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©Tom geht in Aktivrente„Jeder kann zeichnen“

Der Wahrheit-Cartoonist Tom Körner geht in Aktivrente. Mit der taz-Chefinnenredaktion spricht er über sein Bestiarium an Figuren und seinen Humor.

Erst ein bisschen Quatsch machen: der selbst erklärte Prokrastinierer in seinem Arbeitszimmer Foto: Doro Zinn

taz: Lieber ©Tom, wie bleibt man lustig, wenn die Welt explodiert?

©Tom: Indem man politische Themen meidet. Ich könnte beim Blick auf die Nachrichten jeden Tag schreiend aus der Wohnung laufen. Wenn ich noch politische Karikaturen zeichnen müsste, wäre das hart. Ich kann keine Witze über einen Krieg machen, ich will die Leute einfach zum Lachen bringen. In meinen Strips greife ich deshalb eher gesellschaftliche Themen auf, die ich beobachte.

taz: Wie das pöbelnde Kind im Fahrradsitz?

©Tom: Zum Beispiel. In meinem Wohnumfeld tauchten plötzlich diese Fahrradsitze auf. Auf dem Weg ins Büro sah ich oft so einen Knirps, mit einem Helm wie ein Eimer auf dem Kopf, der beim Bremsen gegen Mutter oder Vater stieß. Oder Kinder, die den Rucksack der Eltern direkt vor der Nase hatten. Die armen Kinder in diesen Plastikdingern!

Im Interview: Tom Körner

wurde 1960 im badischen Säckingen geboren und kam 1981 nach Berlin. Dort studierte er Politologie ohne Abschluss und entschloss sich mit 30, als Cartoonist zu arbeiten. Die Caricatura Galerie bezeichnete ihn 2021 als den „vielleicht beständigsten Zeichner der Republik“ und baute ihm ein Denkmal. Er ist zweifelsfrei einer der bekanntesten und beliebtesten Comiczeichner in Deutschland. Seine Comicstrips erscheinen im Carlsen Verlag regelmäßig je in einem Band von 500 Streifen zusammengefasst, den sogenannten „Ziegeln.“ Zuletzt erschien der ©TOM-Touché Band 9.500.

taz: Ah, sie pöbeln, weil sie Opfer sind?

©Tom: Ja, die haben mir leidgetan und dann habe ich mich gefragt, was in ihnen vorgeht. Wenn man wie bei den Peanuts Kinder wie Erwachsene denken und sprechen lässt, wird es sehr lustig, weil man dadurch die Erwachsenen spiegelt. So kann man auch dem kleinen Jungen im Fahrradsitz eine gewisse Aggressivität geben, die er als herumgeschuckeltes Opfer durchaus haben kann. Und wenn er einmal schimpft, dann schimpft er auch weiter – das kann ich dann nicht mehr zurückdrehen.

taz: Wie kamst du überhaupt zum Comiczeichnen?

©Tom: 1989 hatte ich gerade mein Studium abgebrochen, war 29 und hatte einen schlimmen Akquisejob. Ein Freund gab mir den Tipp: Werd doch Cartoonist. Ich hatte immer schon ein bisschen gezeichnet, alle meine Schulhefte vollgemalt. Das Berliner Stadtmagazin Zitty hat damals viel veröffentlicht, klassische Ein-Bild-Cartoons. Nachdem ich die Nasen meiner Protagonisten kleiner und runder gemacht hatte, haben sie meine Cartoons auch gedruckt. Und als ich dann in einem Comicladen anfing zu jobben, tauchte bei einer Ausstellungseröffnung Lilian Mousli auf.

Bild: ©Tom

taz: Deine Vorgängerin auf dem Comicstrip-Platz.

©Tom: Sie wurde losgeschickt, um in der Szene herumzufragen, wer Lust hätte, etwas zu machen. Ich bin dann sofort nach Hause, habe geschaut, wie groß das Format ist und was ich damit anfangen kann. Auf die Idee, nach einem anderen Format zu fragen, bin ich gar nicht gekommen. Also habe ich ein paar Ein-Bild-Cartoons von mir auf drei Bilder gestreckt, sauber ausgearbeitet und nachts noch in den Briefkasten der taz gesteckt. So fing das an.

taz: Neben dem touché hast du bis 2008 für die taz auch politische Karikaturen gemacht. Anfang 1990 hattest du der taz eher zufällig eine geschickt – und am nächsten Tag war sie auf der Seite drei.

©Tom: Das war volle Absicht! Kurz nach der Wende kam heraus, dass ein CDU-Politiker der DDR, Wolfgang Schnur, sein Ehrenwort gegeben hatte, nichts mit der Stasi zu tun zu haben – und hatte er dann eben doch. Das erinnerte mich sofort an Uwe Barschel.

taz: Der hatte 1987 fälschlich beteuert, nicht hinter der Schmutzkampagne gegen seinen SPD-Gegner in Schleswig-Holstein zu stecken – und brachte sich später um.

©Tom: Also malte ich den Portier des Hotels Beau Rivage in Genf, der die telefonische Zimmerbestellung für Wolfgang Schnur laut wiederholt: „Ein Einzelzimmer mit Bad bitte.“ Ein ziemlich böser Witz. Ich habe ihn der taz gefaxt, und am nächsten Morgen war er in der Zeitung. Dann rief mich die Fotoredaktion an und fragte, ob ich nicht einmal pro Woche eine Politkarikatur machen wolle. Ich zeichnete damals schon regelmäßig für die Zitty.

taz: Wann hast du dich dann von den tagespolitischen Themen verabschiedet?

©Tom: Durch die taz sind viele auf mich aufmerksam geworden. Für den UniSPIEGEL habe ich viele Jahre lang einen ganzseitigen Comic gemacht, andere haben die touchés nachgedruckt. Irgendwann musste ich priorisieren – und habe das abgegeben, was am anstrengendsten war. Manche Karikaturen musste ich so schnell machen, die sind handwerklich oft eine Katastrophe.

taz: Gibt es Karikaturen von damals, für die du heute Ärger bekommen würdest?

©Tom: Dieser Barschel-Witz – also ein Witz über einen Selbstmord – wäre heute bestimmt nicht mehr okay. Damals ging das einfach so durch. Aber sonst fällt mir nichts ein.

taz: Du hast einen sehr unschuldigen Humor, der nie nach unten tritt, überhaupt nicht böse. Hast du dir das vorgenommen – oder ist das einfach dein Humor?

©Tom: Das ist vermutlich einfach mein Humor. Wenn ich mal etwas Böses gemacht habe, dann habe ich Nazis in die Hölle geschickt. Das ist ein Gegner, den man treten kann. Ansonsten schaue ich mich um, sehe jede Menge seltsame Leute und lasse die in meinen Strips miteinander agieren. Die sind aber alle ein Teil von mir – ich denke sie mir ja aus. Das sind gewissermaßen meine Kinder, egal wie sie sind, und deshalb gehe ich wahrscheinlich liebevoller mit ihnen um.

taz: Kannst du eine Situation schildern, in der dich jemand konkret zu einer Figur inspiriert hat?

©Tom: Ralf Sotscheck.

Bild: ©Tom

taz: Unser Irlandkorrespondent, Wahrheit-Ehrenmitglied. Okay – der liegt nahe.

©Tom: Der hat über Jahre den Nichtraucher dermaßen schlecht gemimt – das war wirklich unfassbar. Das musste ich einfach aufgreifen. Aber sonst mache ich das nicht. Ich will nicht, dass mein Umfeld Angst hat, von mir gezeichnet zu werden.

taz: Was ist die langlebigste deiner Figuren?

©Tom: Das ist die Post-Oma – zusammen mit dem Teufel. Den Teufel mochte ich immer, auch wegen dieser alten, oft psychedelischen Höllendarstellungen voller Monsterfiguren. Ich bin katholisch aufgewachsen, und ich finde, man sollte die Hölle nicht den Pfaffen überlassen. Auf die Post-Oma kam ich durch ein preußisches Postamt bei mir um die Ecke, mit Beamten, die einen wie Dreck behandelt haben, und durch die Wilmersdorfer Witwen. Daraus ist diese etwas berlinernde, aggressive Figur entstanden. Das Setting funktioniert bis heute, obwohl es das alles so gar nicht mehr gibt.

taz: Machst du dir Notizen, wenn du deinen Alltag beobachtest?

©Tom: Ich versuche, möglichst viel aufzuschreiben, damit ich nicht so viel vergesse. Gerade habe ich Besuch, und die haben mit anderen zusammen einen Garten. Heute Morgen hat mein Freund laut gelacht, als er in die Chatgruppe für den Garten geschaut hat. Da hatte jemand geschrieben, dass der neue Kompost gekommen sei – er sehe „wundervoll“ aus, ganz „samtig“! So etwas schreibe ich mir dann auf, das passt wunderbar zu einer Gartenserie im Frühling.

taz: Hast du Figuren auch mal aufgegeben?

©Tom: Ja, die Frösche. Dafür werde ich bis heute beschimpft, aber sprechende Tiere sind mir zu disney, das ist einfach nicht mein Genre.

taz: Hast du Angst vor Klischees?

©Tom: Darüber denke ich nicht viel nach. Habe ich Klischees?

Bereut den Namen seines Comicstreifens sehr: Tom Foto: Doro Zinn

taz: Eigentlich nicht – außer vielleicht die Baumumarmerin.

©Tom: Aber es gibt sie wirklich! Ich habe einen ganzen Stapel Post mit Artikeln über Baumumarmerinnen. In den Alpen gibt es sogar einen eigenen Wanderpfad dafür. Manchmal schicken mir Fans auch Fotos von sich selbst, wie sie einen Baum umarmen. Seit das auch Männer machen, heißt es „Waldbaden“. Aber stimmt schon – vielleicht ist die Figur ein bisschen auserzählt. Andererseits: Wenn mir gar nichts einfällt, stelle ich die Baumumarmerin einfach an einen Baum und schaue, was passiert. Dann kommt ein Förster, ein Holzfäller – oder ein Vogel kackt runter.

taz: Hast du einen festen Zeichenalltag? Morgens aufstehen, Kaffee, loslegen – oder bist du eher der Prokrastinierer?

©Tom: Ich bin eindeutig Prokrastinierer. Früher hieß das „Last-Minute-Mann“. Bevor ich anfange zu zeichnen, trinke ich natürlich Kaffee, aber ich muss auch im Internet herumgucken, alles lesen, was ich noch lesen will, ein bisschen Quatsch machen. Dann müssen noch die Stifte gefüllt werden, geschaut werden, ob sie gut schreiben. Aber sobald ich anfange, die Rähmchen zu zeichnen, geht es los. Dann ist nichts mehr wichtig – auch das Telefon nicht.

taz: Hat die Wahrheit schon mit dir geschimpft, weil es so lange gedauert hat?

©Tom: Millionenfach.

taz: Hat sich die Wahrheit aus deiner Sicht in den letzten 30 Jahren verändert?

©Tom: Das Selbstbewusstsein der Wahrheit finde ich sehr gut. Es ist lange her, aber es gab Zeiten, da stand immer alles auf der Kippe – auch mein Job. Dass die Wahrheit jetzt so selbstverständlich in der Zeitung ist, ist sehr wichtig und sehr gut. Wer hat so etwas sonst noch?

taz: Warum heißt dein Comicstrip „touché“?

©Tom: Den Namen bereue ich sehr! Ich musste mich ganz schnell für einen Titel entscheiden, er sollte halt oben links hinpassen, und weil die ersten Witze immer so knappe Erwiderungen waren, kam ich auf touché. Das kommt aus dem Fechten. Aber es ist halt Französisch und keiner hat es kapiert und keiner kann es richtig aussprechen. Alle denken, ich würde so heißen. Das ist mir so auf den Sack gegangen. Ich hätte ihn einfach TOM nennen sollen.

taz: Wie hat sich touché über die Jahre verändert?

©Tom: Die Figuren haben sich deutlich verändert. Die Nasen sind geschrumpft, und die Figuren sind beweglicher geworden. Mehr Mimik, bessere Körpersprache, mehr Ausdruck. Das gibt mir mehr Möglichkeiten und unterstützt die Komik. Das ist ein normaler Lernprozess, wenn man viel zeichnet. Manche Fans finden aber den Stil der alten, steiferen Figuren cooler.

taz: Was hast du dir zeichnerisch für deine Aktivrente vorgenommen? Neue Projekte? Den Streifen in der wochentaz noch virtuoser gestalten?

©Tom: Ich möchte erst einmal meine Sammlung von Streifen bis zur 10.000 vervollständigen. Neu ist, dass ich künftig nur noch mit Farbe in der taz arbeite. Gleichzeitig brauche ich die Strips weiterhin in Schwarz-Weiß für die Bücher. In Farbe kann ich zum Beispiel jemandem einen roten Kopf geben – das geht in Schwarz-Weiß nicht. Da muss ich aufpassen. Sonnenuntergänge funktionieren aber auch in Schwarz-Weiß, da kann man mit Wellenlinien arbeiten.

taz: Wir kriegen hier noch einen Crashkurs, wie Zeichnen eigentlich geht!

©Tom: Fangt einfach damit an! Zeichnen macht so viel Spaß. Leute sagen immer, sie könnten das nicht – das ist totaler Quatsch. Jeder kann zeichnen. Kinder zeichnen ja auch, also können wir das ebenfalls. Selbst im hohen Alter kann man das noch lernen. Es muss ja nicht exakt sein. Früher habe ich mich mit Häusern abgemüht, aber irgendwann habe ich angefangen, „Tom-Häuser“ zu zeichnen. Die sind krumm und schief, aber sie passen zu meinen Figuren.

taz: Und was machst du in Zukunft mit der Zeit, in der du unter der Woche keine Streifen mehr zeichnest?

©Tom: Ich habe mein Büro aufgelöst und alles in mein Arbeitszimmer zu Hause geholt – das muss ich jetzt sortieren und ausmisten. Ich will weiter zeichnen, aber etwas Druck aus dem Kessel nehmen. Ich möchte wegfahren, Leute besuchen, denen ich das seit Jahren verspreche, und ein bisschen mehr von der Stadt sehen. Und wenn ich mich irgendwann sehr langweile, komme ich wieder zur taz und bettle darum, wieder montags bis freitags gedruckt zu werden.

taz: Das kannst du jederzeit machen! Bist du der taz eigentlich wegen irgendetwas gram?

©Tom: Nein. Die taz ist sehr vielschichtig, und deshalb ist immer etwas dabei, das man mag. Ich habe wirklich nichts zu meckern. Ich bin sehr dankbar, dass ich jeden Quatsch zeichnen konnte – und es ja samstags auch weiterhin kann.

Die Wahrheit auf taz.de

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ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.


Die Wahrheit

hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.


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