Streifenwende auf der Wahrheit-Seite: In der Augenfängerei
Tarzan, Peanuts und Co: Kleine Geschichte des Witzbildchenstreifens bis zu ©Toms touché.
Zeitungsmacher sind immer auch Augenfänger. Dabei gibt es eine Regel, die auf dem Leseverhalten bei traditionellen Druckerzeugnissen beruht: Leserinnen und Leser blättern Zeitungen gern von hinten nach vorn durch. Zunächst aber schauen sie auf die erste Seite, auf Titelfoto und Schlagzeile, die das aktuelle Geschehen mit einer Pointe, einem Punch zusammenfasst. Dann drehen sie die Ausgabe und gucken auf die zweite Titelseite, die meist das Vermischte beinhaltet: Sex and Crime, Celebrities und Katastrophen. Dort zieht sie der zweite Eyecatcher ins Blatt. In der taz war „Die Wahrheit“ lange die letzte Seite – mit ©Toms touché im Mittelpunkt.
Das hatten sich die Zeitungsfürsten und ihre Redaktionsknechte am Ende des 19. Jahrhunderts fein ausgedacht. Als die Fotografie noch nicht so ausgeprägt war wie heute, brauchte es einen anderen Hingucker, der Leser auch rückwärtig in die Zeitung zieht. Der zweite Impuls ist fast noch wichtiger als der erste.
Vor allem in den Sonntagszeitungen entstanden deshalb gezeichnete Geschichten, die das Kind in der Leserschaft weckten und mit ihren Fortsetzungsreihen auch Nachwuchskräfte an das Produkt banden. Wer einmal die Zeitung seiner Eltern las, wurde der Abonnent von morgen.
Vom Ganzseiter zum Strip
Neben Vorläufern wie Wilhelm Busch gilt „The Yellow Kid“ von Richard F. Outcault ab 1895 in der New York World als erster moderner Comic, populär war auch „The Katzenjammer Kids“ von Rudolph Dirks, eine der am längsten fortlaufenden Reihen ab 1897 im New York Journal. Das wollte man auch im Tagesgeschäft haben, aber die aufwendig produzierten Ganzseiter schrumpften schließlich zu Kurzgeschichten im Stripformat, die in meist vier Bildern erzählt wurden.
Ihre ersten populären Protagonisten waren Tarzan und Popeye, Blondie und Prince Valiant. Wichtiges Thema war die Beziehung zwischen Mann und Frau. Blondie schlug sich mit ihrem faulen Kerl Dankwart Bumskopp herum, Olivia mit dem muskelbepackten Prahlhans Popeye, und auch der halbnackte Dschungelbewohner Tarzan fand ausgerechnet im dichten afrikanischen Wald eine hellhäutige Frau namens Jane. Nur Prinz Eisenherz war eine Ausnahme, denn der halblanghaarige Ritter aus Thule kreuzte gern mit seinem ebenso gut frisierten Gefährten Gawain an der engen Körperseite die langen Klingen. Eisenherz war trotz Heirat mit der blonden Aleta schwul wie die nordische Nacht.
Nach der ersten Blütezeit der Strips in den dreißiger Jahren eroberten mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Streifen von den USA aus die ganze Welt. Selbst die von den Nazinachwehen und der verächtlichen Teilung in E- und U-Kunst schwer geschädigten Deutschen entdeckten Comics zum Beispiel aus dem Hause Disney. Und in den Zeitungen trieben die bekannten Helden ihr vor allem für Jugendliche hochattraktives Unwesen, weil ihre Eltern vor dem „Schund“ warnten.
Erst Charles M. Schulz erneuerte in den sechziger Jahren mit den „Peanuts“, die er bis zu seinem Tod im Jahr 2000 zeichnete, die Strip-Welt. Mit einem besonderen Kniff: Er erzählte aus der Froschperspektive von Kindern, die 50 Jahre lang nicht älter werden sollten, doch tief philosophisch das oft undurchschaubare erwachsene Verhalten reflektierten.
Mit der Zeit erstarrten allerdings die Formate. Loriot lieferte mit „Reinhold das Nashorn“ im Stern ein typisches Beispiel für den an Harmlosigkeit kaum mehr zu übertreffenden deutschen Nachkriegshumor, dem die Schärfe des jüdischen Witzes fehlte. Aber auch britische Figuren wie Andy Capp, der auf Deutsch Willi Wacker hieß, entfernten sich mit ihren Milieu- und Eheproblemen von der sich in den siebziger Jahren verändernden Wirklichkeit der Leser. Erst Ende der achtziger Jahre erhob eine neue Generation von Zeichnern wie Kriki, Greser & Lenz oder Rattelschneck das Gekrakel und Gestrichel zur kleinen Kunstform. Und dann kam ©Tom!
Nach dem historischen Umbruch des Mauerfalls wurde die „Wahrheit“-Seite ins Kreuzberger Blatt taz gehoben. ©Tom sandte unverlangt einen ersten Cartoon, dann einen Streifen ein und bekam den Auftrag der Redakteure, einfach dabei zu bleiben. Und das tat er: Seit 35 Jahren zeichnet er bis auf die Sonntage werktäglich einen „touché“. Obwohl er Autodidakt war, erfand er das Witzbildchenzeichnen fast im Alleingang neu.
An seinem Vorbild Charles M. Schulz geschult, verdichtete er die vier Bilder auf drei, was hieß, mit Aufstellung sprich Exposition, Verzögerung und Pointe die Dramaturgie noch einmal zu dynamisieren. Er entwickelte mehrere Figuren von der Postoma bis zum Höllenteufel, die alle ©Toms versöhnlichen Humor in ihren Sprechblasen transportieren. Die Leser lachen eher mit als über die ulkigen Gestalten und ihre Kleinkatastrophen.
Drei Jahrzehnte kam jeden Mittag eine Mail mit dem neuesten Streifen in der Wahrheit an, unterlegt mit nur wenigen Worten, die die Mühen des Schöpfungsaktes belegen sollten: „Ächz!“ oder „Doppel-Ächz!“ Das Ächzen des Marathonläufers, der nach einer Strecke von fast 10.000 Streifen nun an einem verdienten Ziel angekommen ist, dem Teilruhestand. Künftig zeichnet ©Tom nur noch für die Wochentaz-Ausgabe – und macht unter der Woche Platz für ein Team neuer Zeichnerinnen und Zeichner, die den Staffelstab aufnehmen. Bei ihrem Lauf durch die Augenfängerei werden jene sicher in unbekannte Galaxien des Bildwitzes vordringen.
Die Wahrheit auf taz.de
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ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
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