Humanitäre Lage im Gazastreifen: Gefangen zwischen israelischem Militär und Hamas-Herrschaft
Seit sechs Monaten gilt im Gazastreifen eine fragile Waffenruhe. Doch Fortschritte hin zu einer dauerhaften, friedlichen Lösung gibt es kaum.
Im Prinzip hat sich bewahrheitet, was einige Palästinenser wie auch Beobachter mit dem Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen am 10. Oktober 2025 befürchtet hatten: Dass das, was damals für den Übergang vereinbart wurde, zur Dauerlösung wird.
Sechs Monate sind seitdem vergangen. Und zu Beginn veränderten sich die Dinge rasend schnell. Innerhalb von wenigen Tagen ließ die Hamas alle zwanzig noch lebenden Geiseln frei, Israel wiederum etwa 2.000 palästinensische Gefangene. Das israelische Militär zog sich auf die sogenannte gelbe Linie und damit etwa aus der Hälfte des Gazastreifens zurück. Die andere Hälfte kontrolliert die Hamas, dort lebt auch fast die gesamte Zivilbevölkerung des Küstenstreifens.
Die Freilassung der Geiseln und Gefangenen sowie der Rückzug des Militärs waren drei Forderungen aus dem 20-Punkte-Plan des US-Präsidenten Donald Trump. Und während sich bereits die Freilassung der getöteten Geiseln wie auch die Öffnung der Grenzübergänge nach Gaza für Hilfslieferungen verzögerte, blieb der Großteil der Punkte bislang gänzlich unerfüllt.
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Permanente Verstöße gegen die Waffenruhe
Etwa das „sofortige Kriegsende“. Nach Angaben des Hamas-kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen habe Israel zwischen dem 10. Oktober und Mitte März über 2.000-mal gegen die Waffenruhe verstoßen. Laut dem Ministerium sollen dabei mindestens 700 Menschen umgekommen sein. Unter ihnen sind Kämpfer der Hamas, aber auch Zivilistinnen und Zivilisten. Das katarische Medium Al Jazeera berichtet: An 160 von 182 Tagen während der Waffenruhe habe es Angriffe Israels in Gaza gegeben.
Erst an diesem Donnerstag soll Berichten zufolge ein Mädchen in einem Klassenzimmer im nördlichen Gazastreifen von israelischem Militär erschossen worden sein. Eine Bestätigung des Militärs zu dem Vorfall gibt es bislang nicht.
Die israelischen Angriffe in Gaza erfolgten teils innerhalb des israelisch kontrollierten Gebietes, also hinter der gelben Linie, aber auch im Hamas-kontrollierten Teil. Laut dem israelischen Militär wurden seit Beginn der Waffenruhe insgesamt vier Soldaten im Gazastreifen getötet.
Zu wenige Hilfslieferungen
Auch das Thema Hilfslieferungen bleibt kompliziert: Eigentlich sollten nach dem 20-Punkte-Plan „sofort“ Hilfsgüter „durch die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz“ frei nach Gaza hineinfließen. Zwar werden tatsächlich mehr Güter geliefert als noch vor Beginn der Waffenruhe. Die online verfügbaren Daten, die die israelische Behörde COGAT selbst veröffentlicht hatte, enden im Oktober 2025.
Doch von Vereinten Nationen veröffentlichte Daten zeigen, dass seit dem 10. Oktober 2025 insgesamt etwa 272.000 Tonnen Güter nach Gaza kamen. Diese Zahl bezieht sich auf Hilfstransporte, die von UN-Organisationen betreut werden. Etwa 60 Prozent dieser Güter seien Lebensmittel. Laut dem Welternährungsprogramm werden etwa 62.000 Tonnen an Lebensmitteln pro Monat benötigt, um die rund 2 Millionen Menschen im Gazastreifen adäquat zu versorgen. Rein durch die UN-gelieferten Hilfsgüter wäre das in den vergangenen sechs Monaten also nicht gegeben.
Koordination mit Israel noch immer kompliziert
Hilfsorganisationen berichten außerdem gegenüber der taz, dass die Koordination der Lieferungen mit Israel noch immer äußerst kompliziert sei. Es werde also weniger geliefert als möglich wäre.
Seit vergangenem Sommer lässt Israel immerhin wieder kommerzielle Transporte in den Gazastreifen zu. Und im Gegensatz zu Hilfsorganisationen dürfen diese auch sogenannte Dual-Use-Güter einführen. Dazu gehören etwa Generatoren zur Stromerzeugung mithilfe von Kraftstoff, aber auch Zelte, in denen Metallteile, also Zeltstangen, enthalten sind. Die Einfuhr dieser Dinge als Hilfsgüter wird, das bestätigte jüngst eine Organisation der Vereinten Nationen gegenüber der taz, bis heute oft nicht genehmigt.
Das verbessert zwar grundsätzlich die Versorgungslage. Doch die kommerziell eingeführten Güter werden auf den Märkten verkauft, die Preise bestimmen Angebot und Nachfrage. Und die Mehrheit der Menschen im Gazastreifen hat keine Arbeit mehr, Ersparnisse können außerdem nur mit hohen Abzügen von den Bankkonten ausgezahlt werden. Viele haben kaum Geld, um sich gesund zu ernähren.
Problematische Ernährungslage und akute Hungergefahr
Die Integrated Food Security Phase Classification(IPC)-Skala, die die Ernährungssicherheit in einem Gebiet misst, prognostizierte im Herbst für den Gazastreifen weiterhin ein hohes Niveau an „Food Insecurity“. Demnach habe etwa die Hälfte der Bevölkerung keine ausreichenden finanziellen Mittel für eine ausgewogene Ernährung, knapp 30 Prozent seien sogar akut hungergefährdet.
Und nach wie vor landen außerdem manche der als Hilfsgüter eingeführten Lebensmittel auf den Märkten. Augenzeugen berichten der taz, dass der Aufdruck „Not for Sale“ – „Nicht zum Verkauf“ – teils deutlich sichtbar ist.
Hinzu kommt die Besteuerung: Seit vergangenem November zieht die Hamas wieder vermehrt Steuern von der Bevölkerung ein. Etwa auf Zigaretten und Treibstoff oder auch auf Lebensmittel wie Hühnerfleisch. Ghaith Al-Omari, Analyst beim US-amerikanischen Thinktank Washington Insitute for Near East Policy, erklärte dazu bereits im November: Damit ziele die Hamas darauf ab, sowohl nach innen als auch nach außen zu zeigen, dass man an ihr nicht vorbeikommt. Und warnte: „Je länger die internationale Gemeinschaft wartet, desto mehr gräbt sich die Hamas ein.“
Hamas agiert gegen Zivilbevölkerung
Genau das ist in den vergangenen sechs Monaten passiert. Fast jede Woche gibt es neue Berichte über das Vorgehen der Hamas gegen die eigene Zivilbevölkerung.
So sanken im vergangenen Dezember die Temperaturen zügig ab, mit dem Winter begann auch die Zeit des Regens. Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser lebten – und leben bis heute – in Zelten, die gegen die Winterkälte kaum Schutz bieten. Diese inoffiziellen Camps finden sich etwa in den Innenhöfen von ehemaligen Regierungsgebäuden oder in den von internationalen Organisationen genutzten Häusern, aber auch am Strand oder auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Grundstücken.
Ein solches an einem ehemaligen Regierungsgebäude gelegenes Camp stürmten nach Informationen der taz Mitte Dezember maskierte Männer. Nach Berichten von Augenzeugen schossen sie in die Luft, zerstörten Zelte, zwangen die Menschen dazu, ihre temporäre Unterkunft zu verlassen. So berichteten es Augenzeugen der taz.
Aus der Notunterkunft wurde innerhalb weniger Stunden eine Art Polizeistation mit kleinem Gefängnis. Das ist kein Einzelfall, es gibt weitere ähnliche Fälle: Zivilisten kamen in oder an Gebäuden unter, auf die die Hamas dann Anspruch erhebt.
Hamas duldet keine Kritik
Die Hamas geht außerdem hart gegen ihre Kritiker vor: Immer wieder werden Menschen, die es gewagt haben, sich öffentlich gegen sie zu äußern, festgenommen. Immer wieder werden Kritiker getötet oder misshandelt. Aktivisten wie Hamza Howidy, ein aus Gaza nach Deutschland geflohener Palästinenser, oder der palästinensische Christ Ihab Hassan, dokumentieren die Fälle auf ihren Social-Media-Konten. Nicht alle lassen sich unabhängig überprüfen. Doch sie decken sich mit Berichten, die die taz aus Gaza erreichen und mit Recherchen vor Ort.
Auch auf den Straßen ist die Hamas wieder deutlich sichtbar: Die sogenannte Sahm-Einheit patrouilliert öffentlich, die Mitglieder sind meist maskiert und bewaffnet, teils aber auch in zivil anmutender Kleidung.
Massive Verschlechterung der Lebensbedingungen
Die Situation, so könnte man das zusammenfassen, ist wieder wie vor dem Krieg. Nur dass zwischendrin etwa 70.000 Menschen in dem von Israels Militär mit großer Brutalität geführten Krieg umkamen, dass etwa 80 Prozent der Gebäude beschädigt oder zerstört sind und das Gebiet des Gazastreifens, in dem sich Palästinenser aufhalten dürfen, halbiert wurde.
Manche hoffen weiter auf den Trump-Plan – und vor allem auf die Internationale Stabilisierungsmission (ISF). Sie wurde mit der Resolution 2803 vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen offiziell genehmigt. Sie soll den Gazastreifen entmilitarisieren und sichern, „vor allem durch die Unterstützung bei der Entwaffnung, den Schutz der Zivilbevölkerung sowie die Ausbildung und Beratung der im Aufbau befindlichen palästinensischen Polizeikräfte“, so schreibt es etwa das Middle East Institute.
Seit der Resolution im vergangenen November ist aber kaum etwas passiert. Im Januar stellten die USA Major General Jasper Jeffers als Kommandeur der ISF vor. Details wie etwa das Budget sind weiter unklar. Und es haben zwar mehrere Staaten, darunter Indonesien und Marokko, Bereitschaft signalisiert, Truppen für die ISF zu entsenden. Doch auch hierbei sind keine echten Fortschritte bekannt.
Die Menschen im Gazastreifen harren also weiter aus: ohne echte Zukunft, ohne echten Fortschritt, gefangen zwischen israelischem Militär und Hamas-Herrschaft.
Hamas soll auf Vorschlag zur Entwaffnung reagieren
Bis zum Ende dieser Woche, so berichtet es Times of Israel, soll die Hamas auf einen Vorschlag zur Entwaffnung seitens des Gaza-Friedensrats reagieren. In der vergangenen Woche hatte der Hohe Vertreter des Rats für Gaza, Nikolay Mladenow, Vertreter der Hamas im ägyptischen Kairo getroffen. Fundamentale Änderungen seitens der Hamas, so Times of Israel, sollen dabei nicht mehr einfließen dürfen. Der Plan sieht einen achtmonatigen Zeitrahmen vor, in dem die Hamas die Waffen niederlegt und palästinensische Technokraten die Kontrolle übernehmen, bis sich schließlich Israels Militär aus ganz Gaza zurückzieht.
Und wenn sie nicht darauf eingeht? „Er, der nicht den Fluss überschreitet, wird im Meer ertrinken“, schreibt Mladenow etwas kryptisch auf X. Nach einer erwarteten baldigen Lösung klingt das nicht.
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