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Autorin Schick über Reproduktionsrechte„Du wirst zu einer Hülle degradiert“

Die Autorin Sibel Schick setzt sich in ihrem neuen Buch für reproduktive Gerechtigkeit ein. Wieso kommen wir in Deutschland nicht voran?

Reproduktionsrecht müssen weiter gefasst werden, denn Frauen werden auf allen Ebenen allein gelassen Foto: Thorsten Wagner/imago
Sarah Ulrich

Interview von

Sarah Ulrich

taz: Sibel, du beginnst dein Buch mit einer Widmung an Adriana Smith, eine Frau, die trotz des Hirntods, wie du schreibst „nicht in Würde sterben durfte, weil sie schwanger war“. Was hat dich an diesem Fall beschäftigt?

Sibel Schick: Der Fall Adriana Smith hat klar gezeigt, dass dein Körper vor allem die Funktion des Gebärens, des Austragens, der Reproduktion erfüllen soll. Und dass alles andere, alle philosophischen Fragen, die ebenso zum Leben gehören, darin ausgeklammert werden. Die Familie wurde nicht mal gefragt, Smith durfte einfach nicht sterben. Und dieses Nicht-sterben-Dürfen ist der ultimative Eingriff in das Leben. Es ist so schlimm, dass diese Art von Ausbeutung selbst nach deinem Tod nicht aufhört. Du wirst zu einer Hülle degradiert. Im Fall von Adriana Smith ist das ja auch deshalb so brutal, weil sie an den Komplikationen ihrer Schwangerschaft gestorben ist, die, während sie noch gelebt hat, gar nicht ernst genommen worden waren. Sie hätte gerettet werden können, aber ihr Leben hat nicht gezählt.

Bild: Cihan Çakmak
Im Interview: Sibel Schick

kam 1985 in Antalya, Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie arbeitet als Autorin und Journalistin. Ihre Texte erschienen bisher u. a. in der taz, im „nd“, in den „an.schlägen“ und im „Missy Magazine“. Zuletzt veröffentlichte sie ihr neues Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ beim Verlag S. Fischer.

taz: Du kritisierst auch feministische Slogans wie „mein Körper, meine Entscheidung“ als verkürzt, weil es bei dem Begriff der reproduktiven Selbstbestimmung um mehr gehe als um Schwangerschaftsabbrüche.

Schick: Es ist sehr catchy zu sagen: „My body, my choice.“ Und zuerst einmal klingt das ja auch schlüssig, aber es ist mir wichtig, über die ganzen anderen Zusammenhänge, die genauso wichtig sind, nachzudenken. Wenn sich ein Mensch für ein Kind entscheidet, entscheidet man sich doch nicht für die Armut oder Einsamkeit, in der sich viele Eltern aber wiederfinden. Oder wenn man sich eigentlich ein Kind wünscht und auch in der Lage wäre zu gebären und das dann aber an Hürden wie Wohnraum, Zeit oder Geld scheitert oder die Person niemanden hat, der sie unterstützen kann. Dann ist das keine freie Entscheidung, also nicht wirklich „My body, my choice“. Ich finde, dass die Forderung einfach zu kurz greift, weil mit einer Schwangerschaft auch eine Menge Folgen mitkommen, für die sich Menschen eben nicht entscheiden.

taz: Wo stehen wir denn aus deiner Sicht in Deutschland aktuell in der Debatte um §218?

Schick: Studien belegen, dass die Gesellschaft diesen Paragrafen mehrheitlich nicht möchte. Und ich finde, dass auch so viel dazu gesagt wurde und so viel diskutiert wurde, dass es genug Gründe gibt, dass dieser Paragraf abgeschafft werden sollte. Und dennoch wird das Gesetz nicht dieser gesellschaftlichen Realität angepasst.

Die konservative Politik kommt dem gesellschaftlichen Wandel nicht hinterher. Auf den entscheidenden Posten sitzen Menschen, deren Priorität es nicht ist, das Leben dem gesellschaftlichen Bild entsprechend zu gestalten, sondern ihre eigenen Interessen zu vertreten. Es sind Menschen, deren christlich-fundamentalistische Überzeugung dazu, wann ein Leben beginnt, im Vordergrund steht. Sie haben die Debatte moralisiert. Ich halte diese moralische Argumentation aber für eine Ausrede – weil wir am Ende ja auch sehen, dass die Debatten extrem menschenfeindlich geführt werden – frauenfeindlich, rassistisch, transfeindlich.

taz: Deshalb argumentierst du auch, man müsse die Frage nach reproduktiver Gerechtigkeit intersektional betrachten. Was bedeutet das?

Schick: Ich finde, dass man jede feministische Diskussion intersektional betrachten müsste. Wir reden ja gerade über den Fall Ulmen. Und es gibt Männer, die Fotos von Fernandes teilen, um zu argumentieren, dass sie kein Opfer sein könne. Man könne ihr keine Gewalt antun, weil sie sowieso ein „Flittchen“ sei. Wir kennen dieses victim blaming: Diese Argumentation hat seine Ursprünge im Rassismus. Schwarze Frauen, die versklavt wurden, wurden für „unrapeable“ erklärt, weil sie so lüstern seien. Wenn wir in feministischen Debatten diese Zusammenhänge und diese historischen Kontinuitäten nicht erkennen, gewinnen wir am Ende gar nichts. Wenn wir den Problemen wirklich auf den Grund gehen wollen und einen positiven, nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen wollen, dann kommen wir gar nicht drumherum, als intersektional zu denken.

taz: Du erzählst im Buch, dass du selbst einen Schwangerschaftsabbruch wolltest, aber weder gut informiert noch direkt behandelt wurdest. Bis es zu einer schweren Komplikation kam – einer beidseitigen Lungenembolie, an der du fast gestorben wärst. Welche Rolle spielen persönliche Erfahrungen für dein Buch? Und wie überträgst du diese in eine Analyse gesamtgesellschaftlicher Missstände?

Schick: Diese persönliche Erfahrung war der Auslöser, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Ich glaube, solche Anekdoten sind total wichtig, um die abstrakte Debatte einordnen zu können und damit nachvollziehbarer zu machen. So kann man die Debatte viel produktiver führen. Und Emotionalität, die mit der persönlichen Betroffenheit kommt, öffnet auch eine andere Perspektive und macht das Erzählte zugänglicher. Also eine komplett andere Ebene, auf der die Geschichte erzählt wird, aber auch konsumiert wird.

taz: Du schreibst auch über die gesellschaftliche Isolation von Müttern und diskutierst Lösungsansätze. Wie lässt sich dem begegnen?

Schick: Das ist ein vielschichtiges Problem, aber ein konkreter Ansatz wären andere Arbeitszeitmodelle. Mütter werden ja nicht nur aus dem Grund alleingelassen, weil sie Mütter sind und die Gesellschaft ohnehin schon misogyn und individualistisch geprägt ist, sondern auch, weil ganz viele Menschen einfach überarbeitet sind. Viele haben einfach keinerlei Ressourcen für ein solidarisches Dasein für andere. Wir müssen neue Wege finden, Erwerbsarbeit zu erledigen: Unter welchen Bedingungen wir arbeiten, aber auch, wie wir weniger arbeiten können, allerdings für mehr Geld.

Die Löhne wachsen nicht so schnell wie die Lebenshaltungskosten. Das würde schon einen sehr großen Teil des Problems lösen, weil Menschen überhaupt die Möglichkeit hätten, für andere da zu sein. Und dann natürlich muss eine neue Perspektive entstehen, eine gesellschaftliche Aufwertung von Zusammenhalt und Solidarität und von Menschen und generell von Care-Arbeit. Es muss in den Köpfen der Menschen ankommen, dass Sorgearbeit unverzichtbar ist und dass wir ohne einander verloren sind.

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