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„Diese Kreativität gab es im Westen so nicht“

Peter Schimmelpfennig hat als Jugendlicher auf St. Pauli die Beatmusik für sich entdeckt, stieg ins Musikgeschäft ein und wurde als Westberliner zum kommerziellen Grenzgänger zwischen Ost und West. Er brachte den DDR-Rock nach drüben und Weststars in die DDR

Interview Gunnar Leue Fotos Stefanie Loos

Geführt wurde das Gespräch an einem Imbissbüdchen im Schoelerpark in Berlin-Wilmersdorf. Und weil sich Gunnar Leue und der Interviewpartner gut kennen, bleibt es auch in der taz beim du.

taz: Welche Platte hast du eigentlich zuletzt mal aufgelegt bei dir zu Hause?

Peter Schimmelpfennig: Die letzte Schallplatte war von Black Rock Berlin. Das ist eine junge alte Band. Die besteht aus Ex-Mitgliedern der Westberliner Bands PVC, einer legendären Punkband der 70er Jahre, und Bel Ami, die mit „Berlin bei Nacht“ einen Hit hatten. Die Überlebenden dieser Bands haben sich zur neuen Formation Black Rock Berlin zusammengetan. Die machen allerbeste deutschsprachige Rockmusik. Arno Koch, der Ex-Bassist von Bel Ami hatte mich seinerzeit angesprochen, ob ich die Band nicht einmal im Probenraum besuchen wolle. Meine Meinung war ihnen wichtig. Das habe ich mit großem Vergnügen getan und was ich da hörte, hat mich überzeugt. Mit Michael Zimmerling am Pult ist ein großartiges Doppelalbum entstanden: „Symphonie in Schwarz“.

taz: Das ist offenbar nicht die einzige Band, um die du dich kümmerst?

Schimmelpfennig: Stimmt. Außerdem habe ich der Band Udo Butter und das Team ein bisschen in den Sattel geholfen. Das sind sechs junge Kerle wie ein Rudel junger Hunde; eine Ska-Band mit wunderbar frechen Texten, zum Beispiel über den Mietenwahnsinn und Bodenspekulationen in Berlin: „Diese reichen Pisser gehen mir auf den Sack, machen Patte mit dem Boden dieser Stadt.“ Wundervoll. Ich habe die ersten Titel der Band produziert und die EP „Reiche Pisser“ veröffentlicht. Und mit großer Begeisterung kümmere ich mich um das Jazzorchester X-berg.

taz: Als Manager?

Schimmelpfennig: Mehr als Fan und Kümmerer. Mein Sohn Konrad hat dort früher mitgespielt und die Verbindung zum Leiter der Band, Christian Fischer, ist nie abgebrochen. Irgendwann dachte ich, dass man ein bisschen mehr mit ihnen veranstalten könne und so machen wir mit dem Jazzorchester X-berg vier, fünf Veranstaltungen im Jahr in Berlin. Das macht unerhörten Spaß. Mit 20 Musikanten ist eigentlich alles viel einfacher als mit einer Rockband aus fünf Mann. Die 20 Leute wissen immer „wann, was, wo, wie“. Da musst du nichts erklären. Das ist eine Wonne.

taz: Du magst offenbar ein breites musikalisches Spektrum. Weil du aus einer Musikerfamilie kommst?

Schimmelpfennig: Ja, in meiner Familie gab es viele Musiker. Die Vorfahren der Schimmelpfennige tummelten sich an der Elbe in der Altmark, ehe sie irgendwann in die Großstadt Hamburg zogen. Mein Vater war ab 1933 Organist am Hamburger UFA-Palast, Europas größtem Filmtheater. Kino war damals etwas ganz anderes als heute. Zur Einstimmung auf das Ereignis Kinofilm wurde Musik gemacht. Es fuhr eine riesige Wurlitzer-Orgel hoch und auf der spielte mein Vater. Er trat auch häufig im Berliner UFA-Filmpalast am Zoo auf, produzierte Schallplatten und der Großdeutsche Rundfunk übertrug regelmäßig Livemusik von ihm. Als er ein Angebot von der UFA Wien bekam, zog er mit Frau und der kleinen Tochter nach Wien, wo ich 1944 zur Welt gekommen bin. Als die Deutschen nach dem Krieg dort nicht mehr so gelitten waren und „gebeten“ wurden, Österreich zu verlassen, kam die Familie wieder nach Hamburg. Mein Vater, der in der NSDAP gewesen war, konnte seine Karriere im Nachkriegsrundfunk nicht fortsetzen. Er tourte erfolgreich mit einer Hammond-Orgel durch Europa. Meine Mutter war von Hause aus Musikerin, eine klassische Harfenistin.

taz: Und du hast als Jugendlicher die neue Beatmusik für dich entdeckt?

Schimmelpfennig: Oh ja. Weil Engel nun mal furchtbar langweilig sind, fühlte ich mich zu den Teufeln hingezogen. Sprich dem Kiez und den jungen Rock-’n’-Roll- und Beatmusikern auf der Reeperbahn und Großen Freiheit. Das hat mich immer fasziniert. Ich war neugierig auf das Leben, auf das Spannende. Hamburg war damals das selbsternannte Tor zur Welt, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch musikalisch. Fats Domino, Tony Sheridan, die Beatles, Jerry Lee Lewis, Ray Charles, Bill Haley und, und, und – sie alle kamen nach Hamburg. Ich habe mich aber auch für die Jazz-Leute interessiert, sogar für Free Jazz von Ornette Coleman. Die Musiker in den Reeperbahn-Clubs waren damals noch keine strahlenden Helden, die in Geld schwammen. Die jungen Bands spielten sich für kleines Geld den Arsch ab. Es gab auch keine Förderung. Das ist übrigens auch etwas, was ich bis heute ablehne: dass Bands Kohle vom Staat nehmen und sich fördern lassen. Wenn ich daran denke, unter welch erbärmlichen Bedingungen die Beatles auf der Reeperbahn gehaust, aber ihre Musik gemacht haben. Das war und ist der Stoff, aus dem die großen Musikerkarrieren damals wie heute entstehen.

taz: Aber es wird sicherlich auch Leute geben, die sagen: Aller möglicher Kram wird vom Staat gefördert, warum nicht auch ein bisschen Kultur?

Schimmelpfennig: Na gut, ich habe halt andere, extremere Lebenserfahrungen. Ich kenne frühere Bands, da sind die Freundinnen der Musiker auf den Strich gegangen, damit sich die Bands Instrumente leisten konnten. Das soll es heute natürlich nicht mehr gehen, völlig klar.

taz: Hast du schon als Jugendlicher gespürt, dass du mal irgendwas mit Musik machen willst?

Schimmelpfennig: Mir wurde schon früh klar, dass Musik in meinem Leben eine Rolle spielen soll. Einerseits war das fast vorgegeben, weil Vater, Mutter, Großvater, Tanten, Onkel alle Musiker waren. Andererseits wollte ich kein klassischer Orchestermusiker werden. Auf einem harten Stuhl zu sitzen und auf den Einsatz zu warten, das wäre nichts für mich. Ich brauchte und wollte Abwechslung und Vielfalt.

taz: Für die hast du selbst in den 1960ern gesorgt, in dem du mit Schallplatten aus England gehandelt hast und sogar mit Bootlegs, also nicht autorisierten Mitschnitten von Live-Konzerten.

Schimmelpfennig: Ja. Schallplatte war damals noch ein Zauberwort. Live-Alben gab es kaum. Dass ich da reinrutschte, war ein Nebeneffekt von meinen Kiez-Abenteuern. Natürlich kam ich da mit allen möglichen Leuten in Verbindung. Jedenfalls haben wir ein Bootleg vom englischen Duo Hardin & York gemacht. Wir waren in Hamburg die Ersten, die das gemacht haben. Die Bootlegs-Platten habe ich in den Kofferraum meines BMW gepackt und bin von Flensburg bis München gefahren, um sie zu verkaufen. Immer cash in die Täsch. Lustige Zeit. Über Legalität haben wir nicht groß nachgedacht. Es gab keine strafrechtliche Verfolgung. Man betrachtete die Sache noch als eine Art Kavaliersdelikt. Das Musikbusiness war gänzlich anders.

taz: Deine größte Innovation – wenn man das so sagen darf – war sicher, Mitte der 70er Jahre DDR-Rockmusik in den Westen zu bringen. Wie kam es dazu?

Peter Schimmelpfennig

Der Mensch

Peter Schimmelpfennig stammt aus einer weitverzweigten Musikerfamilie, wurde 1944 in Wien geboren, ist in Hamburg aufgewachsen und 1963 nach West-Berlin gegangen. Er arbeitete als Musikpromoter und brachte ab 1976 DDR-Bands wie Puhdys, Karat und City in den Westen – live und auf Platte mithilfe seines eigenen Labels. Zudem holte er Weststars wie Alexis Korner und James Brown in die DDR. Mit 82 Jahren ist Schimmelpfennig immer noch als Musikmanager aktiv. Als überzeugter Liberaler sorgte er für Aufsehen, als er in Thüringen selbst gestaltete Plakate gegen den AfD-Wortführer Björn Höcke klebte.

Das Buch

„Der Doppelagent. Wie Peter Schimmelpfennig die Puhdys in den Westen und James Brown nach Ost-Berlin brachte“ von Gunnar Leue ist im Jaron Verlag erschienen. Bei der Premierenlesung am 7. Mai um 20 Uhr im Pfefferberg-Theater in Berlin ist auch Peter Schimmelpfennig zu Gast. (gl)

Schimmelpfennig: Ich arbeitete 1974 als Promoter für eine Hamburger Plattenfirma für Künstler wie Genesis, Status Quo oder Mike Krüger und war oft mit dem Auto zwischen Hamburg und meiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg unterwegs. Als ich eines Tages wieder auf der Autobahn von West-Berlin nach Westdeutschland fuhr, hörte ich in einem Funkloch ohne die Westbeliner Sender SFB oder Rias im DDR-Rundfunk den Song „Geh zu ihr“ von den Puhdys. Der Titel faszinierte mich sofort. Als ich später mal mit Mike Krüger und seiner Frau in Ost-Berlin essen war und uns der DDR-Rundfunkmann Wolfgang Martin wegen eines Interviews ansprach, suchte ich über ihn den Kontakt zu den Puhdys. Das gelang und anfangs dachte ich eher an ein schnelles Geschäft. Aber die Band überzeugte mich, dabei zu bleiben. Ich mochte sie und blieb also dabei. In gewisser Weise hat das auch mein Leben ziemlich verändert, nicht nur wirtschaftlich.

taz: Sondern?

Schimmelpfennig: Die DDR, die ich als Beute-Berliner ja nur von der Transitstrecke her kannte und aus dem DDR-Fernsehen, das ich gelegentlich schaute, empfand ich als grau und grottig. Doch nun lernte ich dieses Land Stück für Stück kennen. Ich übernahm ja später von der DDR-Plattenfirma VEB Deutsche Schallplatten Berlin/Amiga auch Platten von Karat und City auf mein Label Pool und brachte die Bands in den Westen. Ich lernte also die Menschen kennen; die Leute von meinen Ostpartnern Amiga, DDR-Künstleragentur und den Verlagen.

taz: Und?

Schimmelpfennig: Und auf einmal stellst du fest, in dem Land gibt es ein richtig pralles Leben, das sich kaum unterscheidet von dem im Westen. Mit richtigem Leben, damit meine ich Suff und Sex und auch diese ganzen Verrücktheiten, die mit Jungsein verbunden sind. Das hatte ich so nie erwartet. Ich kam ja aus so einer Welt, die so ganz anders war und wo es alles im Überfluss gab. Und dann bist du in einer Welt, in der es an vielem mangelt und man sich um alles kümmern musste. Da blühte viel Kreativität. Das wuchs mir schnell ans Herz. Da wurden mir als nicht so politischem Menschen einige Dinge doch klarer.

taz: Trotz deiner guten Geschäfte mit der DDR-Künstleragentur und Amiga hast du dich immer auch etwas distanziert verhalten. Verbrüderungsaktionen mit Funktionären gab es nicht?

Schimmelpfennig: So viel wusste ich: dass es Überwachung geben würde. Wie intensiv und subtil diese stattfand, habe ich allerdings erst viel später begriffen. Ich weiß nur, dass von der Stasi viel Unsinn aufgeschrieben wurde und man offenbar jede Kleinigkeit beobachtete. Ich habe mir damals überlegt: Wie schützt man sich gegen Anbandelungsversuche? Meine Strategie war: Gib den Geschwätzigen überall und jedem gegenüber. Es gab keine Geheimnisse. Insofern war ich für die Stasi völlig ungeeignet. Wer ihnen geeigneter erschien, war mein damaliger Anwalt. Der bekam mal von der Stasi Besuch und sollte angeworben werden. Man wusste, dass er SPD-Mitglied war und legte ihm nahe, seine Mitgliedschaft wieder zu aktivieren. Bei der dünnen Personaldecke der Sozialdemokraten könne er leicht Karriere machen, meinten sie, und nebenbei ein paar Informationen liefern, natürlich im Namen von Frieden und Freiheit. Er hat mir das sofort erzählt. Daraufhin habe ich den Generaldirektor vom VEB Deutsche Schallplatten angerufen und ihn gebeten, Einfluss zu nehmen, damit solche Versuche unterbleiben.

Da blühte viel Kreativität. Das wuchs mir schnell ans Herz. Da wurden mir als nicht so politischem Menschen einige Dinge doch klarer

taz: Du hast auch die Undergroundszene kennengelernt, etwa durch Aljoscha Rompe, den Chef der Band Feeling B. Das war eine ganz andere Welt?

Schimmelpfennig: Absolut. Ich wusste zwar, dass es so etwas gab, aber ich hatte keine Vorstellung davon. Bands wie die Puhdys, City oder Karat waren professionelle Formationen. Sie machten ihre Tourneen, produzierten Platten und verdienten ihr Geld. Der Underground war für sie fremd. Das waren zwei völlig unterschiedliche Welten. Aljoscha Rompe durfte ja mit seinem Schweizer Pass auch in den Westen und stand eines Tages mal in meinem Kreuzberger Büro. Er lud mich dann nach Ost-Berlin ein, wir tranken zusammen Wodka und er nahm mich mit zu Punkkonzerten. Das war etwas, das ich in meinem Leben nie wieder erlebt habe. Schräg, wild, unangepasst – Punk vom Allerfeinsten. Selbst in West-Berlin hatte ich so etwas nicht gesehen. Punk war mir bis dahin eher fremd, aber es war unglaublich spannend.

taz: Du hattest auch international Erfolg, etwa mit dem Drummer George Kranz 1983 in den USA …

Schimmelpfennig: Ja, mein größter Erfolg wurde tatsächlich mein größtes Problem. George Kranz war Studiomusiker und arbeitete mit am Album „Kneisel’s Gala“ im Tangerine-Dream-Studio in Spandau. George trommelte bei mehreren Produktionen und da entstand die Idee zum „Trommeltanz Din Daa Daa“. Obwohl ihn zunächst keiner haben wollte, wurde der Titel über Frankreich plötzlich ein Hit zunächst in Europa und dann sogar in den USA. Ich bekam ein Angebot von Elektra-Records, habe es aber nicht angenommen und mich stattdessen auf ein Independent-Label eingelassen. Das stellte sich als Fehler heraus, denn am Ende wurde ich nicht bezahlt. Ich blieb auf enormen Kosten sitzen.

taz: Hattest du Angst, dass deine Zeit im Musikgeschäft vorbei ist?

Schimmelpfennig: Natürlich war das eine schwierige Zeit. Ich hatte plötzlich rund 900.000 Mark Schulden bei der Bank und ich habe einige Nächte schlecht geschlafen. Aber ich war noch jung und wollte weitermachen. Ich habe meinen Verlag und so ziemlich alles verkauft, was ich besaß. Selbst mein Ferienhaus auf Fehmarn, aber den Ballast brauchte ich ohnehin nicht. Es war keine einfache Zeit, aber ich konnte und musste auch mit Tiefschlägen umgehen können.

Erfolg mit der DDR-Kultband Karat: Peter Schimmelpfennig mit seiner ersten Goldenen Schallplatte für 250.000 in Westdeutschland verkaufte Exemplare von „Albatros“ (1979)

taz: Dein Geschäftsmodell sah auch vor, dass du der DDR Weststars für Konzerte besorgt hast, zum Beispiel James Brown. Mit dem Mauerfall brach dein Ost-West-Geschäft zusammen, der DDR-Rock geriet in eine Krise. Hat es dich überrascht, dass er später unter dem Begriff „Ostrock“ ein Revival erleben würde?

Schimmelpfennig: Ich war mir ziemlich sicher, dass es so kommen würde, einfach weil die Musik Teil des Lebens vieler DDR-Bürger war.

taz: Der Begriff „Ostrock“ gefällt dir aber nicht?

Schimmelpfennig: Der Begriff, sicher von einem schlauen Marketingfritzen ausgedacht, hat mich immer gestört, weil er für mich etwas Trennendes hat. Was soll das sein, Ostrock? Kann Udo Lindenberg Ostrock?

taz: In Neuruppin gibt es im Juni zum zweiten Mal ein eigenes Ostmusik-Festival mit Bands, die ihre Wurzeln in der DDR haben. Ist der Ostrock doch mehr als eine eigentümliche Episode der Musikgeschichte?

Ein Geburtstagsgeschenk

Schimmelpfennig: Definitiv. Diese Kreativität deutschsprachiger Rockmusik gab es im Westen so nicht. In der DDR entstanden sehr eigenständige Kunstformen. Die Rockautoren waren oft echte Poeten: Leute wie Werner Karma oder Ulrich Plenzdorf. Diese Entwicklung hat tatsächlich dazu beigetragen, dass auch im Westen mehr deutsch gesungen wurde. Was mich in der DDR außerdem beeindruckte, war der Unternehmergeist der Bands. Sie funktionierten wie kleine Firmen. Hätte die DDR mehr Vertrauen in ihre Bürger gehabt, gäbe es sie vielleicht heute noch, wer weiß. Aber der Staat war immer misstrauisch und ideologisch geprägt.

taz: Die DDR war kein freiheitliches Land, obwohl es mehr Freiheiten gab, als man denkt. Freiheit scheint für dich eine große Rolle zu spielen. Du gehörst sogar zu den wenigen Menschen, die heute die FDP vermissen. Warum?

Schimmelpfennig: Weil ich ein Freund des Liberalismus bin. Selbst machen, statt nach dem Staat rufen, ist mein Credo. Wir haben neulich mit meinem FDP-Nachbarn die Umgebung des S-Bahnhofs Charlottenburg von Müll und Unrat befreit. Niemand hat uns darum gebeten. Wir waren so frei. Bei mir um die Ecke ist ein Edeka-Laden, in dem ich einkaufe. Vor dem Eingang sah ich kürzlich lauter Müll an vier Baumscheiben. Als ich den Ladenchef darauf ansprach, erklärte er mir, das sei nicht sein Zuständigkeitsbereich, das sei nicht seine Sache. Seine Sache seien die 1,50 Meter von der Ladenfassade. Aber genau darum geht es: Nicht auf die BSR oder den Staat warten. Verantwortung übernehmen. Dafür stand und steht die FDP immer … Eigentum verpflichtet. Es sind unsere Straßen, unsere Parks, unsere Bäume. Es ist unsere Stadt! Es ist unser Land!

taz: Den Freiheitsbegriff reklamiert heute auch die AfD für sich. Das scheint dich besonders zu reizen?

Schimmelpfennig: Absolut, weil die AfD – diese teutschen, strengen, spießigen Alleswisser – nicht für meine Freiheit steht. Jeder kann das wählen, was er will. Ich erinnere mich an meinen Vater, der die Nazis unterstützte und der wie viele andere nach dem Krieg sagte: „Ich war doch kein Nazi – ich habe die nur gewählt.“ Heute höre ich Ähnliches: „Wir sind doch keine Rechtsextremen – wir wählen die nur.“ Das bereitet mir Sorgen. Deshalb hatte ich in Höckes Wahlkreis Greiz 2 vor der Thüringer Landtagswahl Plakate geklebt, mit denen ich darauf hingewiesen habe, dass Blau eine gut übertünchend deckende Deckfarbe auf braunem Untergrund ist. Ich war so frei.

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