Schneeschmelze in Russland: Alleingelassen mit den Fluten
Ganze Regionen werden in Russland mit dem Ende des Winters zum Hochwassergebiet. Der Staat ist überfordert, die Menschen müssen sich selbst helfen.
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In Russland ist Hochwassersaison: Der Winterschnee schmilzt schnell, der Pegel steigt rasant – und vielerorts sind die Behörden überfordert. Besonders angespannt ist die Lage im Nordkaukasus: In Dagestan kamen infolge der Überschwemmungen bereits sieben Menschen ums Leben. In Tschetschenien wurden Häuser, Straßen, Brücken und Autos zerstört oder fortgerissen. Auch andere Regionen sind betroffen, von Nischni Nowgorod bis Omsk, von Udmurtien bis Susdal. Das Wasser überflutet Höfe, reißt Infrastruktur mit sich und schneidet ganze Dörfer von der Außenwelt ab. In mehreren Gebieten wurde bereits der Ausnahmezustand ausgerufen. Rettungskräfte sind im Dauereinsatz, pumpen Wasser ab und sprengen Eis auf den Flüssen.
Novaya Gazeta Europe zeigt Fotografien aus den betroffenen Regionen und veröffentlicht eine umfassende Recherche zur aktuellen Hochwasserlage in Russland auf Basis staatlicher Angaben, Zeugenaussagen und zahlreicher Videos aus den sozialen Medien.
Der Bürgermeister von Nischni Nowgorod, Juri Schalabajew, erklärte etwa: Alle Einsatzkräfte arbeiteten an der Belastungsgrenze. In der Stadt wurden neun Rettungsteams zusammengestellt – das sind mehr als 4.000 Personen und 600 Fahrzeuge. Außerdem wurden Notunterkünfte vorbereitet, in denen bis zu 40.000 Menschen untergebracht werden können.
In der Republik Udmurtien sind mehrere Gebiete überflutet. In der Ortschaft Kizner wurden aufgrund des Hochwassers der Flüsse Luga und Tyzhma 50 Grundstücke in sechs Straßen überflutet. Zudem ist das Dorf Gulyajevo im Bezirk Vavozh seit dem 30. März von der Außenwelt abgeschnitten; dort wurde eine niedrige Brücke über den Fluss Valu überflutet. Die Menschen erreichen weder Lebensmittel noch Medikamente; Kinder müssen zu Hause unterrichtet werden. Das Wasser steht über der Brücke mehr als zwei Meter hoch. Der Umweg aus dem Dorf hinaus ist lang: 37 Kilometer.
Im Gebiet Rjasan behindert das Hochwasser ebenfalls den Straßenverkehr. Laut offiziellen Angaben sind in der Region derzeit 17 Brücken, 5 Straßenabschnitte und 169 private Grundstücke überflutet. 14 Ortschaften sind vollständig abgeschnitten.
In Dagestan hat die Regierung den Flutopfern nun finanzielle Hilfe zugesagt. Laut Behörden erhalten Betroffene einmalig etwa 172 Euro, bei Verlust von Eigentum bis zu ungefähr 1.700 Euro und im Todesfall sogar 17.000 Euro. Dieser Betrag muss zu gleichen Teilen unter allen Familienangehörigen des Verstorbenen aufgeteilt werden.
Vielen Betroffenen, deren Häuser schwer beschädigt und deren Besitz zerstört wurde, erscheinen diese Summen gemessen am tatsächlichen Schaden als zu gering. Zahlreiche Einwohner:innen bezeichnen die staatliche Hilfe als unzureichend.Auch die Psychologin Amina Achmedova kritisiert das Versagen der Behörden. Sie bewundere aber die Solidarität der Menschen, sagt sie. Hilfe funktioniere derzeit vor allem über private Netzwerke – das entlaste den Staat, der seinen Aufgaben nicht nachkomme. Für viele Betroffene sei es aber umso ärgerlicher, wenn sie trotz eigener Leistungen am Ende allein mit den Schäden bleiben.
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