Buckelwal Timmy: Die wirklich wichtigen Fragen und Antworten zum Wal
Krieg, Katastrophen, Königshäuser – alles egal. Deutschland bangt um einen Wal. Was Sie schon immer nicht wissen wollten über Timmy. Das taz-Rechercheteam hilft.
Inhaltsverzeichnis
- Wieso gibt es wieder Hoffnung für den Wal?
- Was hat Mediamarkt damit zu tun?
- Geht jetzt der Trend zum Zweitwal?
- Was wollen Rechtsextreme vom Wal?
- Warum sind wir alle so angefasst?
- Wieso heißt der Wal eigentlich Timmy?
- Aber war Timmy nicht ein Hund?
- Woher wissen wir, dass Timmy männlich ist?
- Stimmt es, dass Timmy tatsächlich in Biodiesel verwandelt werden sollte?
- Könnte man den Wal nicht einfach aufessen?
- Waren Buckelwale nicht mal berühmte Sänger?
- Gibt’s wirklich nichts Wichtigeres als den Wal?
Wieso gibt es wieder Hoffnung für den Wal?
Für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal soll der neue Rettungsversuch am Donnerstag beginnen. Umgesetzt werden soll das Konzept von einer privaten Initiative, die für die Aktion laut Umweltministerium die Verantwortung trägt. Nach Angaben von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus („Bomber-Backhaus“, SPD) ist geplant, heute Luftkissen unter das Tier zu bringen und es schonend anzuheben. Dazu soll Schlick unter ihm weggespült werden. Der Wal soll dann auf einer Plane zwischen zwei Pontons gelagert und transportiert werden.
Was hat Mediamarkt damit zu tun?
Hinter dem Konzept für die Rettungsaktion stehen der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert, die irgendwie aus dem Pferdesport bekannt ist (wird berichtet). Ohne die Aktion werde der Wal in jedem Fall sterben, hatte Walter Gunz der Deutschen Presse-Agentur gesagt. „Wenn man was versucht, dann hat man zumindest die Chance, dass man ihn rettet.“
Geht jetzt der Trend zum Zweitwal?
Ein Wal bleibt selten allein. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. In der Ostsee schwimmt jetzt auch noch ein Belugawal rum. Die Bild hat ihn zuerst gesehen. Beziehungsweise als Erste von der ansonsten eher stiefmütterlich beachteten Online-Zeitung Der Nordschleswiger abgeschrieben. Das ist ein deutschsprachiges Medium aus Dänemark. Ist also nah am Wasser gebaut. Die kennen sich aus mit allem, was in der Ostsee kreucht und fleucht.
Was wollen Rechtsextreme vom Wal?
Sie instrumentalisieren das arme Tierchen. Rechte spielen sich immer wieder als Tierschützer auf. In Wirklichkeit sind sie das nicht, ihr politisches Programm ist klimaschädlich und somit höchst gefährlich für Umwelt und Tiere. Aber die vermeintliche Tierliebe erfüllt für die Rechten eine propagandistische Funktion: Tiere wecken bei vielen Menschen starke Emotionen, das Thema eignet sich, um bei „normalen Bürgern“ Sympathie zu wecken, die mit klassischen rechten Themen nicht zu begeistern sind.
Sich als tierlieb darzustellen, ermöglicht Rechtsextremen, von ihren menschenfeindlichen Positionen abzulenken. Zudem ist Sozialdarwinismus ein Kernelement rechter Ideologie. Ein anderes Beispiel für ein prominentes Tier, das Rechte bis aufs Blut verteidigten, war der Kampfhund „Chico“, der 2018 den Hundehalter und seine Mutter totbiss.
Warum sind wir alle so angefasst?
Das wüsste die taz auch gern. Jüngst nutzte ein Autor für den Buckelwal das Synonym „Ungetüm“. Da war was los. Instagram-User:in „sassimottimaus“ etwa zeigte sich „entsetzt“ über diese Form der Berichterstattung, denn: „es handelt sich NICHT um ein ‚Ungetüm‘, sondern um ein hochintelligentes Meereslebewesen.“ Eine „förmliche Beschwerde per E-Mail-Mail“ gab es dazu. Und die Aufforderung zur sofortigen Richtigstellung. Rüge des Presserats nichts dagegen. Also, bitte schön: „Es handelt sich NICHT um ein ‚Ungetüm‘, sondern um ein hochintelligentes Meereslebewesen.“ Gern geschehen.
Wieso heißt der Wal eigentlich Timmy?
Der Wal ist erstmals vor der Gemeinde Timmendorfer Strand gestrandet. Da lag der Name so nah wie das Ufer. Und merke: In Deutschland gilt die Regel: „Kein Tier ist namenlos!“ Sonst könnte sich der Boulevard nicht so drankuscheln.
Aber war Timmy nicht ein Hund?
Stimmt. Jeder, der seit frühester Jugend mit Kinderhörspielen oder Kinderfernsehserien gefüttert wurde, kriegt – dem Wal sei Dank – das Ende dieser Titelmelodie nicht mehr aus dem Kopf: „Und Tihimmy dääär Huuund!“ Wo kam das noch mal her? TKKG? Nein, deren Hund hieß Oskar. Aber war da nicht trotzdem irgendwas? Sicher, es kommt noch schlimmer: „Fünf Freunde“, die britische TV-Kinderserie aus den 1970ern. Was dagegen helfen könnte? Vielleicht ein noch penetranterer Name für den Zweitwal (siehe oben).
Woher wissen wir, dass Timmy männlich ist?
Seine Geschlechtsorgane hält Timmy bedeckt – auch wenn er sich derzeit an einem ostdeutschen Strand aufhält. Also weiß man es gar nicht so genau. Und taz-Leser:innen wissen auch: Jemanden nur aufgrund von primären Geschlechtsmerkmalen in das binäre Geschlechtersystem einzuordnen, machen nur Rechte (und zu Rechten: siehe oben).
Expert:innen schließen aufgrund des Verhaltens und der Größe des Wals auf einen männlich gelesenen Zeitgenossen. Nun gut, da ist durchaus etwas dran: So draufgängerischrisikoreich-dumm hätte sich eine Frau nicht verhalten. Und außerdem schon früh gemerkt, dass etwas ihrer Haut nicht guttut und sie ein anderes Wasser braucht.
Stimmt es, dass Timmy tatsächlich in Biodiesel verwandelt werden sollte?
Tatsächlich gab es schon sehr konkrete Pläne dafür. Das in Mecklenburg-Vorpommern zuständige Tierkörperbeseitigungsunternehmen SecAnim wollte Timmy nach seinem Ableben fachgerecht entsorgen. Die Endprodukte fänden dann „als CO₂-neutraler Brennstoff Verwendung in Kraftwerken sowie der Zementindustrie“ oder „werden zu hochwertigem und umweltfreundlichem Biodiesel weiterverarbeitet“, sagte ein Firmensprecher zu t-online. Total öko also.
Könnte man den Wal nicht einfach aufessen?
Theoretisch ja. Walfleisch soll ähnlich wie Rind schmecken. Praktisch kommt Timmy aber nicht auf den Tisch. Denn in der Europäischen Union ist die Einfuhr und Vermarktung von Walfleisch nach der EU-Verordnung (EG) 338/97 verboten. Die Behörden in Deutschland könnten gemäß den Bestimmungen des Bundesnaturschutzgesetzes Ladungen beschlagnahmen, die gegen die europäische Richtlinie verstoßen. Bleibt also nur Biodiesel – es sei denn, Timmy kommt doch vom Fleck.
Waren Buckelwale nicht mal berühmte Sänger?
Ja. Jeder echte Altöko hat irgendwo ganz hinten im Plattenschrank noch die LP mit Walgesängen aus dem Greenpeace-Shop. Das musste man haben in den 1980ern. Zur Entspannung. Und für das persönliche Ökogleichgewicht. Damit fühlte man sich dem gejagten Tier ganz verbunden. Fast so wie heute mit Timmy. Wahrscheinlich wurzelt die Walliebe der Deutschen in dieser Zeit. Vielleicht gibt es die Platte bald wieder bei Mediamarkt.
Gibt’s wirklich nichts Wichtigeres als den Wal?
Mag sein, aber es nützt nichts: Seit über 100 Jahren gibt es schlaue Bücher und kiloweise Theorie zum Thema Nachrichtenwert, aber sie scheitern alle an einem gestrandeten Riesensäuger. Journalistenschüler*innen können wohl nur noch müde lächeln, wenn man ihnen die alte Leier vorspielt: „Hund beißt Mann“ ist keine Meldung, „Mann beißt Hund“ hingegen schon.
Dass diese eher ulkig gemeinte Faustregel mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit beinhaltet, ist dieser Tage glasklar ersichtlich, auch für Nichtjournalist*innen. Klimakrise, Krieg, Faschismus – das alles hat Nachrichten-, aber kaum Neuigkeitswert. Ein Buckelwal in der Ostsee hingegen wühlt Redaktionskonferenzen auf, provoziert Leser*innenbriefe, vor allem aber klickt es stark, wochenlang. Was wohl erst los ist, wenn nicht mehr die Wale stranden, sondern die Strände wählen?
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