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Krise der DemokratieKeine Macht der Ohnmacht

Gastkommentar von

Matthias Quent

Selbstwirksamkeit ist das Mittel gegen den Autoritarismus von rechts. Linke sollten weniger mit Moral kommen, noch besser in verständlicher Sprache.

Selten ein Mangel an Analyse oder Empörung, Demonstration gegen Rechtsextremismus in Berlin 2024 Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

D er Sozialpsychologe Erich Fromm schrieb vor 90 Jahren: „Die Hilflosigkeit des Individuums ist das Grundthema der autoritären Philosophie.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit Jahren redet die äußerste Rechte der Bevölkerung ein, Regierung und Eliten übergehen den Willen des Volkes (den es gar nicht einheitlich gibt), seien Volksverräter, die Demokratie sei eine Diktatur und sinistre Mächte würden das Volk austauschen. Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, in der die Ohnmacht die Seite gewechselt hat: Während die AfD sich als Erlösung inszeniert und scheinbar unaufhaltsam wächst, passen sich De­mo­kra­t:in­nen dem globalen autoritären Zeitgeist an, ziehen sich zurück oder fühlen sich der rechten Welle ausgeliefert.

Tatsächlich sind demokratische Spielräume nationaler Regierungen und Parlamente in den vergangenen Jahrzehnten kleiner geworden. Die neoliberale Globalisierung der Märkte hat Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten verstärkt, die die politischen Handlungsfähigkeiten der Gewählten einschränken. Dem Wohlstand in der Exportnation war das lange dienlich, nun scheint ein Kipppunkt erreicht. Globale Krisen und Konflikte werden auf dem Smartphone oder an der Tankstelle sofort im Alltag sichtbar und verstärken Verunsicherung, Ohnmacht und Rechtsruck.

Bild: privat
Matthias Quent

Matthias Quent ist Soziologe und Professor an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, zuvor lehrte er an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Kürzlich erschien sein neues Buch: „Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren“ im Piper Verlag.

Die disruptive Tatpolitik Donald Trumps, das Sprengen der regelbasierten Ordnung und internationaler Abkommen und Organisationen sind eine Reaktion darauf: Die Ketten der Wirklichkeit und der demokratischen Machtkontrolle werden gesprengt. Wenn CO₂ als harmlos eingestuft wird oder man von Technologieoffenheit fabuliert, öffnen sich neue Denk- und Handlungsräume gegen die Alternativlosigkeit der Klimakrise – vor allem für fossile Profite. Wunder- und Zeitdenken nannte Fromm diese Ablenkungen einst.

Der Ohnmacht des Individuums setzt der Autoritarismus die Allmacht von Bewegung, Partei oder Führer entgegen. Demokratie ist dagegen auf eine gewisse Ohnmachtstoleranz angewiesen. Wenn wir die Grenzen unserer Möglichkeiten sehen, eröffnen sich reale Gestaltungswege aus Ohnmacht und Rückzug.

Emotional im Kampfmodus

Das demokratische Problem ist selten ein Mangel an Analyse oder Empörung. Im Gegenteil: Viele sind emotional im Kampfmodus – aktiviert, oft wütend. Aber zwischen Gefühl und Handlung klafft eine Lücke. Viele meinen: „Ich kann gar nichts tun.“ Handlungsohnmacht wird zum Massensyndrom. Darin liegt eine Wurzel der Demokratiekrise. Der äußersten Rechten gelingt es am besten, die Ohnmacht affektiv zu mobilisieren. Wer sich der vermeintlich erfolgreichen Bewegung anschließt, kann sich politisch als wirksam erfahren – vielleicht zum ersten Mal überhaupt.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Aufmerksamkeit durch Empörung und Ablehnung verstärkt paradoxerweise diese Erfahrung. Darum erschüttern weder Lügen noch Vetternwirtschaft oder sonstige Skandale AfD und Co. nachhaltig – sie stärken sogar das identitäre Band zwischen Partei und Wählenden.

Es gibt unzählige Alternativen zur Ohnmacht, die noch größer wird, je mehr Raum man ihr einräumt. Besonders wichtig ist es, Menschen bei ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten abzuholen. Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft besteht aus hochengagierten und vergleichsweise privilegierten Kämpfenden – darunter sind vermutlich überdurchschnittlich viele taz-Leser:innen. Aber die Mehrheit ist resigniert oder ohnmächtig und braucht passende, niedrigschwellige Zugänge zu demokratischer Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und erst dann vielleicht zur Rebellion.

Moralische Appelle überfordern schnell – vor allem jene, die im Alltag am Limit sind oder verinnerlicht haben, nicht aufzufallen. Für sie beginnt politische Handlungsfähigkeit nicht mit Parolen, sondern mit überschaubaren, sicheren Situationen: Einladung statt Anklage, Alltagsbrücken statt Dauererregung, konkrete Verbesserungen statt abstrakter Forderungen, Gemeinschaft statt Isolation, Sicherheit statt Konfrontation, Graswurzel- und Kümmererarbeit statt akademischer Suche nach der Zauberformel, die endlich alle Probleme lösen würde.

Demokratische Alternativen stärken

Wer bei systemischen Fragen nur auf Eigenverantwortung setzt, produziert Überforderung und die Individualisierungsfalle. Aber gleichzeitig ist das Erleben von Selbstwirksamkeit im Rahmen des Möglichen der Ursprung jeder kollektiven Aktion und Veränderung. Grüne Energien sind die Antwort auf die Energieabhängigkeit, an der sich noch viel mehr Menschen schon durch kleine Balkonanlagen demonstrativ beteiligen und als wirksam erleben können. Haustürgespräche, öffentliche Infostände, Nachbarschaftstreffs, Präsenz in sozialen Medien oder die Nutzung freier Softwarealternativen helfen, Ohnmacht und Polarisierung zu durchbrechen.

Online wie offline gilt es, demokratische Alternativen zu verstärken, statt sich nur an rechter Agitation abzuarbeiten: Kontinuität zentraler Botschaften, schnelle Reaktionen auf kritische Ereignisse, Formate, die Reichweite erzeugen können – Humor, Popkultur, ästhetische Kreativität, verständliche Sprache statt Aktivistenkauderwelsch.

Dazu braucht es Widerstandsfähigkeit gegen Ohnmacht und Hetze: Rückzugs‑ und Erholungsräume, kollektive Emotionsarbeit, Zusammenhalt gegen Vereinzelung. Anstatt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die nächsten Landtagswahlen zu starren, können wir uns kollektiv vorbereiten: Zeigen, dass die Folgen einer rechtsextremen Regierung im kooperativen Föderalismus nicht an den Landesgrenzen enden; Spenden für die Zivilgesellschaft, die Vorbereitung von Rechtshilfefonds, Patenschaften für Initiativen im ländlichen Raum oder Solidarität und Erholungsräume für Engagierte.

Statt Unsummen für ineffektive Großstadtprojekte und abstrakte Überlegungen zu verpulvern, können unabhängige Hausprojekte in ländlichen Räumen unterstützt oder neue finanziert werden. Der Widerstand wird auch unter rechtsextremen Regierungen nicht enden. Ohnmacht endet, wo im Handeln Hoffnung entsteht.

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9 Kommentare

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  • Der moralische Zeigefinger der Mitte, dass die Wirtschaft doch bitte wachsen solle, wird dagegen von vielen Leuten begrüßt.

    Ich bleib also auch beim moralischen Zeigefinger: Menschenrechte dürfen nicht missachtet werden! Das verbiete ich!

  • Ich habe mir den Artikel durchgelesen und entschieden, sein Buch nicht zu kaufen.

    Das kommt mir zu predigt daher.

  • Eine der besten Analysen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Die gleichzeitig drei wichtige Punkte abdeckt:

    - den Erfolg/die Anziehungskraft rechter Mobilisierung jenseits der Unterstellung von Rassismus und/oder Doofheit als Hauptmotivation



    - Frustration und Rückzug von sich als aktiv(istisch)e Demokrat*innen verstehenden Menschen



    - "Masseträgheit" vieler Menschen, deren intrinsisches Interesse es sein sollte, sich zu engagieren, aber die man einfach nicht zu erreichen scheint.

  • Wer fordert linke Politik von der Moral zu befreien entledigt sich damit doch jedes Arguments für seine Position. All die politischen Entwicklungen wie die Ersetzung der regelbasierten Ordnung durch das Recht des Stärkeren, der um sich greifende Abbau von Grund- und Menschenrechten, Krieg der wieder immer mehr zu einer üblichen Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln wird, das immer rücksichtslosere Ausnutzen ökonomischer Abhängigkeiten, der allgemeine Rechtsruck, ... sind ja gerade Ausdruck und logische Folge einer der Moral entledigten Politik. Der eigene Vorteil wird auch zum Nachteil anderer durchgesetzt, nötigenfalls auch brutal.



    Warum sollte irgendjemand Nachbarschaftstreffs organisieren oder für ländliche Hausprojekte spenden, statt Zeit und Geld in die Verbesserung der eigenen Position zu investieren, wenn nicht aus idealistischen und moralischen Erwägungen? Selbstwirksamkeit findet man eben zuvorderst bei sich selbst, nicht in der Solidarität mit Anderen. Welche Hoffnung ist hier also gemeint, wenn nicht die auf Verhältnisse die gut und gerecht für Alle, mithin also von Moral bestimmt, sind?

  • "Handlungsohnmacht wird zum Massensyndrom."



    Passt sehr gut zur Forderung nach verständlicher Sprache.



    Ein Syndrom ist ein (typisches) Zusammenkommen verschiedener Symptome. Scheint mir hier im Satz irgendwie nicht zu passen...

  • "Linke sollten weniger mit Moral kommen, noch besser in verständlicher Sprache."



    Ich ergänze den Punkt mit der Sprache mal mit der Einstellung dazu: nicht nur verständlich 'für die armen Dummen, die mich sonst nicht verstehen', sondern, viel wichtiger, um auch nicht nur Schlagworte zu benutzen, sondern tatsächlich so, dass man Sachverhalte auch tatsächlich verstanden und nicht nur auswendiggelernt hat. Hilft sehr beim Argumentieren.

  • Oft liegt es daran, dass man dies gar nicht so erlebt oder einschätzt. Der 'normale Alltag' bestimmt zum grossen Teil das Leben, das Verhalten, das Handeln; und nicht unbedingt Entscheidungen einer Regierung, die oft nur abstrakt wahrgenommen werden. Eigentlich ein völlig normales Verhalten.



    Zusammengefasst lässt sich m. E. festhalten, dass moderate Linke und liberale Konservative eher Mehrheiten finden. Ein Beispiel hierfür ist auch Cem Özdemir von den Grünen in BaWü. Ich denke ein linker Grüner hätte mehr polarisiert und die Wahl dadurch eher nicht gewonnen.



    Fazit: Um Mehrheiten in einer demokratischen Gesellschaft zu erringen, müssen das gesamte Spektrum von Linken, Liberalen, moderat Konservative sowie Rechtsliberale mit eingebunden werden. Aber eins muss hundertprozentig klar sein: keine Zusammenarbeit mit und eine klare Abgrenzung zu rechtsradikalen, rechtsextremen und faschistischen Parteien.

    • @Klaus Waldhans:

      Demnach wäre also eine Allparteienkoalition von Linken, Grünen, FDP, SPD, CDU, CSU und ggf. auch noch Werteunion und BSW die bestmögliche Option weil so alle demokratischen Positionen eingebunden sind? Tatsächlich erleben wir aber doch schon bei deutlich übersichtlicheren Bündniskonstellationen, sei es die Ampel oder die 'große' Koalition, zunehmend weniger dazu in der Lage sind produktive und tragfähige gemeinsame Positionen zu finden und stattdessen Sprachregelungen, Minimalkompromisse und Stillstand dabei herauskommen.

      "Zusammengefasst lässt sich m. E. festhalten, dass moderate Linke und liberale Konservative eher Mehrheiten finden."



      Derzeit wählt 1/4 rechtsradikal und ein weiteres 1/4 eine Union die derart reaktionär aufgestellt ist wie noch nie. Selbst Adenauer, Erhard oder Kohl betrieben im Kontext ihrer Zeit eine progressivere Politik als die heutige Union die praktisch jedes Problem dadurch lösen will, dass sie die Zeit zurück dreht.

  • Ich stelle mir oft die Frage, ob ein dezidiert linker Kandidat, die Wahl in Ungarn gewonnen hätte. Ich glaube nicht.



    Magyar hat natürlich viele Wähler durch seine frühere Mitgliedschaft und Mitarbeit bei Fidesz angesprochen, die konservativ sind, aber nicht rechtsradikal. Die früher zwar Orban wählten, aber jetzt nichts mehr mit ihm anfangen konnten und ihn aufgrund seiner Vetternwirtschaft, der Korruption, seiner Nähe zum Kriegsverbrecher Putin u.s.w. ablehnten.



    Magyar steht sicherlich nicht für



    tiefgreifende Veränderungen, seine Aussagen zu bestimmten Themen lassen dies erwarten: dazu zählt u.a. das Asylrecht.



    Aber Menschen neigen eher dazu, ob in Ungarn, ob in Deutschland oder anderswo, nicht alles Gewohnte über Bord schmeißen zu wollen, was z.T. ja auch verständlich ist.



    Veränderungen in einer Regierung, in einem Land, verlangt ja auch Veränderungen bei einem selbst, und jeder weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht immer leicht ist. Auch das Alter hat sicherlich damit zu tun; als Jüngerem fällt einem dies leichter, als Älterem weniger.



    Auch der oft getätigte Vorwurf, warum man so eine irrliberale und autoritäre Demokratie nicht bekämpfen will, trifft nicht immer zu.