piwik no script img

Entkriminalisierung von SchwarzfahrenU-Bahnfahren muss billiger werden

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Wäre der ÖPNV nicht so teuer, würden weniger Menschen ohne Ticket fahren. Warum geht in Deutschland nicht, was andere Länder längst praktizieren?

Nicht jeder kann sich ein gültiges Ticket für die BVG leisten Foto: dts/imago

E in Einzelfahrschein in Berlin kostet mittlerweile 4 Euro. Ja, richtig gelesen: 4 Euro! Egal, ob man U-Bahn oder S-Bahn, Bus oder Straßenbahn fährt. Fährt man nur vier Stationen, kostet eine Station mit der Bahn einen Euro. Die spinnt ja wohl, die BVG!

Die ganz Schlauen kommen jetzt sicher wieder mit ihrem Standardargument: Wenn du ein Viererticket kaufst oder eine Monatskarte oder das Deutschlandticket, wird es billiger. Stimmt, aber wenn man nichts davon braucht, ist es eben teuer. Viel zu teuer! Da wundert es nicht, dass (nicht nur finanziell schwächere) Menschen das Schwarzfahren zu ihrer persönlichen Challenge machen: Sie halten auf dem Bahnsteig nach den Kontrolleuren Ausschau, die Ex­per­t:in­nen unter den ticketlos Fahrenden erkennen die Kontrollettis rasch.

Die stehen in Dreier- oder Vierertrupps auf dem Bahnsteig, quatschen belangloses Zeug, und verteilen sich, nachdem sie gemeinsam in einen Waggon gestiegen sind, im gesamten Abteil. Außerdem haben sie unförmige Taschen vor dem Bauch. In der Bahn sind professionellen Schwarz­fah­re­r:in­nen in steter Habachtstellung, insbesondere an den Haltestellen, dann springen sie – siehe oben – noch rasch raus.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Wäre das Einzelticket nicht überteuert, gäbe es weniger Schwarz­fah­re­r:in­nen – zumindest unter den nicht ganz Armen, ganz sicher! Selbst in New York zahlt man für die Subway 2,50 Dollar, in Luxemburg, Malta, der estnischen Hauptstadt Tallinn und im französischen Dunkerque fährt man kostenlos. In Melbourne in Australien kostet die Straßenbahn in der Innenstadt nichts. Der Autoverkehr in Melbourne hat sich dadurch reduziert, die ÖPNV-Nutzung hingegen verdoppelt.

Warum geht das nicht in Berlin und in anderen deutschen Großstädten? In Monheim, Erlangen und Augsburg versucht man es immerhin. In Tübingen fahren die Menschen am Samstag kostenfrei. Würde sich ein kostenfreier, zumindest aber ein günstiger ÖPNV bundesweit durchsetzen, würde sich das Land all die Verfahren gegen und Gefängniskosten für Schwarz­fah­re­r:in­nen sparen. Und auch die Debatten darum sowieso.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Malta schon kostenlos? Fein. Das fand ich schon vor über 20 Jahren erfrischend unkompliziert - beim Busfahrer stand eine leere Zigarrenkiste. Dort warf man im Vorbeigehen 25ct rein, Ticketkauf erledigt.

    Erstaunlich, dass die Modellprojekte gerade in relativ kleinen Großstädten stattfinden. Ich fand München als Besucher immer recht günstig, da das Verkehrsnetz eine riesige Fläche abdeckt. Im Vergleich dazu sind kleine Metropolen wie Koblenz empfindlich teuer, wiel es außerhalb des überschaubaren Stadtgebiets gleich in kleine Dörfchen übergeht.