Publizist zu konservative Rechtsdrift: „Die Milieugrenzen sind fließend“
Schon 2015 warnte der Publizist Andreas Püttmann vor einer Rechtsradikalisierung der Union. „Die Nashörner kommen“, nannte er seinen Text. Was sagt er heute?
Vor gut zehn Jahren veröffentlichte der Publizist Andreas Püttmann in Anlehnung an ein Theaterstück des Dramatikers Eugène Ionesco, das vom Aufkommen des Totalitarismus erzählt, einen hellsichtigen Text über das sich abzeichnende Kippen des konservativen Milieus: „Die Nashörner kommen“. Selbst im Katholizismus verwurzelt, streitet Püttmann seither entschieden gegen die Rechtsdrift.
taz: Herr Püttmann, 2015 erschien Ihnen die Dynamik der Rechtsradikalisierung in Ihrer konservativen Umgebung „bedrohlich“. Wie ist es heute?
Andreas Püttmann: Beim Erscheinen meiner „Nashörner“ stand die AfD bei 10 bis 12 Prozent, heute doppelt so hoch. Ein Viertel der Gesellschaft ist eine kritische Größe, die politischen Institutionen ächzen schon unter dem Zwang zu „artfremden“ Koalitionen. Die ersten Opportunisten knicken ein, vereinzelt sogar ehemals dezidierte AfD-Gegner. Andererseits stagnieren die Rechtsradikalen auf hohem Niveau.
taz: CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat kurz vor Trumps zweitem Amtsantritt gesagt, dieser mache „richtig gute Politik“. Auch bei Jens Spahn ist eine Lust zu spüren, sich nicht von Trump zu distanzieren. Wie sehr wird Trump als positiver Bezugspunkt gesehen?
Püttmann: Bis vor wenigen Monaten liebäugelten manche in der Union, beeindruckt von Trumps Wahlsiegen oder aus Angst, es sich mit den USA zu verderben, mit einer MAGA-Adaptation für Deutschland oder einer opportunistischen Unterwürfigkeit, die Christdemokraten eigentlich unwürdig ist. Auch in Ionescos Drama spielt die Bewunderung der Stärke der Nashörner ja eine korrumpierende Rolle. Der Rechtspopulismus hat viel mit zügelloser, toxischer und zugleich fragiler Männlichkeit zu tun. Deshalb werbe ich schon lange für mehr Frauen in der Politik, nicht primär aus „Gendergerechtigkeit“, sondern wegen unser aller Überlebensinteresse.
taz: „Toxische Männlichkeit“ ist für einen Konservativen ein ungewöhnlicher Begriff.
Püttmann: Man muss doch sehen, dass die AfD die Partei mit dem höchsten Männeranteil ist. Und in meinem Umfeld sehe ich, welche Typen sich der AfD zugewandt haben. Es ist eine bestimmte Art von Maskulinität, die eher gröber, impulsiver, weniger geisteswissenschaftlich gebildet ist und häufig ein schwieriges Frauenbild hat. Das geht bis in den Phänotyp, wie man sich stylt und breitbeinig auftritt. Da erscheint die Rede von toxischer Männlichkeit nun mal plausibel.
taz: Viele sehen die Regierung heute als rechts entgleist, etwa in der Art, wie Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister agiert, oder wenn Familienministerin Karin Prien das „Demokratie leben!“-Programm zusammenstreicht. Das erscheint als eine Form des Kulturkampfs, in dem die Union sich von der AfD hat anstecken lassen.
Püttmann: Es gibt einen AfD-getriebenen Unions-Strang, für den der Begriff „Ansteckung“ passt. Karin Prien zähle ich nicht dazu. Zum jüngsten Streitfall: Sexuelle Varianz stellt sich natürlich ein. Die muss tatsächlich nicht staatlich gefördert werden. Es gilt aber, die Demokratie sowie Menschen gegen Diskriminierung zu schützen, auch mit steuerfinanzierten Projekten. Wer vom Verfassungsschutz kritisch erwähnt wird, sollte keine staatlichen Preisgelder erhalten. Da wird Weimer auch bei Unions-Leuten Zustimmung gefunden haben, die nicht zu den üblichen Verdächtigen gehören, es mit der Abgrenzung zur AfD nicht so genau zu nehmen. Nicht korrekt war aber, dass man bei der Absage an die drei Buchläden ein angebliches Juryvotum vorgeschoben hat.
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taz: Inwiefern ist aber „Ansteckung“ richtig?
Püttmann: Unions-Politiker lesen ja auch Nius oder geben Tichys Einblick Interviews. Die Milieugrenzen sind fließend. Da ist nicht immer leicht zu trennen, was alter, eigener Unions-Bestand an antilinken Haltungen ist und was opportunistisch von der AfD nachgeahmt wird. Die anstehenden Kürzungen bei den NGOs würde ich so deuten, dass Karin Prien in der eigenen Partei unter Druck steht, Ansagen aus der Oppositionszeit nun auch umzusetzen. Ich tue mich aber schwer, das nur unter dem Stichwort AfD-Imitation zu sehen, auch wenn es rechts außen gefällt.
taz: Bisweilen heißt es, eine der zentralen Triebfedern der Konservativen, sich zur AfD zu öffnen, sei die Sehnsucht nach der Zeit, als Männer mit Doktortitel, Einfamilienhaus und Mercedes in der Garage allein entschieden, wie es gesellschaftlich zu laufen habe.
Püttmann: An diesem Bild stört mich die Fokussierung auf „gutbürgerliche“ Milieus. Die Bataillone des Rechtsrucks sind längst mehr kleinbürgerliche Schichten ohne Eigenheim, zwei Pkws und Doktortitel. Akademische Bildung ist einer der stärksten Resilienzfaktoren gegen die rechte Agitation. Soweit die Oberschicht da anfällig ist, hat sie meistens keine geisteswissenschaftliche Ausbildung, gehört, wenn überhaupt, eher der technischen Intelligenz an und leitet aus ökonomischem Erfolg politische Kompetenz ab. Das ist aber ein Irrtum, wie uns die Fälle Lucke, Henkel und andere zeigen, die sich superschlau wähnten und dann jammerten, sie hätten „ein richtiges Monster erschaffen“, wie Henkel sagte.
taz: Besitzstandswahrung spielt also keine Rolle?
Püttmann: Doch, natürlich gibt es heute wie in den dreißiger Jahren auch viele gut Situierte, die aufgrund ihres Wohlstandsegoismus schon immer primär antilinks waren und ihre Feindbildpriorität angesichts der neuen Herausforderung von rechts nicht ablegen können. Für die sind Rechtsradikale bloß etwas ungezogenere Verwandte, die aber im Prinzip das Richtige wollen und endlich den Linken mal ordentlich eins draufgeben. Die Vernichtung des eigenen Wohlstands durch die Faschisten kommt ja erst viel später durch Rechtlosigkeit oder Krieg.
taz: Merz hat Trump lange geschmeichelt, seit dem Irankrieg dann doch offensivere Töne angeschlagen. Wo führt das hin?
Püttmann: Bei Merz kann man tatsächlich ein gewisses Learning by Doing unter dem Druck von Sach- und Koalitionszwängen beobachten. Trotz gelegentlicher Rückfälle wie jüngst in der Fragestunde des Bundestags beim Thema digitale Gewalt gegen Frauen erscheint mir der Kanzler Merz besser als der Fraktionschef der Ampeljahre. Vielleicht hat er nach dem unerwartet schwachen Wahlergebnis 2025 auch endlich begriffen, dass die Union durch AfD-Mimikri nicht erfolgreicher wird. Im Gegenteil.
taz: Führende Unions-Politiker sind jetzt deutlich auf Distanz zur Kirche gegangen. Der ehemalige Leiter der CDU-Fachkommission „Wertefundament“, Andreas Rödder, will das C aus dem Namen tilgen. Wie attraktiv ist diese Vorstellung heute für die CDU?
Püttmann: C-Parteien waren und sind konzeptionell zwar nicht einfach Transmissionsriemen der Kirchen, aber selbstverständlich müssen sie sich interessieren für die ethischen Orientierungsmarken der legitimen Institutionen des Christentums. Im neuen CDU-Grundsatzprogramm, das unter der Ägide von Andreas Rödder entstand, wurden die bisher zwei Bezüge auf die christliche Sozialethik getilgt, das religiöse Wortfeld von Gott, Kirche, Christentum, Nächstenliebe deutlich reduziert und eine „bürgerliche“ Zweitidentität erfunden. Noch weiter gehende Ausdünnungen konnten der christlich-liberale und der christlich-soziale Flügel abwenden. Das C im Namen wurde per Umfrage von einer Dreiviertelmehrheit der Mitglieder bekräftigt, es steht nicht zur Disposition. Ob es erkenntnisleitend für die Entwicklung politischer Positionierungen bleibt, ist eine andere Frage.
taz: Robert Habeck sagt, die neue große politische Demarkationslinie verlaufe nicht mehr zwischen links und rechts, sondern autoritär und liberal. Was bedeutet das für die Union?
Püttmann: Links und rechts sind zwar durchaus noch relevante politische Kategorien, aber die heute entscheidende Kluft verläuft zwischen den Verteidigern der liberalen Demokratie und den autoritär Gestimmten unterschiedlicher Provenienz. Wer in der Union nicht kapiert hat, dass der „Hauptgegner“ die rechten Extremisten sind, und stattdessen fast ausschließlich auf demokratischen „Linksgrünen“ herumhackt, der ist aus der Zeit gefallen und läuft geradewegs in die Papen-Falle.
taz: Der Reichskanzler der konservativen Zentrumspartei, der 1932 Hitler den Weg an die Macht bahnte. Heute ist immer wieder die Rede von einer gläsernen Decke für die AfD, schon immer seien rund 20 Prozent der Menschen offen für rechtsextreme Gedanken gewesen, sie hätten halt nun eben ihre eigene Partei.
Püttmann: Vor zehn Jahren wurde der AfD ein Deckel bei 20 Prozent prognostiziert. Nun sind es doch bis zu 26. Der Anteil ideologisch überzeugter Anhänger wächst, jener der sogenannten Protestwähler sinkt.
taz: Sprechen Ungarn oder Polen dafür, dass das Pendel wieder in die andere Richtung schlägt?
Püttmann: Jein. In Polen folgte kurz nach dem Umschwung ein Rückschlag bei der Präsidentenwahl, obwohl die PiS sich am Rechtsstaat versündigt hatte. An die nächste Unterhauswahl in Großbritannien und an Frankreichs kommende Wahlen mag ich gar nicht denken. Ob die Midterms in den USA wirklich noch fair sein werden, ist fraglich. Weltweit sinkt die Zahl der echten Demokratien. Derzeit spricht mehr für ein heraufziehendes autoritäres Zeitalter als für eine erfolgreiche Selbstbehauptung der freiheitlich-demokratischen Systeme. Trotzdem darf man politisch nicht in Depression verfallen, sondern sollte kognitiven Pessimismus mit habituellem Optimismus verbinden, zumal als Christ.
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