Landratswahl in Brandenburg: Der Rechte oder die Anti-Populistin
Bei der Landratswahl in der Uckermark will der AfD-Kandidat harmlos wirken – mit wenig Erfolg. Die CDU-Landrätin setzt auf bodenständige Sachpolitik.
Z iehen Sie bitte die Schuhe aus“, sagt Felix Teichner. Er hat eine alte Schule in Güstow renoviert, einem kleinen Ort, der zu Prenzlau in Nordbrandenburg gehört. Teichner führt durch das Anwesen, zeigt mit Besitzerstolz die geräumigen Umkleiden für Saunagänge. Und die abgeschliffenen Holzdielen, original von 1935, inklusive eines großen blauen Tintenflecks.
Im früheren Schulraum hängt als Reminiszenz eine Schiefertafel mit Sütterlinschrift. Darunter steht ein Klavier. Teichner, 35, Kurzhaarschnitt, kräftiger Händedruck, spielt manchmal darauf und singt Lieder von Hannes Wader, dem westdeutschen linken Liedermacher. „Meine Mutter hat mir als kleinem Kind sehr viele Lieder von Hannes Wader mit der Gitarre vorgesungen“, sagt er der taz.
Das Anwesen in Güstow ist nicht nur Teichners Wohnhaus – es ist das Herz des AfD-Wahlkampfs in der Uckermark. Teichner, aufgewachsen in Prenzlau, ist einer der führenden Köpfe der AfD in Brandenburg. Und er will am 19. April zum Landrat der Uckermark gewählt werden.
Das wäre ein realpolitischer Erfolg für die Rechtsaußen-Partei. Die AfD stellt bislang einen Landrat in Sonneberg, einem kleinen thüringischen Kreis, und ein paar Bürgermeister in kleinen sächsischen Orten. Obwohl die AfD die zweitstärkste Fraktion im Bundestag bildet, bei Landtagswahlen auch im Westen eine 20-Prozent-Partei ist und in der Migrationspolitik die Regierung vor sich her treibt, hat sie kaum Machtpositionen erobert. Die Ausgrenzung der als rechtsextrem geltenden Partei funktioniert noch.
Ein Sieg in der Uckermark, 100.000 Wahlberechtigte, wäre etwas anderes. Die Uckermark im Norden von Berlin ist der flächenmäßig sechstgrößte Landkreis in Deutschland, schön und hügelig wie die Toskana und leer wie Sibirien. Bei den Landtags- und Bundestagswahlen 2025 war die AfD hier mit Abstand die stärkste Partei. Ein Sieg, mehr als 50 Prozent der Stimmen bei der Landratswahl, wäre ein Symbol für die Normalisierung der Partei. Wenn die Mehrheit rechts wählt, was nutzt dann noch Brandmauer-Rhetorik?
Teichner, gelernter Industriemechaniker, ist seit sieben Jahren Landtagsabgeordneter und AfD-Vorsitzender im Kreis Uckermark. Laut Verfassungsschutz ist die Partei zwischen Potsdam und Prenzlau „gesichert rechtsextrem“. Teichner, Jeans, weißes Hemd, blaues Jackett, sagt mit freundlichem Lächeln, dass er als Landrat „Brücken zu den anderen Fraktionen bauen“ und Sachpolitik machen werde. Und: „Ich glaube nicht, dass Polemik die AfD vorwärts bringt“.
Güstow ist umstellt von Dutzenden von Windrädern, bis zu 240 Meter hoch. Teichner sieht das entspannt. Er hat nichts gegen Erneuerbare, wenn es den Ansässigen nutzt. Allerdings seien zu oft „Großinvestoren aus dem Westen wie Heuschrecken über Brandenburg hergefallen“ und hätten „Bauern billig das Land weggekauft“. Das ist schwer zu leugnen.
Verblüffend ist seine skeptische Haltung zum Militär, zu dem Rechte oft ein inniges Verhältnis haben. „Mein Bruder hatte eine Lehrerin, deren Sohn in Afghanistan als Soldat gestorben ist. Das hat uns tief getroffen. Deshalb bin ich nicht zur Bundeswehr gegangen“, sagt er. Dem FAZ-Journalisten Simon Strauß hat er in einem Podcast gesagt, was er tun würde, wenn in Deutschland Krieg herrscht: „Meine Kinder schnappen und so weit wie möglich weggehen.“
Hannes Wader und Privatpazifismus? Rechtsextremismus mit menschlichem Antlitz? Ist das Camouflage? Das uckermärkische Pendant zur Strategie der Entdämonisierung, mit der das rechtsextreme Rassemblement National in Frankreich die Mitte zu erobert versucht?
CDU-Politikerin Dörk wird als Krisenmanagerin geschätzt
Anfang April steht Karina Dörk in der Gaststätte „Zum grünen Baum“ in Temmen-Ringenwalde. Rund vierzig Leute sind zum Bürgerdialog gekommen. Dörk (61) hat ihr Leben in der Uckermark verbracht, hatte ein Transport-Unternehmen und ist seit acht Jahren Landrätin. Seit 2018 hagelt es Krisen in der Uckermark. Corona und Afrikanische Schweinepest, die Dörk mit Zäunen nach Polen bekämpfte, Geflügelpest und Fischsterben in der Oder. Und die Geflüchteten nach 2015, die es unterzubringen galt. Und der Ukrainekrieg, der den größten Industriebetrieb im Kreis, die Ölraffinerie PCK in Schwedt, in eine Existenzkrise stürzte.
Die CDU-Politikerin Dörk wird als Krisenmanagerin geschätzt. Auf ihren Wahlplakaten steht „Damit’s funktioniert!“. Und sehr klein: „CDU“. Sogar Teichner sagt gönnerhaft: „Frau Dörk hat nicht alles falsch gemacht.“
An Karina Dörk, kurze blonde Haare, schwarze Jeans, forsche Ansprache, wirkt alles patent. Bei den Bürgerdialogen in Temmen und Gerswalde versteht sie es, kompetent Beschwerden, Fragen, Sorgen einzuordnen, Lösungswege unter Berücksichtigung der Kommunalverfassung und ihrer Möglichkeiten als Landrätin zu skizzieren. Ob es um die Bustaktung geht oder einen Funkmast, den die Telekom misslicherweise direkt vor dem Grundstück errichten will, den bedenklichen Lkw-Verkehr in Großsperrenwalde oder die Fördergelder für den Lenné-Schloßpark Ringenwalde – sie weiß Bescheid und kennt die Rechtslage.
In den seltenen Fällen, in denen das nicht so ist, sagt sie: „Henryk, habe ich etwas vergessen?“ Henryk Wichmann (CDU), beim Bürgerdialog der einzige im Raum mit Krawatte, ist seit acht Jahren Dezernent für Schule, Arbeit und Soziales und weiß, was zu ergänzen ist. Die beiden kennen sich seit 25 Jahren und wirken wie ein eingespieltes Duo, in dem jeder seine Partitur beherrscht.
Wann die Straße in Gerswalde saniert wird, warum es am örtlichen Bahnhof keinen Fahrstuhl gibt und ob der Feuerwehrunterricht in den weiterführenden Schulen bleibt – das sind keine politikfernen Details. Nur wenn Missstände überwunden werden, haben Gemeinden Selbstbewusstsein. Ob Kommunen selbstbewusst sind oder ob sich aus Depression gespeiste Ressentiments aufstauen – diese Frage ist in der Uckermark politisch noch aufgeladener als im Westen.
Dörk verkörpert eine Art Anti-Populismus, erdverbunden und handfest, aber ohne emotional wärmendes Wir-Gefühl. Bloß nichts versprechen, was man nicht halten kann. Sogar ihr Selbstlob wirkt beherrscht. „Ich bin ein Stück weit stolz darauf, dass 9.500 Schüler im Kreis kostenfrei mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren können“, sagt sie. Gerade als Landrätin, die eine Verwaltung mit 1.000 Mitarbeitern managen muss, gilt es, sachorientiert, kundig und affektfrei zu agieren.
Politik erscheint bei Dörk als eine komplexe Maschine, die man bedienen können muss. Ihr Vorbild ist Angela Merkel, die ihr nicht nur biograpisch nahe ist. Merkel ist in Templin in der Uckermark groß geworden und hat seit Jahrzehnten ein Haus im Landkreis. In der Ost-CDU gibt es 2026 nicht mehr viele, die sich wie Dörk als „Merkel-Fan“ bezeichnen.
Dörk will die AfD nicht noch stärker reden
Die Landrätin wird von einer Allparteienkoalition von der FDP bis zur Linkspartei unterstützt. Den Angriff der AfD auf das Landratsamt kontert sie durch Ignorieren. Dörk redet über die AfD bei Bürgerdialogen nur, wenn sie danach gefragt wird. Nie von sich aus. Sie will die AfD, die in der Uckermark bei Landtags- und Bundestagswahl im letzten Jahr fast 40 Prozent wählten, nicht noch stärker reden.
Im Kreistag ist ein AfD-Mitglied Vize-Vorsitzender, zudem haben zwei Ausschussvorsitzende ein AfD-Parteibuch. Teichner würde, so Dörk zur taz, dauernd die Brandmauer beklagen, „um in seiner Opferrolle bleiben zu können“. Beim Bürgerdialog kürzt sie eine Debatte um die AfD mit dem Satz ab, für „Pseudo-Probleme wie die Brandmauer“ habe sie keine Zeit. Kurzum: Sie macht ihren Job, bearbeitet unideologisch Probleme, nach Gesetzeslage.
Mit dieser kühlen Professionalität hat sie 2023 viele Prenzlauer gegen sich aufgebracht. Wegen einer neuen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Rechtsextreme wie Jürgen Elsässer mobilisierten mit Slogans wie „Masseneinwanderung ist Messereinwanderung“ gegen das Heim. Die CDU, ihre Partei, sammelte in Prenzlau Unterschriften gegen das Heim, auch der populäre parteilose Prenzlauer Bürgermeister Hendrik Sommer war dagegen. Weil Prenzlau, verglichen mit Angermünde und Templin, doch schon mehr Geflüchtete aufgenommen hatte. Für die AfD war der Streit ein Geschenk mit Schleifchen.
Die AfD ist in der Uckermark nicht nur bei Wahlen auf dem Vormarsch. Im Kreistag, sagt der Linke Axel Krumrey der taz, treten die Rechten „viel professioneller als früher auf“, ein Ergebnis intensiver Schulung. Manche AfDler, die „vor drei Jahren keinen geraden Satz rausgebracht haben, sprechen jetzt sogar frei im Kreistag“. Die AfD übernehme in der Uckermark zudem „in Sportvereinen, freiwilligen Feuerwehren und zivilgesellschaftlichen Organisationen die Meinungsführerschaft“.
Krumrey kennt alle Untiefen der Uckermärker Politik
Krumrey, 44, kennt alle Untiefen der Uckermärker Politik. Er ist seit 18 Jahren im Kreistag, derzeit Chef der Linksfraktion, und seit 12 Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister in Randowtal, unweit der polnischen Grenze. Bei der Bundestagswahl haben dort mehr als 50 Prozent die AfD angekreuzt. Krumrey, der bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin arbeitet, ist trotz der rechten Dominanz in seiner Heimat zwei Mal als Bürgermeister wiedergewählt worden. „Die kennen mich“, sagt er. Das zähle mehr als die Partei. Als er Bürgermeister wurde, hat er seine Handynummer im Amtsblatt veröffentlicht.
Der Druck von rechtsaußen kann die Stimmung vergiften. Beim Streit um die Flüchtlingsunterkunft verteilte die AfD in der Uckermark Namenslisten – von allen, die im Kreistag für die neue Unterkunft gestimmt hatten. Krumrey stand auch auf der Liste.
In seinem Fußballverein in Schmölln forderte ein Mitspieler seinen Rauswurf. Der wollte, erzählt Krumrey, „mit mir Volksverräter nicht mehr Fußball spielen. Ich würde mit dem Ja zu der neuen Unterkunft die Zukunft seiner Kinder gefährden.“ Die Sache ging glimpflich aus. Krumrey blieb in dem Verein, der Rechtsextreme ging. Weniger aus Antifa-Solidaritiät. Manche fanden, dass Politik im Fußballclub einfach nichts verloren habe.
Linkspartei-Mann Krumrey lobt Dörk und sieht beim Öffentlichen Nahverkehr und PCK Schwedt, wo der Kreis Uckermark ein Gewerbegebiet für Zukunftstechnologien entwickelt, viele Übereinstimmungen. Dörk gehört im CDU-Spektrum am ehesten zum Arbeitnehmerflügel: sozial eher links, kulturell eher konservativ. Krumrey glaubt, dass sie manchmal näher bei der Linkspartei als bei ihrer eigenen Partei ist.
Ist es klug von Dörk, die AfD zu ignorieren und auf Sachpolitik und das Kompetenzimage zu setzen? Reicht das, um zu gewinnen?
Die AfD hat bislang alle Stichwahlen in Brandenburg verloren
Die AfD hat bislang alle Stichwahlen in Brandenburg in Städten und Kreisen verloren. In Templin und Bad Freienwalde, dem Spreewald und der Lausitz – immer das gleiche Muster. Auch wo AfD-Kandidaten nach dem ersten Wahlgang weit vorne lagen – am Ende scheiterten sie. Die AfD mobilisierte ihre Anhängerschaft, die Wahlbeteiligung schnellte hoch, aber die Gegenkräfte, von CDU bis Linkspartei, waren stärker. Teichner ist trotzdem optimistisch: „Bald werden wir nicht mehr knapp 50 Prozent bekommen, sondern mehr als 50 Prozent.“ Eine Besonderheit ist: Bei dieser Landratswahl gibt es keinen zweiten Wahlgang. Ausgang ungewiss.
Allerdings hat Dörk geschickt die zwei zentralen AfD-Wahlkampfthemen abgeräumt. Die neue Asylunterkunft gibt es nicht. 2023 kamen mehr als 2.000 Geflüchtete in die Uckermark, im vergangenen Jahr nur noch gut 350. Wegen dieser stark gesunkenen Zahl hat die Landrätin das Projekt abgeblasen.
Und: Die Krankenhäuser in Prenzlau und Angermünde bleiben. Gegen deren Schließung hatte die AfD wuchtig protestiert. Dörk, die erfahrene, effektive Macherin, fand eine Lösung. Dass die Krankenhäuser in der Nähe erhalten bleiben, ist gerade in einer überalterten Stadt wie Prenzlau ein Symbol für Sicherheit – auch für Selbstbewusstsein.
Der AfD fehlt nun ein affektiv aufladbares Thema. Teichner will, falls er Landrat wird, ein Wasserschutzgebiet verlegen und eine Rettungsstation dort lassen, wo sie jetzt ist. Beides keine Themen, die die Massen elektrisieren. Die AfD hat ein paar pfiffig-polemische Slogans („Für Radwege in der Uckermark – nicht in Peru“) – mehr nicht.
Dann kam das AfD-Plakat mit Karina Dörk. Die Landrätin ist darauf in einem KI-generieren Foto mit Merkel-Raute abgebildet, darüber ist ein rosa Dreieck zu sehen. Der Rosa Winkel war das Symbol für Homosexuelle in NS-Konzentrationslagern. „Der Wahlkampf der AfD ist nicht sachlich geführt, sondern gegen mich persönlich gerichtet“, sagt Dörk. Sie gibt dem AfD-Mann deshalb nicht die Hand.
Teichner hat die Aufregung einkalkuliert. „Das Plakat soll polarisieren, um für Aufmerksamkeit zu sorgen“, sagt er in seinem Haus in Güstow. Das Plakat war seine Idee. Seine Frau riet ab, die Parteikollegen rieten zu. Die Symbolik des rosa Dreiecks sei ihm „nicht bewusst gewesen“. Das Problem seien „Leute, die in jedes Symbol Geschichtsrevisionismus hineinlesen.“ So verschiebt er dreist die Verantwortung für das homofeindliche Plakat von der AfD auf die Kritiker.
Teichner wohnt in der alten Schule in Güstow mit Frau und Stieftochter. Seine drei leiblichen Kinder wohnen bei ihren Müttern, weit entfernt von Prenzlau. Viel Patchwork. Und nicht unbedingt ein bürgerlich-konservatives Familienleben aus dem Bilderbuch.
Herr Teichner, wie fänden Sie es, auf einem Großplakat der CDU mit einer KI-generierten AfD-Geste zu erscheinen, das sich gegen Sie persönlich richtet?
„Wir haben so viele unfaire Angriffe erleiden müssen, dass mich das komplett kalt lassen würde“, sagt er knapp. Das heißt nebenbei: Er weiß, wie unfair sein Plakat ist. Dörk hat auf rechtliche Schritte gegen das Plakat verzichtet. Das hätte „nur das Opferimage der AfD gestärkt“, sagt sie. Die AfD hatte schon Aufkleber mit dem Wort „zensiert“ drucken lassen.
Vielleicht bewirkt diese Schmutzkampagne das Gegenteil. Sie führt vor Augen, dass der Versuch der AfD, seriös aufzutreten, scheitert – sie bedient lieber Ressentiments. Diese Kampagne mobilisiert Gefühle. Womöglich füllt der ordinäre Plakat-Angriff die Gesinnungs-Leerstelle in Dörks verantwortungsethischem Wahlkampf.
Am Samstag herrscht in Prenzlau Kleinstadttristesse
Am Samstagnachmittag herrscht in der Prenzlauer Einkaufsstraße Kleinstadttristesse. Der Buchladen, das Café, die Geschäfte sind schon zu. Nur die Filiale einer Drogeriekette ist noch geöffnet. Dieser April-Nachmittag ist etwas anders. Die AfD veranstaltet vor dem Union-Kino ein Volksfest, mit Hüpfburg, Bier, Bratwurst, Reden. Vor ein paar Jahren kamen 20 Leute zu AfD-Festen in Prenzlau, jetzt kommen 120.
Teichner redet eine halbe Stunde über die Sanierung des Haushalts, Tourismus in Prenzlau, KI-Einsatz in der Verwaltung. Es ist die moderate Rede eines Landrats in spe. „Wir als bürgerliche Konservative sind der naheliegende Koalitionspartner der CDU“, sagt er. Das sieht die CDU in der Uckermark etwas anders.
Falls der AfD-Mann wirklich Landrat werden sollte, hat er zwei knifflige Probleme. Die AfD hat im Kreistag keine Mehrheit. Sie braucht die CDU oder die Freien Wähler. Und: In der Verwaltung gibt es einige, die nicht unter Teichner arbeiten wollen. Gegen Kreistag und Verwaltung kann ein Landrat nichts bewirken.
Das AfD-Publikum interessiert sich am Samstag bei Bier und Wurst nicht sonderlich für Teichners Ausführungen zur Finanzlage im Kreis oder sein Bekenntnis zum Grundrecht auf Asyl. Die Stimmung ändert sich abrupt, als Hannes Gnauck, AfD-Bundestagsabgeordneter, zackiger Scheitel, zackige Ansprache, das Mikro in die Hand nimmt. „Für irgendwelche Flüchtlinge ist Geld da, für Deutsche bleibt kein Cent“, ruft er in das frenetisch applaudierende Publikum.
Teichner differenziert, Gnauck vereinfacht. Teichner redet in Zimmerlautstärke, Gnauck hämmert „Deutschland zuerst“. Er will Deutschen mit Migrationshintergrund, die Straftaten begehen, die Staatsangehörigkeit entziehen. Deutsche auszubürgern, war Praxis im NS-Regime. Es ist grundgesetzwidrig. In Deutschland, ruft Gnauck, sei es „schlimmer, die GEZ-Gebühren nicht zu zahlen, als irgendwelche Mädels zu vergewaltigen“. Am Ende beschwört er ein Land, in dem „niemand Angst haben muss, von Ali und Mohamed im Freibad begraptscht zu werden, die hier nichts verloren haben“.
So klingt die bürgerliche konservative „AfD ohne Polemik“, die Teichner treuherzig verspricht.
Axel Krumrey, Linke
Teichner sei „ein Wolf im Schafspelz“. Das hat Karina Dörk beim Bürgerdialog in Gerswalde gesagt. Nur auf Nachfrage. Linkspartei-Mann Krumrey, der nicht zu Übertreibungen neigt, sagt: „Für mich ist Teichner ein Faschist“. Der Landratskandidat habe sich noch 2020 mit dem Rechtsextremisten Andreas Kalbitz sehen lassen. Kalbitz war wegen seiner Neonazi-Vergangenheit aus der AfD geflogen.
Ist Felix Teichner ein Blender, der freundliche Anstrich der Hetze? Oder bewegt er sich auf die Welt des Abwägenden und der Kompromisse zu, weg von dem geifernden „Wir-gegen-die“-Gebrüll?
Der Agitator und der Leisere
Sicher ist: Gnauck und Teichner, die sich seit Schulzeiten kennen, gehören zusammen. Keiner sagt öffentlich ein kritisches Wort über den anderen. Der Agitator und der Leisere, sie sind wie ein Vexierbild.
Als Gnauck das Publikum aufpeitscht und fordert „dass alle dahergelaufenen Syrer raus müssen“, beobachten ein paar Jungen mit Baseballcap und schwarzen Klamotten an der Ecke Friedrichstraße aus sicherer Entfernung das Treiben. Karaman ist 15 Jahre, eher schmächtig, helle Stimme. Seine Eltern sind 2015 aus Syrien geflohen. Er kam mit vier Jahren nach Prenzlau. Er sagt: „Wer solchen Parolen zujubelt, tut mir leid. Ich kann über die nur lachen. Das ist doch NSDAP light.“ Neben ihm steht Bilal, 15 Jahre, groß gewachsen, tiefe Stimme. Seine Eltern kamen 2013 aus Tschetschenien. Beide gehen in Prenzlau zur Schule.
Wahrscheinlich haben ihre Eltern im syrischen Bürgerkrieg und der blutigen Diktatur in Tschetschenien getan, was Felix Teichner im Kriegsfall tun würde: die Kinder schnappen und so weit wie möglich weggehen.
Auf der Straße zischt schon mal jemand „Scheißausländer“, sagt Karaman. Meist die mit ganz kurzen Haaren und Seitenscheitel. Gibt es Rassismus in Prenzlau? Eigentlich nicht, finden sie. In seiner Klasse gebe es ein paar Rechte, sagt Bilal. Aber man kennt sich. „Wir kommen miteinander klar.“
Es ist schön in Prenzlau, sagen sie. Und: Man kann hier echt gut leben.
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