Irankrieg: Wie Iran die Golfstaaten angreift
Trotz Waffenruhe attackierte Teheran weiterhin die Infrastruktur der arabischen Länder am Golf. Können die Verhandlungen in Pakistan weitere Attacken verhindern?
Trotz offiziell vereinbarter Waffenruhe attackiert Iran weiter die Golfstaaten und Jordanien. Die Zahl der Angriffe allein vom vergangenen Mittwoch ist hoch: 32 auf Kuwait, 44 auf Bahrain, sieben auf Katar, 52 auf die Vereinigten Arabischen Emirate, 14 auf Saudi-Arabien, zwei auf Jordanien. Das dokumentiert das Gulf Research Center, ansässig in Saudi-Arabien. Offenbar scheint die proklamierte Waffenruhe nur für Angriffe seitens der USA auf Iran, sowie seitens Israel auf Iran und umgekehrt zu gelten.
Die iranischen Angriffe in den Golfstaaten gelten nicht etwa den von den USA genutzten Militärbasen, sondern der zivilen Infrastruktur, vor allem im Bereich Energie. Ein Beispiel: In Saudi-Arabien wurde, wie die staatliche Nachrichtenagentur Saudi Press Agency berichtet, eine der Pumpstationen der Ost-West-Pipeline attackiert.
Seitdem Iran die Durchfahrt der Straße von Hormus kontrolliert, ist diese Pipeline für Saudi-Arabiens Exporte umso wichtiger geworden. Sie verläuft von den Ölfeldern im Osten des Landes zum Hafen Yanbu im Westen des Landes, am Roten Meer. Die Output-Kapazität, so Saudi Press Agency, wurde durch den Angriff um ganze 700.000 Barrel Öl pro Tag gemindert.
Auch in den Vereinigten Arabischen Emirate wurden Einrichtungen der Energieindustrie beschädigt. Betroffen war unter anderem das Habshan Gasfeld bei Abu Dhabi.
Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.
Auch in Iran gab es am Mittwoch Angriffe – zeitlich wohl nach den ersten heftigen Attacken auf die Golfstaaten. Betroffen war die staatliche betriebene Ölraffinerie Lavan. Israel und die USA erklärten, diesen Angriff nicht geflogen zu haben. Iran warf dann den Vereinigten Arabischen Emiraten vor, verantwortlich zu sein.
Darauf könnten auch online kursierende Bilder eines angeblich beteiligten Flugzeugs hindeuten. Dabei handelt es sich wohl um eine Dassault Mirage 2000. Dieser Kampfjet wird unter anderem von der Luftwaffe der Vereinigten Arabischen Emirate genutzt. Abu Dhabi hat den Angriff bislang nicht für sich reklamiert.
Wie Pakistan zu den Golfstaaten steht
Am Donnerstag und Freitag wurden zunächst keine Angriffe mehr vermeldet. Die Vorbereitungen für die geplanten Gespräche zwischen den USA und Iran in Pakistan sind derweil in vollem Gange.
Zwischen Pakistan und den Golfstaaten besteht eine besondere Beziehung: Zum einen erhielt das Südasiatische Land in der Vergangenheit großzügige Kredite in Höhe mehrerer Milliarden US-Dollar, vor allem aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zum anderen arbeiten mindestens 10 Millionen pakistanische Bürgerinnen und Bürger in den Golfstaaten. Das Geld, das sie nach Hause senden, ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Pakistan.
Außerdem haben Saudi-Arabien und Pakistan im vergangenen Herbst einen Verteidigungspakt unterzeichnet. Damit wurde eine bereits seit Jahren existierende, enge Beziehung formalisiert. Zu dem Pakt gehört unter anderem die Vereinbarung, sich im Aggressionsfall beizustehen. Im Ernstfall, so bewerten Analysten die Vereinbarung, käme Saudi-Arabien damit unter dem pakistanischen Nuklearschirm unter. Etwa 170 nukleare Sprengköpfe soll das Arsenal Pakistans umfassen.
Hinzu kommt: Pakistan und auch Ägypten mit ihren großen konventionellen Armeen mit reichlich Bodentruppen galten den Golfstaaten als eine Art Beistand für Notfälle. Manche Analysten sagen deshalb: Die Existenz Irans und das damit einhergehende Risiko für die arabischen Golfstaaten war auch ein Garant für gute Beziehungen zwischen jeweils Pakistan und Ägypten mit den Golfstaaten. Ein Ende des iranischen Regimes könnte den beiden Staaten sogar zum Nachteil gereichen.
Wie viel Potenzial haben die Gespräche in Pakistan?
Der Vorlauf der Gespräche scheint nicht gerade vielversprechend verlaufen zu sein. So scheint Pakistan an die USA und an Iran unterschiedliche Versionen der jeweiligen Forderungen kommuniziert zu haben. Das berichten Analysten.
Und die Unterschiede zwischen den öffentlich bekannten Forderungen beider Staaten – 10 auf der iranischen Seite, 15 auf der US-amerikanischen – sind gigantisch.
Die 15 Punkte seitens der USA, laut Medienberichten: Der Iran verpflichtet sich, niemals Atomwaffen zu entwickeln. Der Iran darf kein Uran mehr im eigenen Land anreichern und muss seine Bestände an bereits angereichertem Uran an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) übergeben. Teheran soll sich verpflichten, der IAEA die Überwachung aller Teile der verbleibenden nuklearen Infrastruktur des Landes zu gestatten. Die Straße von Hormus muss wiedereröffnet werden. Die iranische Unterstützung für regionale Proxies wie die Hisbollah im Libanon und die Houthis im Jemen muss enden. Reichweite und Anzahl der iranischen Raketen müssen begrenzt werden. Im Gegensatz sollen alle gegen Iran verhängten Sanktionen aufgehoben werden.
Die 10 Punkte seitens Iran, laut Medienberichten: Dauerhafter Waffenstillstand. Keine künftigen militärischen Aggressionen und verbindliche Garantie, dass die USA und ihre Verbündeten den Iran nicht erneut angreifen werden. Beendigung regionaler Konflikte, an denen sogenannte Verbündete Irans beteiligt sind. Vollständige Aufhebung der Sanktionen. Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte. Anerkennung des Rechts seitens Iran auf Anreicherung von Uran. Abzug der US-Streitkräfte aus der gesamten Region. Iran behält die Hoheit über die Straße von Hormus. Entschädigung für Kriegsschäden und Wiederaufbaukosten.
Die Forderungen beider Seiten sind nicht zu vereinen. Es ist unrealistisch, dass diese zügig überwunden werden können.
USA verbringen weiter Equipment in die Region
Warum kommt diese Waffenruhe also gerade jetzt? Ein Faktor könnten die Weltwirtschaft sein: So ist der Preis pro Barrel für die Ölsorte Brent mit dem Beginn der Waffenruhe von etwa 110 US-Dollar auf etwa 95 US-Dollar abgesunken. Der Preis pro Barrel Rohöl sank von etwa 177 auf derzeit 98 US-Dollar. Falls der Krieg also erneut beginnen sollte, würden die Preise von einem niedrigeren Niveau als zuvor wieder anziehen.
Hinzu kommt: Iran hat in diesem Krieg gleichzeitig Israel, die gesamten Golfstaaten und Jordanien angegriffen. Laut Gulf Research Center gab es am Golf und in Jordanien insgesamt fast 7.000 einzelne Angriffe. Etwa 75 Prozent erfolgten mit Drohnen. Die sind für Iran günstig zu produzieren, aber teuer abzufangen. Eine einzelne Abfangrakete für das in der Region genutzt Thaad-Luftabwehrsystem kostet schon etwa 15 Millionen US-Dollar. Und durch die massenhaften Angriffe Irans gingen die Abfangraketen zur Neige. Diese Bestände sollen nun aufgefüllt werden.
Die USA verlegen außerdem weiteres Equipment in die Region, unter anderem Reaper-Drohnen. Auch der Flugzeugträger USS George H.W. Bush ist auf dem Weg in die Region, er wird Ende der kommenden Woche dort erwartet. Insgesamt befinden sich dann drei Flugzeugträger mit Beischiffen in der Region. Auch weitere Soldaten, unter anderem Marines, werden Berichten zufolge jetzt dorthin gebracht.
Das bedeutet nicht unbedingt eine Rückkehr zum Krieg. Doch die Drohung steht im Raum. Und vor dem Hintergrund der gigantischen Differenzen zwischen der US-amerikanischen und der iranischen Position ist eine Wiederaufnahme der Kämpfe wohl so wahrscheinlich wie ein Voranschreiten zum Frieden.
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