Illegale Autorennen in Deutschland: Mörderisch, aber nicht kriminell genug für die Statistik
Die Zahl verbotener Kfz-Rennen ist 2025 deutlich gestiegen. Genaue Daten gibt es nicht, denn die Kriminalstatistik erfasst keine Verkehrsstraftaten.
Autorennen sind schnell. Illegale Autorennen sind sogar deutlich schneller, als die Polizei erlaubt. Wenn man aber wissen will, wie drängend dieses Problem in Deutschland ist, wird man ausgebremst. Denn die Daten dazu werden nicht bundesweit erfasst – auch wenn sie etwa für die Verkehrssicherheitskonferenz am Dienstag in Berlin eine wichtige Entscheidungsgrundlage sein könnten.
Der Grund dafür: „Verbotene Kraftfahrzeugrennen“ sind zwar seit 2017 ein eigener Straftatbestand. Laut Paragraf 315d des Strafgesetzbuches kann schon die bloße Teilnahme an einer solcher Raserei mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft werden, wenn das Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet sind. Und schon der Versuch ist strafbar. Werden Unbeteiligte getötet, können Fahrer:innen sogar wegen Mordes verurteilt werden – so wie kürzlich im Prozess um das Rennen in Ludwigsburg vor einem Jahr.
Doch in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden diese Mordrennen nicht erfasst. Dort werden nur „verkehrsfremde Eingriffe“ gezählt, erklärt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes (BKA). Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr werden von der Polizeistatistik als kriminell erfasst. Fehlverhalten im Straßenverkehr aber ist für die Polizeistatistik nicht kriminell genug – und dazu gehört neben den illegalen Rennen zum Beispiel auch Trunkenheit am Steuer. Das sei 1994 von einer Kommission der Innenministerkonferenz beschlossen worden, schreibt die BKA-Sprecherin. Und die PKS-Kommission sehe auch keinen Anlass, das zu ändern.
So bleibt nur die Abfrage der Zahlen bei allen 16 Bundesländern. Die taz fragte nach der Zahl der registrierten Rennen seit 2020. Da hierzu laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs auch die Flucht vor der Polizei gezählt werden kann, wollten wir auch wissen, wie sich dieser Bereich entwickelt hat. Zudem haben wir nach Unfällen, Verletzten und Todesopfern gefragt. Die Antworten sind vielsagend – weit über die reinen Daten hinaus.
Daten gibt es nur mit manueller Auswertung
Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums bedauert, dass er nur die Zahl der Rennen aus den letzten beiden Jahren nennen kann. Sie stieg von 555 auf 633. Ein Zuwachs von mehr als 14 Prozent. „Details ließen sich nur anhand einer manuellen Auswertung jedes einzelnen Anzeigen-Vorgangs aus der polizeilichen Vorgangsverwaltung erheben“, heißt es weiter – auch weil es sich um Verkehrsdelikte handelt, die nicht in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst werden.
Der Sprecher des Innenministeriums in Rheinland-Pfalz kann eine Woche nach der taz-Anfrage zwar sagen, dass die Zahl der Rennen kontinuierlich von 288 im Jahr 2020 auf 419 im Jahr 2025 gestiegen ist. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, lasse sich aber „anhand des rheinland-pfälzischen Vorgangsbearbeitungssystems nicht valide erheben.“
Die Polizei in Bremen kann nach mehr als einer Woche nur mitteilen, dass 2023 Vorfälle „auf einem mittleren zweistelligen Niveau“, 2024 sowie 2025 hingegen „auf einem hohen zweistelligen Niveau“ registriert wurden. Ältere Zahlen lägen „aufgrund von Löschfristen in den polizeilichen Erfassungssystemen“ nicht vor.
Die Polizei in Hamburg benennt zwar einen dramatischen Zuwachs der Rennzahl von 117 im Jahr 2024 auf 186 im letzten Jahr. Weitere Details hat sie aber auch nicht, da „eine händische Einzelauswertung aller erfassten Fälle für eine journalistische Anfrage nicht leistbar ist“. Auch hier verweist der Sprecher darauf, dass verbotene Kfz-Rennen nicht Bestandteil der PKS sind.
Ähnlich ist es in Sachsen-Anhalt. Dort wurde nach Angaben einer Sprecherin des Innenministeriums „durch händische Sichtung der einzelnen Vorgänge, folglich in einem sehr aufwändigen Verfahren“ zwar ein spezielles Lagebild zu den verbotenen Rennen erstellt – aber nur für die Jahre 2020 bis 2022. Seither ist die Zahl der registrierten Straftaten zwar von 303 auf 468 im letzten Jahr um mehr als 50 Prozent gestiegen. Aber wie viele Unfälle dadurch verursacht, wie viele Menschen verletzt oder getötet wurden, bleibt unbekannt. Als Grund nennt die Sprecherin auch hier, dass eine „qualitätsgesicherte Statistik analog der polizeilichen Kriminalstatistik“ fehle.
Dass es auch anders geht, sieht man an Nordrhein-Westfalen. Christoph Wickhorst, der dortige Sprecher für Polizeiangelegenheiten beim Innenministerium brauchte nach der taz-Anfrage hingegen keine zwei Stunden, um detaillierte Zahlen aus dem größten Bundesland zu mailen. 2.384 illegale Rennen wurde dort 2025 registriert, 5 Prozent mehr als im Vorjahr, 17 Prozent mehr als 2021. Die Zahl der dadurch verursachten Unfälle sprang von 2021 bis 2025 gar um 72 Prozent auf 663.
NRW hat die Zahlen parat, weil man das Thema traditionell ernst nehme, schreibt Wickhorst. „Wir schöpfen alle rechtlichen Möglichkeiten aus.“ In den Großbehörden gebe es spezielle Teams der Verkehrsdirektion, die sich nur um das Thema kümmern.
Wo die Polizei genau hinschaut, werden Raser:innen ertappt
Ähnlich engagiert klingt die Antwort aus Hessen. „Geschwindigkeit ist eine der Hauptunfallursachen“, betont Adina Murrer, Sprecherin des dortigen Innenministeriums. Es gebe daher „derzeit rund 50 Beamtinnen und Beamte in sieben spezialisierten Kontrolleinheiten bzw. Kontrollgruppen“, schreibt Murrer, bevor sie die gefragten Zahlen nennt: ein Zuwachs von 155 Anzeigen wegen illegaler Rennen im Jahr 2020 auf 403 im vergangenen Jahr.
„Ein hoher Anteil der festgestellten Straftaten entstammt der damit einhergehende Spezialisierung sowie den zielgerichteten Kontrollen“, schreibt Murrer. Was zweierlei bedeutet: Wo die Polizei genau hinschaut, werden mehr Raser:innen ertappt. Das wiederum hat aber auch Auswirkungen auf die Statistik.
Genaueres ließe sich über die Zahl der tatsächlich durch Rennen verursachten Unfälle erschließen, weil die unabhängig von der Kontrollintensität registriert werden. Aber eine detaillierte Analyse der Unfallzahlen kann auch Hessen nicht liefern, „da der Aspekt des illegalen Kraftfahrzeugrennens in der statistischen Erfassung von Verkehrsunfällen nicht abgebildet wird.“
Dabei scheint ein genaueres Hinschauen angemessen. Elf Bundesländer konnten der taz die Zahl der Anzeigen wegen illegaler Rennen aus den Jahren 2024 und 2025 nennen: Sie stiegt dort von 6.075 auf 6.800 – ein Zuwachs um rund 12 Prozent. Allein in Nordrhein-Westfalen kamen dabei 19 Menschen ums Leben – so viel wie nie zuvor.
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