Die Pet Shop Boys im Konzert in London: Warum leben wir nicht zusammen?
Seit über 40 Jahren gibt es die Pet Shop Boys jetzt schon. Jetzt gaben sie erstmals Clubkonzerte. Funktioniert das? Ein Besuch in London.
Der Electric Ballroom ist eine Institution in der Musikszene Londons. Früher traten hier Joy Division, die Ramones und die Talking Heads auf. Mittlerweile hat der Punk diesen Teil Camden Towns zwar leider verlassen und eine durchformatierte triste Fußgängerzone entstand. Aber der vergilbte Charme, die bierklebrigen Holzböden, die ausladenden Bartheken, die großzügige Empore und die verblassten Konzertplakate dieser Halle erinnern an den früheren Aufruhr, der von den Konzerten hier ausging, als Krawall statt Kommerz in den Straßen von Camden regierte.
Warum sich an diesem Aprilabend so viele Menschen in der ausverkauften Halle drängen, hat einen einfachen Grund. Die Pet Shop Boys, üblicherweise Gast in gigantischen Hallen wie der Uber Arena in Berlin, haben sich entschlossen, dass sie fünf intime Konzertabende hosten. Sie spielen nicht die Singles, sondern eine Setlist ihrer B-Seiten und weniger hitverdächtigen Songs in einem zweistündigen Konzert.
„Obscure“ heißt das kokett. Wobei der Großteil der an diesem Abend gespielten Songs aus dem Backkatalog des mittlerweile über 40-jährigen Schaffen des Duos zwar in der Definition keine genuinen Hits sind, aber doch eindeutig allesamt eingängig sind.
„Suburbia“ vom ersten Album „Please“ kennen viele Menschen. Die ebenso gute B-Seite dieser Single, „Jack the Lad“ dagegen wenige Eingeweihte. „Fan Favorites“ nennt es Neil Tennant. Mitsingen können hier alle. Die rund 1.000 Tickets für jedes Konzert waren am ersten Tag weg. Das Publikum ist gefühlt zu 70 Prozent mitgealtert. Viele weiß- und grauhaarige Fans stehen in der Menge. Neil Tenannt ist 71 Jahre alt, Chris Lowe 66.
Gesellschaftliche Veränderungen
Die Menge ist bei 1980er-Jahre-Stücken wie „King’s Cross“, „It couldn’t happen here“ und „Why don’t we live together“ restlos begeistert, goutiert aber auch die ruhigen Pianostücke mit fulminantem Applaus. Ein Höhepunkt dabei ist das Lied „My funny uncle“. Es ist ein autobiografischer Bericht über die Beerdigung eines Freundes, den Neil Tennant anlässlich dessen Tods nach einer HIV-Erkrankung besuchte: „One mother’s son. His father’s distant gaze, regretting Where they went wrong. He always found it too upsetting.“
Die über 40 Jahre der Existenz der Pet Shop Boys waren von außergewöhnlichen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen geprägt. Viele Songtexte an diesem Abend reflektieren das: der Niedergang der britischen Gesellschaft unter der Sparpolitik der Thatcher-Ära, die grassierende Angst, in Großbritannien zur Zeit von Paragraf 28 als homosexuell geoutet zu werden, der Zusammenbruch des europäischen Kommunismus und später das Aufkommen einer hoffnungsvollen internationalen queeren Bewegung.
Dass die Pet Shop Boys immer auch politisch waren – sie äußern regelmäßig in sozialen Medien ihre Solidarität mit der Ukraine -, beweist auch der letzte Song an diesem Abend: „I dream of a better tomorrow“. Der Erzähler träumt von eben diesem „better tomorrow“, aber fordert die anderen dazu auf „Wake up and make it all true.“ So endet dieser nostalgische Abend mit einer positiven Botschaft für unsere Zukunft.
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