Krieg Israel-Libanon: Erstmals direkte Gespräche in Aussicht
Für Anfang nächster Woche soll es in Washington erste direkte Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon geben. Derweil gehen die Angriffe auf Südlibanon weiter.
Neue Bombardierungsdrohungen und Evakuierungsaufforderungen des israelischen Militärs haben bei den Menschen in den südlichen Stadtvierteln Beiruts Angst und Panik ausgelöst. Unter den von der israelischen Armee als „rot“ markierten Vierteln waren auch Straßenzüge, die zuvor nicht von Massenflucht vor Bombardierung betroffen waren, wie Furn el Chebbak und Jnah. Die WHO warnte, in Jnah seien 450 Patienten in Krankenhäusern von den Drohungen betroffen. Im roten Gebiet liegt auch das große staatliche Rafik-Hariri-Krankenhaus.
Die Hisbollah ihrerseits hat in der Nacht zu Freitag Israel mit zwei Raketen beschossen. Bereits am Mittwoch hatte die israelische Armee im Libanon 100 Ziele in nur 10 Minuten bombardiert. Die Angriffe trafen die Zivilbevölkerung ohne Vorankündigung. In Beirut wurden Wohnhäuser in zehn dicht bewohnten Vierteln getroffen.
Hunderte flohen nach den Angriffen auf den öffentlichen Platz, auf dem bereits andere durch den Krieg vertriebene Familien in Zelten übernachten. Auch direkt gegenüber wurde am Mittwoch angegriffen, erzählt die Vertriebene Fatima Zaiter. „Sie haben hier bombardiert, direkt gegenüber von uns.“
Zynisch sagt sie: „Normal, wir sind das schon gewohnt. Ich bin nicht wütend. Außer vielleicht über die Toilettensituation.“ Waschräume oder Steckdosen gibt es nicht. Seit mehr als einem Monat schläft die Familie Zaiter auf dem Parkplatz.
Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.
Israelische Angriffe auf den Südlibanon gehen weiter
Wie so viele hatten sie kurz gehofft, bald in ihre Wohnung in Süd-Beirut zurückzukehren, als am Mittwoch die Waffenruhe im Iran-Krieg verkündet wurde. Doch Israel verschont den Libanon nicht. Bei den Bombardierungen am Mittwoch wurden mindestens 303 Menschen getötet und 1.150 verletzt, zählt das Gesundheitsministerium. Darunter sind viele Kinder und Frauen. Israelische Angriffe seit dem 2. März haben insgesamt 1.888 Menschen getötet und 6.092 verletzt.
Die Suche nach Leichen unter Trümmern ging an mehreren Orten am Donnerstag weiter, ebenso die Identifizierung zahlreicher Toter.
Am Donnerstag gingen die israelischen Angriffe im Südlibanon weiter, darunter Luftangriffe von Kampfjets in den Orten Kfar Dounin und Ansarieh sowie dem Marktplatz in Bint Jbeil, der Stadt Kafra und dem Gebiet Haret al-Baidar al Foukani. Auch der israelische Einmarsch im Südlibanon geht weiter. Die Stadt Khiam wurde mit Panzern und Schusswaffen beschossen, meldet die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA.
Israels Hauptfront befände sich derzeit im Libanon, sagte Generalstabschef Eyal Zamir bei einer „Lagebeurteilung“ am Donnerstag während des Einmarsches nahe dem Dorf Bint Jbeil im Südlibanon.
Libanesisch-israelische Gespräche für nächste Woche angekündigt
Nächste Woche soll es direkte Gespräche zwischen dem Libanon und Israel in Washington geben. Ein Beamter des US-Außenministeriums sagte der Nachrichtenagentur AFP, das Ministerium werde das Treffen ausrichten. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte am Donnerstag gesagt, sein Kabinett werde „direkte Verhandlungen“ mit dem Libanon aufnehmen. Bisher hatte Israels Regierung Gesprächsangeboten aus Beirut eine Absage erteilt.
Geholfen haben bei der Kehrtwende soll der US-Sondergesandte Steve Witkoff. Laut hochrangigen US-Beamten soll er Netanjahu gebeten haben, die Angriffe im Libanon zu verringern und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Netanjahu soll den ehemaligen Minister für Strategische Aufklärung, Ron Dermer, zum Verhandler für das „Libanon Dossier“ ernannt haben. Dermer gilt als Netanjahus enger Berater und Vertrauter – zwar auf einer politischen Hardliner-Linie, aber nicht so kontrovers in der Wortwahl.
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