Schwarzfahrerin über Haftstrafe: „Ich bin keine notorische Schwarzfahrerin“
Rosemarie Bringmann musste ins Gefängnis, weil sie ohne Ticket fuhr. Ihre Versuche, die Geldstrafe abzuarbeiten, scheiterten an einem gebrochenen Arm.
taz: Frau Bringmann, muss das Fahren ohne Ticket entkriminalisiert werden?
Rosemarie Bringmann: Auf alle Fälle. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich rechnen musste, ob ich mir ein Monatsticket leisten kann. Im Moment ist es erschwinglich, in Berlin kostet das Sozialticket gerade 27,50 Euro. Aber je nach Budget schlägt das schon zu Buche, und es gibt immer noch Menschen, die das nicht stemmen können.
taz: Justizministerin Hubig hat sich gerade dafür ausgesprochen, das Fahren ohne Fahrschein aus dem Strafkatalog zu streichen. Was würden Sie der Ministerin gerne sagen?
Bringmann: Ich bin genau ihrer Meinung. Ich bin viel herumgekommen, ich war in vielen Großstädten und kenne die Preise für Tickets in den verschiedenen Städten, in Köln und Berlin zum Beispiel, aber auch in Mexiko-Stadt. Ich finde unverhältnismäßig, was normalen Menschen abverlangt wird.
62 Jahre alt, ist Ethnologin und Entwicklungssoziologin. Sie war zuletzt in verschiedenen prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt und ist derzeit arbeitssuchend. Im Jahr 2024 war sie für zwei Tage zur Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis.
taz: Ein Einzelfahrschein kostet in Berlin mittlerweile 4 Euro. Eine Zeit lang gab es während der Coronapandemie das 9-Euro-Ticket. Fanden Sie das verhältnismäßig?
Bringmann: Ja, das war ja eine überschaubare Summe. Das habe ich mir natürlich geholt.
taz: Vor dem 9-Euro-Ticket gab es mal eine Zeit, in der Sie sich nicht regelmäßig ein Ticket leisten konnten.
Bringmann: Ich bin keine notorische Schwarzfahrerin. Ich hole mir immer als Erstes ein Monatsticket. Aber damals war ich im Krankenhaus, und als ich rauskam, war Mitte des Monats. Da hat sich ein Monatsticket nicht mehr gelohnt, das hat damals noch 70 Euro gekostet. Also habe ich Einzelfahrkarten gekauft. Ich war immer bestrebt, das zu stemmen. Aber manchmal hat es mit dem Geld nicht hingehauen.
taz: Dennoch mussten Sie tatsächlich mal zur sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe ins Gefängnis, weil Sie mehrmals ohne Ticket gefahren waren. Wie kam es dazu?
Bringmann: Erst habe ich einen Teil der Geldstrafe abbezahlt. Ich hatte eine vom Jobcenter geförderte Maßnahme beim Sozialträger Kubus. Als die endete, habe ich die Möglichkeit wahrgenommen, über das Programm „Arbeit statt Strafe“ gemeinnützige Arbeit abzuleisten. So konnte ich bei Kubus bleiben, habe im Büro gearbeitet und konnte meinem Nachfolger in der Maßnahme noch ein wenig zur Seite stehen. Das waren vier Stunden am Tag.
taz: Und dann?
Bringmann: Dann hatte ich einen Unfall, praktisch einen doppelten Armbuch. Ich habe mir zweimal den Arm gebrochen: Einmal im Dezember 2023, und als das fast ausgeheilt war, kam im Januar das Blitzeis, am 9. Januar 2024, das weiß ich noch. Ich bin ausgerutscht und habe mir wieder den Arm gebrochen. Ich bin ins Krankenhaus, in die Reha, dann zur Physiotherapie, habe mich um meine Gesundheit gekümmert. Und ich dachte, die Staatsanwaltschaft meldet sich schon bei mir, damit ich die Sozialstunden später abarbeiten kann. Mit dem Arm ging das natürlich nicht.
taz: Aber?
Bringmann: Stattdessen standen an einem S-Bahnhof plötzlich Beamte vor mir, wollten meine Personalien sehen, sagten, dass ein Haftbefehl gegen mich bestehe, und haben mich ins Frauengefängnis in Lichtenberg gebracht. Ich war tatsächlich mal Opfer eines Raubüberfalls, zwei Damen haben mich zusammengetreten, ich musste ins Krankenhaus und habe eine künstliche Hüfte bekommen.
Jetzt war ich plötzlich in derselben Haftanstalt wie die beiden, die mir damals unwiederbringlichen Schaden zugefügt hatten. Da kam ich mir vor wie im falschen Film. Ich bin in eine Einzelzelle gekommen. Da habe ich mich gefragt, wer wohl vorher in meiner Zelle einsaß. Morgens um sechs wurde ich immer gefragt, ob ich Hofgang machen möchte. Es war ziemlich kalt, deshalb habe ich das nur einmal gemacht. Daran kann ich mich aber noch gut erinnern.
taz: Eine Initiative, die sich für die Entkriminalisierung des Fahrens ohne Ticket einsetzt, hat letztlich die Geldstrafe für Sie übernommen. Wie schnell sind Sie dann rausgekommen?
Bringmann: Ich kam Dienstagabend rein, und Mittwoch früh hatte ich ein Gespräch mit jemandem von der JVA. Der hat mir von der Möglichkeit erzählt, dass ich mich vom Freiheitsfonds freikaufen lassen könnte. Er meinte aber, diese Woche würde es wahrscheinlich nichts mehr. Ich habe dann direkt den Antrag ausgefüllt. Und tatsächlich wurde der noch vor dem Wochenende genehmigt. Als der positive Bescheid kam, war ich überglücklich.
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