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Stockhausen-Werk „Gesang der Jünglinge“„Die Leute gingen mit Schirmen aufeinander los“

70 Jahre Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Werk „Gesang der Jünglinge“: Ein Besuch bei Josef Protschka, der als 12-Jähriger die Knabenstimme sang.

Der junge Stockhausen im Studio für Elektronische Musik des WDR in Köln, um 1960 Foto: akg-images

Von den Lautsprechern gab es noch ein paar mehr als die, die man auf dem Foto sieht.“ Anlässlich des 70. Jahrestags der Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Komposition „Gesang der Jünglinge“ besuche ich Josef Protschka. Der 82-jährige Tenor im Ruhestand hat als 12-Jähriger für dieses epochale Werk die Vokalstimme beigetragen. Wir betrachten das ikonografische Archivfoto, das den Beginn des Konzerts am Mittwoch, 30. Mai 1956, festgehalten hat: Blick von der Bühne in den vollbesetzten großen WDR-Sendesaal. Im Vordergrund die offenen Rückseiten selbstgebauter Lautsprecher. „Man sieht, dass das Interesse damals sehr groß war, weil es wirklich was ganz Neues war.“

Das versammelte Publikum in Erwartung. Programmhefte werden studiert. Wie war Josef Protschkas Perspektive darauf als Kind, wo saß er? „Ganz hinten. Unter der Empore. Ich war mit meinem Vater da.“

Angekündigt ist, im sperrigen Duktus der Zeit: „Elektronische Musik – Im Studio des Westdeutschen Rundfunks entstandene Werke – Uraufführungen“. Sieben neue hauseigene elektronische Werke von Gottfried Michael König, Hermann Heiß, Giselher Klebe, Bengt Hambraeus, Karlheinz Stockhausen, Herbert Eimert (Leiter des Studios) und Ernst Krenek werden in der Konzertreihe „Musik der Zeit“ vorgestellt. Im Parkett nicht wenige Musikkritiker deutscher Tageszeitungen. Das 1951 gegründete Studio für Elektronische Musik, zwei Räume mit Tonbandmaschinen und Radio-Messgeräten, die wie Instrumente Töne und Geräusche von sich geben können, soll sich beweisen. Am Ende des Abends erinnern sich die meisten vor allem an Stockhausens spektakulären „Gesang“.

Tumult im Saal

„Nachdem das Stück zu Ende war, erhob sich ein wahnsinniger Tumult im Saal. Die Leute sind mit Schirmen aufeinander losgegangen. Stockhausen wollte unbedingt, dass ich nach vorne gehe. Es war so eine aufgeladene Stimmung, dass ich gedacht habe, nee, also da geh ich jetzt nicht die ganze Treppe im großen Sendesaal runter.“

In der Musikliteratur wird der Aufruhr um Stockhausens elektronisch-seriell-konkretes Werk gern auf seine unerhört technologische Neuheit reduziert: die quadrophonisch durch den Saal wirbelnde Raummusik vom Vierspurtonbandgerät, elektronische Impulswolken und eine oft bewusst unverständliche Knabenstimme, die mal laut, mal leise, mal nah, mal fern, mal oben, mal unten, mal chorisch „Preiset den Herrn“ verkündet, für Sonne, Mond, Sterne, Schnee, Eis, Regen und Tau. Beim ersten und einmaligen Hören schwer zu differenzieren.

Josef Protschka wird 1944 in Prag geboren, wächst in Düsseldorf auf. „Meine Familie gehört zu den sogenannten Rucksackdeutschen, also den Deutschen, die damals quasi bei Nacht und Nebel geflohen sind. Mein Vater fing mit 48 Jahren hier noch einmal von Punkt null an.“ Der Vater, ursprünglich Wagnermeister, sattelte um auf Bankkaufmann, doch seine Leidenschaft ist das Violinspiel. Zu Hause werden Lieder verehrter Komponisten von Mozart bis Mendelssohn geübt. Der junge Josef singt solistisch als Knabensopran in Kirchen und manchmal für bunte Abende an der Düsseldorfer Oper. „Mein Vater hatte die Idee, mich beim WDR vorzustellen. Edmund Nick war damals der Chef der Klassikabteilung. Ich habe also die üblichen Lieder vorgesungen, die man als Knabe so singt, ‚Heideröslein‘, ‚Forelle‘ und so.“

Edmund Nick bedankt sich höflich, aber man habe hauseigene Vertragssänger. Ein Pförtner am Funkhauseingang macht Vater und Sohn trotzdem Hoffnung: „Als wir so ein bisschen frustriert und enttäuscht rausgegangen sind, hat der gesagt: Seid nich traurich. Da kütt noch was nach. Ich hab wat jehört. Wartet mal.“ Zwei Wochen später kommt Stockhausens Anfrage, ob man sich in Köln im Studio treffen könne: „Und das war von Anfang an menschlich auch sehr nett. Ich habe den sehr bewundert, mit welcher Professionalität der diese ganzen Dinge betrieben hat. Und dann sind wir zwei Jahre lang – manchmal jede Woche, manchmal nur zweimal im Monat – zu so einer Sitzung hingefahren.“

Akribisch erarbeiten Komponist und Interpret einen unbekümmert-engelsgleichen Ausdruck

Stockhausen bereitet für jede Session akribische Partituren und sekundengenaue Tonbänder mit atonalen Sinustonabfolgen vor, die Josef nachsingen soll. Passagen, Wörter, Silben des alttestamentlichen Psalmtexts „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“, ein Zusatz zu Buch Daniel, Kapitel 3, werden vom Komponisten nach den Parametern Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke, Klangfarben-Artikulation und sogar der Sprachverständlichkeit seriell gestaltet. Hinzu kommen die Lage im quadrophonischen Raum und die Länge der Pausen zwischen den Lauten.

Das Ideal des jungen Serialisten zu dieser Zeit ist die maximal gesteuerte Unterschiedlichkeit, die präzis geplante Einmaligkeit und Unterscheidbarkeit jedes Klangereignisses. Originaltonbänder der – heute würde wir sagen – Sample-Sessions haben sich erhalten. Man hört, wie konzentriert, aber spielerisch frei Komponist und Interpret daran arbeiten, die engelsgleiche Unbekümmertheit im Ausdruck zu finden. Es spiegelt und funkt zwischen den beiden. „Ich habe dann dreimal ‚Lobe den Herrn‘ und ähnliche Phrasen gesungen, in allen Tonhöhen und in allen Rhythmen, auch mit unterschiedlicher Textierung. Und dann waren die im Kasten und alles andere hat er für sich gemacht. Und ich war zutiefst zufrieden, weil ich mir von dem Geld, das ich damit verdient habe, mein erstes Klavier selber finanziert habe.“

Feuerofen als Metapher für Judenvernichtung

Hat Stockhausen mit seinem Sänger über das Unausgesprochene, das Mitgedachte, das Traumatische, die Komplexität im Titel – Menschen im Feuerofen – gesprochen? „Das hab ich schon verstanden. Er hat die Geschichte erklärt, was die Kernidee ist, dass im Grunde das Leben einen in Situationen bringt, wo einem nichts mehr bleibt als Gottes Hilfe. Das soll das Stück tragen. Daher die ganzen Lobpreisungen. Oder sagen wir es andersrum: Ich habe, glaube ich, dieses Bild von dem Feuerofen mit dem Hintergrund der Judenvernichtung sehr gut verstanden, da die Familie meiner Mutter von der Verfolgung durch die Nazis betroffen war. Und die Eltern erzählten mir von der Familiengeschichte. Also das war für mich nicht schwierig zu kapieren.“

Josef Protschka und Karlheinz Stockhausen, 2007 verstorben, sind sich in ihren Leben und Karrieren immer wieder begegnet. Wie ist Josef Protschkas Verhältnis zu „Gesang der Jünglinge“, das ihn nun seit 70 Jahren begleitet? „Ich kann nicht sagen, dass es mir wirklich gefallen hat, damals. Das erste Mal, dass ich mich damit richtig identifiziert habe, war die letzte Aufführung, zu der ich eingeladen war, hier im Kölner Dom 2013. Da hatte ich das Gefühl, dass das Stück dort angekommen ist, wo es hingehört.“

In zwei Jahren wird Stockhausens 100. Geburtstag begangen werden. Wie wäre es mit einer Wiederaufführung?

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