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Krieg in der UkraineOsterwaffenstillstand immer wieder gebrochen

Die Ukraine und Russland werfen sich gegenseitig vor, den auf nur 32 Stunden angelegten Waffenstillstand immer wieder gebrochen zu haben.

Ein Mann steht mit seinem Hund vor der Ruine eines Hauses in Odessa, das von einer russischen Drohne getroffen wurde Foto: Nina Liashonok/reuters
Bernhard Clasen

Aus Kyjiw

Bernhard Clasen

Die einschlägigen Telegram-Kanäle aus Kyjiw, Odessa und Charkiw sowie der Kanal von Ihor Terechow, dem Bürgermeister von Charkiw, waren still in der Nacht zum orthodoxen Ostersonntag. Auch der Kanal der ukrainischen Luftwaffe, der in der Regel mehrmals die Stunde vor russischen Luftangriffen warnt, hat seit Beginn des Osterwaffenstillstandes nur zweimal vor einem möglichen Luftangriff gewarnt.

Nichts hatte es aus den meisten ukrainischen Großstädten in der Nacht zu Sonntag zu berichten gegeben. Es wäre ein schöner Osterwaffenstillstand geworden, wenn wirklich überall die Drohnen, Raketen und Marschflugkörper geschwiegen hätten.

Doch leider wurde der österliche Waffenstillstand, der von Samstag 16 Uhr bis Sonntag 24 Uhr gelten sollte, mehrfach verletzt. Vor allem in der ostukrainischen Metropole Saporischschja und Umgebung.

Gut zwei Stunden nach Inkrafttreten des Waffenstillstands, so berichtet der Telegram-Kanal „Trucha Saporischschja“, hätten russische Einheiten unweit der Ortschaft Gulajpolje auf verwundete ukrainische Soldaten geschossen, die evakuiert werden sollten. Kurz vor Mitternacht berichtet derselbe Kanal von Explosionen in der Stadt Saporischschja. Und am Sonntagmorgen berichtet „Trucha Saporischschja“ von sechs bis sieben Drohnen, die man im Gebiet Saporischschja gesichtet habe.

Beide Seiten zählen je um die 2.000 Verstöße der Gegenseite

Nach Samstag 16 Uhr habe man insgesamt 479 Fälle von Beschuss und 1.800 Angriffe mit kleineren Drohnen registriert, berichtet der ukrainische Generalstab. „Schläge mit Raketen, Gleitbomben und Drohnen vom Typ Shahed gab es nicht“, teilte der Generalstab weiter mit. Das ukrainische Portal rbc.ua berichtet, russische Einheiten hätten am Samstag unweit der Ortschaft Veterinarnoe bei Charkiw vier ukrainische Kriegsgefangene erschossen.

Ein ukrainischer Soldat berichtet nach seinem Austausch gegen russische Gefangene den Angehörigen eines vermissten Soldaten Foto: Thomas Peter/reuters

Russische Behörden und staatliche Medien beschuldigen hingegen ihrerseits die Ukraine der Verletzung des Waffenstillstands. So berichtet das russische Verteidigungsministerium, ukrainische Streitkräfte hätten insgesamt 1971-mal gegen die Feuerpause verstoßen. Und der Gouverneur der Region Kursk, Alexander Chinschtein, erklärte, man habe innerhalb von 24 Stunden 15 ukrainische Drohnenangriffe auf das Gebiet registriert.

Auch regionale russische Behörden, etwa in Belgorod, meldeten Angriffe durch ukrainische Drohnen und Artillerie. Dabei seien Zivilisten verletzt oder getötet worden.

Kurz vor Beginn der Feuerpause hatten beiden Seiten am Samstag je 175 gefangene Soldaten ausgetauscht. Die ukrainische Seite ist an einer Fortführung des Waffenstillstands über den Ostersonntag hinaus interessiert. Nach ukrainischen Angaben hat Kyjiw Moskau vorgeschlagen, die Oster-Waffenruhe über die Feiertage hinaus zu verlängern. Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, dass ein längerer Waffenstillstand ein Schritt in Richtung Frieden sein könnte.

Russland scheint daran nicht interessiert zu sein. Der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, erklärte, ein stabiler Frieden könne „praktisch sofort“ erreicht werden, wenn der ukrainische Präsident Selenskyj „bekannte Entscheidungen“ treffe.

Mit dieser etwas verklausulierten Formulierung meint Peskow, dass die Waffen erst schweigen, wenn sich die Ukraine aus dem Donbass zurückziehen würde. Peskow betonte laut gazeta.ru, solange Selenskyj diese Schritte nicht unternehme und die Verantwortung dafür nicht übernehme, werde die von Russland als „spezielle militärische Operation“ bezeichnete Offensive fortgesetzt. Selenskyj hat einen ukrainischen Rückzug aus dem Donbass wiederholt abgelehnt.

Selenskyj sieht Fortschritte bei Verhandlungen

Selenskyj erklärte in einer Ansprache, dass die Ukraine aktiv mit internationalen Partnern an Sicherheitsgarantien und Verhandlungen arbeite. Besonders die Zusammenarbeit mit den USA und europäischen Staaten werde intensiv fortgesetzt.

In diesem Zusammenhang berichtete er auch vom Ausbau der ukrainischen Rüstungsexporte. Am Montag werde Rustem Umerow, Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, einen ausführlicher Bericht vorlegen, der über sämtliche Vereinbarungen im Nahen Osten informiere. Dabei soll es um Abkommen in der Golfregion gehen, bei denen es vor allem um den Export ukrainischer Sicherheits- und Verteidigungsleistungen gehe. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt hatte Selenski den Golf-Staaten Unterstützung bei der Abwehr iranischer Drohnen zugesagt.

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