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Maria Kalesnikava über Zeit im Gefängnis„Wir müssen uns schon selbst retten“

Die belarussische Aktivistin Maria Kalesnikava war über fünf Jahre in Haft. Im Gespräch erklärt sie, warum die EU auf Machthaber Lukaschenko zugehen sollte.

„Meine Überzeugung ist, dass die Macht des Guten am Ende viel stärker ist“ Foto: Doro Zinn
Jens Uthoff

Interview von

Jens Uthoff

Kulturzentrum Radialsystem, Berlin-Friedrichshain. Das Gespräch mit Maria Kalesnikava findet in einem hellen Raum mit Glasfront statt, Blick auf die Spree. Die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin wird am Donnerstag auf der Hauptbühne des Hauses ihre Performance „#freemaria“ zeigen. Ihr erster Auftritt, nachdem sie im Dezember 2025 nach mehr als fünf Jahren aus der Haft entlassen wurde.

taz: Frau Kalesnikava, Sie sagen, es sei die „Kraft des Geistes“ und eine innere Freiheit gewesen, die Ihnen während der langen Zeit im Gefängnis geholfen habe. Was meinen Sie damit?

Maria Kalesnikava: Ich meine damit, dass wir selbst manchmal gar nicht wissen, wie stark wir sind. Wir können sogar schwierigste Situationen im Leben wie eine Isolationshaft überstehen; wir sind in der Lage, uns gegen enorme Widerstände zur Wehr zu setzen. Die Geschichte hat das gezeigt. Wir haben – in der Sowjetunion und in Deutschland – dunkle Zeiten überwunden mithilfe von Menschen, die daran glaubten, dass es wieder heller wird. Es gibt immer Hoffnung.

Im Interview: Maria Kolesnikowa

43, ist eine belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin. Bei der Präsidentschaftswahl 2020 in Belarus schloss sie sich mit Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkalo zu einem Kandidatinnen-Trio zusammen, nachdem Alexander Lukaschenko aussichtsreiche Oppositionskandidaten verhaften ließ. Im September 2020 wurde Kolesnikowa festgenommen. Man wollte sie ins Ausland abschieben, doch sie weigerte sich. Im Dezember 2025 wurde sie freigelassen.

taz: In einem Brief aus dem Gefängnis haben Sie geschrieben: „Ich lebe so, als wäre das Entsetzliche und Absurde um mich herum gar nicht da.Wie schafft man das?

Kalesnikava: Dabei hat mir sicher mein künstlerischer Hintergrund geholfen. Es gab sehr viele Situationen während der Haft, die ich mir nicht hätte vorstellen können im 21. Jahrhundert. Die Gefängnisszenen waren zum Teil so surreal, dass ich sie wie absurdes Theater betrachtet habe. Humor und Ironie helfen einem immer. Deswegen hassen alle Diktatoren humorvolle Menschen auch so sehr – weil sie ihnen zeigen, dass sie keine Angst haben.

taz: Sie haben gesagt, Sie hätten sich nie richtig gefangen gefühlt. Wie meinen Sie das?

Kolesnikowa: Ich habe mich geistig frei gefühlt. Körperlich war ich natürlich komplett isoliert. Ich hatte fast drei Jahre lang keinen Zugang zu Anwälten, zu meiner Familie oder zu Mitgefangenen. Mich hat das eher noch widerständiger gemacht. Ich habe mir die Geschichte in Erinnerung gerufen – Nelson Mandela war 27 Jahre in Haft, um nur ein Beispiel zu nennen. Man kann all das überleben, man muss in seinen Gedanken klar bleiben. Repressive Regime wollen erreichen, dass du Hass und Aggression in dir spürst. Ich habe diesen Gefühlen keinen Raum gegeben, den Gefallen habe ich ihnen nicht getan. Andere im Gefängnis sind an diesen Gefühlen zugrunde gegangen.

taz: Hatten Sie Zugang zu Literatur und Musik im Gefängnis?

Kalesnikava: Ja. Ich habe mehr als 700 Bücher gelesen. Ich habe auch zwei Bücher geschrieben, aber die durfte ich nicht mitnehmen. Ich habe aber noch gut in Erinnerung, was ich geschrieben habe, und werde die Bücher neu verfassen, sobald ich Zeit dazu habe. Musik hatte ich in meinem Kopf: Ich dachte an Bach, an die Matthäus- oder Johannespassion, die ich oft gespielt hatte. Und ich hatte in der Zelle das staatliche propagandistische Radio, dort lief manchmal Popmusik wie Elton John, die Rolling Stones oder Adele. Nach solchen Songs habe ich gelechzt, sie haben mir gezeigt, dass es noch eine andere Welt da draußen gibt.

taz: Aber selbst Musik gemacht haben Sie in Haft sicher nicht.

Kalesnikava: Flöte spielen konnte ich natürlich nicht. Ich habe aber gesungen, die berühmte Arie „Habanera“ aus „Carmen“. So habe ich quasi ein bisschen Psychoterror ausgeübt. Die Gefängniswärter kamen und sagten: „Sie verstoßen gegen die Hausordnung.“ Ich habe darüber nur gelacht.

taz: Sie hatten während der Haftzeit ein Geschwür in der Bauchhöhle, Ihnen ging es lange nicht gut, Sie wurden auch operiert …

Kalesnikava: … zu der Zeit hatte ich das einzige Mal Sorge. Sorge, dass ich meine Familie nie mehr sehen würde. Das war vielleicht das tiefste Gefühl während der gesamten Zeit im Gefängnis.

Maria Kolesnikowa mit einer Querflöte, spielen durfte sie diese im Gefängnis nicht Foto: Doro Zinn

taz: Sie haben fünf Jahre im Gefängnis verbracht, in der sich die Welt geopolitisch auf den Kopf gestellt hat.

Kalesnikava: Ja, das merke ich deutlich, seit ich wieder frei bin. Es herrscht eine komplett polarisierte Stimmung, eine aggressive, hasserfüllte Rhetorik in der Gesellschaft. Das ist deutlich anders als 2020. Diese Hassrhetorik auf allen Seiten bringt uns nicht weiter. Wenn wir unsere Zukunft gemeinsam gestalten wollen und wenn wir wollen, dass es überhaupt eine Zukunft gibt, müssen wir wieder lernen, miteinander zu sprechen. Und uns die Frage stellen, was wir produktiver und besser machen können in unserer Gesellschaft. In der Nachkriegszeit ist es der Welt schon einmal gelungen, eine neue Werteordnung aufzubauen.

taz: Genau diese Nachkriegsordnung sehen aber viele durch destruktive, populistische Kräfte am Ende.

Kalesnikava: Ja, natürlich. Weil es ganz leicht ist, Sündenböcke zu finden und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Meine Überzeugung ist, dass die Macht des Guten am Ende viel stärker ist.

taz: Hat die EU die belarussische Freiheitsbewegung genug unterstützt?

Kalesnikava: Die EU hat viel getan. Sie hat dazu beigetragen, dass viele Gefangene freikamen und gerettet wurden. Ich persönlich habe viel Solidarität erfahren. Sasha Waltz hat mich unterstützt, auch Christine Fischer, die künstlerische Leiterin des Festivals Eclat, die ich aus meiner Stuttgarter Zeit kenne. Und Jochen Sandig, mit dem ich jetzt #freemaria“ entwickelt habe. Auch der Karlspreis, den Swetlana Tichanowskaja, Veronica Tsepkalo und ich 2022 zugesprochen bekommen haben, bedeutet mir viel. Das ist ein großes Zeichen der Solidarität und Unterstützung. Für mich ist es auch ein Signal, dass man eine europäische Perspektive für Belarus sieht.

taz: Gehört zur Wahrheit nicht auch dazu, dass es im Spätsommer 2020 ein recht kurzes Zeitfenster gab, wo Belarus im Fokus der europäischen und westlichen Öffentlichkeit stand, sich dieses aber auch schnell wieder schloss?

Kalesnikava: Das sehe ich nicht so. Die Frage, welchen Platz Belarus in Europa einnimmt, ist offen. In einer Zeit nach dem Ukrainekrieg – die zwar noch in weiter Ferne ist, aber kommen wird – wird sie sich wieder stellen. Die eine Möglichkeit ist: Belarus wird als souveräner Staat nicht mehr existieren. Die zweite Möglichkeit: Belarus wird seine Souveränität behalten und sich wieder Europa annähern.

taz: Erst mal haben sich nun die USA dem Lukaschenko-Regime angenähert, nicht die EU. Die USA haben die Sanktionen gelockert, Kaliumdünger soll bald wieder exportiert werden dürfen.

Kalesnikava: Ja, die USA beeinflussen Lukaschenko aktuell mehr als Europa. Und ich danke der amerikanischen Administration auch, sie hat zu meiner Freilassung beigetragen und zu der 500 anderer Gefangener. Ich denke aber, auch die EU sollte die diplomatischen Kanäle zu Lukaschenko wieder öffnen, die EU wäre die natürlichere Ansprechpartnerin für ihn. Immer noch sind allein offiziell knapp 1.000 Menschen aus politischen Gründen in Haft. Es sollte Priorität haben, sie freizubekommen.

taz: Um den Preis, Lukaschenko wieder ein Stück weit zu legitimieren?

Kalesnikava: Nein, das bedeutet nicht Legitimation. Aber Lukaschenko ist de facto der einzige Mensch, der entscheidet, wie Be­la­rus­s*in­nen in Belarus leben. Wenn man Einfluss geltend machen will, muss man mit ihm in Kontakt treten. Wir treffen uns hier an der Spree in Berlin. Wo wir gerade sprechen, befand sich einst der Mauerstreifen. Ich beziehe mich gern auf diese deutsch-deutsche Geschichte, denn irgendwann kommt die Zeit für Diplomatie und Dialog, und dann kann Geschichte neu geschrieben werden. Die letzte deutsche Kanzlerin, die mit Lukaschenko gesprochen hat, war Frau Merkel. Vielleicht braucht es einen neuen Anlauf.

taz: Darüber ist sich die belarussische Opposition im Exil aber nicht einig.

Kalesnikava: Das stimmt. Aber unser Ziel ist das gleiche, ein demokratisches Belarus. Und je­de*r hat vielleicht unterschiedliche Wege und Visionen im Sinn, um dieses Ziel zu erreichen. Das hindert uns aber nicht daran, vereint zu bleiben.

Maria Kolesnikowa verarbeitet in ihrer Performance ihre eigene Geschichte Foto: Doro Zinn

taz: Ihre Performance #freemaria“ hat mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun. Was erwartet das Publikum dort?

Kalesnikava: Ich werde endlich wieder Flöte spielen – die Traversflöte, die Bassflöte und die Querflöte. Ich werde von meinen Erfahrungen erzählen, und ich trage aus Büchern vor, die ich während der Haftzeit gelesen habe. Ich spiele ein Stück auf der Querflöte, das für mich von ganz besonderer Bedeutung ist. Im Jahr 2022 widmete es mir der belarussische Komponist Viktor Kopytsko, und dafür hat er in Belarus Schwierigkeiten bekommen. Es macht mich unendlich traurig, dass ich ihm nicht mehr persönlich danken konnte: Er starb am Tag nach meiner Freilassung.

taz: Gibt es etwas, das Sie aus der Haftzeit gelernt haben und mit in die Freiheit nehmen?

Kalesnikava: Dass es wichtig ist, in Bewegung zu bleiben, geistig und körperlich. Ich habe mich auch in der Zelle, die 3 mal 2 Meter groß war, bewegt. Ich bin spazieren gegangen – fünf Schritte hin, fünf Schritte zurück, immer wieder. Weil ich so oft wenden musste, begannen die Knie zu schmerzen. Ich habe auch jeden Tag Yoga gemacht.

taz: Sehen Sie sich in Zukunft eher als Künstlerin oder als Politikerin – wo setzen Sie die Priorität?

Kalesnikava: Priorität habe ich selbst, hat meine Familie. Und Kunst ist ein Teil meines Mindsets, sie gehört zu meiner Selbstverwirklichung. Man kann aber in diesen Zeiten nicht einfach ruhig sitzen bleiben und denken, irgendjemand wird uns retten. Das müssen wir schon selbst tun, das ist Demokratie, und das habe ich unter anderem in meiner Zeit in Deutschland gelernt.

#freemaria“, Performance von Maria Kalesnikava und Jochen Sandig, 9. April, 20 Uhr, Radialsystem, Holzmarktstraße 33, Berlin

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2 Kommentare

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  • Gutes Interview - Danke ! Die Kraft des Guten sollte jeder täglich fördern. Damit hilft man, indem man die Geisteskräfte stärkt.

  • Weil wir gerade Ostern hatten, fällt mir nur ein: Ecce homo.



    Sie lehrt uns: Es ist so viel einfacher, Kommunikation zu blockieren, als mit unbequemen Partnern Argumente auszutauschen. Brandmauern nach links, rechts und zwischen Regierungen sind keine Lösung. Danke, liebe Frau Kolesnikowa.