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Autor Jason Reynolds im Gespräch„Du kannst deine Geheimnisse in Bücher flüstern“

Der Amerikaner Jason Reynolds schreibt Kinder- und Jugendromane über Gewalt und Rassismus. Trotzdem ist er überzeugt: Menschen sind von Natur aus gut.

In seiner Kindheit gab es keine Bücher, aber viel Liebe, sagt Jason Reynolds. Später wurde er süchtig nach dem Lesen Foto: Anna Tiessen

Interview von

Susanne Messmer

Das Treffen mit Jason Reynolds findet Mitte März in einer Bibliothek im schillernden Berliner Bezirk Wedding statt. Der Ort passt zu ihm. Reynolds schreibt viel über Jugendliche, wie er selbst einer war: aufgewachsen in prekären Verhältnissen, die selten im Zentrum literarischer Aufmerksamkeit stehen. Er gilt auch in Deutschland als wichtige Stimme der Kinder- und Jugendliteratur. Mit viel Humor und in authentischer Alltagssprache bringt er jungen Le­se­r*in­nen strukturellen Rassismus und Diskriminierung nahe. Reynolds ist auf Lesereise, nach dem Interview wird er aus seinem neuen Jugendroman „24 Sekunden ab jetzt“ vorlesen. Er spricht viel über seinen Jetlag und wie schwer es ist, in Deutschland guten Kaffee zu bekommen, wirkt dafür aber erstaunlich wach und nahbar.

taz: Herr Reynolds, wenn Sie ein Kind treffen, das denkt, es könne mit Büchern nichts anfangen – was sehen Sie in ihm?

Jason Reynolds: Ich sehe mich selbst, und ich habe Nachsicht und Geduld mit ihm. Es ärgert mich nicht, wissen Sie. Ich verstehe es. Es ist schwer. Ich hatte nicht die Bücher, die ich brauchte. Heute haben die Kinder mehr Bücher, aber zu viel Ablenkung.

taz: Wie waren Sie als Kind?

Reynolds: Ich war empfindsam, und zwar auf eine beständige und geerdete Art und Weise – und ich wusste überhaupt nicht, wo mich das hinführen sollte. Deshalb war ich auch ein Dummkopf. Ich war kein guter Schüler. Ich war so ein Kind aus der Nachbarschaft, von der Straße.

taz: Sie sind in einer vorwiegend Schwarzen Nachbarschaft in einem Vorort von Washington D. C. aufgewachsen, in einem Zuhause ohne Bücher, wie Sie betonen. Wie war das?

Reynolds: Es gab keine Bücher, aber viel Liebe. Und meine Mutter hat meinen Geschwistern und mir viel Freiheit gegeben herauszufinden, wer wir waren, und neugierig zu sein – nicht nur auf das, was außerhalb von uns geschah, sondern auch auf das, was in uns geschah.

Im Interview: Jason Reynolds

Der Autor

Jason Reynolds, 42, wuchs in einem Vorort von Washington D. C. auf und studierte Literaturwissenschaften an der University of Maryland. Sein er­stes Jugendbuch in Deutschland hieß „Coole Nummer“ und erschien 2015. Seither folgten hierzulande 13 wei­tere Bücher für junge Menschen. In den USA ist Reynolds ein Star und war der 7. National Ambassador for Young People’s Literature.

Das Buch

In seinem neuesten Buch, „24 Sekunden ab jetzt“, beschreibt Reynolds einen Teenager, der sehr nervös ist, weil seine Freundin und er beschlossen haben, nach zwei Jahren Beziehung zum ersten Mal miteinander zu schlafen. dtv, München 2026, 192 Seiten, 16 Euro.

taz: Sie hat Ihnen beigebracht, Ihren Verstand zu benutzen?

Reynolds: Ja. Und unser Herz. Unserem Bauchgefühl zu vertrauen.

taz: Bevor Ihnen Bücher wichtig wurden, haben Sie vor allem Rap-Texte gelesen und gehört. Warum?

Reynolds: Es war mein Ding. Ich hörte meine eigene Stimme sonst nirgends. Die Rapper sprachen den Slang meiner Nachbarschaft, voller Härte und Schärfe. Sie kleideten sich wie meine älteren Brüder. Die Leute verstanden das nicht. Aber wir verstanden das. Ich wurde von diesem Gefühl angezogen, gesehen und gehört zu werden. Rap war und bleibt Rebellion. Ich begann, Gedichte zu schreiben.

taz: Ihr erstes ganzes Buch haben Sie mit 17 gelesen.

Reynolds: Das Buch war großartig. Und ich dachte: Wow, das ist ein wirklich gutes Buch. Aber es war vor allem das Hochgefühl, etwas zu Ende zu bringen. Ich wurde süchtig nach dem Lesen.

taz: Schon vom ersten Buch an?

Reynolds: Ja, weil es so lange gedauert hatte, überhaupt dahin zu kommen!

taz: Welches Buch war es?

Reynolds: „Black Boy“ von Richard Wright, eines der wichtigsten Bücher der afroamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

taz: Wer hat es Ihnen gegeben?

Reynolds: Mein Lehrer im College. Wir hatten im Unterricht eine heftige Auseinandersetzung, weil ich eingeschlafen war. Tu mir einen Gefallen, sagte er. Ich gebe dir dieses Buch, und ich will, dass du die ersten zwei Seiten liest. Wenn es dir gefällt, dann möchte ich, dass du es weiterliest. Wenn es dir nicht mehr gefällt, kannst du es jederzeit zuklappen. Auf der zweiten Seite des Buches zündet die Hauptfigur, der junge Richard, die Vorhänge an. Damit konnte ich mich identifizieren.

2005 zog ich nach New York und bekam meinen ersten richtigen Deal für ein Buch, und ich war tatsächlich für zwei Wochen reich

taz: Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Reynolds: Ich war ein ehrgeiziger Junge. Mit 18 fing ich an, meine eigenen Bücher zu schreiben. Ich vervielfältigte sie selbst und verkaufte sie aus dem Kofferraum des Autos meiner Mutter. Nach meinem Collegeabschluss zog ich 2005 nach New York und bekam meinen ersten richtigen Deal für ein Buch, einen Gedichtband, da war ich 21. Ich dachte, ich würde reich und berühmt werden, und ich war tatsächlich für zwei Wochen reich.

taz: Zwei Wochen?

Reynolds: Ich habe das ganze Geld für Turnschuhe und Hummer ausgegeben. Bis dahin hatte ich noch nie einen richtigen Job gehabt. Gedichtbände verkaufen sich nicht, deshalb musste ich Geld verdienen und fing an, Jeans zu verkaufen. Zuerst war es mir peinlich. Aber bald wurde es großartig. Ich habe das fast zehn Jahre lang gemacht. Und ich habe in dieser Zeit sogar mit dem Schreiben aufgehört. Aber dann sagte ein Freund zu mir: Du solltest es ein letztes Mal versuchen und eine Geschichte über dich, deine Freunde und deine Familie schreiben. Also schrieb ich meinen ersten richtigen Jugendroman, „When I was the Greatest“. In Deutschland hieß er „Coole Nummer“.

taz: Ein Buch über Identität, Loyalität und die Frage, was es wirklich heißt, „cool“ zu sein. War dieses Buch Ihr Durchbruch?

Reynolds: Nur in Deutschland! In den USA hat es noch etwas gedauert.

taz: In Ihrem neuen Buch, „24 Sekunden ab jetzt“, geht es um Zerbrechlichkeit. Ihre Hauptfigur Neon steht im Bad und muss sich fast übergeben, weil er vor seinem ersten Mal mit seiner Freundin so nervös ist. Warum wollten Sie diese Geschichte erzählen?

Reynolds: Weil ich finde, dass auch Jungen Liebesgeschichten verdienen – aus ihrer Perspektive. Und ich finde, Sex ist etwas, worüber wir sprechen sollten, nicht wie über eine anzügliche Sache, sondern wie über einen normalen Teil unseres Lebens. Das erste Mal ist für alle unangenehm und furchteinflößend.

taz: Wirklich für alle?

Reynolds: Ja. Und wir bekommen nie zu sehen, was der Junge innerlich durchmacht. Jungen müssen erfahren, dass kein Junge cool ist. Nicht ein einziger. Sie lügen. Sie tun nur so, als ob. Ich wollte sie entlasten, indem ich das zeige.

taz: Erwachsenen, die mit Teenagern zusammenleben, fällt es oft schwer zu erklären, dass echter Sex nichts mit dem zu tun hat, worüber sie im Internet stolpern. Warum ist es so wichtig, es trotzdem zu versuchen?

Reynolds: Pornografie ist wie alle Filme, die wir sehen, einfach Unterhaltung. Und sie könnte kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein.

taz: Warum ist es so selten, dass junge Männer beschrieben werden, die unsicher, emotional, verletzlich, schüchtern sind? Gerade im Young- und New Adult-Bereich gibt es viele Romane, die zunehmend althergebrachte Rollenbilder reaktivieren.

Reynolds: Als ich ein Teenager war, standen alle meine Freunde und ich unter großem Druck. In meiner Schwarzen Community warst du mit 14 oder 15 erwachsen. Du wurdest als Erwachsener behandelt. Wir taten, was von uns erwartet wurde. Und das war nicht immer gut. Nicht immer gesund. Nicht immer sicher. Nicht immer klug.

taz: Sind viele Männer aus Ihrer Sicht so?

Reynolds: Ich denke schon. Ich lache immer mit meinen Freunden und Freundinnen darüber. Jeder, der schon einmal mit einem Mann zusammen war, weiß, dass Männer im Bett kuscheln wollen. Öffentlich sagen sie das nie. Niemals. Sie machen lieber Witze darüber. Es ist schade, dass Männern vor allem Härte und Sexualtrieb zugeschrieben wird, obwohl wir alle wissen, dass sie Cupcakes sind. Sie sind Softies.

wochentaz

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taz: Sie schreiben über Kinder, die Schlimmes erlebt haben. In Ihrem Buch „Ghost“ geht es zum Beispiel um einen Jungen, der fast von seinem betrunkenen Vater erschossen wird. In „Sunny“ um einen, dessen Mutter bei der Geburt stirbt und dessen Vater nicht aus seiner Trauer herauskommt. Wie schaffen Sie es nur, mit solcher Leichtigkeit über Traumata zu schreiben?

Reynolds: Ich glaube, das ist einfach die Art, wie ich selbst damit umgegangen bin. Ich habe traumatisierende Dinge erlebt. Als ich 19 war, wurde ein Freund von mir ermordet, der mir sehr nahe stand. Ich kann aus Respekt vor ihm und vor seiner Familie nicht sagen, wie es dazu kam. Aber ich kann sagen, dass diese Erfahrung immer noch bei mir ist. Ich habe sie in den Hintergrund geschoben, ich habe Abstand gewonnen. Nur so konnte es für mich weitergehen. Ich glaube, das habe ich von meiner Familie gelernt.

taz: Was genau?

Reynolds: In meiner Familie wissen alle, dass Schmerz ein Teil des Lebens ist. Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn du einem Menschen begegnest, der nur weint und nie lacht, dann vertraue ihm nicht, denn das ist eine Lüge.

taz: Kommt man auch besser mit Traumata klar, wenn man über sie schreibt?

Reynolds: Ich betrachte alle Bücher – egal, ob du welche schreibst oder liest – als Schränke für Geheimnisse. Du kannst deine Geheimnisse in Büchern verstecken. Du kannst sie in sie hineinflüstern. Und dann kannst du das Buch schließen. Das ist sehr wertvoll.

taz: Vieles wird über die Generationen weitergegeben, ohne dass darüber gesprochen wird, manchmal auch Traumata. Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit diesen Dingen um?

Reynolds: Meine Mutter behandelt mich so, wie sie behandelt wurde. Wenn meine Mutter also hart zu mir ist, dann wegen der Art, wie ihre Mutter hart zu ihr war. Aber ihre Mutter war zu einer anderen Zeit und aus anderen Gründen hart zu ihr. Deshalb fühlt sich die Disziplin meiner Mutter manchmal sehr falsch an.

Ganz oben auf dem Stapel liegen seine eigenen Bücher: Jason Reynolds zu Besuch in Berlin Foto: Anna Tiessen

taz: Die Zeiten haben sich geändert?

Reynolds: Ja und nein. Es ist, als gäbe es ganz tief unten Regeln, die wir uns nicht ausgedacht haben. Sie werden uns beigebracht, von unseren Eltern, die sie von ihren Eltern beigebracht bekommen haben. Wir betrachten das nicht immer als etwas Traumatisches. Es ist einfach so. Und es durchdringt die einfachsten Dinge, bis hin zum Putzen unserer Turnschuhe.

taz: Zum Putzen der Turnschuhe?

Reynolds: Ja. Mein Großvater hat mir beigebracht, dass du deine Schuhe putzen musst, weil der Mensch nach der Sauberkeit seiner Schuhe beurteilt wird. Keine Falten, kein Schmutz. Ich achte noch im Jahr 2026 darauf, dass meine Schuhe sauber bleiben, weil ich cool wirken will.

taz: Ihr Schreiben ist oft sehr körperlich. Man hört die Figuren atmen, sie dürfen sich verhaspeln und stottern, man erfährt auch viel darüber, wie sich ihr Körper anfühlt, ob er verkrampft ist oder schwitzt oder gerade vor lauter Glück fast zu explodieren scheint.

Reynolds: Ich finde, Sprache sollte den Geist nachahmen. Wir erweisen uns manchmal einen Bärendienst, indem wir eloquent schreiben, denn der Geist ist kein eloquenter Ort.

Wenn sich Menschen Rassismus ausdenken können, dann können sie sich auch eine Welt ohne Rassismus ausdenken

taz: Sie meinen, die Literatur sortiert innere Vorgänge zu stark?

Reynolds: Ja. Dabei wimmelt es oft nur so vor Gedanken und Emotionen. Sie schießen dir wie Momentaufnahmen durch den Kopf, es ist nicht kontinuierlich fließend. Die Sprache sollte Momente des Schocks oder der außergewöhnlichen Freude widerspiegeln. Wir sollten nicht nur gewählte Wörter nutzen, sondern bis an die Grenzen der Sprache gehen. Die Syntax aufbrechen. Es spielt sogar eine Rolle, wie du Satzzeichen setzt.

taz: Ich würde gern noch mit Ihnen über Ihr Buch „Stamped“ sprechen, ein Sachbuch über Rassismus, das Sie gemeinsam mit einem Historiker geschrieben haben. Sie verweisen darin auf Gomes Eanes de Zurara, der im 15. Jahrhundert eine Ideologie entworfen hat, um die portugiesischen Sklavenexpeditionen nach Afrika zu rechtfertigen. Warum ist es wichtig, den Kindern das genau auf diese Art zu erklären?

Reynolds: Wenn die Idee des Rassismus aus der Vorstellungskraft eines Menschen entstanden ist und aus seiner Fähigkeit, das niederzuschreiben, dann bedeutet das: Wir können es verändern. Wenn sich Menschen Rassismus ausdenken können, dann können sie sich auch eine Welt ohne Rassismus ausdenken.

taz: Es geht also ums Verlernen?

Reynolds: Wir benutzen Folklore, um Dinge zu erklären, über die wir nicht unbedingt sprechen wollen. Die Zahnfee existiert, weil sich damit ein Kind beruhigen lässt, dem gerade ein Zahn aus dem Mund gefallen ist. Das ist ziemlich beängstigend für das Kind. Es sei denn, ich sage dem Kind, dass es eine Fee gibt, die ihm Geld für diesen Zahn bringt. Mit dem Rassismus verhält es sich ähnlich. Der Rassismus ist ein Märchen, das sagt: Du bist eigentlich gar kein Mensch. Du bist ein Wilder. Aber wie konnten die Weißen es den Wilden überlassen, für sie zu kochen, ihre Kinder großzuziehen und zu stillen? Vielleicht, weil sie immer gewusst haben, dass wir nie Wilde waren. Deshalb bin ich vorsichtig. Ich höre den ganzen Lärm. Aber in meinem Kopf ist es nur Lärm. Allerdings ein sehr mächtiger Lärm.

taz: Es ist Lärm, der Fakten schafft. Die Deutschen haben mithilfe von anderem Lärm sechs Millionen jüdische Menschen ermordet.

Reynolds: Ja, aber meine Frage ist immer: Worauf genau zielten sie ab? Also, was in der menschlichen Psyche haben sie damals angesprochen? Wie viele Menschen hatten das Gefühl, es sei sicherer, auf dieser Seite zu stehen? Diese Frage muss gestellt werden. Denn es passiert gerade auch in Amerika.

taz: Sie meinen die Diskriminierungen der Trump-Regierung?

Reynolds: Ich spreche mit Menschen von Angesicht zu Angesicht. Und niemand hat zu all diesen Dingen wirklich etwas zu sagen. Sie sagen: Mann, wir wollen einfach nur etwas zu essen. Sie sagen, man habe ihnen erzählt, mexikanische Menschen nähmen ihnen die Jobs weg. Aber in ihrer Stadt gibt es gar keine Mexikaner.

taz: Aber gibt es nicht auch Menschen, die wirklich an diese Märchen glauben? Die zum Beispiel denken, sie hätten ihre Privilegien verdient – genauso wie die anderen ihre Armut verdient haben?

Reynolds: Wenn mir jemand sagen würde, dass er glaubt, er sei besser als ich, dann wüsste ich ganz sicher, dass er das selbst nicht glaubt. Der Grund, warum er mir das so unter die Nase reibt, ist nicht, mich zu überzeugen.

taz: Er möchte sich selbst überzeugen?

Reynolds: Er muss rechtfertigen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. In Amerika sind Schwarze Frauen erstaunlich erfolgreich im Bildungssystem. Und alle sagen, Schwarze Frauen taugen nichts. Wissen Sie, warum? Weil jeder weiß, dass es nicht so ist.

taz: Macht Ihnen die politische Entwicklung unter Trump Angst?

Reynolds: Es macht mir wahrscheinlich nicht so viel Angst wie vielen meiner Freunde. Aber es beunruhigt schon, weil es in den USA von oben kommt. Es geht vom Präsidenten aus.

taz: Wirklich nur von ihm?

Reynolds: Ich bin durch Amerika gereist. Ich war in jedem Bundesstaat, ich habe kleine Städte besucht. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich im Kern glaube, dass die meisten Menschen auf diesem Planeten schlecht sind, dann lautet die Antwort: Nein. Menschen sind von Natur aus gut.

taz: Aber wie erklären Sie sich dann zum Beispiel den Anstieg von Hasskriminalität gegen Schwarze?

Reynolds: Ich glaube, die meisten unserer Probleme haben ganz andere Ursachen – hier ist meine steile These für Sie. Sind Sie bereit?

taz: Klar.

Reynolds: Nach der Gesundheit des Planeten ist das zweitgrößte Problem der Welt der Analphabetismus der Menschen. Weil es viel leichter ist, ungebildete Menschen zu kontrollieren und von sich selbst wegzulenken.

Es verletzt mich, dass Menschen denken, ich, Jason Reynolds, würde etwas schreiben, was einem Kind schaden könnte

taz: Ihre Bücher werden – wie viele Bücher von Schwarzen oder queeren Menschen – aus zahlreichen Schulen und Bibliotheken in den USA verbannt. Wie entwickelt sich das aus Ihrer Sicht?

Reynolds: Es ist seit Beginn meiner Karriere ein großes Problem, das gerade noch viel größer wird. Es macht mich rasend. Es verletzt mich, dass Menschen denken, dass ich, Jason Reynolds, etwas schreiben würde, was einem Kind schaden könnte.

taz: Also steht es schlecht um die Meinungs- und Kunstfreiheit in den USA?

Reynolds: Menschen nehmen nur das, was sie nicht haben. Wenn du also intellektuelle Freiheit nimmst, dann deshalb, weil du sie nie bekommen hast. Diese Leute verbauen unseren Kindern die Zukunft, die ihnen zusteht.

taz: Wenn Sie einen jungen Menschen sehen, der nach der Lesung einfach still dasitzt und nachdenkt – was, hoffen Sie, geht in ihm vor?

Reynolds: Dass er sich umsorgt fühlt. Dass er denkt: Dieser Mensch, der das geschrieben hat, kümmert sich um mich. Das ist schon alles.

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