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Aus Komplizenschaft mit der Atomindustrie

Viel zu lange wurde die deutsche Bevölkerung nach dem Super-GAU in Tschornobyl in Unwissenheit gelassen. Das Versagen der Behörden führte zu massiven Protesten

Illustration: Katja Gendikova

Von Karl Amannsberger

Es gibt Sätze, die brennen sich ins Gedächtnis ein. Friedrich Zimmermann, 1986 Innenminister der damaligen Regierung von Helmut Kohl, hat so einen gesagt. In einem legendären Auftritt in der „Tagesschau“ erklärte er drei Tage nach der Havarie von Tschornobyl voller Überzeugung, eine Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland sei absolut auszuschließen. Und fuhr fort: „Eine Gefährdung besteht nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor herum.“

Sein Kollege, der bayerische Umweltminister Alfred Dick (wie Zimmermann CSU), schaffte es ebenso in mein Langzeitgedächtnis, indem er ein Jahr später vor laufenden Kameras von seinem Finger strahlenverseuchte Molke schleckte, um ihre Ungefährlichkeit zu demonstrieren. Statt für den Schutz der Bevölkerung zu sorgen und „Schaden vom deutschen Volke zu wenden“ – wie Zimmermann bei seinem Amtsantritt geschworen hatte –, spielten sie Gefahren herunter oder leugneten sie ganz. Tschornobyl ist – wie 15 Jahre später das japanische Fukushima – zum Sinnbild für die Hybris von Technokraten geworden, der Meiler in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik auch zu einem Beispiel des Versagens ideologiegetriebener staatlicher Akteure im Osten wie auch im Westen.

Dies geschah in Komplizenschaft mit der Atom­industrie. Die 1970er und 1980er Jahre waren die Hochzeit der Atomwirtschaft – aber auch der Anti-AKW-Bewegung. Zur Zeit des Reaktorunfalls in Tschornobyl sind in Deutschland mehrere AKWs im Bau, und auch die atomare Wiederaufbereitungslage in Wackersdorf wurde gerade errichtet – begleitet von heftigen Auseinandersetzungen. In diese Atmosphäre platzt die Nachricht von der Havarie in der fernen Ukraine. Der Wind treibt die bei der Explosion am 26. April entstandene radioaktive Wolke aus Jod und Cäsium in der Nacht vom 29. auf den 30. April vor allem nach Österreich und Bayern.

Mit einem später einsetzenden Regen eskaliert das Problem und mit ihm das Behördenversagen auf deutscher Seite. In der Nacht schlagen die amtlichen Messgeräte an bayerischen Atomkraftwerken Alarm. Die Radioaktivität draußen ist höher als in den Kontrollbereichen der Reaktoren. Zu ihrer Schicht eintreffende Arbeiter werden wieder heimgeschickt, weil sie auch nach Dekontaminierungsmaßnahmen noch zu stark strahlen. Davon erfährt die Öffentlichkeit aber erst mehr als einen Monat später. Er habe – so ein leitender Mitarbeiter – nach dem Anstieg der radioaktiven Jodbelastung in der Außenluft sofort seine Mutter gewarnt: Schnittlauch und Feldsalat abschneiden und in die Mülltonne, Schuhe vor der Wohnungstür ausziehen, möglichst nicht mehr ins Freie gehen! Auf Nachfragen verteidigt er sich: „Wir hatten von der Aufsichtsbehörde die Anweisung, von uns aus die Öffentlichkeit nicht zu informieren.“ Diese Aufsichtsbehörde ist das bayerische Umweltministerium unter Minister Alfred Dick.

Der 30. April und der 1. Mai, so wird man später resümieren, sind in Bayern die Tage mit der höchsten radioaktiven Belastung der Bevölkerung, weil vor allem am Maifeiertag wegen des herrlichen Wetters viele Menschen unterwegs sind – und dann in die Regengüsse der aufziehenden Gewitter geraten. In Landshut ist beispielsweise am 1. Mai die Jodkonzentration in der Luft 120-mal höher als normal. Dennoch gibt es keine Warnungen, keine Verhaltensempfehlungen. Sowohl die Bundesregierung wie die Bayerische Staatsregierung, die man getrost zynisch nennen kann, lassen die Bevölkerung buchstäblich im radioaktiven Regen stehen.

Die Behörden hätten ab dem 29. April vor dem Aufenthalt im Freien warnen müssen und spätestens nach den ersten Regenfällen vor dem Verzehr von Milch und Blattgemüsen. Stattdessen ignorieren sie ihre eigenen Messwerte, die so hoch sind wie nie zuvor und nie wieder danach – Bodenkontaminationen von bis zu 300.000 Bq/m², Milch belastet mit bis zu 1.700 Bq/l, Salat mit bis zu 12.000 Bq/kg. Es wird weiter verharmlost, heruntergespielt, beschwichtigt.

Vor dem Unglück von Tschornobyl gab es in Deutschland keine festen gesetzlichen Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln in Bq/kg. Nachdem die Verunsicherung in der Bevölkerung steigt, ringt sich die Strahlenschutzkommission (SSK) zu einer Empfehlung durch. Frischmilch mit weniger als 500 Bq/l könne für den Verzehr freigegeben werden – ein Wert, der „nach vernünftigen Maßstäben“ einzuhalten sei. Das rot-grüne Hessen setzt dagegen wesentlich strengere 20 Bq/l an. Kaum vorstellbar, dass während der Zeit der oberirdischen Kernwaffenversuche in den 1960er Jahren bereits 7 Bq/l als bedenklich galten.

Das lange Ausbleiben von Information und Beratung, die späten und oft widersprüchlichen Empfehlungen erschüttern das Vertrauen in staatliche Stellen. Die Menschen beginnen, sich selbst im Dickicht von Halbwertszeiten, Millisievert und Becquerel zu organisieren. Der Wissensdurst in der Bevölkerung ist enorm. Glücklich, wer jetzt Fachleute im persönlichen Umfeld hat. Institutionen wie das Darmstädter Öko-Institut werden mit Anfragen überrannt. „Traditionelle“ Anti-AKW-Gruppen und der Bund für Umwelt und Naturschutz organisieren neben Protestaktionen auch Infoveranstaltungen.

Ein kleines Energie- und Umweltbüro in Garching beginnt, in großem Umfang Lebensmittel zu messen und die Werte zusammen mit Verhaltensempfehlungen zu veröffentlichen. Unter Mitwirkung von vielen Freiwilligen entsteht daraus schnell das Umweltinstitut München e. V., heute eine der wenigen unabhängigen Messstellen für Radioaktivität in Lebensmitteln. Anfragen aus der Bevölkerung und den Medien lassen die Telefondrähte glühen. Informationen über radioaktive Gefahren kann man 1986 nicht einfach im Internet recherchieren Die Welt der Kommunikation ist noch weitestgehend analog. Die taz spielt mit ihrer kompetenten Berichterstattung eine wichtige Rolle und umgekehrt Tschornobyl für das Wachsen der taz.

Foto: privat

Karl Amannsberger

ist Journalist und studierter Physiker mit dem Schwerpunkt Energiepolitik. In letzter Zeit leitete er den Präsidialbereich im Bundesamt für Strahlenschutz.

Auch ganz praktisches Handeln ist jetzt gefragt. Von Kiel bis München entstehen Elterninitiativen – von manch eingefleischtem Anti-AKW-Kämpfer anfangs spöttisch „Becquerelis“ genannt –, um für ihre Kinder und sich selbst unbelastete Lebensmittel zu beschaffen. Milchpulver und H-Milch aus der Zeit vor der Tschornobyl-Wolke stehen hoch im Kurs. Eine Ka­tas­tro­phe wie Tschornobyl ist noch nie da gewesen. Milchbauern sollen ihre Kühe nicht auf die Weide treiben, kein frisches Gras verfüttern, während das Winterfutter, Heu und Silage, zur Neige geht. Zu stark strahlende Milch muss sogar entsorgt werden. Frisch geernteter Salat landet kistenweise auf Deponien, erntereifer Spinat wird untergepflügt. Kinder sollen nicht mehr im Freien spielen. Das Vertrauen in staatliche Stellen ist erschüttert, das beispiellose Versagen der Behörden sorgt für Aufruhr – gerade im besonders betroffenen Bayern.

Die Zahl der Proteste steigt nach dem 30. ­April sprunghaft an. Unter dem Motto „Sand ins Getriebe der Atomwirtschaft“ kippen in München Eltern zusammen mit ihren Kindern verstrahlten Sand vor die Staatskanzlei, vor die Siemens-Zen­tra­le und vor die sowjetische Luftfahrtgesellschaft ­Aeroflot. Aus einer Muttertagsaktion – Frauen legen mit Blumen das mittlerweile bekannte Strahlensymbol am Münchner Marienplatz aus – entsteht der Verein Mütter gegen Atomkraft. Mit weiteren Gruppen unter anderem in Hamburg, Berlin, Lüneburg und Münster werden die „Mütter“ für viele Jahre zu einer der wichtigen Kräfte der bundesweiten Antiatombewegung.

Der Protest auf den Straßen und vor den Atom­anlagen kommt das ganze Jahr über nicht zur Ruhe, Menschen, die noch nie in ihrem Leben demonstriert haben, treibt es aus dem Haus. Er kulminiert in der Auseinandersetzung am Bauzaun der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Nach der Reaktorkatastrophe kommt es dort zur sogenannten Pfingstschlacht, bei der die Polizei Tränengas aus Hubschraubern gegen friedliche De­mons­tran­t*in­nen einsetzt und damit den Hass der Bevölkerung noch schürt.

Die Katastrophe von Tschornobyl wurde zur großen Stunde der Zivilgesellschaft. Mit eigenen Infokanälen lange vor dem Internet und Social Media

Die Menschen in der Oberpfalz fühlten sich schon vorher vom bayerischen Minister­präsidenten Franz Josef Strauß verhöhnt: „Eine WAA ist nicht gefährlicher als eine Fahrrad­speichenfabrik.“ All das führte zur Akzeptanz der „Anti-AKW-Chaoten“ und der von Strauß als ­„apokalyptische Narren der eigenen Dummheit“ diffamierten Atomkraftgegner bis tief in bürgerliche Kreise hinein. Die Eskalation in Wackersdorf und die Tschornobyl-Katastrophe, in der sich die Grünen als verlässliche Partner und kompetente Berater der Bürgerinitiativen erwiesen, öffnet der Partei bei den Wahlen im Herbst 1986 endlich auch die Tür in den Bayerischen Landtag.

Die Katastrophe von Tschornobyl wurde zur großen Stunde der Zivilgesellschaft, mit eigenen Infokanälen in Zeiten, bevor es Internet, ­Social Media und 24-Stunden-Nachrichtensender gab. Mit Selbstermächtigung zur Versorgung in ­einer ­Krisensituation, die auch zum Erstarken der ­ökologischen Landwirtschaft beitrug, bis hin zum Aufbau eigener Messkapazitäten, weil man den staatlichen Institutionen nicht mehr traute. Mit dem Ende aller Neubaupläne für AKWs und dem folgenden Aus für die WAA Wackersdorf ­erzielte die Bewegung einen schnellen Erfolg, mit der ­Abschaltung der Atomkraftwerke und dem ­Ausbau der erneuerbaren Energien einen späten.

Eine vergleichbare Mobilisierung der Zivil­gesellschaft und Schaffung von Strukturen gab es später bei Castortransporten nach Gorleben und in der Klimabewegung. Anders als bei der ­Explosion des ukrainischen Reaktors handelt es sich bei der ökologischen Katastrophe und der Aushöhlung der Demokratie um schleichende Entwicklungen. Der Kampf dagegen stellt uns alle vor eine ungleich schwierigere, aber meines Erachtens nicht gänzlich unlösbare Aufgabe.

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