kurz vor 12 Uhr betankt er noch schnell seinen Kleinwagen. Auf dem Beifahrersitz wartet seine Frau, auf dem Rücksitz liegen Putzmittel. Sie betreiben eine Reinigungsfirma, er hat einen zweiten Job als Pizzabäcker. Wenn man nicht vom Staat leben wolle, müsse man sich anstrengen, sagt Safi. Er ist vor 35 Jahren aus Nordmazedonien gekommen. Safi regt sich über die Spritpreise auf.

Der Tankrabatt? Reiche nicht aus, schließlich seien die Preise viel stärker gestiegen. Safi tankt trotzdem lieber Super Plus, das sei besser für sein Auto. Wählen darf er in Deutschland nicht, aber Olaf Scholz gefiel Safi besser als Friedrich Merz. Dass Deutschland die Ukraine unterstützt, findet er richtig. Aber: „Deutschland braucht jetzt auch Hilfe. Deutschland muss mehr an sich selbst denken“, sagt er und verabschiedet sich.

Alili Safi: Olaf Scholz gefiel ihm besser als Friedrich Merz Foto: Steve Braun

Häufig kommen Menschen zum Tanken, die nicht selbst zahlen müssen. Weil sie in Firmenwagen unterwegs sind oder in Carsharingautos. Ein Polizist auf dem Weg zu seiner Schicht hat noch nichts von der 12-Uhr-Regel mitbekommen, geschweige denn vom Tankrabatt.

Nour kann nicht tanken

Nour steht jetzt am Zapfhahn und blickt sich Hilfe suchend um. Tanken, das musste sie in der Fahrschule nie machen. Sie fragt um Rat: Welche Sorte soll sie nehmen?

Vom Tankrabatt hat Nour noch nichts gehört. 17 Cent? „Na ja, das ist nicht viel.“ Vor sieben Jahren ist sie aus der Türkei gekommen, nun arbeitet sie für einen Pflegedienst. Nour entschuldigt sich ungefragt für ihr perfektes Deutsch.

Egal, wen man an der Tankstelle fragt, die Pflegerin, den Polizisten, den Lkw-Fahrer – das tankende Volk nimmt den Tankrabatt eher hin, als artig „Tankeschön!“ zu sagen. Viele wissen sehr genau, wie hoch der Anteil von Steuern am Benzinpreis ist: über 60 Prozent.

Erstaunlicherweise wird es nach 12 Uhr voller auf der Tankstelle.

Yousef hat eine bessere Idee

Yousef sitzt schon eine Weile am Rand der Tankstelle in seiner S-Klasse. Er betreibt eine Mietwagenfirma und wartet auf Arbeit. Eigentlich kutschiert er „VIPs“ in Luxusautos. Jetzt habe er immer weniger Kunden. Wenn es so weitergehe, müsse er Insolvenz anmelden. Er nimmt seine Ray-Ban-Sonnenbrille ab und schaut eindringlich: „Die Politiker sind verrückt. Wir wollen diesen Krieg nicht!“

Und der Tankrabatt? „Das ist gut, aber nichts, wo ich sage: Wow.“ Yousef hat einen Gegenvorschlag: Besser wäre es doch, Transportfirmen direkt zu entlasten.

Yousef: Zum Tankrabatt sagt er nicht „Wow“ Foto: Steve Braun

Emily und Janek träumen vom eigenen Auto

Emily und Janek fahren mit einem Mietwagen von Miles auf die Tankstelle. Sie sind 19, haben seit einem Jahr den Führerschein. Für jedes Mal Tanken bekommen sie von der Mietwagenfirma eine Gutschrift. Janek weiß Bescheid über den Tankrabatt und sagt: „Das ist ein bisschen wenig.“ Emily steht daneben und nickt. Janek träumt von seinem eigenen Auto, er hat seine Mutter gefragt, ob die Versicherung nicht auf sie laufen könne. Sie will es sich überlegen. Er macht eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann, da sei es doch gut, einen Wagen zu haben.

Mahmoud will die Grünen wählen

Janek träumt von einem eigenen Auto Foto: Steve Braun

Mahmoud, 26, lehnt an seinem weißen Golf. Links und rechts am Hals trägt er Tattoos: eine Pistole, eine Kalaschnikow. Aber die seien nicht echt, er wollte das nur mal ausprobieren. Mahmoud ist 2017 aus Syrien geflohen, nun ist er Bauingenieur. „Ich habe diesem Land viel zu verdanken“, sagt er. „Wenn das Land mich braucht, bin ich bereit, viel zu geben.“ Aber warum er nun bezahlen muss für diesen völkerrechtswidrigen Krieg, das versteht er nicht. „Wir haben doch kein Problem mit Iran!“ Friedrich Merz habe er nicht gewählt, der sei nicht offen für die Meinung von anderen. „Ich bin für die Mitte“, sagt Mahmoud. Damit meint er die Grünen.

Anna hat schon Schlimmeres erlebt

Anna parkt ihren SUV mit ukrainischem Kennzeichen. 2022 ist sie nach Deutschland geflohen, seit Kurzem betreibt sie ein Café in Charlottenburg. Das laufe gut, es kämen immer mehr Kunden. Bei 144 Euro hört die Anzeige an der Zapfsäule auf zu steigen. „So viel hab ich noch nie gezahlt“, sagt sie, es scheint sie nicht zu stören. Sie ist heute eine der wenigen, die nicht schimpft. Vielleicht, weil sie schon Dramatischeres erlebt hat als hohe Benzinpreise.

Hans-Joachim will den Preisdeckel

Hans-Joachim ist an diesem Nachmittag der einzige Lkw-Fahrer. Er ist 74 und Rentner, aber zu Hause sitzen will er nicht, also fährt er Lkw, manchmal auch fürs Verkehrsministerium. Er hat einen Rauschebart und trägt einen Pullover mit der französischen Aufschrift „le coq sportif“– „der sportliche Hahn“ – und ein freundliches Lächeln.

„Mir ist dit ejal, zahlt die Firma“, sagt er über die hohen Preise. Und über den Tankrabatt: „Politisch ist das ’n Witz. Das geht alles an die Mineralölkonzerne.“ Der Staat müsse die Preise deckeln wie in anderen Ländern. „Alles andere bringt nüscht.“

Hans-Joachim will nicht zuhause herumsitzen Foto: Steve Braun

Hayat fährt Fahrrad

Hayat wäscht sein Fahrzeug. Nicht seinen Golf, der steht zu Hause und „schläft“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Hayat wäscht sein Fahrrad. Er nimmt den Scheibenputzer und fährt damit immer wieder über den Rahmen seines Rads. Die Tankpreise seien verrückt, deshalb sei er jetzt immer mit dem Fahrrad unterwegs. Das sei gut für seine Muskeln, meint er und streicht sich über den Bauch. „Der Krieg muss enden“, sagt er noch, und fährt mit dem Fahrrad davon.

Der Polizist will Merz nicht mehr wählen

Zwei Muskelmänner sitzen vorne im VW Sharan. Das Funkgerät zwischen ihnen verrät sie: Zivilpolizei. Heute bewachen sie die Sudankonferenz, in den nächsten Tagen kümmern sie sich um die Neue Generation, die Straßenblockaden angekündigt hat. Einer der beiden erzählt, dass er die CDU gewählt hat. Aber das würde er nicht wieder tun, so wie der Kanzler über Minderheiten spreche.

Zivilpolizisten an der Aral Tankstelle Foto: Steve Braun

Sindy hat einen Traum

Sindy tankt ihren Mini jetzt immer nur noch halb voll – mal sehen, wie die Preise morgen sind. Sindy ist 39 und medizinische Fachangestellte. Sie macht Hausbesuche bei Patienten in ganz Brandenburg, dafür muss sie viel Auto fahren. Für jede Fahrt kriegt sie eine Pauschale, von der immer weniger übrig bleibt. Nebenbei arbeitet Sindy in einer Bar. Alles, um sich ihren Traum zu erfüllen: ein Haus in Italien. Noch zehn Jahre, dann ist es so weit, sagt sie.

Sindy tankt auch an der Aral Tankstelle Foto: Steve Braun

Vom Tankrabatt hat Sindy noch nicht gehört, ist aber skeptisch. „Ich vertrau der Regierung nicht“, sagt sie. „Davon profitiert doch wieder nur die obere Schicht.“

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