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Feuerpause zu Ostern32 Stunden Pause, hoffentlich

Russland will zum orthodoxen Ostern für kurze Zeit seine Angriffe auf die Ukraine aussetzen. Am Samstag kam es zu einem Austausch von Kriegsgefangenen.

Ein Bus in der ukrainischen Stadt Nikopol. Er wurde am 7. April von einer russischen Drohne getroffen Foto: Reuters
Bernhard Clasen

Aus Trostjanez

Bernhard Clasen

Zwei Jugendliche, offenbar Schüler einer höheren Klasse, sitzen schweigend in einem Bus, der sie bei Schneeregen an einem kalten Freitagnachmittag nach Trostjanez im Gebiet Sumy bringt. Vorbei an zerstörten Häusern kleiner Dörfer blicken sie wortlos auf beschädigte Dächer. „Und?“, fragt der eine am Fenster. „Was hältst du von diesem Osterwaffenstillstand?“ – „Ich weiß es nicht“, antwortet der andere. „Doch eins ist sicher: Wir haben ein schönes Wochenende vor uns.“

Das orthodoxe Osterwochenende ist dieses Wochenende. Und dafür ordnete Russlands Präsident Wladimir Putin an, die Kampfhandlungen von Samstag, 16:00 Uhr, bis zum Ende des Sonntags vorübergehend auszusetzen. Die Maßnahme soll nach Angaben aus Moskau auf alle Frontabschnitte angewendet werden. Eine solche Waffenruhe über Ostern war zuvor mehrfach von ukrainischer Seite vorgeschlagen worden.

Putins Zeitfenster für die Waffenruhe wäre rund 32 Stunden lang. Die russische Armee wurde gleichzeitig angewiesen, weiterhin in Bereitschaft zu bleiben, um auf mögliche Angriffe reagieren zu können. Aus dem Kreml hieß es zudem, man gehe davon aus, dass die ukrainische Seite dem Beispiel folgen werde.

Die ukrainische Führung reagierte direkt. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Ukraine sei bereit, „spiegelbildlich“ zu handeln. Sollte die russische Seite die Kampfhandlungen tatsächlich einstellen, werde auch die Ukraine entsprechend reagieren. Zugleich betonte er, dass eine solche Initiative nicht auf die Feiertage beschränkt bleiben müsse.

Beide Seiten tauschen 175 Gefangene

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte, man werde beobachten, wo und wann die angekündigte Feuerpause tatsächlich umgesetzt werde. Die ukrainische Position bleibe unverändert: Ein vollständiger und anhaltender Waffenstillstand sei Voraussetzung für ernsthafte diplomatische Verhandlungen zur Beendigung des Krieges.

In Moskau wurde die Oster-Waffenruhe hingegen als zeitlich begrenzte Maßnahme dargestellt. Kremlsprecher hatten im Vorfeld betont, dass kurzfristige Feuerpausen keinen grundlegenden politischen Kurswechsel bedeuten würden.

Parallel zur Entwicklung an der Front gibt es weiterhin diplomatische Kontakte zwischen Russland und der Ukraine. Kyrylo Budanow, Chef der Administration von Präsident Selenskyj und gleichzeitig der ranghöchste Vertreter der ukrainischen Verhandlungsseite, äußerte zuletzt, dass Fortschritte in den Gesprächen erkennbar seien.

Beide Seiten hätten noch immer weit auseinander liegende Positionen, doch es gebe Anzeichen dafür, dass ein Ende des Krieges grundsätzlich als notwendig angesehen werde, berichtet das Portal Bloomberg und zitiert Budanow mit den Worten: „Ich glaube nicht, dass es noch lange dauern wird.“ Budanow, der über informelle Kontakte mit der russischen Seite verfügt, spielt auch eine zentrale Rolle bei den Verhandlungen zu Gefangenenaustauschen. Ende März hatte er erklärt, dass zu Ostern ein großer Gefangenenaustausch stattfinden könnte.

Und tatsächlich: Wie das russische Verteidigungsministerium am Samstag in Moskau mitteilte, ließen beide Seiten kurz vor Beginn der Feuerpause je 175 Soldaten frei.

Für die weiteren Entwicklungen bleibt entscheidend, ob beide Seiten die vereinbarte Feuerpause tatsächlich einhalten. Nur unter dieser Voraussetzung könnten überhaupt weitere Schritte in Richtung Deeskalation denkbar werden. Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass dies bei früheren Ankündigungen von Waffenruhen nicht immer der Fall war.

Bis kurz vor Beginn der angekündigten Waffenruhe ging der Krieg jedenfalls unvermindert weiter: in der Nacht zu Samstag traf ein Drohnenangriff ein mehrstöckiges Wohnhaus in der Region Sumy. Dabei wurden 14 Menschen verletzt, darunter ein 14-jähriger Junge und eine 87-jährige Frau, berichtet Oleg Grigorow, Chef der Militärverwaltung von Sumy. Bei Angriffen auf ein Wohngebiet der Hafenstadt Odessa seien zwei Menschen getötet und zwei weitere verletzt worden, erklärte der dortige Regionalgouverneur Serhij Lysak am frühen Samstagmorgen. Nahezu zeitgleich griff die Ukraine Treibstoffanlagen im russischen Noworossijsk an. (mit afp)

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