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40 Jahre TschornobylAtomkraft? Immer wieder: Nein, danke

Susanne Schwarz

Kommentar von

Susanne Schwarz

Konservative Po­li­ti­ke­r*in­nen lassen die Zombie-Debatte um Atomkraft in Deutschland immer wieder aufleben – eine schlechte Idee.

Die Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern um das havarierte Atomkraftwerk in Tschornoby bleibt für Jahrtausende unbewohnbar Foto: Kirill Chubotin/imago

K rass: Im Jahr 2025 wurden in Deutschland fast 3.000 erlegte Wildschweine wegen überhöhter Strahlenbelastung vernichtet. Sie fressen sehr viele Waldpilze, die nach wie vor mit Cäsium-137 belastet sind. Das berichtete die Bild am Samstag unter Berufung auf das Bundesverwaltungsamt. Die Ursache: der Super-GAU von Tschornobyl (russisch Tschernobyl), der jetzt fast auf den Tag genau 40 Jahre her ist.

Grafische Darstellung eines AKW-Kühlturms, aus dem eine Wolke mit einem Radioaktivitätssymbol kommt.
40 Jahre nach dem Super-GAU in Tschornobyl

Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.

Am 26. April 1986 explodierte der Kernreaktor im Block 4 des Atomkraftwerks Tschornobyl auf ukrainischem Gebiet, damals in der Sowjetunion. Es ist der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Atomkraftnutzung. Die Folgen dauern an. Das zeigt sich vor Ort, eine Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern um den havarierten Block bleibt für Jahrtausende unbewohnbar. Aber es laufen eben auch verstrahlte Wildschweine durch den Bayerischen Wald. Fast 2.000 Kilometer vom Ort des Super-GAU entfernt.

Das macht es absolut unverständlich, dass vor allem Uni­ons­po­li­ti­ke­r*in­nen zu jeder sich bietenden Gelegenheit den deutschen Atomausstieg infrage stellen. Zum Beispiel vor ein paar Tagen der Fraktionschef der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn. Er könne sich vorstellen, deutsche Atomkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen, sagte der CDU-Politiker am Rande eines sogenannten Innovationskongresses der Fraktion.

Dagegen spricht vieles: AKWs sind zwar emissionsarm (nicht emissionsfrei!), neue Anlagen sind aber extrem teuer und ihr Bau dauert lange. Nicht einmal die großen Energiekonzerne sprechen davon. Sie wollen auch nichts von der Wiederinbetriebnahme ihrer abgeschalteten AKWs wissen.

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Natürlich, anderswo stecken Staaten Unsummen an Steuergeld in die Atomkraft, auch in neue AKWs. Die weltweite Atomstromproduktion erreichte 2024 sogar den bisher höchsten Stand, allerdings nur in absoluten Zahlen. Gleichzeitig sank der Anteil der Atomkraft am globalen Strommix auf 9 Prozent – weil die erneuerbaren Energien viel schneller wachsen.

Logisch: Windräder und Solaranlagen sind in den vergangenen Jahrzehnten immer billiger geworden. Sie produzieren keinen radioaktiven Müll, um den sich nachfolgende Generationen noch Hunderttausende Jahre sorgen müssten. Und von ihnen geht im Falle von Unfällen oder auch bei kriegerischen Angriffen keine weltweite Gefahr aus. Deshalb setzte sich die wieder erstarkende Klimabewegung in Deutschland auch vor allem für Wind- und Solarkraft ein – und nur in einer kleinen Minderheit für AKWs.

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Susanne Schwarz
Leiterin wirtschaft+umwelt
Jahrgang 1991, leitet das Ressort Wirtschaft + Umwelt und schreibt dort vor allem über die Klimakrise. Hat ansonsten das Online-Magazin klimareporter° mitgegründet.
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13 Kommentare

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  • Atomkraft hat sich nie gerechnet, wird sich wohl auch nie mehr rechnen, wird aber leider gerne immer wieder schön gerechnet. Neuerdings komischerweise auch durch monothematisch fokussierte Umweltaktivisten. Über die grundsätzlichen Gefahren und die endlos ungelöste Endlagerproblematik braucht man da eigentlich schon gar nicht mehr diskutieren.

  • Das Geschäftsmodell der Atomindustrie ist eben einfach ein sehr attraktives, also halt für die Industrie selber. Ihr Versprechen lautete schon immer angeblich saubere und angeblich billige Energie. Damit ließ sie sich dann den Einstieg in diese Technologie subventionieren und auch den Betrieb und natürlich ließ man sich auch nur mit Subventionen zum Ausstieg bewegen, dann immerhin drohte ja der Verlust bereits sicher geglaubter Subventionen. Und auch die Entsorgung des Atommülls zu der man ja verpflichtet war konnte man sich subventionieren lassen. Man entsorgte ihn kurzerhand in eine Zweckgesellschaft, die dann kurz drauf insolvent war. War ja schließlich auch ihr Zweck.



    Bislang so erbeutetet Steuergelder: 287 Mrd. oder anders ausgedrückt 10 mal Cum-Ex. Klar wollen die weitermachen. Nun halt mit angeblich neuen SMRs, deren Konzepte meist genauso alt sind wie die exakt selben Märchen die die Atomlobby seit 70 Jahren erzählt.

  • Solange die Sonne-und-Wind-Fans nicht die Frage beantworten können, wie sie mit Sonne und Wind die Residuallast abdecken können (und sie mit Wärmepumpen und E-Autos noch in die Höhe treiben) - solange ist die "Zombie-Debatte" leider kein Zombie, sondern logische Konsequenz.

  • Atomkraftbefürworter gibt es in allen politischen Richtungen, außer bei den Grünen. Oder empfinden sie Greta Thunberg als "rechts"? Immerhin ist sie eher für Atomkraft als für Kohle.

  • Genau einen Grund für Atomreaktoren gibt es: Material für eine Bombe erbrüten. Der haben wir entsagt.

    Ansonsten ist es dreckig, teuer, hyperzentral-starr und ein ewiges Sicherheitsrisiko durch Betrieb, Abfall mit oder ohne Terroristen. Also noch mal teurer.

    Wer das aufbringt, hat entweder Abschiedstrauerprobleme oder will seine Konzeptlosigkeit und Faulheit bei Energie bemänteln.

  • Atomkraftwerk ist keine gute Option, insofern ist die Frage (meine Frage) etwas am Thema vorbei. Wie schaffen wir es genug Strom aus Erneuerbaren Energien bereitzustellen? Wenn der Bedarf weiter wächst für Mobilität, Heizen, KI... KI ist ja schon viel im Einsatz, vielleicht kommt da gar nicht mehr dieser horrende Bedarf dazu, der immer prognostiziert wird...? Doch, der Bedarf steigt auch in diesem Bereich.



    Heute decken wir erst ca 60% des Bedarfs mit Erneuerbaren. Also noch viel mehr Windräder? Speicherkapazitäten für windarme Zeiten gibt es viel zu wenige, da tut sich auch gefühlt zu wenig. Gleichzeitig müssen Windräder bei Überproduktion abgeschaltet werden.



    Punkte, die den Atomkraftbefürwortenden Futter geben. Einfache Lösungen gibt es nicht.

  • Atomkraft ist neben dem Gefahrenpotenzial unrentabel. Das sagt unter Anderen der Aufsichtsratschef von Siemens Energy.

  • Klar, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht ausreicht, singen und tanzen wir und kaufen Strom aus dem Ausland. Egal wie der produziert wurde. Peinlich!

  • Sofern es sich in Deutschland ausschließlich um "konservative Politiker " handeln sollte, die die Vorteile von AKWn erfasst haben, dann haben deutsche "konservative Politiker " in diesem Punkt der Energiepolitik eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit mit praktisch allen konservativen und nicht konservativen, insbesondere grünen PolitikerInnen zahlreicher ausländischer Staaten. Die deutschen Grünen stehen mit ihrer technologisch, ökologisch und wirtschaftspolitischen irrationalen Haltung ggü. Kernkraft international betrachtet auf einer einsamen Insel.

  • Ja es ist ne Zombiedebatte. Aber irgendwie muß man seine verblendeten Wähler, die immer noch den Blütenträumen aus den 60ern, von der sicheren und sauberen Energie nachhängen, bei Laune halten.







    Und zu den angeblich absolut sicheren SMRs, folgende interessante Meldung:







    www.heise.de/news/...erke-11218356.html







    ..in dem sich der folgende Satz findet: "Sollte zu einem Unfall kommen, dann soll die Strahlung dort unten bleiben und kann dort eingeschlossen werden".

    Das ist doch mal hübsch, wenn sogar die Startups der angeblich absolut sicheren Mini AKWs schon vorab mit Strahlungsunfällen rechnen.







    Gott sei Dank sind AKWs hier zu Lande der berühmte Totgeritten Gaul...und Spahn ist mal wieder mit billigstem Populismus aufgefallen.

    Super Hr. Spahn.

  • Konservative Po­li­ti­ke­r*in­nen lassen die Zombie-Debatte um Atomkraft in Deutschland immer wieder aufleben ...



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    Lassen wir die doch mal Spielen!



    - Bauantrag



    - Entsorgungsnachweis für die Reste



    - Versicherung



    und dann Nachweis der privaten Finanzierung von Planung, Bau, Betrieb & Rückbau nach der "Laufzeit"!



    Btw. Ich schätze mal, eher erfinden wir "die Aufhebung der Gravitation", stellen "Fusionskraftwerke in Serie" her!

  • Kein Energieträger ist so risikoreich, so teuer und so pseudo-nützlich wie die Kernenergie. In Wirklichkeit sollte Deutschland mit voller Kraft auf die anderen Energieträger setzen und dafür sorgen, dass Sonne, Wind und Wasser das schaffen, was die Kernenergie nur mit Not und viel Geld und vielen Risiken vermochte. Wenn man die Dämmlichkeit der politischen Elite auf einen Punkt bringen will, dann Alice Weidel von der AfD zur Kernenergie: Diese Partei will das um jeden Preis und zeigt damit, wie wenig die verstanden haben, wahrscheinlich nicht mal verstehen können. Aber das Verrückte kommt dann ja noch, die AfD will diese Wende zur Kernenergie ja nicht alleine.



    Ich kann nur sagen: Dümmer geht's nimmer.

  • Unfall Tschernobyl 1986:



    " In einem Interview mit der Tagesschau versicherte der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung „absolut auszuschließen“ sei und es keinen Grund zum Handeln gebe. Er betonte, dass eine Gefahr nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor bestehe."