Künstliche Intelligenz: Macht in falschen Händen
Die Aufholjagd bei Künstlicher Intelligenz in Europa droht, die Fehler des Silicon Valleys zu wiederholen. Es braucht eine Alternative zu privaten Akteuren.
K ünstliche Intelligenz galt zunächst als bloßer Hoffnungsträger für ökonomischen Fortschritt. Inzwischen avanciert die KI zum universalen Heilsbringer, dem man ohne Zögern auch soziale Herausforderungen anvertraut, von steigenden Depressionszahlen bis zur Bekämpfung der Klimakrise. Laut Studien könne KI in den kommenden 15 Jahren das Wirtschaftswachstum jährlich um 0,8 Prozent steigern – bis zu 4,5 Billionen zusätzliche Wertschöpfung. Verständlich, dass Deutschland hier nicht den Anschluss verlieren möchte.
Wäre da nicht eine gewaltige Gewitterfront, die dunkel am Horizont aufzieht und droht, den Hoffnungen und Heilsversprechen das Licht zu nehmen: die Macht autoritärer, anti-demokratischer Kräfte in Person von Elon Musk, Peter Thiel und anderen. Dass nicht wenige der Tech-Eliten wegen ihres antidemokratischen Wirkens wirklich gefährlich sind, ist spätestens seit Musks offener Unterstützung für die AfD im vergangenen Bundestagswahlkampf weitgehend geteilter Konsens in Deutschland.
Vom Musk’schen DOGE-Feldzug, ausgeführt im Geist der Sillicon-Valley-Devise „move fast and break things“ über Peter Thiels großzügige Förderung des Vizepräsidenten J. D. Vance bis hin zu ihren offenen Sympathien für Curtis Yarvin. Problem erkannt, Problem gelöst? Wohl kaum. Die eigentliche Gefahr liegt im reflexhaften Nachahmen. Nachgeahmt werden dabei nicht nur digitale Infrastrukturen, sondern eine Geisteshaltung, die längst auch diesseits des Atlantiks Fuß gefasst hat.
Tempo wird zum Wert an sich, Macht wandert in technische Systeme und damit in die Hände privater Akteure. Zugleich verliert Rechtsstaatlichkeit im Namen eines verschlankten Staats an Gewicht. Man erinnere sich nur an die Aussage von Telekom-Chef Timotheus Höttges, Europa brauche ein „DOGE“.
Schießübungen und Hühnerschlachten
Ex-Silicon Valley Coderin Aya Jaff reflektiert in ihrem Buch „Broligarchie“ selbstkritisch ihre eigene Zeit als ‚Tech-Bro‘ im Silicon Valley und warnt heute vor den Ideologien in der Tech-Welt. Als junge Studentin mit einem Stipendium des Milliardärs Tim Draper ins Silicon Valley eingeladen fand sie sich in einer Art Survival-Kult wieder: Waffenübungen, Hühnerschlachten, ritualisierte Härtetests gehörten zum Start-up-Habitus. „Mehr maskuline Energie“, fordert Mark Zuckerberg.
Regulierungsdrang dürfte bei Tech-Bros wohl als Ausdruck blanker Impotenz gelten, als regelrechte Kastration möglicher Innovationsergüsse. Wer diese Szenen nur als schrillen Exzess überdrehter Tech-Machos abtut, übersieht ideologische Tendenzen, die weit tiefer reichen. So zeigt der Philosoph Rainer Mühlhoff in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“, wie sich in Tech-Ideologien schon länger faschistoide Potenziale und Haltungen herausbilden: eine Mischung aus antidemokratischer Härte, sozialdarwinistischem Leistungsfetisch und technologischem Solutionismus.
Dass die Tech-Ideologien mit dieser Vermengung besonders anschlussfähig für autoritäre, faschistoide Politik geworden sind, zeigt sich nach Mühlhoff an drei Merkmalen: Erstens an einem dezidiert antidemokratischen Wirken, das rechtsstaatliche Verfahren, Verwaltungsabläufe und parlamentarische Streitkultur gezielt untergräbt. Zweitens an einer Gewaltförmigkeit, die aus einer Lust an Zerstörung und einem hierarchischen und entmenschlichenden Menschenbild erwächst.
Fatale Schicksalsergebenheit
Das zeigt sich in politisch administrativen und physischen Übergriffen ebenso wie in Form von Doxxing, Trollkampagnen, Hassreden sowie Deepfakes. Und drittens in der gezielten Indienstnahme neuester Technologien, die von ihren Befürworter:innen als unvermeidliche Naturkräfte dargestellt werden. All dies ist nicht als historische Gleichsetzung zu verstehen, sondern als Weckruf für die Gegenwart.
Auf den ersten Blick scheint Europa gut gewappnet zu sein: Deutschland- und EuroStacks, der AI Act, die DSGVO, der Digital Market Act und Digital Services Act und nicht zuletzt die omnipräsente digitale Souveränität. Speziell die Dimensionen des EuroStack sind enorm: eine industriepolitische Initiative, die auf den Aufbau eigenständiger europäischer Infrastruktur für Chips, Cloud und Daten – und damit auch für KI – zielt.
Doch allein neueste Initiativen wie der digitale Omnibus, das Reformpaket der EU-Kommission, das nicht nur Digitalgesetzgebung vereinheitlicht, sondern wichtige Datenschutz- und Sicherheitsstandards abschwächt, ist Ausdruck des neuen Kurses hin zu einem weit geteilten Fortschritts- und Technikoptimismus. Nach der Isolierung der vermeintlichen US-amerikanischen Gefahr – Alt-Right-Politik und wahnsinnige Tech-Bros, wogegen hier europäische Werte und verlässliche Regulierung gelten – geht es jetzt darum, sich unbesorgt der eigenen technologischen KI-Aufholjagd zu widmen.
So hören wir, man komme an der Implementierung von künstlicher Intelligenz ohnehin nicht vorbei, Europa brauche mehr Start-up-Mentalität, könne sich mehr Regulierung schlicht nicht leisten, da man sonst im globalen Wettbewerb mit den USA und China zurückfalle. Kurzum, es brauche eine „Innovationsführerschaft“, wie Kanzler Friedrich Merz die Richtung vorgab.
KI beschleunigt antidemokratische Politik
Was als nüchterne Notwendigkeit präsentiert wird, ordnet politische Entscheidungen den vermeintlichen Sachzwängen des Wettbewerbs unter, erklärt technologische Entwicklungen für unvermeidlich und vertieft so bestehende staatliche Abhängigkeiten von unternehmerischer Macht. Auch in Deutschland ist KI Beschleuniger antidemokratischer Politik. Wie rasch staatliche Handlungsfähigkeit in Abhängigkeiten von privaten Infrastrukturen gerät, lässt sich am Einsatz der polizeilichen Analysesoftware Gotham der US-Firma Palantir in mehreren Bundesländern beobachten.
Zum Einsatz kommen prädiktive Analysesysteme zur automatisierten Zusammenführung großer Datenbestände, die Gegenstand von Verfassungsbeschwerden sind. Alternativlosigkeit als Argument – und das bei einer Überwachungssoftware für die Polizei. Damit dehnt sich nur der Datenhunger privater Tech-Unternehmen auf staatliche Institutionen aus, zugleich wird auch seit Jahrzehnten vorliegende Forschung zur prädiktiven Polizeiarbeit ignoriert, die zeigt, dass die strukturelle Diskriminierung marginalisierter Gruppen in solchen Systemen kein Bug ist.
Der Schweiz war die Gier nach Daten zu gefährlich. Für deutsche Sicherheitsbehörden ist es das offenbar nicht. Der verbreitete Investor:innensprech, der Maschinen Intelligenz, Autonomie oder gar Kreativität zuschreibt und KI als kommende Superintelligenz imaginiert, verdeckt, womit wir es tatsächlich zu tun haben.
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Demgegenüber eröffnet eine Betrachtung von KI als soziotechnisches Machtgefüge die Möglichkeit, ihre tiefe Verstrickung in bestehende soziale Praktiken, institutionelle Arrangements, ökonomische Interessen und politische Narrative sichtbar zu machen. Diese Perspektive reicht weiter als die im kapitalistischen Rausch produzierten Science-Fiction-Erzählungen der Big-Tech-Konzerne. KI erscheint hier weniger als quasi göttliche Naturgewalt denn als politisches Projekt.
Verführerischer Tech-Solutionismus
Darin wird durch Machine-Learning-Verfahren erzeugtes prädiktives Wissen eingesetzt, um gesellschaftliche Ungewissheit in Scores und Risikoprofile zu übersetzen. Als „Menschensortiermaschine“, wie es Mühlhoff nennt, extrahiert KI aus kontextunabhängig angehäuften Daten korrelative Muster, um Wahrscheinlichkeitsaussagen zur Anwendung scharfzustellen. Auf Einzelne bezogen sind dies Bewertungen darüber, wer Kredit erhält, wer als zu risikoreich gilt oder wie über den Zugang zu Jobs und Sozialleistungen mitentschieden wird.
Zugleich rücken die materiellen Bedingungen in den Blick: massive Datenextraktion, ausbeuterische Klick- und Labelarbeit im Globalen Süden, energiehungrige Rechenzentren, globale Lieferketten, ein enormer Verbrauch von Wasser, der Abbau seltener Erden sowie die fortlaufende Einbindung unserer eigenen kognitiven Leistungen über unsere Endgeräte. In den Händen weniger Tech-Konzerne reicht es daher nicht, wenn diese künftig europäisch statt US-amerikanisch firmieren.
Solange regulatorische Schutzmechanismen aufgeweicht und politische Gestaltungsspielräume zugunsten privatwirtschaftlicher Akteure verschoben werden, bleibt das Kräfteverhältnis unverändert – und nährt den bereits jetzt drohenden privatwirtschaftlichen Leviathan weiter. Wo KI als politisches Projekt in bestehende Macht- und Marktlogiken eingebettet ist, geht ihre Ausweitung häufig mit einer Verschiebung von Entscheidungsmacht hin zu privatwirtschaftlichen Akteuren einher, getragen von einer Tech-Kultur, die Geschwindigkeit, Skalierung und technische Machbarkeit über demokratische Aushandlung stellt.
Am gravierendsten zeigt sich dies dort, wo KI für soziale Probleme in Stellung gebracht wird: als vermeintlich neutrale Lösung, der man reflexhaft folgt, sobald man sich vom Tech-Solutionismus verführen lässt. Gerade deswegen braucht es eine grundlegende Skepsis gegenüber Tech-Lösung für soziale Probleme. Wem nützt es, wenn komplexe politische Konflikte in schnelle Maßnahmen übersetzt werden, die reduzieren, vereinfachen, pauschalisieren?
Wo Ressourcenknappheit, Ungleichheit oder institutionelle Schieflagen als Rechenprobleme erscheinen, stabilisieren Prognosen und Scores bestehende Verhältnisse, statt sie zu verändern. Anstelle einer überstürzten KI-Aufholjagd lohnt sich daher die Erinnerung an ein Prinzip des Datenschutzpioniers Wilhelm Steinmüller: Technik muss sozial beherrschbar sein, demnach gestaltbar, begrenzbar und demokratisch verantwortet.
In einer Zeit, in der autoritäre und faschistische Tendenzen erstarken und technokratische Lösungen für soziale Probleme an Attraktivität gewinnen, liegt die historische Chance darin, einen eigenständigen Weg zu wählen: KI nicht entlang bestehender Macht- und Marktlogiken und jener dominanten Tech-Kultur zu imitieren, sondern als gesellschaftliches Projekt zu begreifen, über deren Zwecke, Grenzen, Einsatz – oder auch Abschaffung – demokratisch verfügt werden muss.
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