piwik no script img

Sexualisierte GewaltLässt sich mit Tätern reden?

Gegen ihren Willen wurde unsere Autorin beim Sex gewürgt. Erst will sie den Täter anprangern. Dann entscheidet sie sich für eine Mediation.

Um Männer, die Gewalt ausüben, nicht damit durchkommen zu lassen, braucht es Konfrontation und das Einfordern von Gerechtigkeit Illustration: Afry Harvy/getty images

Was war das Schönste und was war das Schlimmste letztes Jahr? Die Frage kommt von einer Freundin, wir sitzen bei mir zu Hause auf der Couch. Ich ziehe meine Beine ran, denn der Boden ist kalt. Soll ich ehrlich antworten oder wäre das zu krass? Ich weiß die Antwort, ich muss nicht überlegen. Das Schlimmste war, als mich ein Typ, der sich als Feminist gibt, der seine Fingernägel lackiert und all die richtigen Slides bei Instagram teilt, beim Sex gewürgt hat.

Ist das schlimm genug? Ich spreche direkt weiter, um mich zu erklären: Das Schlimmste war, dass ich dann wieder in Therapie musste. Ich nicht klar kam. Mich trotzdem immer noch manchmal frage, ob ich einen zu großen Aufriss darum mache. Dass jetzt eine Mediation mit genau diesem Typen ansteht und das einfach alles komplett scheiße war, also diese Situation, das, was da war, im Bett, in meinem Bett; es mich wütend und gefühllos gleichermaßen gemacht hat. Und dass es so vielen passiert, nicht nur mir. Jeder dritten Frau wird körperliche oder sexualisierte Gewalt angetan, mindestens einmal im Leben. Es sprudelt jetzt doch alles aus mir heraus.

Denn seitdem lässt mich die Situation nicht mehr los. Es war nicht der erste Übergriff in meinem Leben, aber der, der mir im Kopf hängt, der ungelöst ist. Noch. An dem ich selbst erlebt habe, dass „Performative Male Feminists“, also Männer, die ihren Feminismus öffentlich zur Schau stellen, mehr sind als ein Scherz in den sozialen Medien. Denn sie üben mitunter Gewalt aus, richtige, echte Gewalt. In meinem Fall sexualisierte Gewalt. Ich bin so unendlich sauer, wenn ich an den Satz denke, den mir der Täter nach dem Sex sagte: „Ich frage sonst immer, ehrlich.“

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Am Anfang wollte ich Rache. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, ihn outzucallen, ihn öffentlich bloßzustellen. Aber die Rachegefühle haben mich noch kaputter und hilfloser gemacht.

Wir gingen zusammen in die Sauna, schickten uns Sprachnachrichten

An Polizei habe ich gar nicht gedacht. Hätte ich ja auch tun können, klar. Ich habe es, zumindest anfangs, gar nicht für wichtig genug erachtet damit irgendwen zu behelligen. Später habe ich dann an mich gedacht und daran, welche Erfahrungen ich wahrscheinlich im Falle einer Anzeige mache. Erfahrungen, die viele Betroffene vor mir gemacht haben: Erlebtes wird in Frage gestellt, juristische Folgen gibt es wahrscheinlich keine.

Also habe ich mich für einen anderen Weg entschieden. Einen konstruktiven Weg, einen, der Resozialisierung und nachhaltige Fehlerkultur mitdenkt. Ich kann dennoch jede Person sehr, sehr gut verstehen, die sich für einen anderen Weg entscheidet. Aber für mich war es der richtige.

Von diesem Abend im Januar, an dem mich ein Mann gewürgt hat, mehrmals, beim Sex, ohne dass ich das im Entferntesten wollte, bis zur Mediation verging exakt ein Jahr. Fast taggenau. Davor kannten wir uns vier, fünf Jahre. Wir gingen zusammen essen, in die Sauna, schrieben uns, likten Bilder, schickten uns Memes, hörten Sprachnachrichten voneinander an.

Ich hatte einen Fan, so kann man es wohl ausdrücken. Der mich bewunderte, der vor Aufregung stotterte, wenn wir uns gesehen haben. Der immer auf mich wartete – oder, anders: abwartete, mit mir zu schlafen. Und als ich den Sex dann zugelassen habe, weil ich Lust darauf hatte, nach so vielen Jahren, hat er mir seine Macht demonstriert.

Mit Gewalt, mit hartem Sex, den ich nicht wollte; mit Würgen, mit Nichtloslassen. Der Gedanke, ich hätte es vielleicht provoziert, nicht besser verdient, kriecht noch manchmal in mir hoch. Diese Gedanken sind da, ich kann sie beschreiben. Genau das hilft mir, sie zu dekonstruieren.

Es ist der 25. Januar und es klingelt an der Tür, ich tippe auf das Schlüsselsymbol der Schließanlage: Summen, die Haustür knackt auf, Schritte auf der Treppe. Ich öffne, er kommt rein, steht im Flur, ist ein bisschen nervös. Alles war nett, gefällig, dezent-schlicht an diesem Abend. Wir waren verabredet für Sex. Ein Sex-Date. Ein Teil von mir schämt sich, wenn ich das so sage. Das kommt automatisch, ohne dass ich das will, denn da gibt es eigentlich nichts, für das ich mich schämen müsste.

Er ist in einer offenen Beziehung, hat zwei Kinder, zwei Töchter. Wir unterhalten uns, trinken Sekt. Girlfriend-Sex hatten wir ausgemacht, schon vorher. Er fragt mich am Küchentisch, ob er mich küssen darf. Er sitzt mir gegenüber, schaut mich ahnungsvoll an. Ich sage ja. Er steht auf, beugt sich über mich und wir küssen uns. Wir gehen in mein Schlafzimmer.

Und ab da wird es – weird. Eben, als es um den ersten Kuss ging, hat er mich ja noch nach meinem Einverständnis gefragt. Dann versucht er sich plötzlich in Dirty Talk. Ich will ihn nicht bloßstellen, deshalb kommentiere ich es nicht. Dabei gefallen mir seine Worte nicht, ich finde sie unangemessen, aber ich sage nichts. Ich kann meine Grenzen schon in dieser Sekunde offenbar nicht richtig artikulieren. Kenne keinen galanten Weg, zu sagen, was mir nicht gefällt.

Dann wird es unübersichtlich. Aber irgendwann liegt er über mir und würgt mich. Ich möchte nicht gewürgt werden, auf keinen Fall. Ich rüttele an seinem Arm, er lässt von mir ab – nur um mich kurz darauf wieder zu würgen, dieses Mal noch fester und länger. Ich erstarre, das alles soll aufhören. Mir wird schlecht, mir wird eiskalt. Ich lüge, dass ich wohl meine Tage bekomme. Wir hören auf. Er soll gehen, ich halte ihn nicht mehr aus. Ich warte, bis er sich anzieht und gehen will.

Sein Geruch hängt in der Wohnung und mir ist kotzübel

An der Tür sage ich ihm, ein bisschen lachend: Hey, wenn es nochmal dazu kommen sollte, dass wir Sex haben – ich möchte nicht gewürgt werden. Er sagt mir: „Scheiße, sorry, ich frage sonst immer, ehrlich.“ Dumm gelaufen sei das, sorry sorry, ah, tut mir ehrlich leid, fuck. Ich will ihm das schlechte Gewissen erleichtern, damit wieder Harmonie herrscht und er endlich geht, deshalb sage ich, es sei alles okay. Ja, alles gut, bis ganz bald, ciao.

Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Ich nehme unsere Gläser und kippe die Sektreste in der Spüle aus, reiße alle Fenster auf. Sein Geruch hängt in der Wohnung und mir ist kotzübel. Ich dusche mir seinen Speichel weg. Egal wie sehr ich das heiße Wasser aufdrehe, mir ist trotzdem kalt. Ich rauche eine Zigarette auf dem Balkon und lege mich ins Bett. Ich habe nicht die Kraft, es frisch zu beziehen, bin leer, schwach und apathisch, schlafe die ganze Nacht kaum.

Am nächsten Tag kann ich nicht zur Arbeit gehen, habe Schüttelfrost. Stattdessen liege ich im Bett, schwer und appetitlos. Ich suche bei Google nach Begriffen wie „unconsensual Würgen, choking“. Das Smartphone ist dicht vor meinem Gesicht, ich liege auf der Seite und mir laufen die Tränen ins Kissen. Ich werde fündig.

Ein Artikel beim Standard titelt: „Wenn der Sex ungewollt gewaltvoll wird“. Die darin beschriebene erste Szene, das ist genau wie bei mir: „Der nette Typ wird im Bett plötzlich übergriffig.“ Jetzt habe ich etwas in der Hand, um ihn nochmal damit zu konfrontieren, was passiert ist.

Ich fühle mich bestärkt, ihm zu schreiben, wie es mir geht. Nämlich schlecht. Und das tue ich auch. Mit dem Zusatz: Damit ist es für mich erledigt, ich möchte keine Antwort mehr hierzu. Ich archiviere den Chat und habe für einige Minuten das Gefühl, es ist damit erledigt.

Ist es nur leider nicht, es ist nicht erledigt. Er schickt Sprachnachrichten, seine Frau hätte ihm „den Kopf gewaschen“ als er nach Hause kam, es täte ihm wirklich sehr leid. Wenn ich nochmal über die Sache reden wolle, solle ich mich melden. Er sagt, er hätte nicht mit mir schlafen sollen, das sei ein Fehler gewesen, er hätte „selbstvergessen“ gehandelt. Immer wieder: Es tue ihm leid. Alles gut, ist vorbei und fertig, schreibe ich ihm.

Ich stelle mir vor, wie ich ihn bei Instagram outcalle

Ich werde mich sicher nicht melden, denke ich. Wieso auch? Kann man jetzt eh nicht mehr ändern und es war nur Würgen, nichts Schlimmeres. Er wollte das gar nicht; er dachte, er müsse so performen, er ist harten Sex gewohnt. Er fragt sonst immer. Ich will es abhaken, rede es mir so schön es eben geht.

Aber ich werde im Laufe des Jahres wütend. Immer wütender. So wütend, dass ich Rachefantasien bekomme. Ich stelle mir vor, wie ich bei Instagram schreibe, was passiert ist, seinen Namen nenne. Der Feminist, der linke, kinky, coole Typ – der Frauen würgt, herabwürdigt, hasst, sie verletzen und traumatisieren will, das Arschloch. Die Folge: überall Hausverbot, das stelle ich mir vor. Werde unfair, übertreibe. Ich will ihm Angst machen. Und bekomme ein schlechtes Gewissen.

Outcallen ist für mich die ultimative Bestrafung. Die komplette soziale Ächtung. Für mich ist es das einzige Druckmittel, das ihm wirklich weh tun könnte. Ich weiß aber auch, dass ich es nicht tun werde. Das macht mich irgendwie hilflos. Ich will es allen erzählen, aber eben dann doch nicht allen-allen, im Internet. Meine Therapeutin rät mir, dem Täter eine Mediation vorzuschlagen, statt einen Outcall zu posten. Den Übergriff nicht alleine aufzuarbeiten.

Ich solle mich fragen, was ich brauche, um die negativen Gefühle gehen zu lassen. Eine Entschuldigung? Einen Täter-Opfer-Ausgleich? Dass er bestraft wird, dafür, dass ich noch Monate später daran denken muss, dass er mich gewürgt hat? Was will ich? Ich weiß es nicht.

Einige der Vorschläge, die meine Therapeutin erwähnt, werden auch unter Oberbegriffen wie „Transformative Gerechtigkeit“ diskutiert. Ein Konzept, das vor allem von Frauen, nichtbinären und trans People of Color in den USA entwickelt wurde. Es geht dabei nicht nur um Selbstjustiz jenseits staatlicher Strukturen. Sondern darum, Betroffenen weitere Alternativen aufzuzeigen, wie es zu Gerechtigkeit kommen kann.

Natürlich eignet sich eine Mediation mit dem Täter nicht für alle Formen von Gewalt. Natürlich kann Selbstjustiz auch gefährlich sein. Aber mich stärkt, dass es um die Frage geht, was ich selbst brauche.

Als ich nach meiner Therapiesitzung die Treppe heruntergehe, tippe ich in mein Handy und frage ihn, ob er eine Mediation machen würde. Die Antwort kommt in wenigen Minuten. Er will das gerne und schickt mir Vorschläge für Menschen, die als Profis dafür geeignet wären. Ich bin irgendwie sauer, dass er sich richtig verhält.

Ich möchte nicht mehr daran denken

Via Zoom treffe ich die zwei Mediatorinnen, die den Fall letztlich übernehmen. Sie stellen sich mit ihren Pronomen vor, fragen nach meinen und wie es mir geht. Unter dem Schreibtisch drücke ich jeden einzelnen Finger nacheinander in meine Handballen und knete immer wieder meine Knie. Gut, dass man das durch die Laptop-Kamera nicht sieht.

Ich sage ihnen, dass mir dieser Termin wichtig ist, dass ich aufgeregt bin. Der Täter hat ihnen den Fall vorab geschildert. Sie trauen sich zu, ein Treffen zwischen ihm und mir zu moderieren. Vorher besprechen wir, was mein Wunsch für die Mediation ist. Ich sage immer wieder, bestimmt vier, fünf Mal: Ich möchte nicht mehr daran denken, ich möchte es gehen lassen. Genauer: Ich möchte keine Rachefantasien mehr haben.

Ich hatte auch daran gedacht, eine Art Schmerzensgeld zu fordern, für mich, ehrlicherweise. Das kam mir aber am Ende nicht richtig vor

Und ich möchte einen Täter-Opfer-Ausgleich in Form einer Spende an einen Verein, der sich für Opfer sexualisierter Gewalt engagiert. Ich hatte auch daran gedacht, eine Art Schmerzensgeld zu fordern, für mich, ehrlicherweise. Das kam mir aber am Ende nicht richtig vor. Ich will kein Geld von ihm. Eine angemessen hohe Spende soll er machen, dann ist es weg aus meinem Kopf. Fertig. Ganz sicher. Hoffentlich.

Ich weiß jetzt, dass das, was mir passiert ist, nicht egal ist

Mit diesem Plan gehe ich hin, zur Mediation. Er sitzt schon drin, im Raum, so haben wir das ausgemacht. Als ich die Tür öffne, sehe ich wie er die Beine überschlagen hat, silberne große Ohrringe blitzen in meinem Augenwinkel auf. Ich betrete den Raum und schaue ihn dabei nicht an. Mein Herz klopft, ich habe Angst. Es gibt einen Raum, in den ich mich zurückziehen dürfte, wenn es mir zu viel wird.

Wir reden, fast eine Stunde lang. Ich konfrontiere ihn mit meiner These, dass ihn der Thrill des Überschreitens von Grenzen geil gemacht hat. Dass er das Prinzip von Consent, also Einverständnis, versteht, aber sich nicht daran hält. Er verneint das. Beteuert, wie leid es ihm täte. Und überweist das, was ich fordere, noch während des Gesprächs. Ich habe gewonnen, denke ich mir. Oder zumindest etwas zurückgewonnen. Und zwar die Gewissheit, dass das, was mir passiert ist, nicht egal ist.

Als ich angefangen habe, diesen Text zu schreiben, habe ich mir vorgestellt, wie der Täter ihn liest. Daran denke ich jetzt nicht mehr. Ich denke an andere Betroffene, die das lesen und das alles vielleicht auch schon gefühlt haben, fühlen mussten. Das ist kein How-To, das sich einfach als Rezept übertragen lässt. Aber ich habe diese Geschichte, diese hässliche, reale, und auch versöhnliche Geschichte konserviert. Und meinen Weg festgehalten. No feeling is final. Ich bin nicht mehr wütend, nicht mehr aufgewühlt. Es ist vorbei, endlich.

Täter können durch das Übernehmen von Verantwortung unter Beweis stellen, ob sie wirklich die Feministen sind, die sie vorgeben, zu sein. Dafür braucht es mehr als Nagellack oder die Frage „Darf ich dich küssen?“. Denn so leicht lassen sich Patriarchat, Porno-Sozialisation und toxische Männlichkeit nicht aushebeln. Um Männer, die Gewalt ausüben, nicht damit durchkommen zu lassen, braucht es die Konfrontation und das Einfordern von Gerechtigkeit. Immer wieder, immer noch.

Diesen Text hat die Autorin unter Pseudonym geschrieben. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare