Wahl der Bundespräsidentin: First Ladys für Deutschland
Die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier soll weiblich sein. Nur: Deutschland braucht eine Präsidentin, die mehr ist als ein Kompromiss. Unsere Vorschläge.
S icher, die Vorstellung ist reizvoll: Friedrich Merz gelingt es, die mit ihm gut befreundete CSU-Politikerin Ilse Aigner als Kandidatin für die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu positionieren. Aigners Parteichef Markus Söder käme nicht umhin, der Kandidatur seinen Segen zu geben und so die eigenen Kanzlerambitionen zu begraben. Denn beide Ämter in CSU-Hand? Kaum denkbar.
Es wäre ein lustiger Schachzug des Kanzlers. Aber wäre er auch der viel gepriesenen Würde des Amtes angemessen? Die Kür der Bundespräsidentin als parteipolitisches Scharmützel? Und: Ilse Aigner? Als Bundespräsidentin? Echt jetzt? Die Frau macht als Präsidentin eines Regionalparlaments zwar einen ordentlichen Job, aber reicht das für das höchste Amt im Staat? Das präsidentielle Redenschwingen etwa ist gar nicht so ihres, und auch mit Berlin fremdelt sie, obwohl sie dort einmal Ministerin war.
Wer also soll ins Schloss Bellevue? Wobei das Schloss hier lediglich als Metapher dient. Denn tatsächlich wird Steinmeiers Nachfolgerin wegen Sanierungsarbeiten erst einmal in einen Interimsbau in Berlin-Moabit ziehen. Ein Umzug ins Schloss käme frühestens während ihrer zweiten Amtszeit in Frage – so es denn zu einer kommt.
Immerhin: Darüber, dass es endlich mal eine Frau werden soll, ist man sich weitgehend einig. Und ja, es sind noch andere Namen im Gespräch: die Christdemokratinnen Karin Prien, Monika Grütters, und Annegret Kramp-Karrenbauer zum Beispiel oder die Soziologin Jutta Allmendinger und die Managerin Janina Kugel. Auch Altkanzlerin Angela Merkel und die Autorin Juli Zeh fanden sich kurzzeitig in der Aufzählung. Es soll sogar Witzbolde geben, die Julia Klöckner, die Bundestagspräsidentin, die gern polarisiert und es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt, in dem Amt sehen wollen.
Zeit also für ein paar ernstgemeinte Vorschläge – jenseits des kleinsten gemeinsamen Nenners von Friedrich Merz und Bärbel Bas. Es ist schließlich nicht so, dass es in diesem Land keine geeigneten Kandidatinnen gäbe. Wir hätten da gleich 20 Ideen für die nächste Bundesversammlung:
Das Amt des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin braucht kein Geschlecht und schon gar keine veraltete Parteienidentität. Es braucht eine Person, die – anders als Frank-Walter Steinmeier – die gesellschaftliche und planetarische Lage intellektuell und rhetorisch umreißen und das möglichst vielen Leuten so näherbringen kann, dass es sie erreicht, bewegt und sich gesellschaftlich konstruktiv auswirkt. Maja Göpel, 49, aufgewachsen bei Bielefeld, verkörpert genau das. Die Politökonomin, Professorin und Bestsellerautorin denkt über Wohlstand, Wachstum, Freiheit und Emanzipation stets mit dem Ziel nach, die Emissionen schnellstmöglich auf Null zu bringen. Sie erklärt das Komplexe verständlich, macht es emotional greifbar und erreicht besonders junge Menschen, darunter viele Frauen. Als parteilose Bundespräsidentin stünde sie nicht nur für eine bessere Zukunft, sondern für eine neue Methode, wie man gemeinsam dahin kommt.
Marie-Luise „Malu“ Dreyer besitzt etwas, was der SPD sonst fehlt, nämlich die Fähigkeit Sympathie und Vertrauen bei den Menschen zu wecken. Die ehemalige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz überzeugt durch ihre herzliche Art. Im Land war sie lange die beliebteste Politikerin, selbst als ihre Partei im Bund immer unbeliebter wurde. Zweimal führte sie die SPD als Spitzenkandidatin zum Wahlsieg. 2024 legte sie nach elf Jahren ihr Amt nieder. Nicht die Partei oder die Wähler entzogen ihr den Rückhalt, sondern ihr Körper. Schon 1995 wurde bei der heute 65-Jährigen Multiple Sklerose diagnostiziert, weshalb sie in den vergangenen Jahren auch öffentliche Auftritte immer mal wieder im Rollstuhl absolvierte. Eine Bundespräsidentin mit Behinderung wäre eine, die den Gedanken der Inklusion schon in ihrer Person vereinigt – besonders, wenn sie eine so verbindende Persönlichkeit wie Dreyer ist.
Wenn eine gute Bundespräsidentin etwas können muss, dann dies: der Gesellschaft als moralischer Kompass dienen. Sich einmischen, öffentlich sprechen – an Weihnachten und immer dann, wenn es knallt oder zu knallen droht. Und zwar so, dass die Leute auch zuhören. Verständliche Kommunikation ist dafür gefragt und eine unerschütterliche Haltung, die Orientierung gibt. Beides hat und kann Düzen Tekkal wie nur wenige sonst. Über zehn Jahre schon beweist die Tochter jesidischer Kurden das eindrucksvoll. Trotz Morddrohungen und Hasskommentaren kämpft sie unermüdlich für Verfolgte und Unterdrückte – als Aktivistin, Journalistin, Buchautorin. Die Stimme der 47-Jährigen dabei stets klar, zugewandt, pointiert, überparteilich. Die Weihnachtsansprache 2027 von ihr? Das hätte was!
Warum sollen nur in der Ukraine oder den USA ehemalige Schauspieler an die Staatsspitze gewählt werden? Deutschland kann das auch, und Iris Berben wäre dafür die Konsenskandidatin der Herzen. Die 75-Jährige aus Detmold gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Schauspielerinnen des Landes. Ihren Durchbruch hatte sie in den Achtzigern mit der Comedyreihe „Sketchup“. Präsidentin war sie auch schon, nämlich der Deutschen Filmakademie. Sie steht der SPD nahe, engagiert sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus und fühlt sich Israel tief verbunden. Bereits 2002 ehrte sie der Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem Leo-Baeck-Preis. Die gesellschaftliche Mitte wäre geschmeichelt, von ihr repräsentiert zu werden, denn sie steht für deutsche Staatsräson mit freundlichem Antlitz.
Gut, in Zeiten wie diesen mutet es originell an, eine FDP-Frau für ein Amt zu empfehlen. Aber bitte, wir reden hier nicht von irgendjemandem, sondern von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, einer der letzten Liberalen ihrer Partei. Die 74-jährige Wahlbayerin ist eine, die für Recht und Freiheit kämpft, und damit sollte sie doch aufrechten Konservativen ebenso vermittelbar sein wie Sozialdemokraten. Sie kennt das politische Geschäft, war schon Ministerin, Antisemitismusbeauftragte, Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes. Sie engagiert sich in zahlreichen gemeinnützigen Organisationen. Und trotz ihrer Parteizugehörigkeit ist sie beim Volk beliebt. Wohl nicht zuletzt wegen ihrer Geradlinigkeit: Als sie 1996 den Großen Lauschangriff der letzten Kohl-Regierung nicht mittragen wollte, trat sie als Justizministerin zurück.
Dass Naika Foroutan mit ihrer Forschung gezeigt hat, wie sehr sich migrantische und ostdeutsche Erfahrungen ähneln, hat viele deutsche Gehirne kribbeln lassen. Foroutan leitet das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung und lehrt als eine der profiliertesten Wissenschaftlerinnen Deutschlands an der Berliner Humboldt-Uni. Geboren 1971 in Boppard am Mittelrhein als Kind einer Deutschen und eines Iraners, verkörpert Foroutan eine Generation, die Deutschland nicht als starres Gebilde, sondern als dynamischen, postmigrantischen Aushandlungsraum versteht. Sie verbindet akademische Schärfe mit Engagement. Foroutan wäre eine Bundespräsidentin, die humorvoll und einnehmend sprechen, aber auch zuhören kann, die klare Kante zeigt, ohne zu polarisieren, und Konflikte nicht glättet, sondern produktiv macht.
Dass jüdisches Leben in Deutschland wieder ein wenig sichtbarer ist, ist nicht zuletzt auch ihr Verdienst. Rachel Salamander gehört zu den wichtigsten jüdischen Stimmen des Landes. 1949 als Tochter von Holocaust-Überlebenden geboren, wuchs sie zunächst in einem Displaced-Persons-Camp bei München auf und lernte das Leben in all seinen Facetten kennen – und das Land. Integration, sagt sie, sei ein hartes Geschäft. „Ziemlich knallhart für beide Seiten.“ Mit ihrer Literaturhandlung gründete sie 1982 in München die erste jüdische Buchhandlung der Bundesrepublik – ein Ort der Begegnung, an dem weit mehr als Literatur verhandelt wird. Für Noch-Präsident Steinmeier ist sie „eine der bedeutendsten Ermöglicherinnen des deutschen Geisteslebens der letzten Jahrzehnte“. Zuletzt ermöglichte sie in München die Wiederherstellung der Synagoge an der Reichenbachstraße.
Andrea Nahles, 55, fliegen die Herzen nicht zu. Die katholische Sozialdemokratin aus der Eifel wirkte als Politikerin kantig, polternd, eigenwillig. Eigenschaften, die Männern schnell verziehen werden, Frauen nicht. Die im öffentlichen Gedächtnis abrufbaren Nahles-Bilder zeigen die kämpferische Jusochefin, die umstrittene SPD-Vorsitzende und Fraktionschefin, aber auch die sachkundige Arbeitsministerin. Seit ihrem halb erzwungenen Rückzug 2019 ist es still um sie geworden. Das ist kein Nachteil. Sie ist das Gegenteil von Sigmar Gabriel, der als SPD-Chef scheiterte und seitdem seinen Nachfolgern erzählt, was sie falsch machen. Nahles tut das nicht. Das politische Abklingbecken hat ihr gut getan. Seit 2022 ist sie Chefin der Bundesagentur für Arbeit. Ihre öffentliche Zurückhaltung zeugt von Klugheit und moralischer Integrität. Altmodische Tugenden, die unserer überhitzten politischen Kultur gut tun würden. Als Bundespräsidentin würde Nahles keine Herzen erobern. Aber sie könnte Köpfe bewegen.
Schon einmal schlossen sich CDU, SPD und Grüne zusammen, um Susanne Baer zu wählen. FDP und Linke machten auch mit. Das war 2010, der Wahlausschuss des Bundestags entschied, Baer zur Bundesverfassungsrichterin zu berufen. Baer, 1964 in Saarbrücken geboren, wurde die erste offen lesbische Verfassungsrichterin Deutschlands. Jura und Geschlechterstudien zusammenzudenken war zu ihrer Studienzeit neu. Für ihre Doktorarbeit zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz fand sich im ersten Anlauf kein Betreuer. Baer sorgte dann mit dafür, dass sich feministische Rechtswissenschaft etablierte. Dank ihres Talents für Klarheit und Fairness bekam sie auch von Konservativen Applaus. Sie machte klar, worum es ihr im Kern geht: um Gerechtigkeit. Für alle. Eine Forderung, wie man sie sich kaum treffender für die Weihnachtsansprache der Bundespräsidentin wünschen könnte.
Terézia Mora muss Bundespräsidentin werden. Leider, denn das Amt dürfte der ausgezeichneten Autorin (unter anderem Bachmann-, Buch- und Büchner-Preis) die Zeit zum Schreiben rauben. Warum Mora? Wer ihr umwerfendes Erzählwerk und ihre diskursiven Arbeiten kennt – toll auch ihre zwei Kapitel im ARD-Hörspiel übers Grundgesetz – merkt: die Frau ist klug, leise witzig und politisch ungebunden; überparteilich, nicht unparteiisch! Mora ist 1971 in Ungarn geboren, als Angehörige einer unbeliebten Minderheit aufgewachsen und weiß, was es heißt, Erstsprache und Heimatland hinter sich zu lassen. Unschätzbare Erfahrungen für ihre Präsidentschaft! Die würde zur rechten Zeit wie ein Echo auf die ruhmreiche Reihe der Dichterpräsidenten Árpád Göncz, Lennart Meri und Václav Havel wirken, die einst den demokratischen Aufbruch Osteuropas geprägt hatte.
Bunter, fröhlicher und schriller würde es im Schloss Bellevue zugehen, wenn Claudia Roth dort einziehen würde. Repräsentieren kann die 70-Jährige vorzüglich, das hat sie in ihrer Zeit als Bundestagsvizepräsidentin und Kulturstaatsministerin bewiesen. Sie steht für ein offenes, ein sympathisches Deutschland. Und wer hat schon so eine politische Spannweite: Der Globale Süden ist ihr ebenso wichtig wie das kleine Theater in der Provinz und die Bäckereifachverkäuferin in Berlin-Moabit. Mit Konservativen kann die Schwäbin nicht nur dann gut, wenn es unbedingt sein muss, wie ihre Freundschaft mit CSU-Mann Günther Beckstein zeigt. Die AfD und Antifemistist:innen jeder Colour hassen Claudia Roth, weil sie ein Frauenbild verkörpert, das ihnen zuwider ist: klug, (selbst)bestimmt und gerne laut lachend. Auch das spricht für sie.
Erste Frau an der Spitze ist Christiane Benner schon: erste Frau an der Spitze der größten demokratischen Gewerkschaft der Welt, der IG Metall. Die Südhessin wurde zunächst zur Fremdsprachensekretärin ausgebildet, studierte dann Soziologie und hat sich anschließend seit 1998 in der IG Metall hochgearbeitet. Obwohl die 58-Jährige als SPD-Mitglied und Gewerkschafterin nicht durch CDU-nahe Positionen auffällt, gilt sie als arbeitgeberfreundlicher als viele ihrer Parteikolleg:innen. Als Aufsichtsrätin bei BMW und VW versteht sie es, zwischen Arbeiter:innen und den einflussreichen Autobossen zu vermitteln, die der Union nahestehen. Und wenn es um Zweckoptimismus geht, klingt Benner fast wie Kanzler Friedrich Merz: „Erst einmal sollten wir die Zuversicht behalten, dass wir es in Deutschland schaffen“, sagte sie kürzlich der FAZ.
„Konservativ, liberal, sozial“: So beschreibt sich Serap Güler, derzeit Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Als erste Bundespräsidentin wäre die 1980 in Marl im nördlichen Ruhrgebiet geborene Tochter türkischer Arbeitsmigrant:innen eine Idealbesetzung: Niemand verkörpert den Aufstieg durch Bildung besser als die gelernte Hotelfachfrau und studierte Kommunikationswissenschaftlerin. Ihr Vater arbeitete fast 40 Jahre als Bergmann, ihre Mutter als Putzfrau. Seit 2010 deutsche Staatsbürgerin, saß Güler im NRW-Landtag und war Staatssekretärin für Integration. Den Sprung in den Bundestag schaffte die Muslimin 2021. Wählbar auch für SPD und Grüne, könnte die Kölnerin Symbol einer weltoffenen Republik werden, die allen die Chance gibt, bis ins höchste Staatsamt aufzusteigen – auch den 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.
Warum nicht jemand aus dem Sport? Und es ist ja längst nicht nur der Sport! Die ehemalige Biathletin und Skilangläuferin Verena Bentele wurde zwar durch ihre Siege bei den Paralympics und ihre Weltmeistertitel berühmt, als Chefin des Sozialverbandes VdK brächte sie aber auch Präsidentinnenerfahrung mit ins Schloss Bellevue. Ohnehin ist der 44-jährigen Wahlmünchnerin das politische Berlin nicht fremd: Bentele, die seit Geburt blind ist, war auch schon Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Und mit dem VdK macht sie sich für die Schwächsten der Gesellschaft stark: Kinder, Arme, Pflegebedürftige. „Wer nicht daran glaubt, dass er gewinnen kann, hat schon verloren“, ist ihre Devise. Was sie sich vornimmt, zieht sie durch – selbst die Besteigung des Kilimandscharo. Der Einzug ins Schloss sollte zu den leichteren Übungen zählen.
Ihr Name fällt vor Bundesversammlungen immer wieder: Katrin Göring-Eckardt von den Grünen. Die 59-jährige Reala ist eine feste politische Größe in Berlin und eine Brückenbauerin. Die 1966 geborene Thüringerin war 1989 Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs in der DDR. Nach ihrer Beteiligung an der Fusion zur Bundespartei Bündnis 90/Die Grünen gehört Göring-Eckhardt seit 1998 dem Deutschen Bundestag an. Obwohl sie nie Teil einer Regierung war, wählte man sie zweimal zur Bundestagsvizepräsidentin – ein Beleg für ihren überparteilichen, präsidentiellen Stil. Ihr Glaube und ihr langjähriges Engagement in der Evangelischen Kirche machen sie zudem für das bürgerliche Lager weit über die Grenzen der Grünen hinaus zur geeigneten Kandidatin.
Lieber soziales Engagement als soziale Medien – nach diesem Motto lebt Anke Engelke. Allein das qualifiziert sie schon zur Bundespräsidentin. Angeblich hat sie noch nicht einmal ein Smartphone. Dafür hat die 60-jährige Kölnerin umso mehr Humor. Und ein Herz für Randgruppen, etwa die Deutsche Bahn. In einer Miniserie wirbt die Schauspielerin für Verständnis mit deren Mitarbeitern. Ach, und dann war da noch die Sache mit dem Eurovision Song Contest 2012 in Baku. Als sie die Wertung der Deutschen vortragen sollte, flocht sie elegant eine politische Botschaft mit ein: „Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet dich.“ Twelve points go to Anke Engelke.
Katarina Barley ist Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, hat also bereits ein Amt inne, in dem sie eher überparteilich auftritt. Zudem hat sie sich im EU-Parlament früh als scharfe Kritikerin am System Viktor Orbán hervorgewagt, die Geschichte hat ihr nun recht gegeben. Das spricht für die aus Köln stammende Tochter einer Deutschen und eines Briten. Trotz ihrer mitunter blassen Ausstrahlung galt die SPD-Politikerin jahrelang als Frau, der man und die sich selbst jeden Posten zutraute. So durchlief die heute 57-Jährige in rascher Folge die Ämter der SPD-Generalsekretärin, Familienministerin, Arbeitsministerin und Justizministerin.
Ich habe einen Traum: Mit Bundespräsidentin Güner Yasemin Balci durch Berlin-Neukölln zu laufen. Sie zeigt mir ihr altes Rollbergviertel, in dem sie als 1975 geborenes Kind türkisch-alevitischer Einwanderer groß wurde. Wir schlendern am MaDonna Mädchentreff vorbei. In der Autobiografie „Heimatland“ erzählt die Publizistin, wie bedeutsam solche Orte für sie und andere Mädchen waren. Als Integrationsbeauftragte von Neukölln kämpfte sie für die Sichtbarkeit von Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum. Einst angefeindet von völkischen Deutschen geriet die laizistische Feministin zunehmend ins Visier von Islamisten, auch von autoritären Linken. Sie zeigt mir das Krankenhaus, in dem ihre Mutter zur stolzen Reinigungskraft wurde: Integration und Emanzipation durch Lohnarbeit (ohne Outsourcing!). Balci verkörpert den Traum eines vielfältigen, liberal-demokratischen und sozialen Deutschlands.
Eines Sonntags kam der Bundespräsident Joachim Gauck in die Frankfurter Paulskirche, um Carolin Emcke zu applaudieren. Die Publizistin bekam damals, 2016, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im Publikum saß auch Jürgen Habermas, bei dem Emcke ihre Abschlussarbeit geschrieben hatte. Nach Habermas’ Tod fragten die Feuilletons, ob es ihn nun noch gibt in Deutschland: den öffentlichen Intellektuellen? Die Antwort: Es gibt sie. Emcke, heute 58, war Kriegsreporterin, lehrte in Yale, schrieb Bücher. Durch ihre Texte zieht sich die Verteidigung von voraussetzungslosen Menschenrechten und die Anstiftung zum Perspektivwechsel. Welt-Chef Ulf Poschardt nannte Emcke abfällig „Darling der Anständigen“. Aber vielleicht können sich CDU, SPD und Grüne darauf einigen, dass sie alle zu den Anständigen gehören. Und dass Deutschland eine anständige Präsidentin braucht.
Kein wichtiges Amt sollte besetzt werden, ohne nicht auch ihn dafür zumindest in Betracht zu ziehen, denn es fällt schwer anzunehmen, dass er es nicht besser könnte als die anderen: Markus Söder, derzeit noch Ministerpräsident in München. Aber was ist mit dem Geschlecht, werden Sie nun einwenden, der Mann ist doch ein Mann! Papperlapapp. Kennen Sie einen anpassungsfähigeren Politiker als Söder? Eben. Die eigentliche Frage, die er sich (wie auch die Kandidatinnen Göpel und Göring-Eckardt) stellen muss, ist eine ganz andere: Ist Deutschland schon bereit für eine Bundespräsidentin mit Ö im Namen?
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