piwik no script img

Sudan-Flüchtlinge in ÄgyptenDeportation oder Tod

Ägyptens Regierung geht immer brutaler gegen Geflüchtete aus Sudan vor. Sie erfüllt auf diese Weise ihren Teil der Migrationspartnerschaft mit der EU.

Rückkehrende sudanesische Geflüchtete an einem bahnhof in Kairo 2025 Foto: Mahmoud Elkhwas/NurPhoto/imago

Es war eine kalte Nacht, als Elnatheer Elsadiq am 18. Januar in Kairo festgenommen wurde. Der 18-jährige Sudanese trug einen UNHCR-Flüchtlingsausweis und dachte, damit sei er geschützt. Er irrte sich. Nach 25 Tagen ohne Anklage oder medizinische Versorgung lag er tot in seiner Zelle.

Er war nicht der Erste. Einige Wochen vorher war der 67-jährige Mubarak Qamar Eldeen auf dieselbe Weise zu Tode gekommen: ohne Anklage festgehalten und unversorgt, als er es nötig gehabt hätte, trotz UNHCR-Schutzstatus.

Nabeel Mohammed wurde zusammen mit Elnatheer Esadiq festgenommen und erlebte mit, wie es ihm immer schlechter ging und niemand ihm half. „Am gleichen Tag, als er starb, wurden wir deportiert“, berichtet er der taz aus Sudan. „Sie machten das schnell, damit wir nichts sagen können.“

Seit Anfang 2026 geht Ägypten mit großer Härte gegen Geflüchtete aus Sudan und Syrien vor. Ihr Schutzstatus existiert nur noch auf dem Papier und in Gewahrsam ist er bedeutungslos.

„Sie schlugen uns und erniedrigten uns“

Elnatheer war gesund, als er in der Haftanstalt ankam. Nach einigen Tagen zog er sich einen Infekt zu und hatte Schwierigkeiten beim Atmen. „Wir sagten das der Polizei“, erzählt Nabeel, „sie schlugen uns, beschimpften uns und erniedrigten uns.“

Nach einigen Wochen konnte Elnatheer Familienangehörige zu Besuch empfangen. Zwei eiternde Abszesse prangten auf seinem Gesicht und einem Bein. Er bat seine Mutter, ihm Antibiotika zu besorgen. Einen Tag später war er tot.

Ägyptens Feldzug gegen Flüchtlinge ist kein Willkürakt. Im März 2024 unterzeichneten Ägypten und die EU-Kommission eine „strategische Partnerschaft“ mit Finanzhilfen von 7,4 Milliarden Euro, davon 230 Millionen für „Migrationsmanagement“. Das soll unter anderem verhindern, dass Sudanesen aus Ägypten weiter Richtung Europa ziehen.

Die schlechte Menschenrechtslage in Ägypten war der EU bekannt, als die Migrationspartnerschaft vereinbart wurde. Acht Monate später verabschiedete Ägypten erstmals ein Asylgesetz. Die Verantwortung, Flüchtlinge zu registrieren, ging damit vom UNHCR auf den ägyptischen Staat über, mit desaströsen Konsequenzen.

Die Verabschiedung des Gesetzes erfolgte „intransparent und übereilt“, sagt das in Berlin ansässige Projekt IRAP (International Refugee Assistance Project), das sich mit der Lage der Sudanesen in Ägypten beschäftigt. „Es gab keine richtige Öffentlichkeit, keine echte parlamentarische Debatte und keine unabhängige Prüfung.“ Der Zeitpunkt sei wohl kaum zufällig gewählt, die Fristen zur Regularisierung von Flüchtlingen hätten „wenig Bezug zur Verwaltungsrealität“ und es drohe eine Kriminalisierung von Schutzsuchenden. „Was auch immer die EU öffentlich sagt: ihre wahre Priorität ist, dass die Leute in Ägypten festsitzen, auch auf Kosten ihrer Sicherheit und ihrer Grundrechte.“

Vor dem Krieg galt Reisefreiheit

Als der Krieg in Sudan am 15. April 2023 mit Kämpfen in der Hauptstadt Khartum ausbrach, war Ägypten für viele Menschen dort das natürliche Fluchtziel im Ausland. Seit Jahrzehnten besteht zwischen Sudan und Ägypten Reise- und Niederlassungsfreiheit, verbrieft im „Two Countries Four Freedoms Treaty“ aus dem Jahr 2004. Für sudanesische Zufluchtsuchende war Ägypten ein sicherer Hafen.

Aber nach einem Monat brach das Abkommen praktisch zusammen. Ägyptens Behörden machten fliehenden Menschen aus Sudan die Einreise schwer und im Juni erklärten sie förmlich, das Abkommen sei aus Sicherheitsgründen ausgesetzt. Das zwang viele Sudanesen auf den gefährlichen und illegalen Weg durch die Wüste.

Einmal in Ägypten angekommen, war die Suche nach Sicherheit noch lange nicht beendet. Alle für diesen Bericht interviewten Sudanesen in Ägypten beschreiben ein Leben in Angst. Man ist vorsichtig, wenn man aus dem Haus geht; man vermeidet als Kriegsflüchtling Stadtviertel mit großen sudanesischen Bevölkerungen aus Angst vor Kontrollen. „Racial Profiling“ ist üblich und betrifft auch jene mit gültigen Aufenthaltstiteln.

Rund 1,5 Millionen Sudanesen sind seit Kriegsbeginn im April 2023 nach Ägypten geflohen. Nach Angaben der staatlichen sudanesischen Nachrichtenagentur SUNA unter Berufung auf das sudanesische Konsulat in der südägyptischen Stadt Assuan sind bis Ende 2025 428.676 davon wieder zurückgekehrt. Die Militärregierung in Khartum hat ein großes Interesse an Rückkehrern. Aber wie viele Menschen wirklich freiwillig zurückgekehrt sind, bleibt unklar. Ägypten gewährt der UNO oder anderen Hilfswerken keinen Zugang zu Abschiebezentren und Grenzgebieten und veröffentlicht keine detaillierten Daten.

Die Abschiebung wird den Familien in Rechnung gestellt

Flüchtlinge, die Aufenthaltstitel beantragen, bekommen Termine erst in ferner Zukunft, etwa im Jahr 2028 – damit bleiben sie jahrelang in der Illegalität und Unsicherheit. Da setzen nun die Festnahmen und Deportationen an.

Die Reaktion des UNHCR darauf stößt auf Kritik. Es gibt in Kairo nur noch ein einziges UNHCR-Registrierungsbüro, zwei andere wurden aus Geldmangel geschlossen. An der sudanesisch-ägyptischen Grenze gibt es keine UNHCR-Präsenz, so können Flüchtlinge verhaftet oder zurückgeschickt werden, bevor sie sich überhaupt registrieren könnten. Wer doch UNHCR-Schutzstatus erhalten hat, ist effektiv trotzdem schutzlos, wenn Polizisten Razzien in unmarkierten Fahrzeugen unternehmen und bei der Festnahme die UNHCR-Karten konfiszieren.

Eine Familie berichtet: Ihr 19-jähriger Sohn wurde abgegriffen, als er auf einem Sportplatz Fußball spielte. Er wurde in Polizeigewahrsam misshandelt und dann in ein Gefängnis gebracht. Seine UNHCR-Karte hat die Familie noch. Er ist nach jetzigem Stand immer noch in Haft. Die Familie sammelt nun Geld, um die Kosten seiner Abschiebung zu decken, denn die ägyptischen Behörden stellen diese den Angehörigen in Rechnung und behalten die Abzuschiebenden solange in ihrem Gewahrsam.

„Der Crackdown hat schwere Auswirkungen auf das Wohlergehen einer bereits sehr gefährdeten Bevölkerung“, sagt IRAB. „Manche Häftlinge bitten um die Abschiebung, einfach um aus dem Gefängnis herauszukommen.“

Die Schilderungen ähneln sich alle. Erst bleibt man tagelang auf einer Polizeiwache, eingepfercht in Arrrestzellen ohne Schlafplätze. Dann geht es weiter in ein Gefängnis, wo die Bedingungen genauso sind. Die Grundbedürfnisse der Menschen werden vernachlässigt.

Zunahme von Hassrede gegen Sudanesen und Syrer

Nabeel Mohammed, der zusammen mit Elnatheer festgenommen wurde, berichtet, wie es ihnen im Gefängnis erging: „Wir wurden auf die schlimmstmögliche Weise behandelt, erst von der Polizei, dann von den Mithäftlingen. Die meisten waren viel älter als wir. Wir wurden jeden Tag misshandelt.“ Zu Essen gab es einmal am Tag: ein Stück Brot und ein sichtbar verdorbenes Stück Käse. „Wir mussten das essen, etwas anderes bekamen wir nicht.“

Auch als Elnatheer immer kränker wurde, änderte sich daran nichts. Wiederholt schlugen Nabeel und andere Alarm, aber nichts geschah. Es gab weder mehr zu essen, noch wurde er untersucht. „Er sah keinen Arzt, nicht bis zum Tag seines Todes.“

Während Sudanesen in die Zellen wanderten, fand online eine Kampagne gegen sie statt. Sudanesische Untersuchungen belegen eine steile Zunahme von Hassreden gegen sudanesische Flüchtlinge in Ägyptens sozialen Medien. Der Inhalt scheint koordiniert zu sein und wird über Fake-Accounts, Bots und geschlossene Chat-Gruppen ständig wiederholt, recycelt und verbreitet.

Zwei Kampagnen liefen über mehrere Wochen. Die erste verlangte die Deportation aller Flüchtlinge. Die zweite zielte auf Sudanesen speziell. Eine dritte richtete sich parallel gegen Flüchtlinge aus Syrien. Alle zusammen sollten die Idee von Massendeportationen in der Öffentlichkeit normalisieren.

Das erinnert daran, wie es vor zwei Jahrzehnten Flüchtlingen aus Südsudan in Ägypten ging, nachdem Sudans damalige Regierung sich mit den damaligen Rebellen in Südsudan auf einen Friedensvertrag geeinigt hatte, der Südsudan 2005 Autonomie und 2011 die Unabhängigkeit gab. Das UNHCR in Ägypten setzte schon gleich zu Beginn dieses Friedensprozesses die Anerkennung von Südsudanesen als Flüchtlinge aus und erklärte Südsudan zu einem sicheren Land für Rückkehrer.

Als Südsudanesen in Kairo darauf mit einem friedlichen Sitzprotest vor dem UNHCR-Büro auf dem Mustafa-Mahmoud-Platz antworteten, ging die ägyptische Polizei gewaltsam dagegen vor. Am 30. Dezember 2005 wurden bei der Zerschlagung des Protests mehrere Dutzend Flüchtlinge getötet, darunter Kinder, und über 600 festgenommen. Droht den Sudanesen in Kairo nun ein ähnliches Schicksal?

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare