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Spannungen im LibanonBedrohung von außen, Bedrohung von innen

Israel bombardiert Orte in Südlibanon. Der Plan direkter Verhandlungen mit Netanjahus Regierung sorgt bei der Hisbollah für Protest.

Alarmstufe Gelb: Demonstration gegen direkte Verhandlungen mit Israel von Hisbollah-Unterstützer:innen in Beirut am 11. April Foto: Adnan Abidi/reuters
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Im Beiruter Stadtteil Hamra hupen junge Männer auf Motorrädern, aus einem Lautsprecher dröhnt Musik, Protestierende recken die Fäuste in die Luft, schwenken die gelben Hisbollah-Fahnen. Jemand hält ein Bild von Hassan Nasrallah, dem ehemaligen Hisbollah-Chef, der 2024 von Israel in seinem Bunker in Beirut ermordet wurde. Sie rufen: „Zionist, Zionist, Nawaf Salam ist ein Zionist!“ Nawaf Salam ist Libanons Premierminister.

Es sind Anhänger der Hisbollah und der verbündeten schiitischen Amal-Partei, die am Freitag auf einem Straßenzug durch Beirut ihren Frust über den Premierminister zum Ausdruck bringen. Sie protestieren gegen die Entscheidung der Regierung, direkt mit Israel zu verhandeln. Am Dienstag soll es zu direkten Gesprächen in Washington kommen.

Am Samstag versammeln sich die Protestierenden erneut vor dem Sitz des Premierministers Nawaf Salam in Beirut. Dort treten sie ein ausgedrucktes Bild des Premiers mit Füßen, verbrennen das Bild.

Am Mittwoch hatten USA und Iran sich auf eine zweiwöchige Waffenruhe geeinigt. Pakistan, als Vermittler beteiligt, hatte gesagt, der Libanon sei inbegriffen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sah das anders, bezeichnete den Libanon als eigene Kriegsfront. Einige Stunden nach Verkündung des Waffenstilstands warf Israels Militär 160 Bomben im Libanon ab.

300 Tote

In nur 10 Minuten wurden 100 Ziele getroffen, über 300 Menschen starben, darunter viele Zivilist*innen. Die Bombardierungen trafen die Zivilbevölkerung völlig unerwartet, viele hatten auf eine Waffenruhe gehofft.

Bei der Hisbollah liegt der Fokus dennoch nicht auf Frieden um jeden Preis, wie die Demonstrationen am Freitag zeigten. Bei der Regierung fürchtet man nun eine Eskalation. Zu den Protesten am Freitag in Hamra kamen zahlreiche Militärfahrzeuge mit bewaffneten Soldaten. Die Szenen erinnern an den März 2008. Damals hatte die Regierung unter Fouad Siniora beschlossen, das Telekommunikationssystem der Hisbollah zu zerstören. Daraufhin stürmten bewaffnete Mitglieder der Gruppe mehrheitlich sunnitische Viertel im Westen Beiruts. Hisbollah-Vertreter hatten in den vergangenen Monaten mehrmals gedroht, ihre Macht erneut zu demonstrieren, sollten sie genötigt werden, alle Waffen abzugeben.

Derweil gibt es Angst, dass die Hisbollah die Regierung im Libanon stürzen könnte. Ein solcher Sturz sei „von größter Bedeutung“ schreibt die Hisbollah-nahe Zeitung Al-Akhbar. Weil die Regierung beabsichtigt, die Hisbollah im ganzen Land zu entwaffnen, bezichtigt sie der Kommentator des „nationalen Verrates“.

Sie hätten sich mit Israel „verbunden“ und trieben damit die Agenda der christlichen Kataeb-Partei voran, „die lange auf eine solche Gelegenheit gewartet“ habe. Weil Libanons Führung eine „Normalisierung mit Israel“ verfolge, sei die „Absetzung der derzeitigen Regierung ein nationaler Imperativ“.

Brennende Hoffnung: Orthodoxe Christen in Beirut teilen sich eine Flamme aus der Grabeskirche in Jerusalem Foto: Julia Neumann

Die scharfe Rhetorik verfängt. Hisbollah-Unterstützer bezichtigen die Regierung gar, sich mit Israel gegen die Schiiten im Land zu verbünden. Der Hass auf die Regierung in Beirut ist groß.

Schii­t*in­nen im Land haben das Gefühl, sie würden kollektiv bestraft. Weil die Hisbollah schiitisch ist, stehen Schii­t*in­nen im Libanon unter Generalverdacht, Kämpfer der Hisbollah zu sein. Unter den 1,2 Millionen Binnenvertriebenen haben die meisten Menschen die schiitisch-muslimische Religionszugehörigkeit.

Israels Militär nutzt ein Narrativ, nach dem je­de*r aufgenommene Geflüchtete in einem Wohnhaus ein potenzielles Angriffsziel von Bombardierungen sein kann. Die Hisbollah ziehe in Viertel in Nordbeirut um, warnte ein israelischer Militärsprecher am Mittwoch, und die „Gefahr“ ziehe mit. Daher herrscht Angst unter den Aufnahmegemeinden. Kriegsvertriebene finden keine Unterkünfte, Tausende schlafen im ganzen Land auf Gehwegen oder Parkplätzen.

Inmitten von Bombenangriffen, knatternden Kampfjets und surrenden israelischen Drohnen feiern orthodoxe Christen im Libanon das Osterfest. An der griechisch-orthodoxen Kirche Saydet al Doukhoul im Stadtteil Ashrafieh spielt eine Pfadfindergruppe auf Trommeln und Trompeten „Freude schöner Götterfunken“. Der Priester hält eine große Kerze, an den zahlreichen Dochten brennen gelbe Flammen. Er verteilt die heilige Flamme, die aus der Grabeskirche in Jerusalem stammt, an Gläubige in Beirut.

Per Flugzeug wurde die Flamme zunächst nach Zypern gebracht, an Bord eines Hubschraubers der libanesischen Armee ging es dann zum Amtssitz von Präsident Joseph Aoun. Von dort wurde die Flamme an Kirchen in Beirut verteilt. Die Zeremonie des Heiligen Feuers am Vorabend des orthodoxen Osterfests symbolisiert die Auferstehung Jesu. Die Flamme soll auf wundersame Weise im Herzen des Grabes Jesu entzündet worden sein.

Lange war unklar, ob die Flamme ankommen würde, da israelische Behörden die Ausreise der Flamme verbieten wollten. Diplomatische Bemühungen schafften es, dass die in Jerusalem entzündete Kerze zusammen mit Vertretern der orthodoxen Kirche ausreisen konnte.

Für orthodoxe Christen im Libanon ist die Flamme ein Zeichen der Hoffnung – umso wichtiger in Zeiten des Krieges. Der 70-jährige George Maamari ist extra aus Dubai eingeflogen, um eine Kerze mit der Flamme zu entzünden und Ostern mit seiner 40-jährigen Tochter Helen zu feiern. Die beiden halten rote Kerzen mit dem heiligen Feuer in ihren Händen. „Die Angst ist allgegenwärtig, wir haben Angst vor dem Unbekannten“, sagt George Maamari. „Jeden Tag hören wir Nachrichten, mal heißt es, es werde einen Waffenstillstand geben, mal, es werde keinen geben.“

Der 70-jährige George Maamari hat den Krieg im Libanon erlebt, bei dem sich zwischen 1975 und 1990 libanesische Milizen in unterschiedlichen Konstellationen mithilfe ausländischer Geldgeber untereinander bekämpften. „Der Libanon hat seine Lektion gelernt: Keiner kann den anderen besiegen“, sagt Maamari. Es gebe Fraktionen, die versuchen, Christen gegen Muslime aufzuhetzen. „Wir werden das nicht zulassen. Wir müssen uns alle hinter der libanesischen Armee und dem Staat vereinen.“

Die schiitische Bevölkerung verweist darauf, dass sie den größten Preis im Krieg zahlt. Sie haben Angst vor einer erneuten israelischen Besatzung im Südlibanon, viele können nicht mehr in ihre Häuser. Im Grenzgebiet liegen ganze Dörfer in Schutt, komplett zerstört durch den israelischen Einmarsch im Jahr 2024, der seit März dieses Jahres weitergeht.

So wie das Grenzdorf Kfar-Kila. 95 Prozent der dortigen Infrastruktur liegen in Ruinen. „Wir bezahlen den größten Preis“, sagt der 23-jährige Jaafar Scheit, dessen Haus in Kfar-Kila bereits 2024 bombardiert wurde. Er schläft auf der Straße an der Strandpromenade – obdachlos, arbeitslos und desillusioniert. „Selbst ohne Widerstand gäbe es weiterhin tägliche Angriffe aus Israel, wie wir letztes Jahr gesehen haben. Als die Israelis kamen, leisteten wir Widerstand, weil der Staat uns nicht schützte. Wir können nicht behaupten, dass die Israelis verschwinden, wenn wir die Waffen abgeben. Die Israelis brechen Verträge und halten nicht ihr Wort“, schimpft er.

10.000 israelische Verletzungen des Waffenstillstands

Es gab bereits ein Abkommen zum Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon. Es trat am 27. November 2024 in Kraft. Doch Israels Militär griff täglich im Libanon an, die UNO zählte 10.000 israelische Verletzungen des sogenannten Waffenstillstands. Vor allem für die schiitische Bevölkerung im Südlibanon ging der Krieg weiter. Laut UN-Zählung wurden über 300 Menschen getötet, darunter mindestens 127 Zivilist*innen. Israelisches Militär hielt fünf Gegenden im Südlibanon besetzt.

Die Hisbollah hatte in der Zeit keine Rakete auf Israel geschossen. Israel rechtfertigte seine Angriffe damit, dass die Hisbollah ihre Waffen nicht im ganzen Land dem Staat übergeben habe. Nachdem Israels Militär den iranischen obersten Religionsführer Ali Khamenei getötet hatte, schoss die pro-iranische Hisbollah Miliz als „Vergeltung“ Raketen auf Haifa. Israels Militär nutzte das, um den Krieg im Libanon mit voller Härte auszudehnen.

Die Wahrnehmungen im Libanon gehen auseinander. Weil die Erfahrungen mit dem Krieg unterschiedlich sind, weil konfessionelle Politik und sektiererische Narrative den Diskurs verhärten und Israels Militär diese Spaltungen durch seine Kriegstaktik verstärkt. Das soziale Gefüge bricht auseinander. Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg wächst.

„Wir verstehen, sie töten ihre Kinder, zerstören ihre Häuser“, sagt die orthodoxe Christin Helen Maamari in Beirut. „Aber wir können nicht mehr im Krieg leben. Verhandlungen sind der einzige Weg.“

Am Samstag baten die Hisbollah sowie die schiitische Amal-Partei ihre Anhänger, nicht mehr auf die Straße zu gehen – „aus Sorge um Stabilität, den Schutz des inneren Friedens“. Da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Um zu deeskalieren, hat Premierminister Nawaf Salam angekündigt, doch nicht zu Friedensgesprächen nach Washington zu fliegen. Stattdessen soll Libanons US-Botschafterin Nada Hamadeh Moawad mit dem israelischen US-Botschafter Yechiel Leiter in Washington verhandeln.

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