Indiens Energieversorgung im Stresstest: Kohle für kühle Wohnungen
In Indien steigen die Temperaturen schon jetzt auf 40 Grad, wegen des Irankriegs fehlen Öl und Gas. Um die Energielücke zu schließen, muss das Land weiter auf Kohle setzen.
Die Blockade der Straße von Hormus trifft Länder wie Indien hart. Die Versorgung mit Gas, Öl und Dünger wird knapp und so die Sicherung der Stromversorgung im heißen Sommer zur Herausforderung. Temperaturen steigen bereits teils über 40 Grad, der Kühlbedarf wächst.
Dass Klimaanlagen seit September nicht mehr dem Luxussteuersatz unterliegen, hilft nur bedingt: Den Betrieb muss man sich leisten können, und die Stromversorgung muss gewährleistet sein.
Weiterhin erzeugt Indien rund 79 Prozent seiner inländischen Energie aus Kohle. Dennoch war es überraschend, dass Anfang des Monats das drittgrößte Kohlekraftwerk Mundra wieder in Betrieb genommen wurde. Die Anlage, die einst 16 Millionen Haushalte mit Strom versorgte, stand zuvor still. Für den Betreiber Tata Power rechnete sich der Betrieb wegen hoher Importkohlepreise und niedriger Stromtarife nicht mehr. Doch wenn Gas knapp oder teuer wird, soll Kohle die Lücke schließen.
Die Wiederinbetriebnahme ist Teil eines Regierungspakets zur Stabilisierung der Versorgung. Gleichzeitig treibt Indien den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Wartungen werden nun verschoben, zusätzliche Kapazitäten bei Wasser- und Wärmekraft aktiviert.
Indien baut mehr erneuerbare als fossile Kraftwerke
„Indien steht vor einer dreifachen Belastungsprobe: Wirtschaftswachstum, Energiesicherheit und Dekarbonisierung bis hin zu Netto-Null-Emissionen“, sagt Ulka Kelkar vom Klimaprogramm des Thinktanks World Resources Institute in Indien. Das Land verfüge nur über begrenzte heimische Öl- und Gasvorkommen. Besonders Haushalte, kleine Unternehmen und Landwirte litten unter Engpässen bei Kochgas und Düngemitteln.
Kelkar warnt vor zusätzlichem Druck durch Hitze und einem möglichen schwachen Monsun infolge des El-Niño-Phänomens, der die Stromerzeugung aus Wasser- und Windkraft dämpfen könnte. Die Regierung hält zwar Benzinpreise stabil, doch Gas wird teurer. „Haushalte mit geringem Einkommen müssen vor höheren Energiekosten und Hitzestress geschützt werden“, sagt sie. Eine Entspannung ist bislang nicht in Sicht.
Unterdessen hat Indien sich das Ziel gesetzt, bis 2030 500 Gigawatt nicht-fossile Stromerzeugungskapazität zu erreichen. „Indien setzt sowohl kurzfristig als auch langfristig auf erneuerbare Energien“, sagt Kelkar der taz.
2025 schuf Indien mehr Kapazitäten für erneuerbare als für fossile Energien und verdoppelte die Solarstromkapazitäten. „Die zentrale Elektrizitätsbehörde plant, den Anteil fossiler Stromerzeugung in zehn Jahren von 75 auf 50 Prozent zu senken“, erklärt sie.
Ein Bericht des Regierungsthinktanks NITI Aayog geht davon aus, dass der Anteil erneuerbarer Energien bis 2070 von 20 auf 80 Prozent steigen könnte. Doch dafür sind massive Investitionen in Netze, Speicher und günstige Finanzierung nötig, sagt Kelkar.
Indien steckt in einem strukturellen Dilemma
Parallel setzt Indien auf Kernenergie. Anfang April erreichte der Brutreaktor in Kalpakkam erstmals Kritikalität, eine Voraussetzung für spätere Stromproduktion. Premierminister Narendra Modi sprach von einem „entscheidenden Schritt in der zivilen Nuklearentwicklung“. Indien produziert bereits rund drei Prozent seines Strommixes mit Kernenergie. Der neue Reaktor soll künftig zusätzlichen Brennstoff erzeugen und die Kernenergie unabhängiger machen.
Doch kurzfristig bleibt Kohle oben auf der Agenda, um die steigende Nachfrage zu decken. Langfristig könnten erneuerbare Energien und Kernkraft an Bedeutung gewinnen. Die Ökonomin Nandini Das von Climate Analytics sieht im aktuellen Trend, Kohle als „Stoßdämpfer“ zu nutzen, ein strukturelles Dilemma. Fossile Energien dominierten weiterhin – und machten das Land anfällig. „Nicht erneuerbare Energien sind die Quelle der Verwundbarkeit Indiens, sondern die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen“, sagt Das.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert