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Rentenpläne von Katherina ReicheMalochen bis zum Umfallen

CDU-Wirtschaftsministerin Reiche sagt: Die Deutschen leben länger, also sollen sie auch erst später in Rente gehen. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Heiteres Daumenschrauben-Anziehen: CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche Foto: Michael Kappeler/dpa

Mehr arbeiten, länger arbeiten – und immer an die Wirtschaft denken: Katherina Reiche lässt nicht locker. Am Freitag erklärte die Bundeswirtschaftsministerin, dass jetzt mal Schluss sein müsse mit dem deutschen Renten-Schlendrian. „Das Renteneintrittsalter muss behutsam, aber verbindlich an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden“, forderte die CDU-Politikerin in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Anreize für Frühverrentungen gehörten ohnehin abgebaut.

Reiches Einlassungen richten sich auch und vor allem an die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission, die ihre Vorschläge Ende Juni vorlegen will. Sie fügen sich zugleich ein in das aktuelle schwarz-rote Klagelied, die Deutschen arbeiteten zu wenig. Mit Blick auf das Renteneintrittsalter gehen die vermeintlichen Lösungsansätze dabei im Detail auseinander.

Während etwa Finanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil dafür plädiert, den Renteneintritt an die Dauer der Erwerbstätigkeit zu knüpfen, und damit unter anderem auf Lang­zeit­stu­den­t:in­nen zielt, will Katherina Reiche, dass generell alle Ar­beit­neh­me­r:in­nen später in Rente gehen, weil generell ja alle länger leben würden.

Dass Geringverdiener laut Statistischem Bundesamt und Robert-Koch-Institut eine um etliche Jahre kürzere Lebenserwartung als Besserverdiener haben, folglich auch eine wesentlich kürzere Zeit von Rentenzahlungen profitieren, scheint für die Ministerin nachrangig. Gleiches gilt für den Umstand, dass die Menschen im Osten früher sterben als im Westen. So haben Männer mit 65 in Sachsen-Anhalt statistisch gesehen ganze zwei Jahre weniger Rentenzeit bis zum Tod vor sich als in Baden-Württemberg.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Brandneu ist die Forderung von Katherina Reiche ohnehin nicht. Sie findet sich bereits im 2024 verabschiedeten Grundsatzprogramm der CDU, nach langen Auseinandersetzungen durchgeboxt von der Jungen Union. Auch Reiche hatte sie in der Vergangenheit mehrfach wiederholt.

So sinnierte sie schon im Sommerloch des vergangenen Jahres darüber, dass es „auf Dauer nicht gut gehen“ könne, „dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“. Deutschland müsse sich der Realität stellen, befand die Ministerin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wir müssen mehr und länger arbeiten.“

Was die Länger-arbeiten-weil-länger-leben-Fraktion – auch jenseits der regionalen Unterschiede – unterschlägt: Die Lebenserwartung der Deutschen steigt überhaupt nicht in dem Maße wie behauptet.

Während das gesetzliche Renteneintrittsalter seit 2012 schrittweise erhöht wird und ab 2031 bei 67 Jahren liegen wird, ist die Lebenserwartung für ältere Menschen in der Zwischenzeit mitnichten ebenfalls gestiegen. Das jedenfalls geht aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor.

Von wegen länger leben

Demnach hatten 65-Jährige zuletzt Aussicht auf weitere 19,4 Lebensjahre. Dieser Mittelwert der Jahre 2022 bis 2024 lag nach einigen Schwankungen auf demselben Niveau wie zehn Jahre zuvor: Auch im Dreijahresmittel 2012 bis 2014 waren es gerundet 19,4 Jahre. Parallel dazu verschob sich der tatsächliche Rentenstart binnen zehn Jahren im Schnitt um gut 1,3 Jahre nach hinten.

Kri­ti­ke­r:in­nen der Rentenpläne sehen sich dann auch bestätigt. Die Linken-Abgeordnete Sarah Vollath, die die Anfrage gestellt hatte, sagte dazu: „Selbsternannte Rentenexperten fantasieren sich seit Jahren die Erzählung zusammen, dass die Lebenserwartung immer weiter steigt und die Menschen viel zu früh in Rente gehen.“ Die Antwort der Bundesregierung zeige dagegen: „Das stimmt einfach nicht.“

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3 Kommentare

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  • Frau Reiche ist das U-Boot. Sie will ein Trump'sches Deutschland/Europa. Alle alternativen Energien absägen im Sinne der Ultra-Konservativen und der AfD.



    Erhöhung der Pendlerpauschale statt Übergewinnsteuer.



    Den Staat ruinieren.



    Ich ertrag es nicht.

  • Eine erzkonservative Dame. Für Atomenergie. Gegen eingetragene Lebensgemeinschaften.



    Und jetzt diese "abgedroschene" Phrase: "Wir werden alle älter, also müssen wir länger arbeiten":

    Erstens werden wir nicht a l l e älter.



    Zweitens sind die, die älter werden, nicht unbedingt gesund und fit. Oft genug, verlängert die moderne Medizin einfach nur das Leiden.

    Diese Dame sollte mal richtig malochen gehen. Vielleicht auf dem Bau, als Dachdecker, als Krankenschwester im Schichtdienst. Dann würde sie eventuell ihre Meinung revidieren.

  • Alle Politiker und neue Beamte müssen in die Rentenversicherung einzahlen. Dann hält Frau Reiche, CDU ganz schnell ihren Mund.