Krise der Demokratie: Keine Macht der Ohnmacht
Selbstwirksamkeit ist das Mittel gegen den Autoritarismus von rechts. Linke sollten weniger mit Moral kommen, noch besser in verständlicher Sprache.
D er Sozialpsychologe Erich Fromm schrieb vor 90 Jahren: „Die Hilflosigkeit des Individuums ist das Grundthema der autoritären Philosophie.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit Jahren redet die äußerste Rechte der Bevölkerung ein, Regierung und Eliten übergehen den Willen des Volkes (den es gar nicht einheitlich gibt), seien Volksverräter, die Demokratie sei eine Diktatur und sinistre Mächte würden das Volk austauschen. Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, in der die Ohnmacht die Seite gewechselt hat: Während die AfD sich als Erlösung inszeniert und scheinbar unaufhaltsam wächst, passen sich Demokrat:innen dem globalen autoritären Zeitgeist an, ziehen sich zurück oder fühlen sich der rechten Welle ausgeliefert.
Tatsächlich sind demokratische Spielräume nationaler Regierungen und Parlamente in den vergangenen Jahrzehnten kleiner geworden. Die neoliberale Globalisierung der Märkte hat Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten verstärkt, die die politischen Handlungsfähigkeiten der Gewählten einschränken. Dem Wohlstand in der Exportnation war das lange dienlich, nun scheint ein Kipppunkt erreicht. Globale Krisen und Konflikte werden auf dem Smartphone oder an der Tankstelle sofort im Alltag sichtbar und verstärken Verunsicherung, Ohnmacht und Rechtsruck.
Die disruptive Tatpolitik Donald Trumps, das Sprengen der regelbasierten Ordnung und internationaler Abkommen und Organisationen sind eine Reaktion darauf: Die Ketten der Wirklichkeit und der demokratischen Machtkontrolle werden gesprengt. Wenn CO₂ als harmlos eingestuft wird oder man von Technologieoffenheit fabuliert, öffnen sich neue Denk- und Handlungsräume gegen die Alternativlosigkeit der Klimakrise – vor allem für fossile Profite. Wunder- und Zeitdenken nannte Fromm diese Ablenkungen einst.
Der Ohnmacht des Individuums setzt der Autoritarismus die Allmacht von Bewegung, Partei oder Führer entgegen. Demokratie ist dagegen auf eine gewisse Ohnmachtstoleranz angewiesen. Wenn wir die Grenzen unserer Möglichkeiten sehen, eröffnen sich reale Gestaltungswege aus Ohnmacht und Rückzug.
Emotional im Kampfmodus
Das demokratische Problem ist selten ein Mangel an Analyse oder Empörung. Im Gegenteil: Viele sind emotional im Kampfmodus – aktiviert, oft wütend. Aber zwischen Gefühl und Handlung klafft eine Lücke. Viele meinen: „Ich kann gar nichts tun.“ Handlungsohnmacht wird zum Massensyndrom. Darin liegt eine Wurzel der Demokratiekrise. Der äußersten Rechten gelingt es am besten, die Ohnmacht affektiv zu mobilisieren. Wer sich der vermeintlich erfolgreichen Bewegung anschließt, kann sich politisch als wirksam erfahren – vielleicht zum ersten Mal überhaupt.
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Aufmerksamkeit durch Empörung und Ablehnung verstärkt paradoxerweise diese Erfahrung. Darum erschüttern weder Lügen noch Vetternwirtschaft oder sonstige Skandale AfD und Co. nachhaltig – sie stärken sogar das identitäre Band zwischen Partei und Wählenden.
Es gibt unzählige Alternativen zur Ohnmacht, die noch größer wird, je mehr Raum man ihr einräumt. Besonders wichtig ist es, Menschen bei ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten abzuholen. Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft besteht aus hochengagierten und vergleichsweise privilegierten Kämpfenden – darunter sind vermutlich überdurchschnittlich viele taz-Leser:innen. Aber die Mehrheit ist resigniert oder ohnmächtig und braucht passende, niedrigschwellige Zugänge zu demokratischer Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und erst dann vielleicht zur Rebellion.
Moralische Appelle überfordern schnell – vor allem jene, die im Alltag am Limit sind oder verinnerlicht haben, nicht aufzufallen. Für sie beginnt politische Handlungsfähigkeit nicht mit Parolen, sondern mit überschaubaren, sicheren Situationen: Einladung statt Anklage, Alltagsbrücken statt Dauererregung, konkrete Verbesserungen statt abstrakter Forderungen, Gemeinschaft statt Isolation, Sicherheit statt Konfrontation, Graswurzel- und Kümmererarbeit statt akademischer Suche nach der Zauberformel, die endlich alle Probleme lösen würde.
Demokratische Alternativen stärken
Wer bei systemischen Fragen nur auf Eigenverantwortung setzt, produziert Überforderung und die Individualisierungsfalle. Aber gleichzeitig ist das Erleben von Selbstwirksamkeit im Rahmen des Möglichen der Ursprung jeder kollektiven Aktion und Veränderung. Grüne Energien sind die Antwort auf die Energieabhängigkeit, an der sich noch viel mehr Menschen schon durch kleine Balkonanlagen demonstrativ beteiligen und als wirksam erleben können. Haustürgespräche, öffentliche Infostände, Nachbarschaftstreffs, Präsenz in sozialen Medien oder die Nutzung freier Softwarealternativen helfen, Ohnmacht und Polarisierung zu durchbrechen.
Online wie offline gilt es, demokratische Alternativen zu verstärken, statt sich nur an rechter Agitation abzuarbeiten: Kontinuität zentraler Botschaften, schnelle Reaktionen auf kritische Ereignisse, Formate, die Reichweite erzeugen können – Humor, Popkultur, ästhetische Kreativität, verständliche Sprache statt Aktivistenkauderwelsch.
Dazu braucht es Widerstandsfähigkeit gegen Ohnmacht und Hetze: Rückzugs‑ und Erholungsräume, kollektive Emotionsarbeit, Zusammenhalt gegen Vereinzelung. Anstatt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die nächsten Landtagswahlen zu starren, können wir uns kollektiv vorbereiten: Zeigen, dass die Folgen einer rechtsextremen Regierung im kooperativen Föderalismus nicht an den Landesgrenzen enden; Spenden für die Zivilgesellschaft, die Vorbereitung von Rechtshilfefonds, Patenschaften für Initiativen im ländlichen Raum oder Solidarität und Erholungsräume für Engagierte.
Statt Unsummen für ineffektive Großstadtprojekte und abstrakte Überlegungen zu verpulvern, können unabhängige Hausprojekte in ländlichen Räumen unterstützt oder neue finanziert werden. Der Widerstand wird auch unter rechtsextremen Regierungen nicht enden. Ohnmacht endet, wo im Handeln Hoffnung entsteht.
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