Amerikanische Sicherheitspolitik: Gruppenfotos für die MAGA-Bewegung
US-Präsident Trumps „Shield of the Americas“ soll Lateinamerika sicherer machen – doch die drei wichtigsten Länder der Region fehlen.
Während die USA seit Ende Februar Krieg gegen Iran führen, richtet der US-Präsident seinen Blick bereits auf einen anderen Teil der Welt: auf Kuba. „Ob ich es befreie oder übernehme – ich kann damit machen, was ich will“, so Donald Trump Mitte März. Das Muster ist bekannt: Venezuela im Januar, dann Iran, die Karibikinsel ist das nächste Kapitel. Doch es geht dabei um mehr als einzelne Konflikte. Trump ordnet Amerikas Hinterhof neu.
Anfang März lud er in eines seiner Golfresorts zu einem Gipfeltreffen unter dem Label „Shield of the Americas“ ein – ein neues Bündnis gegen Drogenkartelle, Migration und organisierte Kriminalität. 13 Präsidenten lächelten fürs Foto – doch die wichtigsten fehlten: Mexiko, Brasilien, Kolumbien. Der Unterschied zu Teilnehmerstaaten wie El Salvador oder Argentinien: Die drei Länder werden derzeit von linken Regierungen geführt und betonen ihre Souveränität gegenüber den Vereinigten Staaten.
Doch was kann ein Bündnis leisten, wenn die drei größten und am stärksten betroffenen Länder Lateinamerikas nicht eingeladen sind? Mexiko teilt eine 3.000 Kilometer lange Grenze mit den USA, über die ein großer Teil der Drogen ins Land gelangt und die auch die meisten Migranten nutzen.
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hat in den letzten Monaten immer wieder auf die steigende Beschlagnahmung von Fentanyl hingewiesen. Bei einer Militäraktion im Februar wurde der Anführer des mächtigen Kartells Jalisco Nueva Generación, „El Mencho“, mit nachrichtendienstlicher Unterstützung der USA aufgespürt und tödlich verletzt. Laut einem Insider mit Zugang zu Kreisen der Drogenbekämpfungsbehörde DEA gilt die Zusammenarbeit als vorbildlich – und soll weitergehen. Das passt allerdings nicht in Trumps Erzählung. Kolumbien und Brasilien kooperieren ebenfalls eng mit US-Ermittlern bei der Bekämpfung internationaler Schmuggelrouten.
Rückkehr zur Monroe-Doktrin
Ein Vorfall Ende März an der US-mexikanischen Grenze macht die Lage deutlich: Kräfte des US-Militärs drangen bei Arbeiten am Zaun auf mexikanisches Territorium vor. Mexiko forderte sofort den Rückzug. In ihrer Pressekonferenz tat Sheinbaum den Vorfall als „operatives Missgeschick“ ab. Doch während sie beschwichtigt, zeichnen sich tiefere Spannungen ab.
Der Politologe Carlos Pérez Ricart vom Forschungszentrum Centro de Investigación y Docenicia Económicas (CIDE) hält eine US-Invasion für wahrscheinlich – nicht im großen Stil, aber als gezielten Angriff, der Sheinbaum unter Druck setze. Das folgt einer Logik.
Den strategischen Rahmen hat Verteidigungsminister Pete Hegseth in der nationalen Verteidigungsstrategie abgesteckt: ein Sicherheitsraum von Grönland über den Golf von Mexiko bis zum Panamakanal – und China soll draußen bleiben. Washington setzt wieder stärker aufs Militär – offiziell gegen Kartelle, faktisch für mehr Einfluss.
In dieser Logik knüpft Trumps zweite Regierung an die Monroe-Doktrin von 1823 an, die Lateinamerika zur Einflusszone der USA erklärte. Der Kampf gegen Drogenkartelle liefert dafür den Legitimationsrahmen. Doch dass es dabei nicht primär um Verbrechensbekämpfung geht, zeigte sich bereits Anfang Januar in Venezuela. Auch Präsident Maduro wurde offiziell wegen Drogenhandels entführt – obwohl Venezuela darin eine geringe Rolle spielt.
Das bestätigt auch Abelardo Rodríguez Sumano von der Universität Iberoamericana in Mexiko-Stadt. Es gehe Trump vor allem um Erdöl, Gold, die strategischen Gewässer der Karibik – und um Lithium, jenes Metall, das für die globale Energiewende unverzichtbar ist.
In der Zwickmühle mit China
El Salvador zeigt exemplarisch, wie eine Partnerschaft in Trumps Sinne aussieht: Präsident Nayib Bukele nimmt aus den USA Deportierte in sein berüchtigtes Megagefängnis Cecot auf und bekommt Geld und Rückendeckung aus Washington. Ein Tauschgeschäft.
Doch Trumps Verbündete beim „Shield of the Americas“ haben ein Problem: Vordergründig strahlen sie mit dem US-Präsidenten auf dem Gruppenfoto. Doch China zahlt besser. Das Land ist inzwischen wichtigster Handelspartner Südamerikas und schickt keine Bedingungen mit der Rechnung.
Argentinien und Chile priorisieren in öffentlichen Ausschreibungen keine US-Firmen, wie Jesús Renzullo vom German Institute Global and Area Studies (GIGA) in Berlin erklärt. Der argentinische Präsident Javier Milei schimpft auf China – und macht trotzdem Geschäfte mit der ostasiatischen Großmacht.
Innenpolitische Signale vor den Midterms
Für Mexiko wächst der Druck auf zwei Ebenen: wirtschaftlich, weil das Freihandelsabkommen USMCA mit den USA neu verhandelt wird – ein klarer Hebel für Trump, denn rund 80 Prozent der mexikanischen Exporte gehen in die Vereinigten Staaten. Und sicherheitspolitisch im Umgang mit den mächtigen Kartellen. Dass diese so mächtig geworden sind, dafür tragen die USA allerdings selbst große Verantwortung: 70 bis 90 Prozent der beschlagnahmten Waffen stammen aus den USA – jährlich etwa 200.000 Schusswaffen.
Am Ende sind Drogenpolitik, Migration und die Neuverhandlung des Freihandelsvertrags für Trump keine Außenpolitik. Es ist innenpolitisches Werkzeug – Wahlkampf für die Zwischenwahlen im November, so Pérez Ricart, gedacht für eine MAGA-Bewegung, die genau diese Bilder braucht: ICE-Zugriffe, Kartellchefs, Gipfelfotos.
Kuba fügt sich in diese Logik als offener Posten – nicht wegen Rohstoffen, denn die Insel hat kaum welche. Sondern weil es seit 1959 das Symbol des Widerstands gegen US-Hegemonie ist. Für Außenminister Marco Rubio, dessen Eltern aus Kuba stammen und der als Hauptarchitekt der US-Kuba-Politik gilt, ist es auch eine persönliche Rechnung. Wer sich der neuen Ordnung verweigert, bekommt den Druck zu spüren – so wie Venezuela oder Iran.
Das „Shield of the Americas“ ist die andere Seite dieser Politik: Belohnung für jene, die mitspielen, Bestrafung für die, die es nicht tun. Doch ohne Mexiko, Brasilien und Kolumbien bleibt es das, was es von Anfang an war – ein Gruppenfoto mit Trump und seinen Buddies.
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