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DDR-Erfahrung mit TschornobylWas soll uns schon passieren?

Wie gefährlich die Reaktorkatastrophe in Tschornobyl ist, ahnt man in der DDR nur. Informationen sind rar. Dafür gibt es plötzlich Salat.

Relikt aus einer besseren Zeit: Ein altes Wandgemälde in Prypiat, einer verlassenen Arbeiterstadt in der Sperrzone um Tschornobyl Foto: Pond5/imago

Ich putzte mir gerade die Zähne, als die Spitzennachricht des Rias – des Rundfunks im amerikanischen Sektor – lief: die Reaktorkatastrophe in Tschornobyl. Es war Dienstagmorgen, drei Tage nachdem am 26. April 1986 Block 4 des Kernkraftwerks explodiert war. Es habe ein Unglück gegeben, von dem auch Menschen betroffen seien, hörte ich.

Ich studierte Slawistik und Germanistik in Leipzig und hatte von der Katastrophe bis dahin absolut nichts mitbekommen. Wie auch? Weder die Radiostationen noch das DDR-Fernsehen berichteten davon, auch die „Westsender“ hatten zu diesem Zeitpunkt kaum Informationen, wie ich später begriff.

Dass Kernkraft gefährlich sein kann, war mir bekannt. Wie gefährlich, davon hatte ich keinen blassen Schimmer. Im Gegenteil, ich hatte – neben dem Rias – nur die Informationsquellen der DDR. Und die wiegten uns in Sicherheit, Kernphysiker der Akademie der Wissenschaften der DDR beschrieben den Reaktortyp in Tschornobyl als „im Prinzip sicher“. Ja, was denn sonst, dachte ich, Tschornobyl ist doch viel zu weit weg, als dass wir in der DDR davon betroffen sein könnten.

Grafische Darstellung eines AKW-Kühlturms, aus dem eine Wolke mit einem Radioaktivitätssymbol kommt.
40 Jahre nach dem Super-GAU in Tschornobyl

Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.

In den nächsten Tagen wurde ich allerdings skeptisch, der Rias malte dramatische Szenen von vor Ort: Dutzende Menschen seien bereits gestorben und Hunderttausende rund um Tschornobyl evakuiert worden, durch den schlimmsten Kernkraftunfall aller Zeiten werde es gesundheitliche Langzeitfolgen geben.

Eine Fressmeile wie die im KaDeWe

Gefährdet fühlte ich mich trotzdem nicht. Im Gegenteil, wir stürzten uns auf den Salat, den es plötzlich bei uns zu kaufen gab. An frischen Salat, erst recht zu dieser Jahreszeit, war in der DDR sonst nicht zu denken. Von Freunden aus dem Westen hörte ich, dass der Salat in den Osten geschickt wurde, weil den im Westen niemand mehr aß. Die Angst davor, dass er verstrahlt sein könnte, sei zu groß. Uns war das egal. Wie sollte denn die giftige Wolke aus Tschornobyl bis auf westeuropäische Felder kommen?

Im Sommer 1986 fuhr ich mit ein paar Kom­mi­li­to­n:in­nen in die Ukraine, nach Kyjiw, um dort zu arbeiten. Der sogenannte Studentensommer war eine der wenigen Möglichkeiten, mit Einheimischen Russisch zu sprechen und die Ferien anderswo zu verbringen als an der Ostsee oder am Schwarzen Meer.

Die Märkte in Kyjiw waren voll mit frischen Pilzen, Blaubeeren, Brombeeren, Fruchtsäften – für uns Ossis eine Fressmeile wie die im KaDeWe. Wir aßen alles und fragten uns nur kurz, ob das „wegen der Strahlung“ gefährlich sein könnte. Unsere Gier hatte eine klare Antwort.

Dann sahen wir Kinder mit auffallend blasser Haut, Kinder im lauffähigen Alter, die in Buggys geschoben wurden, Kinder, die krank aussahen. Das erste Mal überkam uns so etwas wie Angst. Aber wir beruhigten uns: Wir waren weit weg, als der Reaktor explodierte, und das ist jetzt auch schon ein paar Monate her. Was also soll uns passieren?

Klick macht's erst nach dem Mauerfall

Von September 1986 an lebte ich ein halbes Jahr im russischen Smolensk, der Aufenthalt war damals regulär für Russischstudierende. Smolensk liegt etwa 500 Kilometer Luftlinie entfernt von Kyjiw. Auch dort gingen wir auf die Märkte, die allerdings sehr viel karger waren als die in Kyjiw. Es gab vor allem Äpfel, Nüsse, Kartoffeln, Kohl.

Im Oktober schloss der Markt, es gab kein Obst und Gemüse mehr, von der Reaktorkatastrophe war in all den Monaten keine Rede. So, als hätte es Tschornobyl nie gegeben. Selbst für die Russen, mit denen wir Kontakt hatten, schien der GAU nicht zu existieren. Die Sorgen, überhaupt etwas zu essen zu bekommen außer Weißbrot, Kefir und Warenje, waren größer als Tschornobyl.

wochentaz

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Wie dramatisch das Unglück war, begriff ich erst kurz nach dem Mauerfall richtig. Ich schrieb einen Artikel über ukrainische Kinder, die sich in Deutschland erholen sollten. Manche waren Waisen, ihre Eltern an den Folgen der Explosion gestorben, andere litten an schweren Krankheiten, Geschwister hatten Tumore, Krebs, Immunschwächen. Wie es ihnen wohl heute geht?

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